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Redaktion | 15. April 2007

Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde?

Zu den Wechselwirkungen von Weblogs und Journalismus

Von Matthias Armborst

„The freedom of the press is limited to those who own one“, lautet ein in den USA berühmter Aphorismus des Journalisten A. J. Liebling. Seine Feststellung, nach der mediale Reichweite vom Einsatz beträchtlicher finanzieller Mittel abhängt, ist seit kurzem nicht mehr allgemeingültig: Mit der einsetzenden Verbreitung von Weblogs, die häufig – und fälschlicherweise – als „Internet-Tagebücher“ bezeichnet werden, hat der Zugang zur Medienöffentlichkeit seine Exklusivität verloren.

Heute kann jeder Laie bei einem der vielen Weblog-Dienstleister seine eigene Internetseite einrichten und vom heimischen Schreibtisch aus Teil der wachsenden virtuellen Gemeinschaft namens „Blogosphäre“ werden. Etwa 50 bis 70 Millionen Blogger weltweit sorgten in den vergangenen fünf Jahren für einen wahren Boom der Blogs.

Die einfach zu bedienende Blog-Software ermöglicht es, schnell und kostenlos zu veröffentlichen – und damit ein potenziell riesiges Publikum zu erreichen. Theoretisch war das auch schon möglich, bevor Blogs populär wurden. Doch in der Praxis mussten sich Nutzer mit komplexen Programmiersprachen abmühen. Daher wurde der Begriff „private Homepage“ bald zum Inbegriff für laienhaft layoutete und technisch mangelhafte Seiten. Weblogs stehen da in einem besseren Ruf: Dank vorgefertigter Blog-Bausteine sieht so gut wie jede Seite ansprechend aus und ist selbst von unterwegs per Handy kinderleicht zu aktualisieren. Otto Normalnutzer kann also pub-lizieren – kostenlos und noch dazu was, wann und soviel er will. Wie es um die publizistische Qualität der Inhalte bestellt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Um die Bedeutung von Blogs für die mediale Öffentlichkeit einschätzen zu können, muss man zunächst wissen, mit wem man es zu tun hat: Der „typische“ deutsche Blogger ist – so die Ergebnisse aktueller Studien – zwischen 20 und 30 Jahre alt, wobei männliche Studenten und Hochschulabsolventen mit hoher Internetnutzungsdauer zumindest unter den erfolgreichen Bloggern überrepräsentiert sind. Blogger, so der erste Befund, sind formal überdurchschnittlich gebildet und zeichnen sich durch ihre Online-Kompetenz sowie ihre Mitteilungs- und Meinungsfreudigkeit aus.

Ihre Seiten sind Sammlungen meist kurzer und oft betont subjektiver Notizen in umgekehrter chronologischer Reihenfolge, die durch die Kommentare der Blog-Besucher ergänzt werden. Zunehmend finden sich Fotos und Videos. Erwünscht ist, dass die Besucher ihre passive Konsumentenrolle ablegen und Blogs zu Diskussionsplattformen machen. Blogger lieben und kultivieren den offenen und oft auch polemischen Meinungsstreit. Damit ziehen sie ihr Publikum an, das eine Diskussion in manchen Fällen über Tage weiterführt. Im Fall der Fach- und Wissenschafts-Blogs wird so Wissen von Wert akkumuliert und für die Allgemeinheit verfügbar gemacht.

Die Gesamtheit der Blogs bildet einen schillernden Kosmos: Zwar bestehen viele zum großen Teil aus banalen Alltagsbeobachtungen. Andere jedoch bieten solides Wissen, das durch Links und Kommentare in Bezug gesetzt wird. Neben tagebuchartigen Aufzeichnungen finden sich gnadenlose Polemiken und scharfsinnige Analysen. Aufschlussreiche Kino-, Musik- und Softwarerezensionen stehen neben mehr oder weniger fesselnden Beschreibungen der letzten Liebesnächte oder der Schilderung des eigenen Sterbens. In Ländern mit besonders gravierenden Defiziten an Meinungs- und Pressefreiheit wie Russland oder Iran stellen Blogs ihr subversives Potenzial unter Beweis. Kurz: Kein Blog ist wie das andere.

Weblogs sind Knotenpunkte einer hochgradig vernetzten Community und wichtiger Teil des so genannten „Web 2.0“, der nächsten, sozialen Dimension des Internets. Die hohe Linkdichte zeigt, dass es Bloggern im Gegensatz zu den Machern von Mainstream-Medien nicht darum geht, Nutzer an ihre Angebote zu binden. Eher nehmen Blogs die Funktion von Drehkreuzen ein, die gezielt oder auch rein zufällig angesteuert werden und Ausgangspunkte für neue Erkundungen sind.

Um den Unterschied zwischen etablierten Medien und partizipativen Formaten zu verstehen, ist es wichtig, Weblogs nicht als fertige Produkte anzusehen: „Identität und Qualität eines Formats werden unter Anbietern, Nutzern und Beobachtern öffentlich ausgehandelt“, betont der Münsteraner Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger. Damit wird deutlich, wie irreführend die weit verbreitete Bezeichnung „Internet-Tagebücher“ ist: Im Gegensatz zum Kritzeln in geheime Büchlein haben zumindest die ambitionierteren Blogger ihr potenziell riesiges Publikum immer im Hinterkopf.

Blogs sind also ein soziales Phänomen: Weil sich ihre Betreiber mit Vorliebe aufeinander beziehen, können sich Neuigkeiten rasend schnell verbreiten. Welche Dynamik entstehen kann, wenn in der alternativen Internetöffentlichkeit Aufmerksamkeitslawinen in Gang kommen, mussten etwa namhafte amerikanische Politiker und Journalisten erfahren, die ein Online-Aufruhr und das anschließende Echo in den Massenmedien den Job kostete.

Bei näherer Betrachtung leuchtet schnell ein, weshalb Blogger als die „ungleichen Brüder“ der Journalisten bezeichnet werden: Beispielsweise liefern bloggende Individualjournalisten Augenzeugenberichte aus Katastrophen- und Kriegsgebieten – so geschehen während des Irakkriegs und nach dem Tsunami im Indischen Ozean. Wie traditionelle Kommentatoren debattieren sie über Wahlkämpfe und die angemessenen Antworten auf den Terrorismus. In besonders gelungenen Fällen erweisen sich Blogger als Vorhut einer „Vierten Gewalt“, die den Journalismus kritisiert und zu Verbesserungen zwingt. Und wie journalistische Spürnasen zeigen sie Missstände auf, so etwa das Blog „Spreeblick“ im Fall des Klingeltonherstellers „Jamba“.

Doch Leistungen wie die oben genannten sind noch immer rar und werden zudem meist abseits der großen Medienöffentlichkeit erbracht. Aufgrund ihrer relativ niedrigen Reichweite – nur einzelne deutsche Blogs werden von mehr als einigen Tausend Nutzern pro Tag angeklickt – sind Blogger nach wie vor auf die freundliche Unterstützung von Medienjournalisten angewiesen, wenn ihre Themen auch jenseits der so genannten „Blogosphäre“ wahrgenommen werden sollen. Die immergleiche Aufzählung der wenigen Scoops ist inzwischen so etwas wie „Blog-Folklore“, wie der Journalist Mario Sixtus treffend formuliert.

Was ist also mit der großen Mehrheit der Blog-Betreiber? Können sie als die neuen Protagonisten eines nicht-kommerziellen Graswurzel-Journalismus angesehen werden? Liefern sie eine neue, bessere Art von Online-Journalismus, wie etwa der Szenestar „Don Alphonso“ mit Verve behauptet? Oder geht beim Bloggen um etwas völlig anderes?

In meiner Befragung von fast 150 deutschsprachigen Bloggern im Sommer und Herbst 2005, die Teil meiner Diplomarbeit am Dortmunder Institut für Journalistik war, gaben immerhin rund 50 Prozent der Befragten an, sich mit Tätigkeitsbeschreibungen zu identifizieren, die als typisch journalistisch gelten können. Auch ließen fast ebenso viele Blogger Motivationen und Rollenselbstbilder erkennen, die gemeinhin professionellen Journalisten zugeschrieben werden.

Darüber hinaus zeigte sich, dass sich viele der befragten Blogger mit Funktionen des professionellen Journalismus identifizieren. Gleichzeitig betonten sie, wie wichtig ihnen das Verbreiten der eigenen Meinung sei. Dieser Befund führte schließlich zu der These, dass sich in der Blogosphäre ein alternatives publizistisches Selbstverständnis herausbildet.

Des Weiteren ließen die Ergebnisse der Studie darauf schließen, dass die gängigen journalistischen Relevanzkriterien in der Blogo-sphäre weitgehend bedeutungslos sind: Blogger publizieren vor allem dann, wenn ein Thema sie persönlich interessiert und zu Meinungsäußerungen anstachelt. Weiter ergab die Befragung, dass es in der Blogosphäre durchaus üblich ist, ungenaue und ungeprüfte Informationen aus fragwürdigen Quellen mit oder auch ohne warnende Hinweise zu veröffentlichen. Allerdings gaben die meisten Befragten an, Zweifel am Wahrheitsgehalt kenntlich zu machen. Außerdem lieferte die Studie Hinweise auf ein informelles System von Kritik und Kontrolle: Blog-Postings gelten als „Work in Progress“, werden also zur Diskussion gestellt und bei Bedarf korrigiert.

Die Debatte um die Frage, ob Blogger eine (neue) Art von Journalismus oder gar den Journalismus der Zukunft repräsentieren, ist so alt wie die wissenschaftliche Reflexion des Phänomens. Dabei wird in der Regel missachtet, dass ein Blog zunächst nicht mehr als ein Medienformat ist, das mit Privatem, Unterhaltung, Werbung oder eben mit Journalismus gefüllt werden kann. Allein diese Tatsache verbietet eine Gleichsetzung der Begriffe Blogs und Journalismus. Außerdem erhebt der weitaus größte Teil der Blogger nicht den Anspruch, journalistisch zu arbeiten und reagiert entsprechend ablehnend, wenn etwa die Einhaltung berufsständischer Regeln angemahnt wird.

Sinnvoller als die „Sind Blogs nun Journalismus?“-Debatte ist die Frage: Was leisten Blogger? Erfüllen sie möglicherweise Funktionen des Journalismus? Und können professionelle Journalisten und damit auch ihr Publikum vom Geschehen im Internet profitieren?

Zum einen ist anzuerkennen, dass herausragende Blogger aufgrund ihrer hohen Internetkompetenz und ihrer Vernetzung oftmals besser als Journalisten in der Lage sind, Internet-Informationen zu filtern, aufzubereiten und in Bezug zu setzen. Zudem ist die Blogosphäre ein riesiges, noch weitgehend unerschlossenes Ideen- und Themenreservoir. Mit Dienstleistern wie „Technorati“ – einer Blog-Suchmaschine und Hitliste der am heißesten diskutierten Themen – stehen erstmals Seismographen für die Stimmungen und Meinungen der Internetöffentlichkeit zur Verfügung.

Auch jenseits von Krisen und Kriegen können besonders gelungene Blogs, Blog-Beiträge oder -Diskussionen zum Berichterstattungsthema werden. Eröffnen Journalisten eigene Blogs, bietet sich ihnen Raum für Experimente, Aktualisierungen ihrer (Offline-)Beiträge, Ergänzungen, Korrekturen, Kommentare, Nutzer-Diskussionen und wohl dosierte Eigenwerbung. Mit Ausdauer und dem nötigen Geschick schärfen bloggende Journalisten ihr persönliches (Online-)Profil. Zudem sig-nalisieren sie, dass sie bereit sind, mit den Nutzern auf Augenhöhe zu diskutieren.

Während Interessenvertreter der journalistischen Profession mit scharfen Worten davor warnen, Blogger und so genannte Bürgerjournalisten aufzuwerten, gibt es auch Stimmen, die ein Zusammenwirken beider Gruppen anregen: „Berufsjournalisten müssen lernen, die Mitarbeit und den Widerspruch ihres Publikums zu akzeptieren“, meint der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger. Da Profis „als Oberlehrer und Missionare“ immer weniger gefragt seien, müssten sie ihre neue Rolle als Moderatoren öffentlicher Debatten annehmen.


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