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Redaktion | 15. Oktober 2006

Quadratur des Kreises

poettker_web1.jpgJournalismus ist an sich schon ein Ding der Unmöglichkeit. Das Individuum braucht ihn, um Neuigkeiten zu erfahren. Die Psyche des Menschen ist aber so beschaffen, dass er am liebsten von Dingen liest oder hört, die er schon kennt und glaubt, um mit sich selbst in Einklang zu bleiben. Alle journalistischen Arbeitstechniken sind dazu da, die­se Barriere zu überwinden. Hier und da ist dieses Bemühen erfolgreich. Im Großen und Ganzen scheitert es aber an der menschlichen Natur.

Dass Journalismus eigentlich unmöglich ist, hat noch einen weiteren Grund. Die Gesellschaft braucht den Journalismus, damit sie sich über ihre Probleme klar werden kann. Aufgabe des Journalismus ist deshalb, für Öffentlichkeit im Sinne von Unbeschränktheit der gesellschaftlichen Kommunikation zu sorgen. Damit die Gesellschaft sich darauf verlassen kann, dass dies geschieht, hat der Journalismus eigene Verhaltensregeln entwickelt, die seine Unabhängigkeit sichern sollen. Die Grenzen, die den Journalismus von seiner sozialen Umwelt trennen, sind aber gleichzeitig neue Kommunikationsbarrieren. Die Professionalisierung des Journalismus trägt das Scheitern an der Aufgabe Öffentlichkeit bereits in sich.

Beim Medienjournalismus potenzieren sich diese Probleme. Er kommt einer Quadratur des Kreises gleich, weil es den Reflex zur Selbstbestätigung natürlich auch in den Medien gibt, weshalb der Journalismus sich nicht als Gegenstand eignet, um von einem unabhängigen Journalismus transparent gemacht zu werden. Um einerseits Selbstverletzungen, andererseits den Eindruck von Kritiklosigkeit und Eigenlob zu vermeiden, war es im professionellen Journalismus lange tabu, sich mit den Medien zu befassen. Die scheinbar noble Scheu, das Wörtchen „ich“ zu verwenden, ist traditioneller Ausdruck dieser Selbstumgehungstendenz. Nimmt man diese Begründung ernst, dürfte der Journalismus sich freilich nie mit sich selbst befassen, was mit der in die Aufgabe Öffentlichkeit eingeschlossenen Pflicht zu umfassender Berichterstattung kollidierte.

Stephan Weichert analysiert in seinem Beitrag fünf Dimensionen des Dilemmas, das er die „Selbstbeobachtungsfalle“ des Medienjournalismus nennt. Die Frage, wie sich die­se Falle umgehen lässt, ist kaum zu beantworten. Denn die Angst, sich mit kritischer Selbstbefassung den Vorwurf der Nestbeschmutzung von Kollegen einzuhandeln, ist keine individuelle Schwäche, sondern ein strukturelles Problem. Dass man aus sich selbst heraus nicht den Abstand zur eigenen Person finden kann, der für tiefe Selbsterkenntnis notwendig ist, sondern dazu des Gesprächs mit mindestens einer anderen, außenstehenden Person bedarf, ist eine Binsenweisheit der Psychoanalyse. Sie lässt sich auf vieles übertragen, auch auf die Thematik dieser „JoJo“-Ausgabe. Medienjournalismus, der der Profession immanent bleiben, gleichzeitig aber unbefangen und kritisch sein will, ist erst recht ein Ding der Unmöglichkeit.

Sollten wir also auf Medienjournalismus lieber verzichten, vielleicht auch wegen der Befürchtung, dass er zum Selbstbetrug wird? Diese prinzipielle Schlussfolgerung ist möglich. Doch jenseits des prinzipiellen Dilemmas, in dem die Medienberichterstattung steckt, lassen sich hilfreiche Umstände, Faktoren und Regeln ausmachen, die dem Gegenstand Journalismus zwar nicht zu völliger Transparenz, aber doch zu mehr Öffentlichkeit verhelfen können. Einige davon seien genannt:

Von der Psychoanalyse lässt sich lernen, dass Medienjournalismus Kommunikationspartner jenseits der Medienbranche braucht, die ihn ohne professionelle Borniertheit von außen beobachten. Solche Partner können etwa die Kommunikationswissenschaft, neuerdings die Medienblogger-Szene und sogar – horribile dictu – die Politik und der Staat sein. Problematisch ist nicht, ob sie etwas vom Journalismus verstehen, sondern wie der Journalismus mit ihnen umgeht, ob er es schafft, sich ihnen trotz der Professionalitätsbarriere zu öffnen. Der Deutsche Presserat, der auf einer Definition von Selbstkontrolle besteht, bei der die Print-Branche ganz unter sich bleibt, aber auch das Netzwerk Recherche, das stark auf innerprofessionelle Geschlossenheit setzt, schaffen das offenbar nicht.

Zweitens ist ein Umstand zu nennen, der als produktive Kehrseite des Selbstbezüglichkeitsproblems betrachtet werden kann: Journalisten, die sich mit Journalismus befassen, sind von vornherein mit ihrem Gegenstand vertraut. Was bei anderen Themen einen enormen Aufwand an Recherche und Empathie erfordert, vollzieht sich beim Medienjournalismus sozusagen von selbst. Medienjournalisten kennen ihren Gegenstand aus dem Effeff. Sie sind bei dieser Thematik per se teilnehmende Beobachter und müssen sich nicht erst in die Sache hineinleben, die sie vermitteln wollen. Das verringert das Risiko von Fehldeutungen.

Drittens macht es Mut, sich international umzuschauen und zu entdecken, dass es Länder gibt, in denen Medienjournalismus mehr Tradition hat und besser funktioniert als bei uns. Susanne Fengler zeigt, dass in den USA durchaus möglich ist, was aus systemtheoretischer Perspektive oft für unmöglich gehalten wird: dass starke Persönlichkeiten wie David Shaw sogar dann noch das eigene Medienhaus kritisieren, wenn sie damit rechnen müssen, dafür von Kollegen geschnitten zu werden. Matthias Karmasin hat allerdings Recht mit seinem Hinweis: Auch charakterstarke Medienjournalisten müssen sich auf institutionalisierte Normen berufen können, die ihre Unabhängigkeit zwar nicht sichern, aber immerhin deklarieren. Ob Medienjournalismus trotz seiner prinzipiellen Unmöglichkeit realiter praktiziert werden kann, ist nicht zuletzt eine Frage des kulturellen Kontextes. In den angelsächsischen Ländern mit ihrer langen Tradition der Pressefreiheit sind die Bedingungen besonders vorteilhaft.

Der vierte günstige Faktor ist das Maß, in dem ein Mediensystem ökonomischen und publizistischen Wettbewerb zulässt. Das Problem der durch Selbstbefassung hervorgerufenen Distanzlosigkeit wird in pluralistischen Mediensystemen ja dadurch gemildert, dass es durchaus im Interesse eines Medienhauses sein kann, den Konkurrenten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Allerdings wäre es Augenwischerei, dies für eine grundsätzliche Lösung des Problems zu halten. Denn gerade die besonders problematischen Seiten des Journalismus, die er quer durch alle Medien zeigt, beispielsweise die Orientierung an Nachrichtenfaktoren wie Prominenz und Sensation, werden infolge intermedialer Konkurrenz ja eher praktiziert als öffentlich zur Debatte gestellt. Trotzdem: Wer Medienjournalismus fördern will, sollte dafür sorgen, dass die Vielfalt des Mediensystems erhalten bleibt.

Das „Journalistik Journal“ wagt sich seit einem Jahrzehnt an die unlösbare Aufgabe Medienjournalismus. Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass wir einerseits aus einem Universitätsinstitut kommen, in dem andererseits Journalisten ausgebildet werden. Man kann also sagen, dass wir mit einem Bein in der Profession stehen, um mit ihr vertraut zu sein, mit dem anderen aber außerhalb, um sie auch kritisieren zu können. Letzteres unterscheidet uns vom Deutschen Presserat und vom Netzwerk Recherche. Wie diesen beiden Institutionen fehlt auch uns allerdings der öffentlichkeitsfreundliche Kulturhintergrund, der den US-amerikanischen Medienjournalismus stützt. Der muss sich erst noch (weiter) entwickeln.

Unser Problem war bisher, dass wir als zwei Mal im Jahr erscheinende Zeitschrift nicht aktuell sein konnten. Das ändert sich jetzt, denn Ende 2006 werden wir mit dem Online-Magazin „Medien Monitor“ ins Netz gehen, das wir in Zukunft als multimediale Erweiterung des „Journalistik Journals“ anbieten. Unter der Web-Adresse http://www.medien-monitor.com können Sie sich ein Bild davon machen, wie wir weiter an der Quadratur des Kreises arbeiten.

Ihr Horst Pöttker


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