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Redaktion | 15. Oktober 2006

Rettung verpasst

Horst Pöttker über Erfolg und Untergang der eingestellten Fachzeitschrift medium. Ein Interview.

Foto: S. Papenberg

Horst, Du hast zehn Jahre lang die Zeitschrift „medium“ als verantwortlicher Redakteur geleitet, bis sie 1996 mitten im 26. Jahrgang eingestellt wurde. Wie kam es zu dem abrupten Ende?

Die Begründung ging über das Argument, dass die Auflage gesunken sei. Dieses Argument traf aber weitestgehend nicht zu. Die Leitung des herausgebenden Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) hatte Abozahlen aus verschiedenen Phasen des Jahres verglichen. Bei „medium“ gab es zu Beginn des Kalenderjahres immer einen statistischen Tiefpunkt, weil alte Abos automatisch ausliefen. Die Höchstzahl der Abos wurde am Ende des Jahres erreicht. Man hat dann einfach den Höchststand eines Jahres mit dem Tiefststand verglichen, ohne zu beachten, dass es über die Jahre hinweg eigentlich eine relative Stabilität bei den Abonnenten gegeben hat.

Für das Aus von „medium“ muss es also tiefer liegende Gründe gegeben haben, oder?

Ja. Der wichtigste Grund war, dass die Kirche damals in Finanznöte geriet – teilweise wegen Kirchenaustritten, aber vor allem auch, weil das Steueraufkommen insgesamt stark sank. Da musste man sich überlegen, wo es Einsparpotenzial gibt.

Warum hat es gerade „medium“ getroffen – und nicht GEP-Zeitschriften wie „epd film“ oder „medien praktisch“?

Man hat die Publikation genommen, bei der man am wenigsten Widerstände aus kirchlichen Gremien zu erwarten hatte. Das war bei „medium“ der Fall. Da gab es keinen separaten Herausgeberkreis, der dazu eine Entscheidung hätte treffen müssen. Es gab nur einen Redakteur, der dem Direktor des GEP unterstellt war. Diese Reichsunmittelbarkeit hat es ermöglicht, besonders leicht einzugreifen. Im Übrigen hat bei der Entscheidung sicherlich auch der damalige Wechsel im GEP-Direktorium eine gewisse Rolle gespielt. Der scheidende Direktor Hans-Wolfgang Heßler hatte sich immer für die Existenz von „medium“ eingesetzt. Bei seinem Nachfolger Hans Norbert Janowski war das nicht der Fall.

Hätte es aus heutiger Sicht eine Möglichkeit gegeben, die Zeitschrift zu retten?

Ich glaube, man hätte sie retten können, wenn man beispielsweise mit der katholischen Kirche geredet hätte, um der den Gedanken nahe zu bringen, dass es so etwas wie „medium“ auf dem Zeitschriftenmarkt sonst nicht gab. Ich habe diese Idee damals auch im GEP vorgetragen. Sie ist aber an tief sitzenden Ressentiments gescheitert. Zwischen den beiden Konfessionen ist Verständigung manchmal schwerer als mit ganz anderen gesellschaftlichen Gruppen. Daneben hätte „medium“ übrigens auch ökonomisch erfolgreicher sein können, wenn der Herausgeber eine offensivere Vertriebspolitik verfolgt hätte.

Was war die zentrale inhaltliche Funktion von „medium“, die die Publikation zu einer Besonderheit auf dem Markt gemacht hat?

Das Einmalige daran war ihre Brückenfunktion, ihr Transfer zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft auf der einen Seite und Medienpraxis auf der anderen.

Für viele Medienforscher ist es ja auch gegenwärtig ein Problem, dass ihre Studien in den Redaktionen so gut wie nicht wahrgenommen werden. War „medium“ bei dem Versuch, zwischen diesen beiden Polen zu vermitteln, denn tatsächlich erfolgreich?

Die Zeitschrift ist definitiv in den Medien gelesen worden – in den Gremien, bei Mitarbeitern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, teilweise auch im Pressebereich. Das sieht man auch an den Auflagenzahlen, die wesentlich höher waren als bei rein akademischen Publikationen. „medium“ war unter Medienschaffenden durchaus bekannt.

Gab es weitere Alleinstellungsmerkmale, die die Zeitschrift zu einem Unikum gemacht haben?

Ein weiterer Gesichtspunkt ist die multimediale Perspektive. „medium“ hatte nicht nur Presse, Hörfunk und Fernsehen im Blick, sondern auch den Film. Dieses Ausgespanntsein über den gesamten Medienbereich war in der kirchlichen Publizistik sicherlich eine Besonderheit. Neu war seinerzeit auch das Konzept der Themenhefte, das ich bei der Umstellung auf eine vierteljährliche Erscheinungsweise eingeführt habe. Durch diese Themenschwerpunkte wollten wir eventuelle Aktualitätsmängel ausgleichen. Und damit ließ sich auch eine besondere Aufmerksamkeit generieren.

Gibt es gegenwärtig eine Publikation auf dem Fachzeitschriftenmarkt, die den Wegfall von „medium“ kompensieren könnte?

Nein, „medium“ hat ein Vakuum hinterlassen. Eine Zeitschrift, die den gesamten Medienbereich abdeckt und zwischen Wissenschaft und Praxis vermittelt, sehe ich momentan nicht.

Hätte eine Zeitschrift wie „medium“ heute eine Chance, am Markt zu bestehen?

Ich glaube, dass es eine Marktchance gäbe. Man müsste dann aber ein breiteres Publikum ansprechen und an dessen Interesse am Mediengeschehen appellieren. Medienjournalismus, der sich bewusst an die allgemeine Öffentlichkeit richtet, wäre auf dem Zeitschriftenmarkt eine echte Innovation.

Die Fragen stellte Tobias Eberwein.

Foto: S. Papenberg


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