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Redaktion | 15. Oktober 2006

USA – Musterland des Medienjournalismus?

Ein Rundflug — und eine Spurensuche

Von Susanne Fengler

Wenn über die Defizite des deutschen Medienjournalismus geklagt wird, sind Beobachter rasch mit dem Vorbild USA bei der Hand: Spätestens seitdem führende amerikanische Medien einige Zeit nach Beginn der Irak-Invasion 2003 öffentlich eingestanden, der Kriegspropaganda des Weißen Hauses auf den Leim gegangen zu sein, gelten die Vereinigten Staaten auch bei uns als Musterland der Medienkritik. Was macht die USA zum Land der (beinahe) unbegrenzten Möglichkeiten in Sachen Medienjournalismus? Ein Rundflug – und eine Spurensuche.

Erste Station an der Ostküste der USA: Downtown Washington, ein Büroklotz an der 15th Street. Hier residiert die „Washington Post“, eine der einflussreichsten Zeitungen der USA. Auch in Deutschland ist das Blatt längst Legende – waren es doch zwei Reporter der „Washington Post“, Carl Bernstein und Bob Woodward, die Anfang der 1970er Jahre durch ihre Recherchen in der „Watergate-Affäre“ US-Präsident Richard Nixon zu Fall brachten.

Doch die „Washington Post“ hat nicht nur, was den investigativen Journalismus anbelangt, Mediengeschichte geschrieben – auch in Sachen Medienkritik hat sie Meilensteine gesetzt. Als eine der ersten amerikanischen Tageszeitungen führte sie bereits 1969 eine medienkritische Kolumne namens „For Your Information“ ein, im Folgejahr nahm der erste Ombudsmann der „Washington Post“ seine Arbeit auf. Damit leistete sich zum ersten Mal eine überregional bedeutsame Zeitung einen „Leseranwalt“, der Beschwerden über den redaktionellen Inhalt der Zeitung nachgeht, aber auch eigeninitiativ über Medienthemen recherchiert und schreibt. Das Beispiel der „Washington Post“ hat seither Schule gemacht: Nicht nur Leitmedien wie die „New York Times“, der „Boston Globe“ und das „National Public Radio“ haben inzwischen Ombudsleute, auch kleinere Blätter schmücken sich mit einem Leseranwalt.

Zugleich ist die „Washington Post“ journalistische Heimat des wohl bekanntesten Medienkritikers der USA: Howard Kurtz, der neben seinen Kolumnen auch medienkritische Bestseller schreibt und eine Talkshow auf CNN moderiert. Über sich selbst hat Kurtz einmal gesagt: „Nach allem, was ich höre, habe ich schon einigen Einfluss. Ein früherer Chefredakteur von ‚News­week‘ hat für seine Redaktion einmal ein Memo über journalistische Ethik verfasst, in dem der Satz auftauchte: ‚Tun Sie nichts, was einmal in Howard Kurtz’ Kolumne landen könnte.’“

Nächste Station, auf halbem Weg zur Westküste: Ein Apartment in Evanston, Illinois. Hier hat Jim Romenesko Ende der 1990er Jahre damit begonnen, abends und an den Wochenenden an einer Website namens „Mediagossip“ zu basteln. Immer wieder klagen Medienbeobachter darüber, dass die Medien zu selten über das eigene Metier berichten? Romenesko scannt Tag für Tag die zahlreichen Beiträge der quer durchs Land verstreuten Medienjournalisten und verlinkt sie mit seiner Website.

Sein Weblog bestimmt seither das Tempo der Medienkritik in den USA: „Es war wie ein Schock für uns“, so Mike Hoyt, Redakteur des etablierten Fachmagazins „Columbia Journalism Review“. „Plötzlich stellten wir fest, wie viel Medienkritik es längst gab. Wir erscheinen jeden Monat – Romenesko bietet jeden Tag etwas Neues.“ Doch Dinosaurier sind träge – erst seit 2004 bietet auch das „Columbia Journalism Review“ eine tagesaktuelle medienkritische Website an. Aus dem Feierabend-Hobby von Jim Romenesko ist derweil ein Full-Time-Job geworden, das renommierte Poynter Institute hat die Internet-Seite ‚geschluckt’ und in „Media-news“ umgetauft.

Ankunft an der Westküste: Ein Zeitungskiosk in der Glitzerstadt Los Angeles. Die „Los Angeles Times“ gibt Nachricht vom Tod ihres Medienkritikers. Im Alter von 62 Jahren ist im August David Shaw gestorben – der wohl einzige Medienjournalist in den USA, der von seiner Zeitung die Zusage erhielt, er könne auch über das eigene Blatt schreiben, was er wolle. Über 30 Jahre lang hat Shaw immer wieder ebenso unnachsichtig wie ausgewogen auch über die „Los Angeles Times“ berichtet. Als das Blatt 1999 wegen eines umstrittenen Anzeigen-Deals ins Gerede kam, verfasste er einen sich über 14 Seiten des „L.A. Times“-Magazins erstreckenden Bericht über das Missmanagement im eigenen Haus. Spektakulärer Einzelfall? Sicherlich. Doch auch andere Blätter scheuen vor schonungsloser Selbstkritik nicht zurück – die „New York Times“ beispielsweise bezichtigte sich unlängst selbst, in gesellschaftspolitischen Fragen übermäßig oft linksliberale Positionen zu beziehen.

Rückflug und Vogelperspektive: Eine öffentliche Selbstkasteiung, wie sie die großen Zeitungen in den USA immer wieder vorexerzieren – wohl undenkbar in Deutschland, selbst wenn die „SZ“ im Fall Tom Kummer Maßstäbe in Sachen Selbstaufklärung gesetzt hat. Auch die Idee eines Ombudsmanns hat hierzulande nie Fuß fassen können. Andererseits: Ein nationaler Presserat in den USA entstand erst 1974 und scheiterte bereits elf Jahre später mangels Unterstützung durch die etablierten Medien.

Unterschiede zwischen dem US-amerikanischen und dem deutschen Medienjournalismus treten auch zutage, wenn man die Ergebnisse von Kommunikatorstudien vergleicht: Während sich Holger Kreitling zufolge das Gros der deutschen Medienjournalisten in den 1990er Jahren vor allem in der Rolle des neutralen Informationsvermittlers sah, weisen sich ihre US-Kollegen die Rolle eines Kontrolleurs der Medien zu. Eine aktuelle Befragung von Maja Malik zeigt, dass das Konzept vom Medienjournalismus als „media watchdog“ inzwischen auch bei deutschen Medienkritikern an Zustimmung gewinnt. Maßstäbe haben die USA ferner gesetzt, wenn es um Transparenz geht: So wäre es für die etablierten Medienjournalisten undenkbar, dem Chefredakteur zuliebe crossmediale Verflechtungen in ihren Berichten unter den Teppich zu kehren. Ungeniert bekennt sich andererseits so mancher „media critic“ zu „puff pieces“ – Lobhudeleien über die lieben Kollegen, die man immer wieder platzieren müsse, um sich seine Quellen warm zu halten.

Dass die Arbeit der Medienjournalisten dennoch Früchte tragen könnte, darauf deutet eine aktuelle Studie des Project for Excellence in Journalism hin: Das Image der Medien in der Bevölkerung ist demzufolge besser geworden, und ein Satz wie: „Die Presse ist bereit, Fehler einzuräumen“ findet heute erkennbar mehr Zuspruch als noch vor vier Jahren.


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