Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 8. April 2010

Quote statt Niveau?

Literatursendungen im Fernsehen schneiden im Qualitäts-Vergleich mit schriftlichen Rezensionen schlecht ab

Von Olga Kuhlbrodt

Literatur und Fernsehen gelten als unvereinbare Gegensätze. Endlos ist die Debatte, die man um sie führt. Besonders Literatursendungen im TV geraten wiederholt in die Kritik, weil sie den Spagat wagen, in einem visuellen Medium über Geschriebenes zu berichten. Als „Das Literarische Quartett“ 1993 auf den Höhepunkt seines Erfolgs zusteuerte, urteilte selbst Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki: „Das Fernsehen hat mit Literatur nichts, aber auch gar nichts zu tun. Es ist ein Massenmedium, das zur Verdummung der Menschen führt und zu einer Kritiklosigkeit, die ihresgleichen in der abendländischen Geschichte sucht.“ Auch die Qualität seiner eigenen Sendung hat der Kritiker angegriffen: „Gibt es im ‚Quartett‘ ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich.“

Auch wenn Reich-Ranicki bewusst war, dass das Fernsehen nicht für tiefgründige Kritik geeignet ist, gilt das „Literarische Quartett“ trotzdem als richtungsweisende Literatursendung im deutschen Fernsehen. Für TV-Literaturkritik müssen demnach andere Qualitätskriterien angesetzt werden als für die schriftliche Auseinandersetzung mit Literatur. Seit die öffentlich-rechtlichen Literaturformate vor der Aufgabe stehen, sich mit neuen Konzepten aus dem Schatten des „Literarischen Quartetts“ zu lösen, orientieren sie sich zunehmend an fernseheigenen Maßstäben. Dabei rücken Service, Normalleser und kreative Gestaltung in den Fokus der Fernsehproduktion.

Die Äußerung Reich-Ranickis beschreibt eines der Grundprobleme, die entstehen, wenn man Ansprüche literaturkritischer Texte auf das Fernsehen überträgt. Der Sozialphilosoph Günther Anders würde gleichbedeutend von einem „Verbiederungs“-Effekt bei TV-Literaturkritik sprechen: Was nicht fernsehgerecht ist, wird aussortiert. Was fernsehgerecht aufbereitet wird, verliert an Komplexität. Popularitätsmessungen und ökonomische Überlegungen machen zudem den Unterhaltungscharakter von Literatursendungen wichtiger. Der Kritiker selbst muss unterhalten, meist indem er seine Kritik radikalisiert.

Nach der Untersuchung von Emily Mühlfeld zu Literaturkritik im Fernsehen spielen überdies außerliterarische Faktoren bei der Auswahl von Büchern eine größere Rolle als im Feuilleton. Dazu gehören etwa die Person des Autors, verlegerische Interessen, literarische Trends oder Publicity. Schließlich bestimmen audiovisuelle Techniken im TV die Darstellung von Literatur. Der Literaturwissenschaftler Werner Irro kritisiert daran: „Die Mittel zur Personalisierung und Illustrierung führen tendenziell weg von dem vorzustellenden Buch.“

Literatur und Fernsehen zu verbinden, erweist sich also als problematisch. Doch ist es nicht zu einfach, stets die Unvereinbarkeit beider Medien zu postulieren? Literaturkritik im Fernsehen folgt den Ansprüchen audiovisueller Präsentation, gedruckte Literaturkritik dagegen textuellen Qualitätsstandards. Ein Vergleich zwischen beiden entbehrt der Grundlage. Vielmehr scheint es nötig, Literaturkritik für das Fernsehen anders zu definieren.

Neuere Formate bei ARD und ZDF haben begonnen, Literatur fernsehgerecht aufzubereiten, nachdem „Das Literarische Quartett“ 2001 zum letzten Mal ausgestrahlt wurde. Als nachfolgende Sendungen im Hauptprogramm versuchten sie, sich mit einem neuen Profil erfolgreich abzusetzen. Die „Süddeutsche Zeitung“ kommentierte ihre Situation: „Die Erben des ‚Literarischen Quartetts‘ stehen im Schatten einer Legende, die über Jahre hinweg das hohe Gericht der deutschen Literaturkritik war.“ Mühlfeld sieht Reich-Ranicki sogar als Diskursbegründer: Durch seinen Erfolg mit dem „Quartett“ machte er gegenwärtige Literaturkritik im Fernsehen populär. Dabei wandte sich die Sendung elitär an ein bildungsbürgerliches und leseerfahrenes Publikum.

Die Nachfolge beim ZDF übernahm im April 2003 Elke Heidenreich mit ihrer Sendung „Lesen!“. Doch anders als „Das Literarische Quartett“ sprach Heidenreich mit ihrer Sendung eine Zuschauergruppe an, die Simone Winko und Renate von Heydebrand in ihrer Theorie zur Literaturkritik als „Normalleser“ bezeichnen. Den Erfolg der Sendung machten einerseits die Popularität der Moderatorin, andererseits ihre Mission aus. Heidenreich wollte ihre Zuschauer zum Lesen bringen. Das Sendungsprofil war allein auf Service und Buchempfehlung ausgelegt.

Entsprechend lag die durchschnittliche Einschaltquote im ersten Sendejahr bei 1,8 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von etwa 8,8 Prozent. Heidenreich übernahm damit eine Aufgabe, der sich die Literaturkritik im Fernsehen bis dahin noch nicht angenommen hatte. Wie zuvor nur Reich-Ranicki war sie eine wertende Instanz, auf deren Urteil die Zuschauer vertrauten und die so Orientierung schaffen konnte. Gleichzeitig reduzierte Heidenreich Literatur auf ihre Gebräuchlichkeit und ihren Identifikationswert, „verbiederte“ sie auf diese Weise und vernachlässigte durch ihr Geschmacksurteil den ästhetischkünstlerischen Aspekt.

Noch bevor „Lesen!“ startete, lief im Februar 2003 das Magazin „Druckfrisch“ in der ARD an. Die Sendung bricht bewusst mit literarischen Magazin-Traditionen. So verzichten Moderator Denis Scheck und Realisator Andreas Ammer auf Studio-Moderationen und Off-Texte. Ammer möchte Literatur so aufbereiten, dass sie in einem audiovisuellen Medium funktioniert: „Wir machen keine Literaturkritik, sondern Literaturkritik im Fernsehen. Das bedeutet, dass man sich an die Spielregeln des Fernsehens halten muss.“ Bei „Druckfrisch“ bedeutet das: Dynamik, Reportage-Elemente, Musikclips, unkonventionelle Kameraführung und ironische Kurzkritik. Im Gegensatz zu Heidenreich wendet sich Scheck vorwiegend an ein leseerprobtes Publikum.

Der Verriss ist deshalb bei „Druckfrisch“ Programm. Die Art der Kritik wie auch die Ästhetik der Sendung liefern dem Zuschauer keine Identifikationsmöglichkeiten, sondern fordern ihn heraus. Denn Andreas Ammer fühlt sich nicht allein dem Gefallen des Publikums verpflichtet, sondern auch einer künstlerischen Wahrheit: „Ab und zu wollen wir den Zuschauer verstören, um sein Interesse zu wecken: mit klaren Urteilen und nicht immer scharfen Bildern.“ „Druckfrisch“ will keine fundierte Literaturkritik üben. Vielmehr setzt die Sendung Literatur in Szene und polarisiert durch kompromisslose Kritik. Beides sorgt für Unterhaltung und Quote. Im Jahr 2009 lag der größte Marktanteil mit 690.000 Zuschauern bei 6,2 Prozent.

Die Gegensätzlichkeit von Heidenreichs emotionalen Allgemeinplätzen und Schecks intellektueller Radikalität sorgte für Streit unter den beiden Moderatoren. Der „Spiegel“ schrieb deshalb, es herrsche „Krieg zwischen dem Prinzip Heidenreich und dem Prinzip Scheck“. Wenn auch kein Krieg, so blieb zumindest ein konzeptioneller Unterschied zwischen ARD-Magazin und ZDF-Talk bestehen, als „Lesen!“ im Juli 2009 durch „Die Vorleser“ ersetzt wurde. Laut ZDF-Kulturchef Peter Arens wollte der Sender wieder zu „etwas mehr Diskurs“ zurückkehren. Obwohl die Sendung versucht, „Das Literarische Quartett“ mit „Lesen!“ zu vermengen, kommen bei den „Vorlesern“ Service und Empfehlung deutlicher zum Vorschein als ausführliche Literaturkritik.

Wenn auch die Quote von 3 Prozent bei durchschnittlich 610.000 Zuschauern nicht mit der von Heidenreich vergleichbar ist, richten sich „Die Vorleser“ an dasselbe Publikum aus Normallesern. Ihnen will die Sendung Navigationshilfe auf dem Literaturmarkt geben. Redaktionsleiterin Marita Hübinger erklärt, warum: „Eine Sendung wie das ‚Literarische Quartett‘ hat sich an ein kleines, gehobenes Publikum gerichtet. Das kann man sich heute, gerade im Hauptprogramm, nicht mehr leisten. Hier sind wir der Grundversorgung verpflichtet.“ Vielleicht bleibt die inhaltliche Auseinandersetzung von Ijoma Mangold und Amelie Fried auch deshalb im Allgemeinen verhaftet. Die emotionalen Leseerfahrungen der Autorin und die literaturwissenschaftlichen Betrachtungen des Kritikers eröffnen dem Zuschauer zwar wechselnde Perspektiven auf die besprochenen Bücher, finden aber keinen argumentativen Bezugsraum für pointierte Kontroversen. Marita Hübinger sieht die Sendung allerdings in einem größeren Zusammenhang: „Man muss die Veränderung der Medienlandschaft beachten. Literaturkritisch anspruchsvollere Sendungen laufen bei 3sat, arte und bei den digitalen Programmen. Die machen heute das kulturelle Nischenprogramm.“

Die Nachfolger des „Literarischen Quartetts“ im Hauptprogramm von ARD und ZDF sind gegensätzlich. Zusammengenommen zeigen sie jedoch eine Entwicklung zu kurzen, dreißigminütigen Formaten, die Service, Empfehlung und leicht verständliche Inhalte transportieren. Außerdem polarisieren sie und wissen die audiovisuellen Möglichkeiten des Fernsehens zu nutzen. Damit verabschieden sie sich vom literarischen Salon für das bildungsbürgerliche Publikum. Ihr Anspruch an TV-Literaturkritik misst sich nicht mehr an der Literaturbewertung des Feuilletons, sondern an den Bedingungen des Fernsehens.

Literatur:

Foto: Imago/Hoffmann


Comments