Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 15. April 2007

Das Internet als Drehscheibe

Crossmediales Arbeiten in der Newsdesk-Redaktion

Von Klaus Meier

„Missglückter Medikamententest – sechs Männer auf Intensivstation“ – die Meldung aus dem Nachrichten-Ticker elektrisiert die Redakteure am Newsdesk einer regionalen Tageszeitung. Vor ein paar Tagen haben sie noch eine Erfolgsstory über das Biotechnologie-Unternehmen in ihrer Stadt veröffentlicht. Nun ist ein neues Medikament dieses Unternehmens für das multiple Organversagen von Probanden verantwortlich.

Foto: David Sim/flickr.com
Am Newsdesk wird sofort entschieden, das Thema groß und breit zu recherchieren: Ein Reporter wird zum Unternehmen geschickt und der Wissenschaftsredakteur mit einem Hintergrundstück zum Testverfahren für neue Medikamente beauftragt. Ein Wirtschaftsredakteur soll recherchieren, wie sich das Thema auf die Biotechnologie-Branche auswirken wird, denn das Unternehmen ist mit Risiko-Kapital finanziert.

Am Newsdesk laufen die Fäden zusammen – und das nach und nach eingehende Material wird auf die medialen Plattformen verteilt. Das Interview mit dem Geschäftsführer kommt sofort als Audio-Datei ins Internet und ergänzt dort die Eilmeldungen, die aus Agenturtexten zusammengefasst worden sind. Ein Ausschnitt wird als O-Ton der Kollegin zur Verfügung gestellt, die die Nachrichten für den hauseigenen Radiosender produziert. Als man am Newsdesk merkt, dass das Thema von Internet-Nutzern stark geklickt wird und zum Quotenhit der Online-Ausgabe geworden ist, wird die Seite 1 der Tageszeitung frei geräumt: Der Wissenschaftsjournalist fasst alle recherchierten Quellen zu einem Aufmacher zusammen. Ein Kollege am Newsdesk baut alle einlaufenden Beiträge zu einem Themen-Package auf der Seite 3 zusammen.

Dieses Szenario für einen vernetzten Ablauf in einer crossmedialen Redaktion wäre mit den traditionellen Strukturen einer Redaktion nicht möglich. Jedes Ressort bearbeitete seine Seiten; jede Abteilung hatte seine Sendung(en); jedes Medium seine Redaktion. Neue Modelle der Redaktionsorganisation durchbrechen diese Autonomie: Ressort-, programm- und medienübergreifendes Arbeiten wird an einem Newsdesk oder in einem Newsroom zum Prinzip. Komplexe, aber aktuell wichtige Themen werden identifizierbar und können flexibel bearbeitet werden.

Die Anglizismen Newsroom, Newsdesk und Crossmedia avancierten in letzter Zeit zu Modewörtern des Redaktionsmanagements im deutschsprachigen Raum – vor allem bei Tageszeitungen, aber auch bei Nachrichtenagenturen und Rundfunkanstalten. Dabei werden diese Begriffe in der journalistischen Praxis ganz unterschiedlich verwendet und bewertet. Euphoriker – insbesondere innovative Chefredakteure – versprechen sich durch neue redaktionelle Strukturen eine höhere journalistische Qualität, weil dadurch komplexe Themen ressort-übergreifend bearbeitet, Abläufe und Themenplanung professionalisiert oder weil die Herausforderungen einer konvergenten Medienwelt in crossmedialen Redaktionen besser bewältigt werden können. Skeptiker sehen dagegen den ökonomischen und zeitlichen Druck auf Redakteure (erneut) wachsen oder befürchten einen Verlust regionaler Medienvielfalt.

Schwierig an der Debatte ist schon alleine die Tatsache, dass es viele im Detail unterschiedliche Newsdesk-Modelle gibt. Aus der Vogelperspektive betrachtet spielen die folgenden drei Aspekte eine wesentliche Rolle:

Ressortgrenzen überwinden: Am Anfang der Newsdesk-Entwicklung stand das Ziel, die Ressortgrenzen zu überwinden, um das Bewusstsein für das Zeitungsprodukt als Ganzes zu stärken und auch Themen wahrnehmen und übergreifend bearbeiten zu können, die nicht ins Raster der Ressorts passen; zudem sollten Ressourcen für eigene Recherchen, für flexible Themensetzung abseits der Nachrichtenroutine frei werden. Diese ersten Newsdesks entstanden schon in den 1990er Jahren zum Beispiel bei der „Freien Presse“ in Chemnitz mit Chefredakteur Dieter Soika. Weitere Newsdesk-Pioniere sind Paul-Josef Raue – inzwischen Chefredakteur bei der „Braunschweiger Zeitung“ – und Michael Reinhard, der bei der „Main-Post“ in Würzburg 2001 einen Innovationsschub einleitete.

Die Zeitungskrise: In der Zeitungskrise in den Jahren 2001 bis 2004 kam ein weiteres Motiv für redaktionelle Umstrukturierungen hinzu: die Kosten. Die dramatischen Einbrüche der Anzeigenerlöse machten vielen Redaktionen erst bewusst, dass sogar ein regionales Zeitungsmonopol keine Lizenz zum Gelddrucken mehr bedeutet. In der Krise wurde dann auch wieder mehr diskutiert, dass die Zeitung sich inhaltlich wandeln muss, wenn sie nicht noch mehr Leser verlieren und ein junges Publikum (zurück-) gewinnen möchte. Ein Dilemma – so schien es: Denn bislang waren kreative Freiräume und eigene Recherchen oft nur mit mehr Personal möglich, das man sich aber nicht leisten konnte. Ein Ausweg ist nur möglich, wenn redaktionelle Abläufe optimiert, Strukturen flexibilisiert und Tätigkeiten professionalisiert werden. Redaktionen werden zum Beispiel immer mehr funktional in „editors“ und „reporters“ getrennt. Editors sind Spezialisten fürs Blattmachen, für Produktion, Organisation und Themenplanung; sie arbeiten zentral am Newsdesk. Reporters können sich um ein Informantennetzwerk kümmern, recherchieren Hintergründe und schreiben eigene Geschichten.

Der integrierte Newsroom: Der dritte Faktor der Newsdesk-Entwicklung steht international schon seit Jahren im Zentrum von redaktionellen Innovationen und wird nun auch in Deutschland bedeutender: Medienhäuser arbeiten zunehmend mehrmedial und bedienen mehrere Plattformen (z. B. Print im „normalen Format“; Print als kompaktes Format für junge Zielgruppen; verschiedene Formate im Internet wie Text, Audio, Video; mobile Kommunikation etc.). In crossmedial organisierten Redaktionen werden diese Plattformen – beispielsweise an einem Newsdesk – zusammengeführt: Das digitalisierte redaktionelle „Material“ soll mehrfach verwendet, Ressourcen sollen für verschiedene Produkte eingesetzt und das Publikum über verschiedene Ausspielkanäle erreicht werden.

Neue Redaktionsstrukturen sind geradezu die Bedingung dafür, dass neue Ausspielkanäle schnell besetzt und redaktionell integriert werden können. Dies ist nicht unproblematisch und bringt neue Herausforderungen vor allem für den redaktionellen Workflow und die Kompetenzen der Journalisten mit sich.

In den vergangenen Monaten machten vor allem die „Rheinische Post“ in Düsseldorf mit einem „Doppel-Newsdesk“ für Print und Internet und der Springer Verlag in Berlin mit „Deutschlands größtem integrierten Newsroom“ für drei Zeitungen („Welt“, „Morgenpost“, „Welt am Sonntag“) von sich Reden. Der Springer-Newsroom ist mit 408 Quadratmetern für 56 Arbeitsplätze im internationalen Vergleich allerdings klein und eng: Die Austria Presse Agentur (APA) hat in Wien im Sommer 2005 einen Newsroom mit 1600 Quadratmetern für 120 Arbeitsplätze eröffnet, die neue Tageszeitung „Österreich“ arbeitet in Wien mit 180 Journalisten in einem 2400-Quadratmeter-Newsroom. Und das wohl größte Newsroom-Projekt Europas ist seit Ende 2006 in London zu besichtigen: Beim „Daily Telegraph“ sitzen 450 Editors und Reporters in einem neuen Großraum, der mit 6300 Quadratmetern etwas kleiner als ein Fußballfeld ist. Im Zentrum steht ein „Hub“ an dem die verschiedenen Plattformen koordiniert werden: Neben einem permanent aktualisierten Text/Bild-Online-Angebot gibt es mittags die Online-Video-News, am frühen Nachmittag Audio-Beiträge (Podcasts) und zum Feierabend den „Telegraphpm“ – eine zehnseitige A4-PDF-Ausgabe als „click and carry“-Material zum Ausdrucken und Lesen in der U-Bahn. Ach ja: In der Nacht wird natürlich noch gedruckt und am nächsten Morgen das Newspaper geliefert. Der „Daily Telegraph“ ist schließlich mit einer Auflage von 900.000 die größte britische Qualitätszeitung.

Im derzeitigen dynamischen Wandel der Medienmärkte, -techniken und -produkte ist die Innovationsfähigkeit von Redaktionen und Medienunternehmen gefragt. Die größte Herausforderung steckt im Internet, das sich zu einer zentralen Drehscheibe für Texte, Fotos, Audios und Videos entwickelt – und damit zu einem ernsthaften Konkurrenten für alle traditionellen Medien wird.

Welche Erfahrungen wurden mit diesen neuen Arbeitsstrukturen gemacht? Eine pauschale Antwort ist schwierig, weil jede Redaktion Arbeitsteilung und Arbeitsabläufe finden muss, die für sie optimal sind. Manchen gelingt das besser, anderen schlechter. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass durch Newsdesk-Modelle die journalistische Qualität steigen kann und auch die Arbeitszufriedenheit der Redakteure, wenn sie merken, dass sie eine gute Zeitung machen und zudem das Publikum über mehrere Wege erreichen. Andererseits kann aber auch der Arbeitsdruck größer werden: Die zeitlichen Freiräume werden enger, der persönliche Stress nimmt zu. In crossmedialen integrierten Newsrooms ist zudem Training und Coaching gefragt. Ein Print-Journalist kann nicht von heute auf morgen lernen, wie das Internet tickt oder wie ein Podcast oder ein Video-Beitrag produziert wird. Als journalistischer Nachwuchs werden zunehmend Journalisten gebraucht, die mit den neuen Formaten des Internets umgehen können, aber die Denkweise der alten Medien nicht aus den Augen verlieren.

Erfolgreiche Redaktionen müssen sich immer wieder wandeln, um die neuen technischen Möglichkeiten, die veränderten Marktbedingungen und die sich ändernde Mediennutzung produktiv und kreativ nutzen zu können. Allerdings gilt auch: Der ökonomische Druck auf Redaktionen ist nicht beliebig steigerbar, sonst gerät die Qualität unter die Räder – mit welchen Organisationsstrukturen auch immer.

Foto: David Sim/flickr.com


One Response to “Das Internet als Drehscheibe”

  1. MAZ: Desk bringt auch Chancen | MAZblog Says:
    April 25th, 2010 at 11:48 am

    […] Den gesamten Text findet ihr hier. Er stammt aus dem Jahr 2007, ich finde ihn trotzdem noch immer  lesenswert. […]

Comments