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Redaktion | 8. April 2010

Popjournalismus als Kulturkritik

Das Potenzial des Ruhrgebiets im Kulturhauptstadtjahr ist gleichzeitig auch eine Chance für den Journalismus

Von Jörg-Uwe Nieland

Verschwindet die Medienkritik? Wen erreicht die Kulturkritik? Fragen wie diese standen in den Kommunikations- und Medienwissenschaften in den vergangenen Jahren wiederholt auf der Tagesordnung. In der Folge wurden unterschiedlichste Antworten und Empfehlungen entwickelt, sogar eine Renaissance der Medienkritik als Gesellschaftskritik diagnostiziert. Aber trotzdem bleibt dieser Zweig des journalistischen Wirkens in der Journalistik und in anderen Ausbildungsgängen verborgen. Offenbar sind die Beobachter der Beobachter weiter in der „Selbstbeobachtungsfalle“ (Beuthner/Weichert 2005) gefangen und die Kulturkritik kommt nicht gegen ihren schlechten Ruf an.

Vielleicht sind nicht nur die Fragen falsch gestellt, sondern auch die Gegenstände falsch gewählt. Einen Ausweg könnte die Beschäftigung mit der Popkultur weisen. In der Mediengesellschaft, die von Popkultur geprägt ist und in der Medien für den Alltag eine zentrale Rolle spielen, müssen die Referenzbereiche erweitert werden. Somit ist auch dieser Text Teil der Reaktivierung der Debatte um und der Reorganisation von Medien- und Kulturkritik – und zwar als Plädoyer für den Generationenwechsel und Medienwechsel.

Die Forderungen, die an den Medienjournalismus gestellt werden, sind eingängig: Er muss offen sein für alle Medien und dabei die Spezifika der einzelnen Medien wahrnehmen. Die Medienkritik muss sich auf einen Medienmix bei den Rezipienten einstellen und dem Publikum eine Stimme geben. Letztlich muss Medienkritik antreten, um die alltäglichen, professionellen und die wissenschaftlichen Sichtweisen auf die Medien und die Kultur stärker miteinander zu verschränken – nur so können die neuen Erwartungshaltungen bei den Mediennutzern an den Journalismus erfüllt werden.

Die aufgezählten Anforderungen gelten auch für den hier zu behandelnden Popkulturjournalismus. Darüber hinaus kommen beim „Schreiben über Pop“ (Venker 2003) vier Probleme zum Tragen (Jacke 2009: 118ff.): Zunächst muss die Kritik mit der Neuheit und auch der Fremdheit popkultureller Produkte umgehen lernen. An zweiter Stelle kommt die Un­übersichtlichkeit des Gegenstandes. Drittens unterliegen viele Kritiker der Verlockung, als Fan zu schreiben. Viertens sind viele als mehr oder weniger neutrale Beobachter ausgeschlossen von den popkulturellen Vorgängen.

Für den Umgang mit diesen Problemen gibt es täglich Anschauungsmaterial. Das Kulturhauptstadtjahr kann als Testfall gelten. Ein Testfall, der augenblicklich bestehende Versäumnisse ausräumen kann. Den Einstieg bildet die Benennung der „Alltagskultur im Ruhrgebiet“. Denn diese ist über bzw. von den Medien geprägt: „Schimanski“ oder „Atze Schröder“ schaffen und bedienen dazu ein Image – und einen Mythos. Aber was fehlt und überzeichnet wird, wird vom Kulturjournalismus bislang nicht korrigiert. Der Schmelztiegel Ruhrgebiet ist über Jahrzehnte gewachsen, die (kulturelle) Vielfalt, die Kulturpraxen wie auch die (kulturelle) Innovationskraft sind einzigartig; davon erfahren wir zu wenig. Currywurst und Fußball, inzwischen weniger Trinkhallen und Taubenzüchter stehen im Zentrum der Alltagskultur des Ruhrgebiets. Nicht mehr Kohle und Stahl, sondern zunehmend der Umgang mit dem Umbruch sind prägend und werden als ruhrgebietsspezifisch wahrgenommen. Hier liegt ein Grund, warum der Sektor Comedy so stark ist im Ruhrgebiet. Es gibt sie: Die freie Musik-, Theater- und Kabarettszene, die großen und anerkannten Theater, die Museen und die Musikhäuser (z. B. Musicals), die Lichtspielhäuser und kleinen Clubs sowie die großen Arenen für Pop- und Rockkonzerte – die Besucherzahlen sind auch vorhanden. Aber dass sich neben der Maloche und den Krisenszenarios so etwas wie ruhrgebietsspezifisches kulturelles Handeln herausgebildet hat, das realisieren, reflektieren und propagieren die Kulturkritiker zu wenig. Irgendwie gehört es zum „understatement“ im Ruhrgebiet, mit Einrichtungen wie dem Folkwang-Museum, mit dem Komponisten Hans Werner Henze oder der städtebaulichen Umstrukturierung im Rahmen der Internationalen Bauausstellung nicht „hausieren zu gehen“ – schade.

Es sind die „Kinder des Ruhrgebiets“, also die Künstler selbst, die für die „Ruhrgebietskultur“ stehen. Sie sprechen aber hauptsächlich die Szenen und Bewohner des Ruhrgebiets an (und nur wenige der Künstler bleiben da). Die Mehrzahl der Auswärtigen findet sich nur unzureichend im Ruhrgebiet zurecht (und viele auswärtige Künstler haben Schwierigkeiten, den richtigen Ton zu treffen) – ebenfalls ein Versäumnis der Kulturkritik.

Das Ruhrgebiet ist nicht das „neue New York“, wie Fritz Pleitgen behauptet – dafür gibt es in der Selbst- und Fremdwahrnehmung auch keine Anhaltspunkte. Mit dem WDR und der WAZ-Gruppe sind Plattformen vorhanden, die eine umfängliche Repräsentation des Ruhrgebiets und vor allem der „Ruhrgebietskultur“ ermöglichen – aber nicht immer realisieren. Aktuell allerdings gerät die Verschuldung der Kommunen zum Bumerang, denn inzwischen wird vor allem dieses Bild transportiert.

Der Popkulturjournalismus für das Ruhrgebiet tritt auf der Stelle, wenn er sich auf Geschichten zur Heavy-Metal-Band „Kreator“ (aus Essen), den Umzug der Love Parade ins Ruhrgebiet oder Herbert Grönemeyers Hymne über Bochum bzw. jetzt über das Ruhrgebiet beschränkt. Zu problematisieren hat er vielmehr, warum trotz der guten popmusikalischen Infrastruktur im Ruhrgebiet bis heute kaum eine regionale Stil-Entwicklung zu beobachten war und ist. Im nächsten Schritt kann ein neugieriges und mit den Szenen vertrautes „Schreiben über Pop“ die Erwartungshaltung des Publikums bedienen. Das Potenzial des Ruhrgebiets im Kulturhauptstadtjahr ist gleichzeitig auch eine Chance für den Popkulturjournalismus.

Literatur:

Foto: muffinmaker/photocase.com


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