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Redaktion | 8. April 2010

Es ist still geworden

Bemerkungen zur gegenwärtigen Lage der Film- und Fernsehkritik

Von Karl Prümm

In den letzten Wochen war ein merkwürdiges Schauspiel zu besichtigen. Ende Januar war im Ullstein-Verlag ein „Roman“ mit einem unaussprechlichen Titel „Axolotl Roadkill“ erschienen. Schon vom Cover ließ sich ablesen, dass hier ein Produkt außerhalb aller gewohnten Ordnungen in den festgefügten Literaturbetrieb eingeschleust wurde: riesige Lettern, die auf eine Kunstwelt der Software und des Programmierens verweisen, und nur in kleinen unscheinbaren Buchstaben der Name einer völlig unbekannten Autorin: Helene Hegemann. Niemand konnte aber ahnen, dass sich hier ein Debakel der Kulturkritik anbahnte, bei dem beinahe alle Akteure schwer beschädigt wurden. Selbst die seriösen Medien stürzten sich auf diesen Text, unterliefen gar die Sperrfrist, übertrafen sich gegenseitig in ihren Elogen auf das 17-jährige Wunderkind der deutschen Literatur. Binnen weniger Wochen folgte dann aber die abrupte Wende, die ebenso wortreiche Skandalisierung der Hochgejubelten, als sich herausstellte, dass die „Autorin“ bloß als die Collagistin fremder Lebenswelten und Texte agiert und in Internetforen und Blogs gewildert hatte. An allen kontroversen Meinungen und Plagiatvorwürfen vorbei schießt der „Roman“ jedoch auf die ersten Plätze der Bestsellerlisten. Bereits nach vier Tagen war die 1. Auflage vergriffen. Ein noch nie dagewesener Medienhype bricht los. Das Thema beherrscht tagelang alle Feuilletons, die Late-Night-Shows reißen sich um Helene Hegemann. Wie man die „Affäre“ auch deutet, selbst die Prominenz der Literaturkritik machte dabei keine gute Figur. Sie verfehlte ihr Objekt durch falsche Zuschreibungen und überzogene Erwartungen, durch Fehleinschätzungen und Überforderungen, durch Maßlosigkeiten des Lobs und der Polemik. Deutlich wurde durch diesen bizarren Vorfall aber auch, wie sehr eine Kritik gebraucht wird, die das Gesamtphänomen diskursiv, mit kühlem Kopf und Distanz behandelt, die in der Lage ist, Intertextualität und Plagiat kulturgeschichtlich zu relativieren und die gleichzeitig im Auge hat, wie fundamental sich die medialen Bedingungen des Schreibens und des Lesens verändert haben.

Was für die Kulturkritik im Allgemeinen gilt für die Filmkritik im Besonderen. Auf den ersten Blick scheint hier alles in bester Ordnung zu sein. Man gewinnt den Eindruck, dass gerade diese Kritiksparte sich gegenwärtig keine Sorgen zu machen brauche. Filmkritiken sind in allen großen, überregionalen und regionalen Feuilletons an herausragender Stelle vertreten, über die wichtigsten Festivals wird ausführlich berichtet, exzellente Kritiker gibt es allenthalben. Und dennoch trifft die anhaltende Krise der Qualitätszeitungen auch die Filmkritik hart. Seit der Jahrtausendwende sind die Operationsmöglichkeiten so drastisch geschrumpft, dass von einer akuten Gefährdung des so traditionsreichen Modells „Feuilleton“ gesprochen werden muss. Es droht der Verlust jener ganz besonderen Kultur der intensiven, der argumentativen Auseinandersetzung, der stilistisch-geschliffenen, der formbewussten und literarischen Rede. Immer weniger Platz bleibt noch der Tageskritik. Sie muss verkürzen, ihren Gestus bis zur Unkenntlichkeit verändern, kann gar nicht mehr alle Filme berücksichtigen, die ihr wichtig sind. Gänzlich weggebrochen sind die Ressourcen einer audiovisuellen Filmkritik, das Fernsehen kümmert sich beinahe überhaupt nicht mehr um die aktuellen Entwicklungen des Nachbarmediums und beutet das Kino nur noch aus. Man lasse sich nicht durch die Tatsache täuschen, dass eine Sendung wie das „heute journal“ eine eigene Filmkritikerin beschäftigt. Was da als lockeres Appercu jeweils zum Ausklang geboten wird, wenn die Moderatoren sich ranschmeißerisch vor ihre gigantische, transversale Werkbank begeben, ist kaum mehr als harmlose Hofberichterstattung bei spektakulären Premieren. Filmkritik im eigentlichen Sinn haben alle ARD-Fernsehanstalten inzwischen aufgegeben, es gibt dafür keine Formate, keine Sendeplätze mehr. Immer wieder erstaunt es, wie wenig Präsenz und Entfaltungsmöglichkeit der Filmkritik in einer immerhin täglich ausgestrahlten 40-minütigen aktuellen Kultursendung wie „Kulturzeit“ auf 3sat zugebilligt werden. Im Vergleich mit der Literaturkritik, die durch ein Stammpersonal reichlich vertreten und immer wieder lange interviewt wird, verschwindet die Filmkritik im Beiläufigen und Anonymen, besitzt keine Stimme, kein Gesicht und kann so auch keine Zusammenhänge einbringen, keinen Faden der Erzählung spinnen, keine Chronik der Ereignisse etablieren.

Vielleicht ist die Filmkritik zu bescheiden geworden und verzichtet darauf, ihre Berücksichtigung, ihre Sichtbarkeit, ihre Repräsentanz in einer vom intellektuellen Milieu so hochgerühmten Fernsehsendung einzuklagen, als habe sie sich mit einem schleichenden Funktionswandel abgefunden. Schon lange ist erkennbar, dass die Filmkritik sich in einer gehobenen Verbraucherberatung zu erschöpfen droht. Populäre Filmzeitschriften wie „Cinema“ oder „TV Spielfilm“ funktionieren bereits vollkommen nach diesem Muster. Durch Genrezuweisungen und Punktsysteme, durch Markieren der bestimmenden Handlungselemente und durch plumpe Inhaltsangaben soll der Konsument in die Lage versetzt werden, seine individuellen Unterhaltungswünsche punktgenau erfüllen zu können. Selbst die wichtigste deutsche Filmzeitschrift „epd film“ hat ihre Redaktionspolitik auf diese Funktion abgestellt und bietet beinahe nur noch Vorkritiken der Filme, die ins Kino kommen. Statt der nachbereitenden, der nachhaltigen und nachwirkenden Kritik, wird die Filmrezension zur Entscheidungshilfe für den wöchentlichen Kinobesuch und ordnet sich den Werbe- und Marketingstrategien ein. Orientierung und Übersicht sind durchaus wichtige und legitime Funktionen, die Filmkritik zu erfüllen hat. Doch kann ambitionierte Filmkritik darin nicht aufgehen. Wichtiger und notwendiger ist demgegenüber eine Kritik, die nach vorne gerichtet ist, die Qualitäten begründet und einklagt, die zugleich mit einem historischen Gedächtnis operiert, die Traditionslinien sichtbar macht, an herausragende Oeuvres und Konzepte erinnert. Ganz im Zentrum des filmkritischen Schreibens sollte immer noch eine exemplarische Lektüre des filmischen „Textes“ sein, der genaue Blick auf die Oberfläche, auf Stil und Gestaltung und zugleich das Erfassen der Tiefenstruktur, das Sichtbarmachen der verborgenen Subtexte, das Aufzeigen von Referenzen und Bezugnahmen, so dass die eigene „Textverarbeitung“ des Zuschauers inspiriert wird.

Die in Bedrängnis geratene Filmkritik müsste eigentlich in dieser Situation mit einem Überschuss an Lebendigkeit und Phantasie reagieren. Vorherrschend ist jedoch eine reflexionslose Routine. Geht man die wichtigsten Filmzeitschriften durch, fällt auf, wie schematisch und austauschbar die Tageskritik angelegt ist: eine mehr oder weniger elegante Inhaltsangabe, ein oft nur flüchtig begründetes Geschmacksurteil, eine Schlusspointe, die das Ganze noch einmal herausreißen soll – kaum einmal ein eigener Blick, ein eigener Ton. Mit der Form der Kritik wird ganz selten experimentiert. So bleibt unerkundet, wie eine ambitionierte, dringender denn je benötigte Kritik jenseits des Feuilletons, in einer Kultur der Netzwerke und Foren aussehen könnte.

Kontroversen werden nicht mehr ausgetragen. Die letzte Grundsatzdebatte innerhalb der Filmkritik fand am Ende der 1980er Jahre statt, als eine junge, aufstrebende Generation von Kritikern Postmoderne und Poststrukturalismus als Befreiung von einengenden Paradigmen feierte und die ältere, etablierte, noch durch Ideologiekritik geprägte Generation auf stringente Wertungen, auf Literarizität, auf Systematik und Verantwortung gegenüber dem Leser beharrte. Seitdem wird in der Filmkritik nicht mehr gestritten – ein alarmierendes Zeichen für einen gravierenden Verlust an Vitalität. An kontroversen Themen und an elementaren Fragen fehlt es gewiss nicht: Welche theo­retischen Orientierungen bieten sich an, nachdem der Autorenfilm seine prägende Rolle als Denkmodell eingebüßt hat? Wie könnte ein analytisches Vokabular aussehen, das den rasanten Zirkulationsströmen des kinematographischen Bildes, das den vielfach gebrochenen neuen Konstellationen der Medien gewachsen wäre? Welche Rolle kann die Filmkritik im DVD-Geschäft spielen? Was kann sie der neuen Fülle an Paratexten, Audiokommentaren und Making ofs entgegenhalten?

Die unabsehbare Krise des Feuilletons trifft die aktuelle Fernsehkritik vielleicht noch unmittelbarer. Seit den späten 1990er Jahren hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter der redaktionellen Leitung von Michael Hanfeld ein spannendes, formenreiches Konzept einer täglichen Medienseite entwickelt mit einem dichten Ensemble von Meldungen, Glossen, Interviews und einer ausführlich-eindringlichen Kritik, in der eine Folge der „Tatort“-Reihe oder die einzelne Reportage oder Dokumentation phänomenologisch exakt und doch auch mit dem Mut zur Wertung thematisiert wurde. Der Beschnitt des Feuilletons, der in den letzten Jahren erfolgte, engt aber auch hier die redaktionellen Optionen empfindlich ein. Oft wird die Seite halbiert und ist daher in ihrem thematischen Spektrum und in ihrem journalistischen Formenreichtum arg reduziert.

Die „Süddeutsche Zeitung“, der Hauptkonkurrent im inzwischen verbissenen Konkurrenzkampf der „Qualitätszeitungen“, verfügt zwar ebenso über eine tägliche Medienseite. Doch hier ist auffällig, dass auf Einzelkritiken fast gänzlich verzichtet wird. Ab und an mal wird auf eine herausragende Sendung im Voraus hingewiesen, eine Nachkritik, eine vertiefende, auf das Programm zurückwirkende, das Programm fordernde Kritik ist aber nicht mehr vorhanden. Dieser Rückzug der ästhetischen Kritik ist folgenreich, denn der immer noch höchst bedeutsame Programmbereich der Fiktion bleibt sich selbst überlassen. Die Affäre um die wegen erwiesener Korruption und Vorteilsnahme entlassene Fernsehspielchefin des NDR Doris Heinze hat offenbart, dass die vielen Wohlfühlgeschichten, die mehr denn je den Alltag des Fernsehspiels bestimmen, die immer nach dem gleichen Muster gestrickten Heimatfilme und Familienkomödien zur besten Sendezeit ein eigenes, höchst problematisches Milieu der Macher und der Akteure hervorgebracht haben. Diese offenbar nie endende serielle Produktion des Seichten und des Anspruchslosen darf nicht unbehelligt bleiben, muss kontinuierlich und kritisch beäugt, kommentiert, mit möglichen Alternativen konfrontiert werden. Hier werden schließlich Millionensummen an Gebühren verpulvert. Gleiches gilt für die vielen Krimiformate, die sich monopolartig ausgebreitet haben, die sich monoton und stupide, mit verbrauchten Dramaturgien und Inszenierungsweisen weiterschreiben. Auch hier ist eine ästhetische Kritik unverzichtbar, die kontinuierlich beobachtet und im Interesse der Zuschauer eingreift, die Forderungen stellt. In diesen Feldern der Kritik ist es in den letzten Jahren viel zu still geworden.

Foto: imago/IP3press


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