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Redaktion | 8. April 2010

Ein kurzes Briefing zum Kulturjournalismus

Wie die Netzkultur die Berichterstatter dazu bringt, ihr Tun zu reflektieren und neu zu erfinden

Von Stephan Porombka

Im Januar hat die „Spex“, das Magazin für Popkultur, die traditionelle Plattenkritik abgeschafft. Der „Spex“-Chefredakteur hatte dafür eine schlichte Begründung: Bislang wurde der Kritiker damit belastet, „die alleingültige Meinung zu einer Veröffentlichung zu liefern“. Das aber will man den Autoren nicht länger zumuten. Nun wird gedruckt, was die Macher des Magazins „Pop-Briefing“ nennen. Hier schreiben die Autoren kürzer, pointierter, und sie schreiben subjektiver. Das dürfen sie, weil zur gleichen Zeit andere Autoren in ihrem eigenen Pop-Briefing über denselben Gegenstand schreiben. Von der Simulation „alleingültiger Meinung“ wird hier auf Mehrstimmigkeit umgestellt. Statt Autokratie wird Polyphonie inszeniert. Statt hierarchisch zu ordnen, wird ein Nebeneinander präsentiert, aus dem die Leser wählen können, was ihnen am besten passt. Oder sie können aus allen Briefings Tendenzen ableiten, die sich statistisch einer allgemeingültigen Gesamtmeinung annähern lassen.

Man hat es hier mit der Übernahme eines Formats zu tun, das im und für das Internet entwickelt worden ist und das Bild von dem geprägt hat, was „Web 2.0“ genannt wird. Angelehnt sind die Briefings an die „personal blogs“, in denen die Autoren die Kultur der Gegenwart in Echtzeit beobachten. Und weil sie zugleich von der Wirkung des Beobachteten an sich selbst berichten, sind sie das Medium, an dem sie die Gegenwartskultur ausprobieren. Das tun sie nicht mit dem Anspruch, allgemeingültige Einschätzungen zu liefern. Jeder Blogger weiß, dass der Eintrag in das Online-Journal nicht nur neben unzähligen anderen Einträgen in unzähligen anderen Blogs steht, sondern mit diesen anderen Einträgen und Blogs auch vernetzt ist: Hier spricht zwar jeder für sich allein, aber immer schon im – keineswegs unglücklichen – Bewusstsein, mit der eigenen Stimme etwas zu einem großen Stimmengewirr beizutragen.

Es scheint paradox, dass dieses Format, dessen Konjunktur von einer emphatischen Abkehr von den Zwängen des Print-Journalismus befördert worden ist, nun auch seinen Weg in die gedruckten Blätter findet. Auf ganzer Breite haben die Blogs die Netzseiten der Papierzeitungen und -magazine erobert. Es gibt kaum eine Onlineredaktion, die sich nicht mindestens einen Blogger hält. Große Zeitungen lassen bis zu zwanzig Blogger gleichzeitig schreiben. Dass die mittlerweile nicht nur im Netz publizieren, sondern auch für die Printausgaben schreiben, zeigt nicht nur, welch großen Erfolg die Blogs bei der Leserfindung und Leserbindung haben. Es zeigt auch, dass das World Wide Web längst zum Experimentierraum für die neuen Formen des Journalismus geworden ist – und damit zum Labor, in dem an der Transformation der alten journalistischen Formen gearbeitet wird.

Auch wenn es unter arrivierten Kritikern in den Feuilletons und Kul­turteilen hämische Reaktionen auf den Formatwechsel bei „Spex“ gegeben hat und der Niedergang des Kulturjournalismus und der journalis­tischen Kultur beschworen worden ist, kommt man doch nicht umhin festzustellen: Die Magazin-Macher folgen nur den Prinzipien, die dem Kulturjournalismus von Beginn an eingeschrieben waren und eingeschrieben sind. Vor allem im Bereich des Kulturjournalismus haben sich die Formen entwickelt, die sich am radikalsten auf Gegenwartskultur einlassen. Während das klassische journalistische Regularium darauf angelegt ist, die Gegenwart mit der größtmöglichen objektiven Distanz zu beobachten und den Leser möglichst wertfrei zu informieren, lassen sich die kulturjournalistischen Formen intensiver auf ihre Gegenstände ein: Sei es mit der Reportage, die ihre Faszinationskraft aus dem individuellen Erleben des Reporters zieht; sei es mit dem Porträt, das von der unmittelbaren, persönlichen Begegnung Auskunft gibt; sei es mit dem Format des Feuilletons, das seinen Ausgang von einer unmittelbaren Erfahrung zumeist der Alltagskultur nimmt und vorführt, wie sich der Autor diese Erfahrung durch den Kopf gehen lässt; sei es mit der Literaturkritik, Theaterkritik, Kunstkritik oder Musikkritik, die alle davon leben, dass sich der Kritiker seinem Gegenstand nähert, ihn durchdringt, sich von ihm durchdringen lässt und ihn durch den eigenen Zugriff hindurch objektiviert; und seien es die unzähligen kleinen Formen – die Glosse, der Kommentar, die Kolumne –, die gerade deshalb faszinieren, weil die Autoren in ihnen und mit ihnen ihren ganz speziellen, eigenen, individuellen, pointierten Zugriff auf Welt vorführen. Was für diese Formen und Formate im Kleinen gilt, gilt bekanntlich für die Feuilletons und Kulturteile im Großen und Ganzen: Sie unterscheiden sich von allen anderen Teilen der Zeitung dadurch, dass alle Themen der Gegenwart, die an anderer Stelle zum Schein objektiviert werden, hier noch einmal ganz anders, nämlich viel unmittelbarer reflektiert und individueller pointiert werden.

Diese Reflexion richten die kulturjournalistischen Formate auch auf sich selbst. Sie sind darauf angelegt, innerhalb der Kultur auch die Kultur des Journalismus und damit den eigenen Status zu beobachten. Nirgendwo sonst ist so offensiv, so intellektuell und zuweilen so witzig mit den Grundbedingungen der journalistischen Konstruktion von Welt experimentiert worden. Mit jedem dieser Experimente wird signalisiert, dass man, statt objektiv Bericht zu erstatten, der Objektivität der Kultur nachspüren und sie dabei zugleich herstellen muss. Kulturjournalistische Texte markieren deshalb ihre Standpunkte der Beobachtung als Zwischenstände. Sie bieten Zwischenergebnisse, die der weiteren Diskussion bedürfen. Selbst dort, wo in Kritiken die schärfsten Urteile gesprochen und in Glossen die ätzendsten Polemiken formuliert werden, lebt der Kulturjournalismus von dem Bewusstsein, keine letzten Worte zu sprechen, sondern die Kultur zu dynamisieren.

Das alles wird in kulturjournalistischen Formaten mit dem Einsatz von literarischen Mitteln geleistet. Sie signalisieren, dass man sich dem jeweiligen Gegenstand zwar spielerisch anverwandelt, ihn aber dennoch nicht abschließend begreift. Deshalb liegt auch das Wie ihres Einsatzes nicht fest. Es gibt keine Regeln, mit denen bestimmt wird, wie viel „Ich“ in einer Kritik vorkommen darf, wie ein Erzählbogen gespannt werden kann, wie mit Ironie, Lakonie, Zynismus, Understatement, Übertreibung umgegangen wird. Es gibt nur Spielarten als Stilarten, mit denen einzelne Autoren, aber auch ganze Kulturteile ihr eigenes Profil ausbilden.

Diese Stellung zum Gegenstand und die Flexibilität der formalen und sprachlichen Ausgestaltung haben zur Folge, dass im Kulturjournalismus immer wieder intensiv mit der Neuentwicklung von Formaten experimentiert wird. Der Feuilletonismus und der Reportagekult der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, der New Journalism der 60er Jahre, der Popjournalismus der 90er Jahre – das sind nur drei der Labore, in denen die Praxis des Journalismus reflektiert und weiterentwickelt worden ist. Im ersten Labor wurde die Massenmedialisierung der Kultur durch die Zeitung reflektiert, im zweiten die Elektrifizierung der Kultur durch Radio, Fernsehen und Popmusik, im dritten die Enthierarchisierung und Dynamisierung der Welt durch Digitalisierung und Vernetzung.

Das nächste Labor hat sich im Web 2.0 etabliert. Wenn von dort die Blogformate für die gedruckten Zeitungen und Magazine übernommen werden, dann ist das also kein Zufall. Es ist ein Ausprobieren von dem, was im Netz entwickelt worden ist. Es ist eine teilnehmende Kulturbeob­achtung, die auf die Teilnahme nicht verzichten und sich auf die neuen Gegebenheiten einlassen will, um zu erkunden, was unter den neuen Bedingungen möglich ist. Formelhafter: Es ist das, was den Kulturjournalismus im Kern definiert.

Dass der Kulturjournalismus wie der Journalismus überhaupt in der Netzkultur oberflächlicher wird, dass er Unwichtiges vom Wesentlichen nicht zu unterscheiden weiß, dass er zu sehr aufs Gerede der Vielen setzt, dass er sich zu sehr auf die Gegenwart konzentriert und einer kulturellen Entwicklung hingibt, der man doch eigentlich widerstehen sollte – diese Vorwürfe wird man dabei aushalten müssen. Richtig schwer dürfte das allerdings nicht sein. Denn zum einen begleiten genau diese Vorwürfe die Entwicklung des Journalismus, vor allem die des Kulturjournalismus von Anfang an. Zum anderen hat der Kulturjournalismus genau diese Vorwürfe operationalisiert: Er beobachtet eine Kultur, die gerade durch die Etablierung journalistischer Massenmedien von Tiefe auf Oberfläche, von Bleibendem auf Flüchtiges, von Vergangenheit auf Gegenwart umgestellt hat. Und er nimmt an dieser Kultur teil, indem er diese Entwicklung befördert und zugleich reflektiert. Wenn man nach der kritischen Leistung des Kulturjournalismus fragt, dann liegt sie folgerichtig nicht in dem, was man lange Zeit vermutet hat: dass er die Kultur der Gegenwart von außen kritisiert. Im Gegenteil besteht seine kritische Leistung darin, mit Formen zu arbeiten, die die Kultur der Gegenwart nicht verlassen wollen, sondern sich auf sie einlassen, um sie in Bewegung zu halten.

Das mögen große Worte für kleine Formen sein. Doch sollen sie davor schützen, den Kulturjournalismus mit einem bestimmten Format zu verwechseln – etwa mit der großen Kritik oder der großen Reportage. Und sie sollen davor schützen, immer dann, wenn die Formate sich verändern, nur Verfall und Niedergang zu beklagen. Der Kulturjournalismus ist vielmehr darauf angelegt, Veränderungen mitzumachen, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben und mitzuspielen. Seine eigentliche Kraft liegt in der Operationalisierung der Überzeugung, Kultur sei als fortlaufendes Experiment zu verstehen, an dem man selbst teilnimmt und aus dem man sich deshalb weder raushalten kann noch will. Ob das gelingt oder nicht, darüber kann man dann ja morgen schreiben – in einem anderen Format.

Foto: bna/photocase.com


One Response to “Ein kurzes Briefing zum Kulturjournalismus”

  1. Das Ende der Plattenkritik? | michaelschmid.at Says:
    Juli 12th, 2010 at 3:44 pm

    […] die Wissenschaft kümmert sich mittlerweile um die “Pop Briefings”. Ruedi Widmer erzählt in der NZZ von den Forschungsergebnissen im Journalistik Journal der Universität […]

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