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Redaktion | 15. Oktober 2006

Die Kulturrevolution lässt weiter auf sich warten

Warum Selbstkritik bei vielen Medien kaum möglich ist

Von Stephan Weichert

„Kulturrevolution bei ‚Bild’“ – das vermeldete „Spiegel Online“ Mitte Juli, als Europas größte Tageszeitung öffentlich bekannt gab, ab sofort eine Korrekturspalte im Blatt zu führen. „‚Bild’ ist eine große und schnelle Zeitung“, ließ Chefredakteur und Herausgeber Kai Diekmann über eine Pressemitteilung des Axel Springer Verlagshauses ausrichten, „und wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler“. Die wolle man künftig schnell und unkompliziert in einer gesonderten Spalte berichtigen.

Ungläubig und überrascht zeigte sich ob dieser vollmundigen Ankündung nicht nur „Spiegel Online“, sondern noch eine Reihe anderer Qualitätsmedien. Schließlich war „Bild“ in der Vergangenheit noch nie durch vorauseilende Rücksichtnahme auf Dritte oder gar freiwillige Selbstkritik positiv aufgefallen. Eher im Gegenteil ist das Blatt bekannt dafür, nach Belieben in alle Richtungen auszuteilen: Dass beispielsweise Politgrößen, vorzugsweise Ex-Politiker, schnell zur Zielscheibe des Boulevards werden können, musste neben vielen anderen Prominenten unlängst Heide Simonis am eigenen Leibe erfahren. Wegen ihrer etwas ungelenken Tanzeinlagen in einer RTL-Show schlagzeilte „Bild“ hämisch „Hoppel-Heide“ und empfahl der ehemaligen Ministerpräsidentin, am besten gleich zur C-Prominenz ins Dschungel-Camp überzusiedeln.

Man mag es Ironie des Schicksals nennen, dass die Umsetzung der „Bild“-Korrekturpläne terminlich fast exakt mit einer unbequemen Gegendarstellung zusammenfiel, die Frau Simonis von ihrem Berliner Rechtsanwalt Johannes Eisenberg vor Gericht hatte durchfechten lassen: In fetten Lettern auf der halben Seite 1, wo normalerweise der reißerische Aufmacher thront, war die selbst für „Bild“-Verhältnisse ungewöhnlich überdimensionierte Feststellung zu lesen: „Ich habe stets erklärt, dass ich zur Teilnahme an einer solchen TV-Show nicht zur Verfügung stehe“ – gefolgt von der eher kleinlauten Bestätigung der „Bild“-Redaktion, dass Frau Simonis dies stets erklärt habe. In der neu eingeführten Korrekturspalte kein Wort davon, dort wendete man sich lieber der Richtigstellung bedeutenderer Themen zu: Am Vortag sei in einer Meldung zur Mäuseplage in einem Supermarkt der Ort Westerwald in Rheinland-Pfalz mit dem Westerwald in Nieder­sachsen verwechselt worden.

Dieses journalistische Trauerspiel offenbart aufs Anschaulichste die ganze Schizophrenie, die der deutschen Medienbranche in ihrer (verhaltenen) Absicht zur professionellen Introspektion anhaftet: Es gilt nicht nur als verlegerisch unklug, sondern gemeinhin als verpönt, eigene Berichterstattungsirrtümer vor Publikum einzugestehen. Freiwillige Widerrufe der Lippenbekenntnisse vom Vortag sucht man meist vergebens. Wenn überhaupt, dann finden solche Eingeständnisse häufig nur gezwungenermaßen, sprich: unter Androhung rechtlicher Konsequenzen statt. Oder es muss, wie im Fall von „Bild“, ein eigenes „Bildblog“ den Blattmachern gründlich auf die spitze Feder schauen, um sie zu bekehren.

Dass die „Bild“-Korrekturspalte letztlich der Umtriebigkeit von „Bildblog“ zu verdanken ist, muss eine Vermutung bleiben, wenn auch eine nicht weit hergeholte. Offensichtlich aber ist, dass mitunter erst solche pädagogischen Zwangsmaßnahmen den Mächtigen der Branche auf die Sprünge helfen. Nun mag man einwenden, dass die „Bild“ nicht die „FAZ“ oder die „Tagesschau“ ist, allerdings vermisst man auch auf der Agenda der Qualitätsorgane Publikumsanwälte und feste Plätze für Richtigstellungen „in eigener Sache“.

Für die meisten deutschen Medienmacher ist es offenbar noch undenkbar, dass sie ihr Gewissen im eigenen Medium erleichtern und für ihre Sünden Buße tun. Dabei liegt es auf der Hand, warum redaktionelle Eigenkritik ein sinnvolles Instrument der Qualitätssicherung sein kann und die dadurch erreichte Glaubwürdigkeit mit dem wirtschaftlichen Erfolg eines Medienproduktes Hand in Hand gehen. Eine gründlichere Eigenhygiene der Branche, die sich auf das Korrigieren publizistischer Fehler und das Einhalten professioneller Gebote versteht, können vor allem Medienseiten der Zeitungen, Medienblogs oder entsprechende Fachmagazine in Print, Fernsehen und Hörfunk leisten. Aktuell werden die medienjournalistischen Saubermänner jedoch von einem ganzen Set an blinden Flecken behindert, das einer solchen Kultur der Selbstkorrektur entgegensteht. Mindestens fünf „Selbstbeobachtungsfallen“ verhindern nicht selten eine ausgewogene Reflexion und Kritik publizistischer Fehlleistungen.

Definitionsfalle: Zunächst leidet der Medienjournalismus unter einer mangelhaften Profilierung seines Beobachtungsgegenstands. Worüber sollen Medienjournalisten eigentlich berichten? Gerade die aktuelle Berichterstattung von Medien über Medien zeigt, dass Serviceanteile und Rezensionen (wieder) die Medienseiten füllen, während berufsbedingte Eigenkritik selten und kritische Medien­analysen mit Gesellschaftsbezug so gut wie gar nicht vorkommen. Branchen-News, Schauspielerinterviews und Programmvorschau gehören sicher zur Orientierungsleistung des Medienjournalismus mit dazu. Medien weisen jedoch noch etliche Schnittmengen zu anderen sozialen Bereichen auf, was eine Schwerpunktsetzung erheblich erschwert. Medienthemen, welche die politische oder wirtschaftliche Agenda streifen, werden daher von den Medienredaktionen häufig ausgelagert und quer über andere Ressorts verteilt. Die Konsequenz ist eine Trennung verschiedener Aspekte des gleichen Themas, etwa inhaltlicher Medienkritik von den dazugehörigen ökonomischen Imperativen. Diese Ressortschizophrenie verhindert somit eine klare Profilierung medienjournalistischer Themenfelder und verengt die Perspektive auf das Big Picture, das zugleich soziale, medienpolitische und wirtschaftliche Implikationen des Medienbetriebs mit einbezieht.

Um der Definitionsfalle zu entgehen, müssten Medienjournalisten ihr Wirkungsumfeld selbstbewusst erweitern. Voraussetzung dafür ist, dass sie ihre Thematisierungsstrategien überdenken und gleichzeitig ihre Autonomie als publizistische Wechselbälger verteidigen. Auch Sujets, die sich ‚versenden’ oder schnell ins Abseits öffentlicher Interessen geraten, sollten künftig zum natürlichen Beobachtungsradius von Medienjournalisten gehören – ebenso wie Nachlesen und Langzeitbeobachtungen, die über das Tagesgeschäft hinausweisen. Gerade Medienjournalisten sollten sich frei machen vom Aktualitätsdruck und geduldig in den Medienbetrieb hineinhorchen, um langfristig gewachsene Strukturschwächen und Fehlleistungen des Journalismus aufzudecken. Nur so können sie ihrer anspruchsvollen Aufgabe als „Media-Watchdogs“ gerecht werden.

Rollenkontextfalle: Eitelkeiten und Geltungsdrang spielen wohl in keiner anderen Berufsgruppe eine so große Rolle wie im Medienbereich. Umso weniger erstaunt es, dass gerade Medienjournalisten eine exponierte Beobachterposition einnehmen, wenn sie über die ‚lieben Kollegen’ berichten. Nach außen wollen sie zwar als unabhängige Berichterstatter wahrgenommen werden, intern sieht man sie jedoch in erster Linie als Berufskollegen. Dadurch laufen sie stets Gefahr, sich den Vorwurf der Nestbeschmutzung einzuhandeln, sobald sie die Probleme der Branchenangehörigen offen ansprechen. Eine Folge dieses Rollenkonflikts ist, dass ausschließlich für die Kollegen geschrieben und gesendet wird, eine andere, dass selbst respektvolle, faire und konstruktive Kritik mitunter nicht als solche erkannt wird, sondern häufig als Kollegenschelte abqualifiziert wird.

Ombudsleute wie bei der „New York Times“ als Mittler zwischen Redaktion und Publikum in den Medienredaktionen zu installieren, würde den Weg zu einem neuen Rollenbild ebnen. Die Kollegen­orientierung würde sich so zu einer Leser- oder Zuschauerorientierung hin verschieben und böte dem Medienjournalismus nicht nur eine (weitere) Argumentationshilfe zur Verteidigung seiner Unabhängigkeit, sondern würde ihm auch größere Freiräume zur Durchsetzung seines Anliegens verschaffen, sensible Richtigstellungen zu platzieren. Die Einbeziehung von Außenmeinungen würde nicht nur die Publikumsinteressen angemessener berücksichtigen, sondern auch das Selbstvertrauen in die eigene Arbeit stärken und den Medienjournalismus gegen eine selbstreferenzielle und voreingenommene Berichterstattung immunisieren.

Unabhängigkeitsfalle: Ein Medienjournalist befindet sich als Arbeitnehmer in einem dauerhaften unternehmerischen Loyalitätskonflikt. In der durch Fusionen miteinander verflochtenen Medienlandschaft kollidieren oftmals Unternehmensinteressen mit dem Objektivitätsanspruch von Medienjournalisten: Der eigene Großverlag, das eigene Fernsehprogramm wird somit zur sakrosankten Berichterstattungszone erklärt, Gefälligkeitsberichte sind daher an der Tagesordnung. Dieses akuter werdende Problem hemmt den Medienjournalismus in der Ausübung seiner Transparenzfunktion immens: Weil der Medienjournalist stets eingebunden ist in wirtschaftliche Sachzwänge, wird von ihm vorauseilender Gehorsam gegenüber dem eigenen und eine ‚gesunde’ Distanz gegenüber fremden Medienhäusern erwartet. Eine Art Gefangenendilemma, das eine bewusste Nicht-Kommunikation eigener Fehlleistungen aus Gründen des Systemschutzes in Kauf nimmt.

Das einzige Gegenmittel hierfür ist, freien Mitarbeitern und Medienredakteuren auf Chefredakteurs- und Verlagsebene den Rücken frei zu halten, wie es neben der „Times“ auch bei anderen überregionalen Prestigeblättern wie „El País“, „Le Monde“ und „Washington Post“ vorgemacht wird. Dabei helfen könnten spezielle Redaktionsstatute mit professionellen Kodizes für Medienschaffende, die Standards für die eigene Arbeit aufstellen und festschreiben, wie mit Richtigstellungen innerhalb des eigenen Medienhauses zu verfahren ist. Eine Institutionalisierung redaktionsunabhängiger Vorgehensweisen würde Medienjournalisten vor interner wie externer Einflussnahme schützen. Denkbar wäre zudem eine bundesweite Dachorganisation, beispielsweise ein Verein, der die Interessen von Medienjournalisten vertritt und in Streitfällen Rügen ausspricht.

Vermittlungsfalle: Die Hygienemaßnahmen der Medienjournalisten behindert derzeit auch ein Rezeptionsproblem. Wer aufgrund von vermeintlich schlechten Befunden zur Publikumsakzeptanz von Medienseiten Sparzwänge anordnet, handelt vorschnell und unüberlegt – denn die Versuche, einen breiteren Adressatenkreis für Medienthemen zu begeistern, sind bisher nur halbherzig verfolgt worden. Medien werden nach wie vor als Special-Interest-Gebiet verkauft, auf dem sich Insider und Spezialisten tummeln. Wo jedoch die Relevanz des Medientreibens verschwiegen wird, ist auch kein Wille zum Transfer vorhanden. Einem wünschenswerten Vermittlungsschub steht momentan außerdem entgegen, dass es dem Medienjournalismus zunehmend an strukturellen Grundlagen und Ressourcen mangelt, um sich redaktionell attraktiver zu positionieren.

Eine wirksame Maßnahme dagegen ist, Medienthemen auf ein größeres Publikum zuzuschneiden. Niemand, erst recht kein Medienjournalist, sollte davon ausgehen, dass Medienbeobachtung per se uninteressant für ein breites Publikum ist. Dazu sind jedoch zunächst ansprechende Umsetzungen und Konzeptinnovationen gefragt, mit denen das Mediengeschehen salonfähig gemacht wird. Meist genügt es, einen feuilletonistischeren Blick auf die Medien zu werfen, der von Insidertum und Branchenklatsch wegführt und stattdessen die gesellschaftliche Komponente der Medien betont. Für eine kompetente Vermittlung sollten sich Medienberichterstatter zudem ausreichende Fachkenntnis auch aus Fremdbereichen aneignen, die nicht direkt im Journalismus angesiedelt sind, beispielsweise aus dem Verlagswesen oder der Öffentlichkeitsarbeit. Was den Nachwuchs angeht, braucht es eine grundständige Ausbildung zum Medienjournalisten, die Journalistenakademien und -schulen, universitäre Einrichtungen und unabhängige Think Tanks leisten könnten.

Selbstverständnisfalle: Schließlich betrachten sich viele Medienjournalisten nicht in erster Linie als Sittenwächter der Branche, sondern als neutrale Berichterstatter. Dass sie in dieser Funktion interne Missstände meist dann aufdecken, wenn es gar nicht mehr anders geht, wurde schon gesagt. Hinzu kommt, dass kontinuierliche Medienbeobachtung, verstanden als Aufklärungsprojekt, aus dem Redaktionsalltag fast konsequent verbannt wurde: Die Ambivalenzen der Mediengesellschaft zu thematisieren, wird von vielen Medienjournalisten anscheinend nicht als vorrangig betrachtet. Um Arbeitsplätze und ganze Ressorts zu retten, wurde der allmähliche Untergang der Medienkritik gerade während der Medienkrise anscheinend als Kollateralschaden hingenommen. Doch solange Medienjournalisten nicht ständig die Macht der Medien hinterfragen, sind sie nicht mehr als Erfüllungsgehilfen der Medienindustrie. Denn je mehr sich Medienjournalisten auf eine reine Berichterstatterposition zurückziehen, desto eher geht ihre Fähigkeit zur Selbstbespiegelung verloren.

Um dieser Selbstverpflichtung nachzukommen, ist eine grundlegende Neujustierung des Selbstverständnisses von Medienjournalisten erforderlich. Der Anspruch, den Journalisten anderer Ressorts an sich und ihre Berichterstattung stellen, muss auch für Medienthemen gelten. Entscheidend ist daher die Frage, ob Medienjournalisten ein unbequemes Aufklärungsziel verfolgen wollen. Um sich von ihrer chronischen Betriebsblindheit zu kurieren, muss beispielsweise akzeptiert werden, dass Medienbeobachtung einem Verantwortungsprinzip folgt. Für eine solche Selbstverständnisdebatte ist jedoch ein Dialog mit der Medien- und Kommunikationswissenschaft unabdingbar: Sie bietet ein Potenzial, das Medienpraktiker zuweilen unterschätzen. Die Wissenschaft kann aufgrund ihres längeren Atems, ihrer analytischen Herangehensweise und ihrer anders gelagerten Diskurskultur der Selbstverständnisfalle entgegenwirken, indem sie unablässig die Defizite des Medienjournalismus aufzeigt und seine Leistungen würdigt. Dies würde Medienjournalisten eine Expertise an die Hand geben, um an ihrem Akzeptanzproblem zu arbeiten und zu einem autonomen Selbstverständnis zu finden.

Schon immer haben Medien die Welt kritisch betrachtet – ausgenommen sich selbst. Es wäre an der Zeit, dass die angekündigte Kulturrevolution auch wirklich stattfindet.


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