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Redaktion | 15. April 2007

„Free Africa“ – und was ist mit der Presse?

Kritische Journalisten haben es in Südafrika schwer

Von Sonja Kretzschmar

„50 Morde jeden Tag in Südafrika – und Johannesburg ist die Hauptstadt des Verbrechens weltweit.“ Da war es wieder, das hässliche Bild von Südafrika – ausgestrahlt in einer Dokumentation auf BBC World am Abend des 7. Februar 2007.

Ein denkbar schlechtes Timing: Am folgenden Tag war der Termin für Präsident Thabo Mbekis Ansprache an die Nation, in der traditionellerweise ein ganz anderes Bild von Südafrika gezeichnet wird. Kriminalität gehört in Südafrika zu den sehr umstrittenen Themen, schlägt ihr Ausmaß doch sowohl Touristen als auch Investoren in die Flucht. Auch im Hinblick auf die Fußball-WM 2010 gilt die Berichterstattung darüber als unerwünscht.

Die Reaktion aus Südafrika war heftig: Die Regierungspartei ANC (African National Congress) beschuldigte die BBC des Rassismus, indem sie mit ihrer Berichterstattung das „tief verwurzelte Stereotyp unterstütze, dass Afrikaner genetisch minderwertig seien“. In dem Artikel „Propaganda and Reality“, mit dem der ANC in seinem wöchentlichen Newsletter reagierte, wurde außerdem kritisiert, dass Investitionen zur Stadterneuerung im Township Soweto nicht erwähnt worden seien, die dort zu einem Sinken der Kriminalitätszahlen geführt hätten.

Gleichzeitig verteidigte der ANC die Tatsache, auf Anfrage keinen Regierungs-Repräsentanten für die Dokumentation zur Verfügung gestellt zu haben: Die BBC-Anfrage sei zu kurzfristig gekommen, alle Regierungsvertreter seien im Ausland oder gerade beschäftigt gewesen. Außerdem: Die SABC (South African Broadcasting Corporation) könne schließlich auch nach London fahren, in bestimmten Londoner Stadtteilen drehen und behaupten, Großbritannien versinke in einer Kriminalitätswelle.

Von der ANC-Website kam die Diskussion Ende Februar durch ein Mitglied des Parlaments in die Nationalversammlung – und der stellvertretende Außenminister Aziz Pahad regierte überaus scharf: Die Sendung sei selektiv, einseitig und verzerrend, und er verstehe nicht, wie eine Institution mit solcher Reputation für faire Berichterstattung ein Programm dieser Art ausstrahlen könne: „Schließlich gibt es auch in London Orte, wo man nicht hingehen kann.“

Die Reaktion der BBC kam britisch unterkühlt. Man habe die Vorwürfe zur Kenntnis genommen, wäre auf die BBC-eigene kritische Berichterstattung stolz, würde den Fall aber selbstverständlich untersuchen und baldmöglichst reagieren, sagte ein BBC-Sprecher Ende Februar.

Die Diskussion um die BBC-Dokumentation ist beispielhaft für den Umgang mit Pressefreiheit in Südafrika. Natürlich hat sich seit dem Ende der Apartheid und den ersten freien Wahlen vor 13 Jahren viel geändert. Die südafrikanische Verfassung, die die Pressefreiheit juristisch absichert, gehört zu den fortschrittlichsten des afrikanischen Kontinents. Auf der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit, veröffentlicht von „Reporter ohne Grenzen“, rangierte das Land im Jahr 2005 zusammen mit Australien auf Platz 31, direkt hinter Frankreich.

Dennoch ist eine freie Berichterstattung in bestimmten Bereichen generell schwierig. Das gilt etwa für das Thema der Kriminalität oder Kritik an der Regierung. Erst im Januar 2007 hat es die letzte heftige Diskussion zur Kriminalitätsberichterstattung gegeben. Offizielle Kriminalitätsstatistiken sind in Südafrika generell kaum zu bekommen. Durch eine „Umstrukturierung“ des South African Police Service (SAPS), eine Zentralisierungsmaßnahme, mussten Polizeisprecher auf lokaler Ebene abgezogen werden. Nun stünden für die Medien eben keine Ansprechpartner der Polizei mehr zur Verfügung, erklärte Polizeidirektor Govindsamy Mariemuthoo in einem Pressetext. „Dieser Schritt, der den Informationsfluss von der Polizei hin zur Öffentlichkeit einschränkt, ist eine empörende Form der Pressezensur und zeigt, wie schnell die Regierung eine Unterversorgung an Informationen schafft, die in völligem Gegensatz zu den Prinzipien steht, die sie verteidigen sollte“, kritisierte Raymond Louw, stellvertretender Vorsitzender des Media Institute of Southern Afri-ca (MISA), den Vorgang. Louw selbst hat seine Erfahrung mit der Pressezensur: Zu Apartheidszeiten war er Herausgeber der „Rand Daily Mail“, der legendären Anti-Apartheids-Zeitung Südafrikas. Der Protest des MISA, des Verlegerverbands SANEF (South African National Editors Forum) und auch des Freedom of Expression Institute (FXI) verpuffte wirkungslos. Es handle sich schließlich um eine „interne Umstrukturierung der Polizei, und die Diskussion darüber wird auch intern geführt“, erklärte der landesweit zuständige Polizeisprecher Vishnu Naidoo.

Nicht nur auf nationaler Ebene ist die Situation schwierig, auch innerhalb der einzelnen Medien ist eine kritische Berichterstattung nicht einfach. Mit der Übernahme des europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems importierte Südafrika nach der Wende auch dessen Probleme – völlige Staatsferne ist beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk SABC kaum gegeben, noch weniger als in europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Erst im letzten Jahr wurde eine Mbeki-kritische Dokumentation kurz vor der Ausstrahlung aus dem Programm genommen, was von der SABC mit handwerklichen Mängeln begründet wurde. In der Diskussion um die Absetzung kam es zu Protesten, und es gab Gerüchte, dass Snuki Zikalala, Nachrichtenchef der SABC, eine „Schwarze Liste“ herausgegeben habe. Personen auf der Liste, die die Absetzung der Dokumentation kritisiert hatten, dürften in SABC-Sendungen nicht mehr zu Wort kommen. Zum Eklat kam es, als der Radiomoderator John Perlman in einer Live-Sendung dem offiziellen SABC-Sprecher Kaizer Kganyago widersprach, der die Existenz einer solchen Liste abstritt.

Auf öffentlichen Druck hin setzte die SABC eine unabhängige Untersuchungskommission ein. Die Ergebnisse sind gegen den Willen des Senders heute öffentlich zugänglich. Im 76-seitigen Bericht wird nachgewiesen, dass Snuki Zikalala tatsächlich eine Schwarze Liste für Kritiker erstellt hatte und dass in den Redaktionsräumen der SABC ein Klima der Angst herrscht, das die Berichterstattung der Reporter massiv einschränkt. Seit der Veröffentlichung des Berichts im Oktober 2006 änderte sich aber nichts: Empfehlungen der Kommission wurden nicht umgesetzt, die SABC stellte sich hinter Zikalala. Nur Moderator John Perlman trat im Februar 2007 zurück, da sich seine Arbeitsbedingungen bei der SABC erheblich verschlechterten. Der größte südafrikanische Gewerkschafts-Dachverband COSATU (Congress of South African Trade Unions), der faktisch die einzige relevante politische Opposition zum ANC darstellt, schaltete im März eine ganzseitige Anzeige in der Zeitung „Mail & Guardian“, in der er dem „exzellenten und intelligenten“ Journalisten Perlman Tribut zollt für eine Sendung, die eine Plattform war, in der Themen des öffentlichen Interesses offen diskutiert werden konnten.

Dabei war es diese Freiheit der Diskussion, für die das Mediensystem Südafrikas nach den ersten Wahlen grundlegend umstrukturiert wurde. Vorlage war das europäische Mediensystem. Der Hörfunk teilt sich heute in drei verschiedene Säulen: den öffentlich-rechtlichen Rundfunk der SABC, den privat-kommerziellen und den kommunalen Rundfunk. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist verpflichtet, für jede der elf offiziellen Sprachgruppen einen Kanal anzubieten und technisch 80 Prozent aller potenziellen Hörer zu erreichen. Neben Englisch und Afrikaans gibt es im neuen Südafrika weitere neun Sprachen, die als offizielle Landessprachen anerkannt sind.

Das Verbreitungsgebiet von mehr als 20 Kommerzradios, die mehrheitlich auf Englisch senden, beschränkt sich fast vollständig auf die großen städtischen Zentren wie Johannesburg, Kapstadt und Durban. Die strukturschwachen ländlichen Regionen sind den Gemeinderadios überlassen. Mittlerweile gibt es etwa 85 kommunale Radiostationen, die als Non-Profit-Organisationen nicht nach Gewinn streben dürfen. Sie werden derzeit von der Media Development and Diversity Agency (MDDA) gefördert, sollen langfristig aber eigene Strategien entwickeln, um sich finanziell selber zu erhalten.

Neben der Informationsvermittlung haben die kommunalen Radios noch eine andere Funktion: Für junge Leute auf dem Land oder in den Townships stellen sie nicht selten ein berufliches Sprungbrett dar. Die Stationen arbeiten – abgesehen von ihren Leitern – ausschließlich mit unbezahlten Freiwilligen, die für ihre Radiotätigkeit eigens ausgebildet werden. Einige von ihnen schaffen anschließend den Wechsel zu den Kommerzsendern: Dort werden sie für ihre Radioarbeit auch bezahlt.

Auch das Fernsehen wurde seit dem Ende der Apartheids-Regierung umstrukturiert. Die SABC strahlt heute vier verschiedene Programme aus. Der Satellitensender SABC Africa erreicht mehr als 40 afrikanische Länder und soll zum Nachrichtenkanal des afrikanischen Kontinents ausgebaut werden. Marktführer in Südafrika ist SABC 1, das sich vor allem an junge Zuschauer wendet. Daneben hat terrestrisches Pay-TV eine verhältnismäßig lange Tradition: Schon 1986 ging M-Net auf Sendung, damals mit der Auflage, ausschließlich Unterhaltungsprogramm zu zeigen. Die Apartheids-Regierung wollte ihr Informationsmonopol nicht gefährden.

Seit 1998 ist der erste frei empfangbare private Fernsehsender e-tv auf Sendung, der sich innerhalb weniger Jahre zum größten englischsprachigen Sender entwickelt hat und nach SABC 1 inzwischen das meistgesehene Programm in Südafrika ist. Tatsächlich sind Unterschiede zwischen den beiden Programmen kaum erkennbar, was auch damit zusammenhängt, dass der öffentlich-rechtliche Sender der SABC sich zu mehr als 60 Prozent aus Werbung finanzieren muss.

Die Printmedien befinden sich trotz aller sozialen und politischen Veränderungen immer noch weitgehend im Besitz von weißen Eigentümern. Daran hat das Black Economic Empowerment (BEE) nicht viel ändern können, das Printmedien gezielt an schwarze Aktionäre verkaufen wollte. Auch im neuen Südafrika ist die Hautfarbe daher nicht bedeutungslos geworden. „Gerade die Konzerne der Printmedien, die wie fast alle Großkonzerne in Südafrika mehrheitlich in den Händen von Weißen sind, werden sofort verdächtigt, rassistisch zu berichten, wenn die schwarze Regierung kritisiert wird“, erklärt Peter Sullivan, Chefredakteur des größten Print-Konzerns Südafrikas, Independent Newspapers. Politiker reagieren übersensibel und unterstellen Journalisten, sie wollten die Apartheids-Regierung zurückhaben, nur weil sie über die ANC-Politik kritisch berichten. Hinzu kommt, dass das Verhältnis der Medien zu Staatschef Thabo Mbeki sehr viel angespannter ist als das zu seinem Vorgänger Nelson Mandela.

Alte Grabenkämpfe zwischen Politik und Medien werden fortgeführt, aber es gibt auch neue Impulse, wie die Leserreporter oder die von Journalistik-Studierenden gegründete Website „Urban Culture“.

Auch wenn vieles im Argen liegt: „Die Möglichkeiten für eine kritische Berichterstattung sind natürlich generell besser geworden als zu Zeiten der Apartheid“, fasst Jane Duncan, Leiterin des Freedom of Expression Institute, die Situation zusammen. Dabei geht es nicht nur um Pressefreiheit in Südafrika, um die Rahmenbedingungen für eine freie Berichterstattung. Anton Harber, Professor für Journalistik und Medienwissenschaften an der Universität Witwatersrand, Johannesburg, formuliert es so: „Es geht darum, was ‚Unabhängigkeit’ wirklich bedeutet. Es geht darum, ob wir eine offene Gesellschaft sein wollen. In was für einem Land wir leben wollen.“


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