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Redaktion | 8. April 2010

Es muss auch halten

Analoge oder digitale Zeitungssammlung?

Von Harald Bader

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 hat die Frage nach Überlieferungssicherheit von und Zugang zu historischen Texten einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein gebracht. Dabei wird die Debatte, wie wir mit schriftlicher Überlieferung umgehen, anders geführt als beim Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar 2004. Ging es damals um Wiederbeschaffung oder Restaurierung der originalen Bände, sprechen sich Wissenschaftler im Kölner Fall dafür aus, die Sammlung vor Ort durch weltweiten Zugriff über das Internet zu ergänzen. Unter Nutzungsbedingungen ist das zu begrüßen: Viele Archivare erwarten persönlichen Besuch in ihrer Einrichtung und scheuen sich bislang, Bestände für Reproduktionen herauszugeben, gleich, ob digital oder analog.

Periodische Presse war Bibliotheken häufig ein nachrangiger Bestand. Das Motto der Leser, „nichts ist älter als die Zeitung von gestern“, sorgte dafür, dass selbst Pflicht­exemplarbibliotheken lange mit Zeitungen wenig anfangen konnten. Häufig wurden (werden) sie nicht sachgerecht beschafft, gelagert und erfasst. Benutzung der Papier­exemplare sorgt, neben der teils mäßigen Papierqualität, für schnellen Verschleiß. Bei Kapazitätsproblemen oder politischen Veränderungen (1945, 1989) landet das journalistische Gedächtnis auf dem Müll.

Inzwischen hat sich die Wertschätzung für Zeitungen verbessert, ist ihr Wert als Quelle anerkannt, aber das Problem der Langzeitsicherung bleibt bestehen. Bislang war das Mittel dafür der Mikrofilm, der hunderte Jahre hält, in der Herstellung günstig ist und reproduziert werden kann. Allerdings nimmt seine Akzeptanz insbesondere bei Nutzern ab. Die Bequemlichkeit des heimischen Internetzugangs lässt die Vorstellung aufkommen, man könne sich die Wege in besitzende Einrichtungen, eventuelle Fernleihen und die Bedienung der Lesegeräte sparen. Beklagt wird dabei, ebenfalls Folge des technischen Fortschritts, dass man die alten Zeitungen lesen muss und nicht durchsuchen kann.

Da kommen die Versprechungen der Informatik gerade recht. Es sei zum einen möglich, Presse elektronisch zu speichern und dauerhaft aufzubewahren – die Kosten der Datenmigration über Jahrzehnte und Jahrhunderte werden dabei diskret übergangen, von den Kosten für Einpflege oder Stromversorgung zu schweigen. Zudem stellt sich für aktuelle Titel eine urheberrechtliche Frage: Verlage haben kein Interesse daran, ihre Bestände über öffentliche Kataloge zugänglich zu machen, was beim Film unproblematisch ist, da er keinen Massenmarkt für interessierte Leser darstellt, der wirtschaftliche Nachteile hätte. Auch begünstigt die Rechtslage analoge Verfahren.

Aber auch die historischen Zeitungen werfen Probleme auf. Es gibt bereits einige Zeitungen online, aber sie schöpfen die technischen Möglichkeiten nicht aus. In der Regel handelt es sich um Bilddigitalisierung, d. h. ganze Seiten werden, nach Ausgaben geordnet, als Datei angeboten. Die kann man sich anschauen, aber nicht durchsuchen oder Passagen weiterverwenden. Es handelt sich also um Mikrofilm für zuhause, angesichts der hohen Kosten (und nach wie vor bestehender Verfilmungslücken) ein Aufwand ohne Mehrwert. Zudem besteht die Gefahr, die an Universitäten schon jetzt die wissenschaftliche Produktion beeinträchtigt: Man verwendet, was man online findet, also recherchiert nicht nach thematischer Relevanz, sondern anhand niedriger Zugangsbarrieren. So entstehen Artefakte: Man forscht darüber, was bereitgestellt worden ist.

Will man die technischen Möglichkeiten unter Benutzungsaspekten ausschöpfen, kommt man an einer Volltextdigitalisierung nicht vorbei. Die ist teurer als das Abfotografieren oder Scannen. Und Fraktur verweigert sich fehlerloser Konversion (weshalb z. B. Bismarcks Pressekorrespondenzen von Chinesen abgetippt wurden), es ist, wenn man es richtig machen will, eine Nachkontrolle nötig. Wer das bezahlen soll, ist unklar. Digitalisierung nach Bedarf, wie sie die Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek Berlin anbietet, ist ein Anfang, eine Systematik wird man so aber nicht herstellen können. Eine pressehistorische Auswahl zu treffen, wäre auch heikel, denn das föderale Deutschland hatte und hat keine journalistische Stimme, die für alle Regionen repräsentativ wäre. Insofern behält der Mikrofilm seine Berechtigung, weil er handhabbar, dauerhaft, günstig und reproduzierbar ist. Inzwischen gehen einige Archive sogar dazu über, digitale Daten auf Film auszubelichten, um einen sicheren Bestand zu haben.

Foto: Harald Bader


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