Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 8. April 2010

Berichter oder Richter?

Eine Langzeitanalyse nimmt das Feuilleton in der Tagespresse in den Blick – und zeigt Entwicklungsperspektiven auf

Von Gunter Reus

Wie ein Findling liegt dieser französische Wortbrocken in der Presselandschaft: Feuilleton. Klingt ja schön, hat aber in einer Medienglitzerwelt, die ihre Bedeutsamkeiten gern in Rubriken wie „People“ oder „Society“ verkauft, auch etwas von gepuderter Perücke und Kniebundhosen, von Aufklärung und Enzyklopädie. Hat also vieles, aber bestimmt keine Zukunft.

Hat es doch. Das ehrwürdige, vor über 200 Jahren in Paris ins journalistische Taufregister eingetragene Ressort dürfte noch manche kreischende und zuckende Zeitgeistrubrik überleben. Zum gro­ßen Lamento jedenfalls, das Kulturjournalisten selbst (nicht ohne Koketterie) gerne anstimmen (vgl. Steinfeld 2004), besteht kein Anlass. Es wird eben nicht alles kürzer, seichter und beliebiger, wie manche immer wieder behaupten, und die Verlagsmanager opfern die Kulturseiten auch nicht skrupellos auf dem Altar der Ökonomie. Im Gegenteil. Eine Langzeitanalyse in Hannover (Reus/Harden 2005) konnte zeigen, dass die absolute Zahl der Feuilletonbeiträge in überregionalen und regionalen Zeitungen innerhalb von zwei Jahrzehnten um gut 60 Prozent zugenommen hat. Und nicht nur die Zahl der Berichte und Berichterstattungsanlässe hat zugelegt, sondern auch der Umfang der Artikel: Feuilletonbeiträge waren im Pressekrisenjahr 2003 in der „Frankfurter Allgemeinen“ und der „Süddeutschen Zeitung“ zusammen im Durchschnitt doppelt so groß wie 1983. Die Zahl der kurzen Meldungen ging dagegen deutlich zurück. Von „Häppchenjournalismus“ keine Spur.

Schon quantitativ erweist sich das Feuilleton also keineswegs als sterbende Spezies. Offensichtlich begreifen die Verleger, dass gerade in Deutschland das Kulturressort trotz mäßiger Leserzahlen ein Pres­tigeobjekt ist, das man den krisengebeutelten Zeitungen nicht ungestraft wegnehmen darf. Genau so formulierte es vor kurzem Uwe Heer, Chefredakteur der „Heilbronner Stimme“: „Wir kämen ja (…) nicht auf die Idee, den Kulturteil einzustellen, weil er womöglich weniger Leser als andere Ressorts hat.“ (zit. n. Karle 2009)

Im Vergleich zum Lokal- oder Politikteil sind die Leserzahlen in der Tat bescheiden. Doch ist dies nur ein schlechter Indikator dafür, wie sehr der Kulturjournalismus gesellschaftlich wahrgenommen oder gebraucht wird. Denn die „typischen“ Ressortnutzer sind Multiplikatoren: Als Lehrer oder Buchhändlerinnen tragen sie Feuilletoninhalte viel tiefer in die Bevölkerung hinein, als die bloße Quote verrät. Und die gar nicht so geringe Zahl kulturell aktiver Bürger hält mit erstaunlicher Treue an der Lokalzeitung als Informationsquelle für Kulturereignisse fest. Das konnten wir in Hannover sowohl für ein eher „bürgerliches“ Publikum von Theater- und Operngängern (Harden/Reus 2008) als auch für jüngere, unterhaltungsorientierte Kinobesucher (Harden/Reus 2007) nachweisen. Das Feuilleton der Lokalpresse als Nachrichtenlieferant war für diese befragten Teilpub­lika ungleich wichtiger als etwa Radio, Stadtmagazine oder Internet. Sie stellen ihm auch erstaunlich gute Noten aus und halten es für keineswegs so unverständlich, wie oft behauptet wird. Trotzdem besteht auch Anlass genug für kritische Fragen. Was wird im Feuilleton eigentlich verhandelt? Und deckt das die Interessen der Menschen wirklich ab?

Fraglos hat sich unser Kulturbegriff in den vergangenen Jahrzehnten stark erweitert. Und fraglos definieren sich Menschen heute intensiver als früher über die unterschiedlichsten kulturellen Gegenstände wie Musikhören, Tanzen, Kochen, Mode oder Design­objekte. Das weitet die Zuständigkeit des Kulturressorts und die potenziellen Ansprüche der Leser an das Ressort erheblich aus – bis hin zu nachgerade entgegengesetzten Erwartungen. So ergab unsere Befragung von Theater- und Kinogängern, dass Theaterbesucher vor allem „hochkulturelle“ Inhalte (Kunstthemen aller Art, Philosophie, Religion usw.) sowie Themen aus Wissenschaft oder Geschichte vom Feuilleton einfordern. Kinogänger dagegen möchten dort überdurchschnittlich viel zum Beispiel über Kino, U-Musik, Medien, Mode oder Wohnen lesen.

Da beide Teilgruppen durchaus an der Lokalzeitung und ihrem Kulturteil festhalten, kann das Gebot für die Redaktionen nur „Pluralismus“ lauten. Der Zeitungsteil mit dem Label „Feuilleton“ oder „Kultur“ muss sich öffnen für alltagskulturelle Inhalte, die der Lebenswelt der Leserschaft entsprechen.

Diese Einsicht setzt sich auch durch – allerdings langsam. Mit unserer Längsschnittanalyse konnten wir belegen, dass die Dominanz der herkömmlichen Kunstthemen im Ressort Feuilleton in absoluten Fallzahlen fortbesteht, relativ aber zurückgegangen ist. Stark zugenommen haben dagegen von 1983 bis 2003 Themen der politischen Kultur. Und innerhalb des klassischen Kunstthemas „Musik“ hat unübersehbar ein Perspektivenwechsel von der klassischen Konzertszene hin zu Popmusik stattgefunden. Kaum Veränderungen waren dagegen bei alltagskulturellen Themen wie Essen und Trinken, Mode, Design etc. festzustellen – sie bleiben im Feuilleton marginal.

Wo suchen Redaktionen Kultur? Natürlich müssen lokale Zeitungen lokale Ereignisse abdecken, also auch Vernissagen, Premieren und Gastspiele. In dieser Terminberichterstattung steckt aber nicht nur der Teufel des „Gefälligkeitsjournalismus“. (Inhaltsanalysen haben wiederholt gezeigt, dass Lokalzeitungen mit örtlichen Künstlern weit liebenswürdiger umgehen als etwa von außen anreisende Kritiker). Sie führt auch zu Routinen und dazu, Kultur bloß als eine Abfolge von (in der Regel künstlerischen) Einzelereignissen, nicht aber als gesellschaftlichen Prozess zu begreifen.

Das lässt sich leicht an den journalistischen Genres im Feuilleton ablesen. Nach wie vor beherrschen hier die Rezension und ähnliche Formen (Veranstaltungsbericht, Tipp) auf der einen sowie Meldungen auf der anderen Seite das Terrain. Der Anteil der Rezensionen an allen Darstellungsformen nimmt tendenziell sogar zu – auch wenn Feuilletonisten selbst nicht müde werden, das „Ende der Kritik“ zu beschwören. Nahezu bedeutungslos bleiben hingegen weiterhin jene Textsorten, mit denen über Einzelereignisse hinaus kulturellen Strömungen kritisch und/oder unterhaltsam nachgepürt werden könnte, wie Reportage, Feature, Essay, Glosse oder Kommentar.

Kein Zweifel – Rezensionen gehören zum Traditionsbestand des Feuilletons wie Spielberichte zum Sportteil. Die Forderung, sie aus dem Kulturteil zu verbannen, wäre absurd. Leser wollen Rezensionen, aber sie wollen nach den Ergebnissen unserer Befragungen insgesamt auch mehr Formenvielfalt im Feuilleton. Aus der Monokultur des Veranstaltungsjournalismus muss das Ressort also dringend herausfinden, will es für Kultur insgesamt zuständig bleiben.

Wenn Journalisten rezensieren, dann allerdings sollten sie sich darüber im Klaren sein, dass die Zeiten des Kunstrichtertums vorbei sind. Das Publikum ist mündiger geworden, und es erwartet vom Kritiker tendenziell mehr Information als Bewertung. Die knapp 1200 in Hannover befragten Theater- und Opernbesucher nannten als wichtigstes Motiv für die Lektüre von Rezensionen „Weil ich tiefer gehende Informationen über Aufführungen möchte“ (durchschnittlich 1,8 auf einer Skala von 1 = „stimme voll zu“ bis 5 = „stimme gar nicht zu“). Deutlich schwächer war das Motiv „Weil ich die Meinung anderer kennenlernen möchte“ (durchschnittlich 2,4).

Noch klarer ist dieser Trend bei so genannter U-Kultur: Je mehr sich ein Publikum als kompetent empfindet, je mehr es sich zum Beispiel in der Kino- oder Popszene selbst auskennt, desto weniger braucht es den Rat allwissender Kritikerexperten. Patrick Rössler hat dies vor einigen Jahren in einer Parallelbefragung von 150 Filmkritikern und 225 Kinobesuchern in Stuttgart zeigen können (Rössler 1997). Während 73 Prozent der Kinogänger Informationen über den Filminhalt in einer Rezension als „sehr wichtig“ einstuften, aber nur zehn Prozent auf die Bewertung des Films Wert legten, schätzten die Kritiker die Relevanz ihres Tuns ganz anders ein: 79 Prozent hielten die Bewertung eines Films für „unbedingt notwendig“.

Für ein modernes Feuilleton, das nicht alles kürzer, gefälliger und beliebiger macht, das als etwas Eigenes und Besonderes in der Glitzerwelt der Medien bestehen will, das aber sein Publikum durch Form und Vielfalt auch besser an Kultur heranführt und sich mehr als Berichter denn als Richter versteht – für ein solches Feuilleton gibt es also eine Zukunft. Und noch viel zu tun.

Literatur:

Foto: Jan Söfner


2 Responses to “Berichter oder Richter?”

  1. Kulturjournalismus, Journalismuskultur | lookingintomedia Says:
    März 1st, 2011 at 3:57 pm

    […] alle souverän zu beherrschen, auch damit keine Monotonie entsteht (vgl. den Beitrag von Gunter Reus). Journalistische Kultur beschränkt sich aber nicht darauf, die professionellen Standards zu […]

  2. medienMITTWEIDA ::: Artikel » Die Zukunft des Kulturjournalisten Says:
    März 13th, 2012 at 7:00 am

    […] jedoch nicht bestätigen. Der Kultur- und Medienwissenschaftler Gunter Reus hat in seinen Untersuchungen vielmehr das genaue Gegenteil festgestellt. Die Anzahl der Feuilletonbeiträge in überregionalen […]

Comments