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Redaktion | 15. Oktober 2006

Vom TV-Magazinfilm zum Fünf-Minuten-Kino

Was Fernsehjournalisten von Hollywood lernen können

Von Rebecca Gudisch

Foto: 20th Century Fox„Ein Fernsehjournalist ist nun einmal kein ‚Titanic‘-Regisseur.“ In diesem Punkt gibt wohl jeder Journalist dem Kameramann Peter Kerstan Recht, vor allem, wenn es um hintergründige Berichterstattung in Wirtschafts- oder Politikmagazinen geht. Fünf-Minuten-Filme über Steuerreform, Schmiergeldaffären und Währungsunion – das hört sich tatsächlich nicht gerade nach Hollywood an.

Und doch gibt es eine zentrale Frage, die sich sowohl jeder Hollywood-Regisseur als auch jeder Fernsehjournalist stellen muss: Wie schaffe ich es, den Zuschauer zu fesseln?

Genau diese Frage ist für Fernsehjournalisten – vor allem von vermeintlich „trockenen“ Wirtschafts- und Politikmagazinen – die Herausforderung, zumal meist weder ein Budget für teure Spezialeffekte noch Protagonisten wie Brad Pitt zur Verfügung stehen – stattdessen eine Reihe von komplexen, komplizierten und zum Teil auch sehr ab­strakten Sachverhalten. Der zentrale Punkt lautet also: Wie schaffe ich es, diese Themen so darzustellen, dass der Zuschauer gerne und gespannt hinschaut, sich emotional auf den Film einlässt und die Informationen versteht und behält?

Für Fiktion gibt es viele Ansätze, die sich damit beschäftigen, wie ein guter Film gemacht wird. Emotionen wecken, Geschichten erzählen, einen spannenden Plot schreiben, Dramaturgie schaffen sind Schlagworte, die dabei immer wieder auftauchen – und automatisch mit Phantasie und Fiktion verbunden werden.

Für den deutschen Journalismus gilt seit dem Zweiten Weltkrieg in Anlehnung an das angelsächsische Verständnis von Journalismus jedoch nicht nur eine strikte Trennung von Meinung und Fakten, sondern erst recht von Fakten und Fiktion. Journalismus soll schließlich vor allen Dingen glaubwürdig sein. Leider hat dies jedoch auch dazu geführt, dass der Gestaltung von Filmen und ihren psychologischen Wirkungsweisen in den Redaktionen wenig Beachtung geschenkt wurde und wird. Dramaturgie wird selbst heute leider von vielen immer noch als (unerwünschte) Manipulation angesehen.

Genau hier muss jedoch ein radikales Umdenken geschehen: Denn Dramaturgie läuft journalistischer Arbeitsweise nicht entgegen, sondern kann und muss unmittelbarer Teil von ihr sein – gerade dann lassen sich auch die Stärken des Fernsehens optimal nutzen.

„Für journalistische Filme, Hörfunkbeiträge und Sendungen ist Dramaturgie eine wesentliche Grundlage, damit sie im Sinne der Information wirken können“, so der Filmemacher und Autorentrainer Gregor Alexander Heussen, der für die Zentrale Fortbildungsstelle ZFP von ARD und ZDF genau diesen Gedanken in dramaturgischen Schulungen umsetzt.

Einen wichtigen Stellenwert räumt Heussen dabei – zu Recht – den Emotionen des Zuschauers ein: Sie sind nicht bloß ein lästiger Nebeneffekt, sondern Stärke des Fernsehens. Auch zeitkritische Magazinbeiträge können nicht auf sie verzichten. Statt sie verschämt hinter vorgehaltener Hand zu handeln, müssen Fernsehjournalisten offen und bewusst mit ihnen umgehen.

Damit ist jedoch nicht unangebrachtes „überemotionalisieren“ oder „auf die Tränendrüse drücken“ gemeint. Emotionen spielen vielmehr eine zentrale Rolle für das Verständnis: Nur solche Informationen, die mit Gefühlen verknüpft wahrgenommen werden, werden vom Zuschauer überhaupt verarbeitet und behalten.

Als ideale Kommunikationsformen haben sich dabei im Laufe der menschlichen Evolution Geschichten herausgestellt, die Informationen nach bestimmten Mustern strukturieren und eine emotionale Einbindung der Zuschauer und ‑hörer gewährleisten.

Ein guter Fernsehbeitrag sollte folgerichtig ebenso eine Geschichte erzählen, anstatt lediglich Inhalte aufzuzählen, wenn er effektiv sein will. Dramaturgisches Gestalten hat dabei nichts mit dramatisieren im Sinne von Übertreiben und privaten Boulevard-Magazinen zu tun. Vielmehr geht es darum, eine spannende Erzählstruktur von Themen herauszuarbeiten, so dass der Zuschauer dem Film aufmerksam und interessiert folgt.

Die Strukturierung des Stoffes mit einem Spannungsbogen aus Anfang, Aufbau eines Konfliktes, Höhe-/Wendepunkt und Auflösung, das verdichtende Darstellen der Figurenkonstellationen, das Anknüpfen an grundlegende menschliche Erfahrungen, das Zuspitzen von Gegensätzen oder gezielt eingesetzte Symbole sind dabei einige, auch für zeitkritische Magazinfilme wichtige dramaturgische Gestaltungsmöglichkeiten.

Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass ein Fernsehfilm gelingt. Macht sich der Autor jedoch über wichtige Punkte bereits während der Recherche Gedanken, sensibilisieren sie für die dramaturgische Gestaltung und geben Orientierung. Außerdem können sie als Werkzeug zur Verständigung in den Redaktionen und zwischen den einzelnen Teammitgliedern dienen. Natürlich dürfen solche Schemata kein steifes Korsett werden. Es geht nicht darum, vorhandenen Themen eine Struktur überzustülpen.

Wie ein komplexes Thema dramaturgisch umgesetzt werden kann, muss in jedem konkreten Fall neu entschieden werden. Zwar gelten dabei die gleichen dramaturgischen Grundsätze wie beim Kinofilm – doch im Gegensatz dazu müssen dramaturgische Strukturen gefunden statt erfunden werden. Die Fakten müssen dabei immer nachprüfbar sein; wichtige, der These widersprechende Aspekte dürfen nicht weggelassen werden. Genau das stellt die Herausforderung für die journalistische Arbeit an Magazinfilmen dar – und den Reiz.

Für die Zukunft ist es meiner Meinung nach dringend notwendig, dass Journalisten in den Redaktionen und Ausbildungseinrichtungen nicht nur in Recherche und inhaltlichen Thematiken, sondern vermehrt in dramaturgischer Gestaltung geschult werden. Ansätze wie die von Peter Kerstan oder Gregor Alexander Heussen sind dabei bereits auf dem richtigen Weg. Denn selbst der inhaltlich brillanteste Magazinfilm hat sein Ziel verfehlt – wenn er so langweilig gestaltet ist, dass er nicht verstanden, erinnert oder gar nicht erst angeschaut wird.

Foto: 20th Century Fox


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