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Redaktion | 8. April 2010

Kultur als zentrale Bezugsgröße

Eine kulturorientierte Journalismusforschung öffnet den Horizont für eine Reihe neuer Fragen

Von Margreth Lünenborg

Kultur hat Konjunktur. Ob in den Kulturwissenschaften, bei der Analyse der politischen Kommunikationskultur oder historischer Kulturgeschichte – der Fokus auf die kulturelle Dimension gesellschaftlichen Handelns gewinnt an Bedeutung. Bei der Erforschung von Journalismus scheint dieser „cultural turn“ mit deutlichem Zeitverzug gegenüber dem englischsprachigen Raum zunehmend auch in Deutschland an Boden zu gewinnen. Die Verortung des Dortmunder Instituts für Journalistik am Fachbereich Kulturwissenschaften mag als Indikator für diesen Blickwechsel verstanden werden.

Was bedeutet es, wenn man Journalismus als „kulturellen Prozess“ (Lünenborg 2005), als „kulturellen Diskurs“ (Renger 2004) oder im „Paradigma Kultur“ (Klaus 2004) betrachtet? Ist es mehr als sprachliche Spitzfindigkeit? Was lässt sich mit dem Begriff ‚Kultur’ tatsächlich (er)klären? Einerseits ermöglicht er vielfältige semantische Nuancierungen, zugleich verbleibt er in gnadenloser Unschärfe, die empirische Prüfungen erschwert.

Die Erkenntnis, dass Journalismus kein ‚Transportmedium’ ist, gilt in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung bereits spätestens seit den 1990er Jahren als ‚common sense‘. Journalismus transportiert keine Informationen, er bildet keine Realität ab – vielmehr gestaltet und erschafft Journalismus eine eigene Medienwirklichkeit, die nach den überprüfbaren Regeln der Profession entsteht. Ein solchermaßen konstruktivistisches Verständnis von Journalismus wird in der kulturorientierten Forschung weiterentwickelt.

Mit ‚Kultur‘ als zentraler Bezugsgröße journalistischer Leistung kann es gelingen, die gesellschaftliche Kontextuierung von Journalismus zu erfassen, ohne dabei die handelnden Akteure und Akteurinnen aus dem Blick zu verlieren. Es ermöglicht eine handlungstheoretische Orientierung, die nicht auf der Ebene des individuellen Subjekts stehen bleibt. Das von den Cultural Studies geprägte Kulturverständnis beschreibt eine spezifische, historisch und gesellschaftlich verortete Ausdrucks- und Lebensweise. Es geht damit über ein rein anthropologisches Verständnis von Kultur hinaus und umfasst materielle, also ökonomische und strukturelle Dimensionen. In diesem Sinne werden Medien, und hier insbesondere journalistische Medienangebote, als spezifische kulturelle Ausdrucksweise verstanden.

Der hier zu Grunde liegende Kulturbegriff ist bewusst nicht normativ und bewusst offen angelegt. Es geht dabei also nicht speziell um jene journalistischen Produkte, die als ‚künstlerische’ Leistungen den Status der journalistischen Tagesproduktion überwunden haben und als literarisch geadelt zwischen Buchdeckeln dem allzu schnellen zeitlichen Verfall entzogen werden. Von Interesse sind gleichermaßen triviale und boulevardeske Formen des Journalismus. Im Sinne Bourdieus gilt es zu erkennen, dass die dichotome Unterscheidung von E- und U-Kultur – hier von Qualitäts- und Boulevardjournalismus – ein zentraler Bestandteil der Verhandlung kulturellen Kapitals in der Gesellschaft ist. Wissenschaft, die sich auf die Analyse so genannter Qualitätsmedien beschränkt (wie es in der Mehrzahl kommunikationswissenschaftlicher Abschlussarbeiten bspw. geschieht), reproduziert diese hierarchische Struktur, mit der unter Rückgriff auf gesellschaftliche Eliten festgelegt wird, was als wichtig zu gelten hat und was als trivial.

Die Cultural Studies haben in ihrer britischen Tradition subkulturellen Ausdrucksformen und alltagsweltlichen Artikulationsweisen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Angewandt auf die Medien gewinnen damit populärkulturelle Angebote und Formate verstärkte Aufmerksamkeit – eine Verschiebung, die für die Journalistik grundsätzliche Folgen hat. Boulevardzeitungen gehören damit gleichwertig in den Forschungskorpus (dafür müssen sie zuerst einmal in wissenschaftlichen Bib­liotheken gleichermaßen verfügbar sein) wie hybride Formate des Reality TV. Populärkultur ist in der Mediengesellschaft zur basalen kulturellen Ausdrucksform geworden. Sie zu erkennen und zu verstehen, ist legitimes und notwendiges Interesse auch von wissenschaftlichen Bemühungen.

Ob es um die öffentliche Wahrnehmung des (Fehl-)Verhaltens der Bischöfin Käßmann geht oder um die öffentliche Verhandlung der Lebenswirklichkeit von Hartz-IV-Empfängern – stets handelt sich um medial kommunizierte, kulturelle Ausdrucksformen. Bezogen auf diese Beispiele ist es primär der Journalismus, der solche Ausdrucksformen entwirft und kommuniziert. Er liefert damit Deutungen von Ereignissen, kontextuiert Geschehenes und weist ihm damit gesellschaftlichen Sinn und Bedeutung zu. Der britische Kommunikationswissenschaftler John Hartley bezeichnet in diesem Sinne Journalismus als „the most important signifying system of modernity“.

Ist es nun ein primär sozialwissenschaftliches oder primär kulturwissenschaftliches Herangehen, das es ermöglicht, dieses Bedeutungssystem zu verstehen? Bedarf es also primär empirisch messender Verfahren, um die Wirklichkeit zu beschreiben, oder hermeneutisch interpretativer Verfahren, um gesellschaftliche Wirklichkeit zu verstehen?

Wird die Frage in dieser Weise als Alternative formuliert, so erzwingt sie eine Entscheidung, die zu einer sehr deutschen Entwicklung der Disziplin(en) geführt hat. Die Konkurrenz um die ‚richtige’ Analyse von Medien oder Journalismus ist im deutschsprachigen Raum vorrangig geprägt von einer Abgrenzung der sozialwissenschaftlich orientierten Kommunikationswissenschaft gegenüber einer traditionell kulturwissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft.

Statt eines apodiktischen Ausschlusses lässt sich produktiver der umgekehrte Weg gehen und fragen nach den spezifischen Leistungen, die die Kulturwissenschaft für die Analyse von Medien und Kommunikation erbringen kann. „Glückliches Paar oder Messalliance?“, so fragt der Kommunikationswissenschaftler Friedrich Krotz (2003: 22). Er beginnt mit einer recht schonungslosen, aber treffenden Bestandsaufnahme der deutschen Kommunikationswissenschaft: „Sie war bisher eine Art um etwas Marktforschung und um experimentalpsychologisch gewonnene Erkenntnisse erweiterte Zeitungswissenschaft.“ Die Theorien habe sie sich bei anderen Wissenschaften geborgt, die Themen seien ihr vorgegeben von Medien-Anwendern und -Kontrolleuren, methodisch sei sie sehr eng angelegt. Krotz fordert vor dem Hintergrund eines grundlegenden medialen, sozialen und ökonomischen Wandels eine Neuorientierung, die Kommunikation vor allem in ihrer kulturellen Gebundenheit erkennt.

Im Sinne von Newcomb und Hirsch (1994) sind Medien ein kulturelles Forum, sie dienen als kulturelle Vermittler und treten als eigenständige kulturelle Akteure auf. Somit sind sie stets Ausgangspunkt und Bedingung für Kommunikation. Und gleichzeitig gilt: Kommunikation ist ohne Rückgriff auf kulturelles Wissen nicht möglich.

Kultur und Kommunikation bleiben unauflöslich miteinander verwobene Dimensionen menschlichen und vor allem gesellschaftlichen Handelns. Wendet man diese Prämissen auf die Analyse von Journalismus an, so eröffnen sich damit veränderte Fragestellungen: Nicht der Kommunikator und seine Intention sind die zentralen Größen der Journalismusforschung, nicht das einzelne Medienprodukt und seine ästhetische Qualität sind die relevanten Bezugspunkte der Medienanalyse – entscheidend für das Verstehen der Bedeutung von Journalismus ist der Kommunikationsprozess, bestehend aus Medienproduktion, dem Medientext und dessen Rezeption und Aneignung in alltagsgebundenen Kontexten. Damit wird ein integratives und prozessuales Kommunikationsverständnis eingefordert. Die Anwendung dieses Kreislaufmodells auf die Journalismusforschung erfordert eine integrative Journalistik (Lünenborg 2005, 2008). Sie beinhaltet eine Öffnung weg von der Fokussierung auf die Kommunikatoren. Die Analyse der Einstellungen, Verhaltensweisen und Handlungsmotive von Journalistinnen und Journalisten erscheint nur begrenzt tauglich, um aktuelle Wandlungsprozesse zu erfassen. Journalismus wandelt sich nicht primär durch die Veränderung der Intentionen von Journalisten. Die zentralen Wandlungsprozesse sind vielmehr ökonomisch induziert und kulturell verortet. Mithin sind sie nicht als subjektgebundene Handlungsmuster angemessen zu erfassen.

Eine kulturorientierte Journalismusforschung öffnet den Horizont für eine Reihe neuer Fragen: Bei komparativer Forschung wird die Frage nach ‚Journalismuskulturen’ aufgeworfen, die als kulturvergleichende Forschung Produktionsbedingungen von Journalismus ebenso in den Blick nimmt wie sprachliche, visuelle und narrative Erzählweisen von Journalismus analytisch fassbar macht. Mit Blick auf relevante aktuelle Wandlungsprozesse lassen sich Prozesse der Hybridisierung untersuchen, also der Ausdifferenzierung von Formaten und (Sub-)Genres, die nicht immer auf trennscharfer Unterscheidung von Journalismus und anderen Formen massenmedialer Kommunikation basiert. Diese Aus- und Entdifferenzierungen verweisen darauf, dass die Position und Bedeutung von Journalismus in der Mediengesellschaft neu verhandelt wird.

Literatur:

Foto: Christian Lüpke/pixelio.de


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