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Redaktion | 6. Oktober 2010

Eine gewisse Skepsis

Potenziale von Medienblogs zwischen Qualitätssicherung und PR

Von Kristina Wied

Unter der Überschrift “Der neue Ricken ist der alte Ricken” verweist “Bildblog” am 11. August 2010 um 13.14 Uhr auf einen Fehler in einem Bericht der “Bild”-Zeitung. Nur knapp zwei Stunden später meldet das Medien-Watchblog weiter: “Bei Bild.de sind Rickens Alter und der Satz über den ‘jüngsten Dortmunder Erstliga-Spieler’ inzwischen unauffällig korrigiert worden.” Das öffentliche Anprangern der unpräzisen Berichterstattung war erfolgreich; es hat zu einer raschen Korrektur der Ungenauigkeit geführt.

So offenkundig und konkret wie bei diesem Beispiel lässt sich das Potenzial eines Medienblogs wie “Bildblog”, durch öffentliche Kritik die Verbesserung der Qualität journalistischer Produkte anzuregen und so einen Beitrag zur Medienselbstkontrolle zu leisten, jedoch nicht immer fassen. Die Wirksamkeit der weblogbasierten, öffentlich vorgetragenen Kritik – wie jede andere, auch redaktionsinterne Rückmeldung – hängt einerseits von der Offenheit des Kritisierten für das geäußerte Feedback sowie dessen Bereitschaft ab, Fehler zu korrigieren oder Verbesserungsvorschläge (in der künftigen Berichterstattung) umzusetzen. Andererseits finden sich auch Exempel für Beiträge in Medienblogs, die eher dem redaktionellen Marketing dienen und sich in die Nähe von Public Relations-Maßnahmen rücken lassen. Denn neben “Bildblog”, dem wohl prominentesten und renommiertesten Medien-Watchblog im deutschsprachigen Raum, haben sich hierzulande inzwischen zahlreiche weitere Weblogs auf das Themenfeld Medien und Journalismus spezialisiert, die alle unter dem Sammelbegriff Medienblogs zusammengefasst werden.

Die große Bandbreite an Themen und Aspekten, die Unterschiedlichkeit der Praktiken des Bloggens, die verschiedenen Organisationsformen und Institutionalisierungsgrade sowie die divergierende Reichweite und Rezeption der einzelnen Medienblogs erfordern einen differenzierten Blick auf dieses Phänomen – zumal sich die Angebote stets wandeln. Die Forschung steht hier am Anfang. Um die Untertypen von Medienblogs voneinander abzugrenzen, liegen erste Vorschläge vor, die jeweils auf einzelne Gliederungsmerkmale (etwa Thema, Akteur, Praktik des Bloggens, Organisations-/Institutionalisierungsgrad) rekurrieren (vgl. u.a. Eberwein 2010: 151; Domingo/Heinonen 2008: 7ff.; Mayer et al. 2008: 589; Wied/Schmidt 2008: 179f.). Darauf aufbauend bietet sich folgende modifizierte Einteilung an:

  1. Bürgerblogs: Medienblogs, die von Privatpersonen außerhalb des Journalismussystems betrieben werden; jedoch stehen Medien und Journalismus in den meisten der persönlichen Blogs von Privatpersonen im deutschsprachigen Raum nicht unbedingt per se im Mittelpunkt, sondern werden von Fall zu Fall und eher unsystematisch thematisiert.
  2. Rezipientenblogs: Medienblogs, die a) von Privatpersonen sowie b) von nicht-journalistischen Rollenträgern innerhalb des Journalismussystems betrieben werden (auch Kritikerblogs genannt); solche Medienblogs finden sich auf Plattformen, die von etablierten Massenmedien angeboten werden; die meisten der dort vorfindbaren Weblogs sind gleichwohl als persönliche Blogs einzustufen, deren Schwerpunkt nicht auf dem Themenfeld Medien und Journalismus liegt.
  3. Journalistenblogs: Medienblogs, die von journalistischen Rollenträgern (auch Freelancern) außerhalb journalistischer Organisationen betrieben werden; diese Medienblogs sind üblicherweise nicht in den Online-Auftritt des vorwiegend thematisierten Mediums bzw. die Internetseiten der hauptsächlich thematisierten Medien integriert. Insbesondere für diese Journalistenblogs wie auch für entsprechende Bürgerblogs wird der Begriff Medien-Watchblog ver-wendet, da sie sich explizit der Beobachtung und kritischen Begleitung journalistisch produzierter Inhalte anderer Journalisten, Redaktionen, Medien widmen, wobei sie thematisch medienübergreifend angelegt sein können (z.B. seit April 2009 “Bildblog“, das vorher auf “Bild”, “Bild am Sonntag” und “Bild.de” fokussiert war, oder “DailyError“), sich auf einzelne Medien oder ihre Online-Ausgaben konzentrieren (etwa “Spiegelkritik“, “Ostsee-Zeitung-Blog“) sowie auf bestimmte Ressorts (“Allesaußersport“) bzw. Mediensparten (“TVBlogger”) fokussieren können.
  4. Redaktionsblogs: Medienblogs, die von journalistischen Rollenträgern innerhalb journalistischer Organisationen betrieben werden und in deren Online-Auftritt integriert sind. Beispiele hierfür sind: das “Tagesschau-Blog“, das “Bronski-Blog” der “Frankfurter Rundschau”, das “Blattkritik-Blog” der Regionalzeitung “Trierischer Volksfreund”, das Blog “ZEITansage” der Wochenzeitung “Die Zeit”, das “Editor’s Blog” bei “Focus online” usw.

Erste Hinweise, dass Medienblogs als heterogene Gruppe den bestehenden professionellen Medienjournalismus als eine Instanz medialer Selbstkontrolle bzw. ein Instrument journalistischer Qualitätssicherung ergänzen – nicht aber ersetzen – können, liefert eine Inhaltsanalyse von Tobias Eberwein (2010). Er bescheinigt den Medienblogs u.a. einen hohen Anteil an kommentierenden Texten und einen kritischeren Blick primär auf den Journalismus und die Medienwirtschaft als dem herkömmlichen Medienjournalismus der Tagespresse. Zugleich weist er darauf hin, dass es den Medienblogs oft an Kontinuität und insbesondere an Reichweite und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit fehlt.

Ob die Kritik, die in Medienblogs als Feedbackkanal geäußert wird, allerdings tatsächlich in die kritisierten Redaktionen hineinwirkt und im weiteren Produktionsprozess berücksichtigt wird, ist nach Ergebnissen verschiedener Studien skeptisch zu beurteilen. So recherchieren nach Erkenntnissen von Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke (2008) beispielsweise nur wenige Redakteure deutscher Nachrichtenredaktionen in Weblogs nach Resonanz auf die eigene Berichterstattung. Die meisten von ihnen beschreiben den Einfluss der Medienkritik, die in Weblogs geäußert wird, als gering. Lediglich neun Prozent stimmen der Aussage in hohem Maße zu, dass Weblogs auf diese Weise journalistische Qualität fördern.

Journalisten, die für Medien tätig sind, deren Arbeit durch Medien-Watchblogs begleitet wird, sind laut Katja Schönherr (2008) zwar übereinstimmend der Ansicht, dass Kritik von außen wichtig sei. Ihre Einschätzung der Wirkung der Medien-Watchblogs geht aber weit auseinander: von irrelevant und wirkungslos bis hin zu – vor allem in Bezug auf Fehler – nützlich und anregend. Nach Aussage eines Mitarbeiters des Onlineangebots “Bild.de” hat “Bildblog” erreicht, dass er sorgfältiger arbeite als vorher; dass das Medien-Watchblog etwas bewirke, sei an den Korrekturen erkennbar.

Eine gewisse Skepsis hinsichtlich des Potenzials von Medienblogs zeigen auch die Rezipienten, wie eine selbst durchgeführte Befragung der Nutzer von “Bildblog” ergeben hat (vgl. Mayer et al. 2008). Die User haben einen differenzierten Eindruck von den Leistungen des Medien-Watchblogs: Zum einen machen sie sich keine Illusionen über den Einfluss auf die kritisierten Medien. Mehr als die Hälfte der Befragten ist nicht der Überzeugung, dass “Bildblog” “zur Qualitätsverbesserung der Bild-Zeitung beiträgt”. Etwa zwei Drittel meinen, das “Bildblog” habe “letztlich keinen großen Einfluss auf die Bild-Zeitung”. Zum anderen kann “Bildblog” ihrer Auffassung nach die kritische Aufmerksamkeit gegenüber Bild verstärken und ist geeignet, generell und auch bei ihnen persönlich ein stärkeres Bewusstsein für journalistische Qualität zu fördern. Neun Zehntel stimmen der Aussage zu, “Bildblog macht mir deutlich, welche Kriterien für guten Journalismus gelten sollen”. Die Befragten trauen “Bildblog” zu, Transparenz zu den Regeln und den Vorgehensweisen des Journalismus herzustellen und die Medienkompetenz der Bürger zu fördern.

Insbesondere Redaktionsblogs und Rezipientenblogs/Kritikerblogs, die als Feedbackkanäle in die Onlineangebote etablierter Medien eingebunden sind, erscheinen nach Ergebnissen einer eigenen Befragung geeignet, zur Qualitätssicherung im Journalismus beizutragen, da prinzipiell eine Aufgeschlossenheit für in diesen Blogs geäußerte Kritik vorherrscht (vgl. Wied/Schmidt 2008). Denn in den untersuchten Medien wurden die Blogs jeweils auf Bestreben der Redaktionen in den Internetauftritt integriert, so dass Feedback nicht mehr – wie bei Text- und Blattkritik üblich – nur ausschließlich für Redaktionsmitglieder sichtbar, sondern öffentlich ist und Handlungsdruck ausübt. Auch die angeführten Gründe für die Einbindung dieser Weblogs in den eigenen Onlineauftritt, etwa Themenanregungen und Vorschläge zur Verbesserung des eigenen Produkts zu erhalten, sprechen für eine Offenheit für das weblogbasierte Feedback. Darüber hinaus machen die Befragten deutlich, dass die Weblogs auch aus Gründen redaktionellen Marketings eingeführt wurden und der Leser-Blatt-Bindung dienen sollen.

Weiterhin zeigt Anna Maria Theis-Berglmair (2009) in einer Analyse des “Tagesschau-Blogs”, dass Redaktionsweblogs, in denen die Medienmacher Entscheidungskontingenz sichtbar machen, indem sie öffentlich Gründe beispielsweise dafür benennen, warum eine Nachricht so und nicht anders ausgefallen ist, auch als Ausdruck einer reflektierenden Organisation betrachtet werden können. Zudem verweist Theis-Berglmair darauf, dass sich öffentliche Begründungen getroffener Entscheidungen in die Nähe von PR-Maßnahmen rücken lassen, was mitunter von den Nutzern als Selbstbeweihräucherung aufgefasst werde. Untermauert werde dieser Eindruck vom häufigen Verweis auf das Selbstverständnis und das Profil der Redaktion bzw. des Senders.

Fazit: Auch wenn sich in Einzelfällen wie bei dem obigen Beispiel von “Bild” und “Bild.de” direkt und ganz offensichtlich beobachten lässt, welches Potenzial Medienblogs im Hinblick auf Medienselbstkontrolle und journalistische Qualitätssicherung entfalten können, so erscheint diesbezüglich eine gewisse Skepsis angebracht. Notwendig sind weitere wissenschaftliche Studien, die sich diesem Aspekt widmen und dabei auch der Heterogenität der Medienblogs Rechnung tragen. Wünschenswert wären vergleichende Analysen der Inhalte von Medienblogs und der Berichterstattung der von ihnen kritisierten Medien, um deren Beziehung zu analysieren und mögliche Auswirkungen zu identifizieren. Redaktionsbeobachtungen könnten weiterhin Erkenntnisse bringen, ob die kritisierten Journalisten offen für die weblogbasierte Kritik sind und inwiefern sie diese in ihre Arbeit integrieren. Eine Befragung könnte über die Beweggründe für das Handeln der Journalisten Aufschluss geben.

Literatur:

Foto: Lutz Kampert


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