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Redaktion | 15. Oktober 2006

Es begann mit der Geburt der Massenpresse

Entwicklung und Wandel des Medienjournalismus

Von Dieter Roß

Wie alles hat auch der Medienjournalismus eine Geschichte. Zwar setzte sich die Bezeichnung erst in den 1960er Jahren durch – zu jener Zeit, als die Berichterstattung und die Kritik über die Medien­entwicklung angesichts des Siegeszugs zumal des Fernsehens zu einem Themen- und Problemfeld wurde, das die Aufmerksamkeit sowohl der schreibenden Journalisten als auch ihres Publikums auf sich zog. Fach-Pressedienste wurden erfolgreich, die Professionalisierung der Autoren begann, schließlich setzten sich eine spezielle Ressortbildung und separate Medienseiten langsam, aber stetig durch: Der „Medienjournalismus“ im Wortsinn war geboren. – Diese späte Geburt des Begriffs darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die publizistische und journalistische Beschäftigung mit technisierter Kommunikation mehr als ein Jahrhundert früher begann, als mit der gedruckten Presse das erste Massenmedium auf den Plan trat.

Im Folgenden soll diese Entwicklung zum einen kurz historisch nachgezeichnet werden, um – zum andern – die Veränderungen der Perspektiven, Gegenstände und Formen des Medienjournalismus zu skizzieren.

Die frühe Phase Anfang des 19. Jahrhunderts rief – ganz im Zeichen der Aufklärung und der Französischen Revolution mit deren Folgen – fast ausschließlich fortschrittsoptimistische Erwartungen hervor: Alle progressiven Kräfte forderten „Öffentlichkeit“ und „Preßfreiheit“, von denen man sich die Überwindung der spätfeudalistischen Verkrustungen in Politik, Gesellschaft und Kultur erhoffte. Zeitungen und Zeitschriften, die immer zahlreicher, wenngleich oft kurzlebig und mit geringer Auflage erschienen, galten als vorzügliche Instrumente der auf bürgerliche Emanzipation und Partizipation gerichteten liberalen und republikanischen Bestrebungen. Betrachtet man die programmatischen Schriften von Ludwig Börne, Joseph Görres oder Heinrich Heine, den prominentesten Publizisten jener Zeit, findet man für die Notwendigkeit und die Aufgaben allgemeiner Publizität Begründungen, die – in abgewandelter Formulierung – auch heute noch in Urteilsbegründungen des Bundesverfassungsgerichts Platz finden könnten. Freilich gab es auch gegenläufige Stimmen, wie z. B. die von Friedrich von Gentz, der im Dienste von Metternichs Restaurationspolitik mit der Presse eine staatsgefährdende Gegenmacht aufziehen sah. – Insgesamt aber ist die Frühzeit dessen, was man den frühen Medienjournalismus nennen kann, geprägt von einer optimistischen Selbstlegitimation der Presse als konstitutives öffentliches Korrektiv gegenüber den herrschenden Strukturen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach der in Deutschland gescheiterten Revolution von 1848, wandelte sich das Bild. Einerseits wurde der publizistische Spielraum der Presse von der Politik repressiv verengt, andererseits boten technische Innovationen bei Herstellung und Vertrieb von Druckerzeugnissen neue Expansionsmöglichkeiten. Beide Faktoren führten dazu, dass die Presse zum einen ihre politisch-publizistischen Ambitionen reduzieren musste, und sich zum andern auf ein Massenpublikum einzustellen begann, das am ehesten durch weniger kontroverse, unterhaltsame Inhalte zu gewinnen war. Dieser Wandel hatte eine neue, zunehmend kulturkritische Betrachtung der Presse zur Folge, die sich vor allem aus bildungsbürgerlichen und daneben politisch-ökonomischen Quellen speiste.

Wesentliche Ansatzpunkte für eine skeptische bis negative Beurteilung der Zeitungen waren vor allem die ihnen zugeschriebene „Sprachverhunzung“ (Arthur Schopenhauer), der Mangel an Bildung und Sachkompetenz bei den sich rapide vermehrenden „Zeitungsschreibern“ (Friedrich Nietzsche) sowie die Bevorzugung banaler Inhalte, die mit der massenhaften Vermehrung und Verbreitung der Blätter einherging. Wachsende Rücksichten auf Auflagen und Anzeigen führten zudem zu einer Ökonomisierung, die die Presse zunehmend als bloßes „kapitalistisches Geschäft“ (Ferdinand von Lassalle) erscheinen ließ. Der ursprüngliche aufklärerische, dem Fortschritt verpflichtete Impuls, dem die Zeitungen und Zeitschriften Entstehung und Aufstieg verdankten, ging – von einigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen – in der (nunmehr häufig auch illustrierten) „Massen- und Geschäftspresse“ schrittweise verloren. Das Medium zeigte sich anfällig für seine kommerziellen Implikationen: Ihre politisch-gesellschaftlichen Ambitionen traten in den Hintergrund, ihre von den realen Problemen ablenkenden, bloß unterhaltenden Potenziale wurden dominant. Ein Beispiel für diesen Wandel waren Entstehung und Karriere der Feuilletons, einer eher literarischen als publizistischen Form des Journalismus, die – oft selbstverliebt, sentimental und unverbindlich – Allgemeinmenschliches kultivierte. Drastisch hat Karl Kraus – weit mehr als das, aber auch ein großer „Medienjournalist“! – in seinen pressekritischen Arbeiten diese Tendenzen angeprangert: „Ein Feuilleton schreiben heißt, auf einer Glatze Locken legen!“

Im Zuge des Ersten Weltkrieges und der anschließenden ideologischen Verwerfungen hat Kraus auch die manipulative Macht der Massenmedien vorausgesehen. Seine Befürchtungen wurden wenig später in der hemmungslosen Medienpropaganda der totalitären kommunistischen und nationalsozialistischen Systeme bestätigt, in denen sich die anti-aufklärerischen Möglichkeiten der Medien zeigten. Die Ambivalenz der Medien (in Struktur, Inhalten und Wirkungen) wurde seither zu einem zentralen Topos – auch des Medienjournalismus. Weitere Anstöße kamen aus einer systemkritisch orientierten Wissenschaft (z. B. Siegfried Kracauer, Theodor W. Adorno, Günther Anders, Neil Postman, Pierre Bourdieu), die die Medienkritik zu einer komplexen Kritik der „Mediengesellschaft“ ausweiteten.

Einen erheblichen Schub erhielt der Medienjournalismus durch die Einführung der elektronischen Ton- und Bild-Medien (in Deutschland: Hörfunk 1923, Fernsehen 1953). Ausgehend von der anfangs ebenso hypothetisch wie leidenschaftlich erörterten Grundsatzfrage, ob diese Medien kulturell, gesellschaftlich und politisch eher Nutzen oder Schaden stiften würden, begann in der Presse die journalistische Betrachtung der elektronischen Medien Wurzeln zu schlagen, fanden die in Deutschland schreibenden Journalisten der (privatwirtschaftlichen) Presse im (öffentlich-rechtlichen) Hörfunk und Fernsehen endlich ein tatsächliches Gegenüber, das dem eigenen Metier zwar teilweise verwandt, aber doch gänzlich anders war. Damit eröffnete sich ein attraktives journalistisches Arbeitsfeld, denn es galt neben den vertrauten auch neue Maßstäbe zu entwickeln und anzuwenden. Im Mittelpunkt des expandierenden Medienjournalismus standen zunächst die neuen Angebotsinhalte und -formen der elektronischen Medien, also deren „Programm“. Mit der Teil-Kommerzialisierung von Hörfunk und Fernsehen seit Beginn der 1980er Jahre kamen medienpolitische und medienökonomische Fragen hinzu; und letztlich haben zunehmende Globalisierungs- und Konzentrationstendenzen sowie multimediale Konzernbildungen bis hin zu Monopolen das Themenfeld des Medienjournalismus ausgeweitet und differenziert. Hervorzuheben ist auch, dass dieses breite Themenspektrum meist sowohl in nachrichtlichen Formen zur Information als auch in kommentierenden Formen zur Meinungsbildung der Leserschaft präsentiert wird – freilich mitunter begrenzt durch die jeweilige „Linie“ des Blattes oder kollegiale Rücksichten.

Insgesamt könnte man Entwicklung und Stand des Medienjournalismus in Deutschland als durchaus beachtlich bezeichnen – aber Vorsicht: Das hier skizzierte Bild gilt nur für (nationale wie regionale) Blätter mit Qualitätsanspruch und keineswegs für die periodischen Druckerzeugnisse insgesamt! Außer- und unterhalb der seriösen Presse gibt es ein großes Segment von bedrucktem Papier, für das die populären Medien und vor allem deren Personal kaum mehr sind als ein unerschöpflicher Fundus für eine Trivial-, Klatsch- und Skandalberichterstattung mit parasitären Zügen.


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