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Redaktion | 8. Oktober 2009

Die Aufgabe Öffentlichkeit

poettker_web1In einer Diskussion über die Bedeutung von Medien für die Integration von Migranten begann sich die Ansicht durchzusetzen, noch schlimmer, als Minderheiten gar nicht zu thematisieren, sei es, wenn über sie negative Stereotypen verbreitet würden – etwa das Vorurteil, Einwanderer neigten besonders zur Kriminalität. Widerspruch kam bezeichnenderweise von Teilnehmern der Diskussion, die als Journalisten oder deren Ausbilder arbeiten. Die Gegenansicht, Vernachlässigung von Themen in der Öffentlichkeit sei problematischer als verzerrtes Thematisieren, begründete Kenneth Starck, Nestor der akademischen Journalistenausbildung in den USA, mit einem Vergleich: Das sei so ähnlich wie mit der Liebe, deren Gegensatz auch nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit sei.

Gestatten Sie mir eine andere Begründung, die auf Ähnliches hinausläuft, dabei aber auf Besonderheiten des Journalistenberufs blickt. In den angelsächsischen Ländern ist Journalistenausbildung an Universitäten weiter verbreitet als in Deutschland und erfreut sich hoher kultureller Wertschätzung, auch in den Medien selbst. Klassischerweise beginnt diese Ausbildung dort mit der Frage: „What is journalism for?“ Wozu ist der Journalismus da, wofür brauchen moderne Gesellschaften diesen Beruf als eine typische „Spezialisierung und Kombination von Leistungen einer Person […], welche für sie Grundlage einer kontinuierlichen Versorgungs- oder Erwerbschance ist“? (Max Weber) Wenn Journalisten eine berufliche Aufgabe haben (hätten sie sie nicht, brauchten wir uns über die Qualität ihrer Arbeit, über ihre Ausbildung oder über ihre Arbeitsbedingungen keine Gedanken zu machen), dann besteht sie offenbar darin, alles Aktuelle, heute Wichtige öffentlich zu machen, damit die Individuen an den Errungenschaften ihrer Kultur teilhaben und die Gesellschaft sich selbst regulieren kann.

Auf diese Aufgabe wird bereits durch die Berufsbezeichnung „Journalist(in)“ hingewiesen, in der das französische Wort „le jour“ steckt, der Tag. Journalisten bringen an den Tag, was nicht verborgen bleiben darf, damit Menschen über die Welt, in der sie leben, Bescheid wissen und mit ihr zurechtkommen können. Dieser Öffentlichkeitsaufgabe des Journalismus liegt die auf Erfahrung und Vernunft beruhende Überzeugung zugrunde, dass Menschen ohne ein Optimum an Transparenz der tatsächlichen Verhältnisse auf die Dauer eben nicht mit der Welt, in der sie leben, zurechtkommen (können), jedenfalls nicht in Anbetracht der gegebenen Möglichkeiten, und das heißt: nicht in Würde. Ein Beispiel ist der Zusammenbruch der realsozialistischen Gesellschaften in Osteuropa, die auch an zu wenig Öffentlichkeit gescheitert sind. Die Journalisten der DDR haben selten falsch berichtet, aber sie haben noch seltener über die Schattenseiten des eigenen Systems und über die Vorzüge der kapitalistischen Konkurrenten berichtet. Deshalb hat ihnen das Publikum nicht vertraut.

So betrachtet ist das Vernachlässigen von Themen, das Verschweigen von Problemen ein stärkerer Verstoß gegen die professionelle Grundpflicht des Journalistenberufs als das unrichtige Darstellen von Realitäten. Unrichtigkeiten fordern, wenn sie am Tage liegen, zum Widerspruch heraus und können durch Debatten korrigiert werden. Was nicht öffentlich geworden ist, bleibt dem gesellschaftlichen Diskurs vorenthalten und ist solchen Korrekturmöglichkeiten entzogen. Auf dem Gebiet der öffentlichen Information bringt das Verschweigen und Vernachlässigen sich selbst hervor (vgl. den Artikel „Eine andere Schweigespirale„). Freilich: Journalisten können nicht alles thematisieren, sie müssen entscheiden, was für das Publikum wichtig ist und was nicht. Denn anders als der mediale Raum, den der digitale Umbruch fast ins Unendliche erweitert hat, ist die Aufmerksamkeits- und Aufnahmekapazität des Publikums begrenzt und wird auch begrenzt bleiben, da sie von der menschlichen Natur abhängt.

Was wichtig ist, kann im Grunde nur das Publikum selbst entscheiden, wenn es über alles informiert wäre, das sich öffentlich machen ließe. Deshalb entbindet die Einsicht, dass vollständiges Berichten praktisch unmöglich ist, beileibe nicht von der prinzipiellen Grundpflicht zum Publizieren. Das heißt unter anderem: Alles Nicht-Berichtete sollte bei Journalisten wenigstens ein schlechtes Gewissen hinterlassen. Im Alltag freilich müssen Journalisten auswählen und sind – nicht zuletzt wegen ihrer Öffentlichkeitsaufgabe – zur Anwendung von Selektionskriterien verpflichtet, mit denen sich die Informationsinteressen des Publikums antizipieren lassen. In einem Journalismus, dem es ausschließlich um Auflagen, Einschaltquoten und Klickzahlen geht, sind diese Nachrichtenfaktoren vorwiegend an primitiven und deshalb besonders stabilen Komponenten der menschlichen Natur („sex and crime”) orientiert. So kommt die Verstopfung der Medienkanäle mit Informationsmüll zustande. Zu ändern wäre das möglicherweise dadurch, dass Journalist(inn)en ihr Gatekeep­ing nicht mit Vermutungen darüber beginnen, was Aufmerksamkeit finden mag, sondern mit der umgekehrten Frage, was unwichtig ist und deshalb weggelassen werden kann. Realisieren ließe sich das aber erst, wenn auch die Medienunternehmen davon überzeugt wären, dass Geschäfte sich auf die Dauer nur mit lückenlosen, unerschrocken recherchierten, unter Umständen für das Publikum ungemütlichen Informationen realisieren lassen.

Diese JoJo-Ausgabe enthält Beiträge, die auf systematisch vernachlässigte Themenfelder wie Korruption oder Armut sowie auf weitere Lösungsmöglichkeiten für das Problem der öffentlichen Vernachlässigung hinweisen. In der Hoffnung, dass die Journalist(inn)en unter Ihnen sich einige dieser Hinweise durch den Kopf gehen lassen, wünsche ich allen Lesern einen mit Informationen gesättigten Winter.

Ihr Horst Pöttker


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