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Redaktion | 8. April 2010

Kulturjournalismus, Journalismuskultur

Kultur versus Politik, Wirtschaft, Sport; Kultur versus Natur; eine Kultur versus andere Kulturen; Kultur versus Kulturlosigkeit. Von den diversen Begriffen, die mit dem Ausdruck „Kultur“ verbunden sein können, geht es in dieser JoJo-Ausgabe zunächst um den ersten. Als Teilbereich, vornehm ausgedrückt: Teilsystem der Gesellschaft, das von anderen Teilsystemen abgegrenzt ist, kann Kultur zum Gegenstand journalistischer Tätigkeit werden und bildet dann ein Ressort, das in deutschen Zeitungen mit „Feuilleton“ oder einfach nur „Kultur“ überschrieben wird. In diesem Ressort wird „Kulturjournalismus“ betrieben, der sich wiederum auf verschiedene Teilbereiche der Kultur – Musik, Theater, Literatur, Kunst – beziehen kann: Musikjournalismus, Theater- und Literaturkritik usw.

Etliche Artikel dieser Ausgabe widmen sich einer der Untersparten des Kulturjournalismus. Dabei schälen sich gemeinsame Probleme heraus. Eins dieser Probleme ist die traditionelle Konzentration der Berichterstattung auf die Hochkultur, die das Pub­likumsinteresse auf elitäre Zirkel beschränkt. Sie wird deshalb von genuinen Publizisten unter Verlegern, Journalisten und Wissenschaftlern seit langem beklagt, prominent etwa Ende der 1960er Jahre von Glotz und Langenbucher in ihrem Klassiker „Der mißachtete Leser“.

Dass der elitäre Kulturjournalismus auch in diesem Heft wieder ins Blickfeld der Kritik gerät (vgl. etwa die Beiträge von Jörg-Uwe Nieland oder Holger Noltze), zeigt, wie schwer er selbst in der Pressekrise zu überwinden ist, obwohl er doch ökonomische Nachteile mit sich bringt. Oft wird seine Überwindung von einer Medienkritik, die sich ihrerseits in der Tradition elitärer Kulturkritik bewegt, ja auch als Niveauverlust interpretiert. Wo der Kulturjournalismus gemäß seiner Öffentlichkeitsaufgabe zur Popularisierung von Kultur beiträgt und sich auch selbst der pop(ulären), also von vielen praktizierten Kultur zuwendet, nimmt sein gewohntes Publikum, das sich für etwas Besseres hält, ihm das übel.

Die Zählebigkeit dieser Borniertheit hängt damit zusammen, dass Kultur gern als Statussymbol missbraucht wird. Besonders in Deutschland hat sich ein Bildungsbürgertum etabliert, das die Kultur im Extremfall verständnislos benutzt, um sich von anderen Schichten, Arbeitern, Migranten, teilweise auch der Jugend und den Frauen abzugrenzen. Mangels anderer Privilegien wird die im 19. Jahrhundert zwecks Aufrechterhaltung bürgerlicher Herrschaft entstandene Trennung in E- und U-Kultur, ernste, politische, männliche und verspielte, private, weibliche Sphäre tradiert, zu der übrigens auch die strenge Scheidung zwischen einem seriösen, an harten Nachrichtenwerten orientierten Informationsjournalismus und einem unterhaltenden, auf „Softnews“ setzenden Boulevardjournalismus gehört.

Unter dem Druck von Globalisierung, digitaler Revolution und Medienkrise scheinen dennoch im Kulturjournalismus solche Trennungen allmählich aufzuweichen, die aus journalistischer Sicht ja Kommunikationsbarrieren, Einschränkungen von Öffentlichkeit darstellen. Literaturkritik im Fernsehen folgt zunehmend der Logik des Fernsehens und nicht mehr der Literatur, und im Ruhrgebiet, wo das Bildungsbürgertum zwischen zugewanderten Arbeitern und reichen Industriellen wenig verwurzelt ist, hat professioneller Pop(ulär)kulturjournalismus zweifellos Chancen, wenn er sie erkennt und zu nutzen versteht.

Mit der Öffnung für Breitenkultur als Gegenstand muss der Kulturjournalismus nicht schlechter werden, womit wir bei einer weiteren Bedeutung von „Kultur“ wären, die in diesem Heft eine Rolle spielt: Kultur versus Kulturlosigkeit. Dass Journalismus selbst mehr oder weniger Kultur haben bzw. sein kann, sogar Hochkultur, hängt nicht von der Wahl seiner Gegenstände ab, sondern von seiner Methode, von der Kreativität der Journalisten allein und in redaktioneller Organisation, im Dienste der Öffentlichkeitsaufgabe mit wichtigen Informationen bei einem im Prinzip widerspenstigen Publikum anzukommen. Journalismus ist schon deshalb eine Kulturleistung, weil bedeutende Journalisten im Laufe der Berufsentwicklung später standardisierte Darstellungsformen und Recherchetechniken hervorgebracht haben, mit denen sich die professionelle Vermittlungsaufgabe trotz Widerspenstigkeit des Publikums und der Gegenstände erfüllen lässt. Journalismuskultur bedeutet, diese kulturellen (im Sinne von Kultur versus Natur) Errungenschaften alle souverän zu beherrschen, auch damit keine Monotonie entsteht (vgl. den Beitrag von Gunter Reus). Journalistische Kultur beschränkt sich aber nicht darauf, die professionellen Standards zu erlernen und anzuwenden, sie setzt (wieder im Sinne von Kultur versus Natur) auch voraus, dass die Standards z.  B. mit Rücksicht auf den Medienwandel oder auch aus sich heraus weiterentwickelt und dass sogar neue Genres hervorgebracht werden.

Kulturelle Leistungen sind nicht zuletzt schöpferische Leistungen. Dass Sie, nicht nur die Kulturjournalisten unter Ihnen, Ihren Beruf in diesem Sinne als Kulturberuf verstehen und praktizieren, wünscht Ihnen

Ihr Horst Pöttker


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