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Redaktion | 15. April 2007

Eine permanente Revolution

Zum Berufsfeld des Online-Journalisten

Von Lorenz Lorenz-Meyer

Foto: Hochschule DarmstadtIn den ersten zehn Jahren seiner Existenz litt der Online-Journalismus unter einer weit auseinander klaffenden Schere zwischen den glühenden Verheißungen, mit denen visionäre Medientheoretiker dieses neue Arbeitsfeld aus der Taufe hoben, und den erstickenden Beschränkungen, denen die Praktiker in der harten Wirklichkeit des Medienmarktes ausgesetzt waren.

Während die einen hymnisch von neuen multimedialen Dramaturgien, von einer zur Teilhabe ermächtigten Nutzerschaft, von völlig neuen, lebendigeren und die Werkstatt öffnenden professionellen Formaten sangen, litten die anderen unter absurd niedrigen Budgets, der Geringschätzung und dem krankhaften Misstrauen ihrer Old-School-Kollegen und verlegerischen Strategien, die ihre Leistungen dauerhaft zur Knechtschaft im Dienste der jeweiligen „Muttermedien“ zu verdammen schienen.

Ganz plötzlich jedoch, als gelte es, das zehnjährige Jubiläum des Online-Journalismus gebührend zu würdigen, hat sich dies jetzt geändert. Ein zweiter Internet-Hype widmet sich unter dem Titel „Web 2.0“ den so genannten „sozialen“ Dimensionen des World Wide Web, während die Verleger ebenso wie die Rundfunkanstalten mit einem Mal das Internet als mögliche Lösung ihrer teilweise marktbedingten, teilweise hausgemachten Krisen entdecken und Bereitschaft zeigen, finanzielles und soziales Kapital in die neuen Medien zu investieren.

Zeit also, sich mit den geänderten Rahmenbedingungen des Online-Journalismus auseinanderzusetzen – sowie mit den Anforderungen, die sich aus ihnen für eine adäquate online-journalistische Ausbildung ergeben.

I. Der Markt

Eine der großen Frustrationen für die deutschen Online-Journalisten der ersten Stunde bestand in der Beobachtung, wie wenig sich in ihrem Sektor über die letzten Jahre getan hat. Zwar fand in dieser Zeit eine nachhaltige Professionalisierung statt: Aus den Autodidakten der mittneunziger Jahre wurden nach und nach routinierte Profis, und immer mehr rückten auch professionell ausgebildete, teilweise auch im Print- oder Rundfunkbereich erfahrene Kollegen nach. Auch die Reichweiten wuchsen beständig. Aber die Formate selbst entwickelten sich nicht: Es blieb bei einem kurzatmigen, im Wesentlichen von Importen aus Agenturen oder anderen Medien dominierten Nachrichtenjournalismus einerseits und weitgehend derivativen Entertainment- und Serviceformaten andererseits.

Erst als die Anzeigenwirtschaft auf den demographischen Wandel und die damit verbundenen veränderten Nutzungsgewohnheiten zu reagieren begann und dem Internet als einzigem Medium signifikant steigende Anzeigenerlöse bescherte, begannen auch die Medienstrategen aufzuwachen und die Reichweite der Entwicklungen zu ermessen, die sich bislang weitgehend hinter ihrem Rücken abgespielt hatten. Ein Blick über die Grenzen, vor allem in den angelsächsischen Sprachraum, aber auch nach Ostasien, musste sie zudem davon überzeugen, dass sich andernorts bereits sehr viel avanciertere Modelle in der Erprobung befanden.

Seither haben große deutsche Verlagshäuser Forschungs- und Entwicklungsabteilungen eingerichtet, die sich mit der Zukunft des Online-Journalismus beschäftigen. Mit großer Aufmerksamkeit werden Newsdesk-Experimente betrieben oder verfolgt, in denen vertraute Redaktionsstrukturen aufgebrochen und im Hinblick auf eine crossmediale Produktion neu aufgestellt werden. Und als im Umfeld einiger Tageszeitungen plötzlich der Slogan „Online first!“ nicht nur diskutiert, sondern auch umgesetzt wurde, konnte jedem Beobachter klar werden: Der erste Schritt in eine vom Internet dominierte Medienzukunft ist bereits vollzogen.

II. Das „Soziale Netz“

Für wesentliche Anregungen zu einer Neuorientierung konnte sich die Branche dabei auf Entwicklungen im nicht- oder semiprofessionellen Internet beziehen. Dort nämlich hatte die Nutzerschaft das Heft längst in die Hand genommen und sich die Potenziale, die ihnen das Internet bot, zunutze gemacht.

Buchstäblich Millionen von artikulationsfreudigen Internetnutzern machten von vereinfachten und kostengünstigen Produktionstechniken Gebrauch und stellten in ihren Weblogs eigene Berichte und Reflexionen ins Netz. Dabei propagierten sie zugleich einen neuen medialen Stil: vielfach provisorisch, fragmentarisch – aber oftmals in der Kontinuität zugleich tiefer und nachhaltiger als so manches professionelle Elaborat. Mit dem Phänomen Podcast griff dieser Boom der Mikropublizistik auch auf den au-diovisuellen Bereich über.

Mit Hilfe einfacher, aber effektiver Verknüpfungs- und Rückmeldungstechniken gelang es den neuen Amateurpublizisten schnell, sich auf eine nie zuvor gekannte Weise miteinander zu vernetzen: RSS-Feeds erlaubten es, Weblogs und andere häufig aktualisierte Quellen zu abonnieren; Kommentarfunktion und Trackback brachten die Autoren und ihre Leser miteinander ins Gespräch – auf der einzelnen Website, aber auch weit über deren Grenzen hinaus. In sozialen Bookmarkdiensten wie „del.icio.us“ konnten die Nutzer ihre Internet-Fundsachen der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen und profitierten somit auch von den Recherchen und Bewertungen anderer. Filesharing von Audio- und Videodateien beschränkt sich heute längst nicht mehr auf musikalische Hits oder die notorischen Schnipsel aus beliebten TV-Comedies: Auch relevante Fundsachen aus journalistischen Formaten oder Dokumentarfilmen werden auf Plattformen wie „YouTube“ heiß gehandelt.

Um etwas Struktur in das entstehende Rauschen Abertausender Stimmen zu bringen, bediente man sich einer einfachen Form der Verschlagwortung, des so genannten „Tagging“. Auf diese Weise bildeten sich im Netz flexible und skalierbare Cluster von Nutzern, Inhalten und auch Produkten, geeint durch Interessen, die sich schneller organisieren, als es jede Marktforschung nachzuvollziehen vermöchte. Einer der neuesten Trends verankert die­se Netzwerke – wo es sinnvoll erscheint – auch geographisch in der Wirklichkeit, mit Hilfe von Karten wie den „Googlemaps“ und Techniken der Geopositionierung.

III. Herausforderungen

Während der professionelle Journalismus, online wie offline, sich vielfach noch im Tiefschlaf befand, rückten ihm so die Nutzer auf den Pelz – zum einen in Form eines bestens ausgestatteten, hoch artikulierten und unerwartet kritischen Publikums, zum anderen durch die simple Tatsache, dass das Internet die Schwelle zwischen Amateur und Profi massiv gesenkt und damit eine Grauzone geschaffen hat, in der publizistische Newcomer fast ebenbürtig gegen etablierte Player antreten können. Das soziale und technische Instrumentarium, dessen sich die Amateure dabei bedienen, ist vielfach avancierter als das, welches im traditionellen Online-Journalismus zum Einsatz kommt.

Vor diesem Hintergrund müssen die Herausforderungen ermessen werden, denen sich die journalistischen Profis zu stellen haben: Sie sollen mit frischen Modellen neue Strukturen in einen schwierigen Markt einziehen – Strukturen, deren wirtschaftliche Basis weiterhin noch weitgehend unerschlossen ist. Sie sollen darüber hinaus mit Würde der Kränkung eines anflutenden Amateurjournalismus begegnen, der von sich behauptet, schneller, authentischer, näher dran zu sein, und der darüber hinaus von vielen Verlegern als eine Quelle preiswerter Inhalte hofiert wird.

Wenn die Amateure auf dem Vormarsch sind, gilt es, Professionalität neu zu definieren und ihre Vorzüge unmissverständlich herauszuarbeiten. Es bleibt dem professionellen Journalismus, on- oder offline, nichts anderes übrig, als sich von liebgewordenen Gewohnheiten zu verabschieden und sich zunächst einmal auf das zu besinnen, worum es über alle Genre- und Formatgrenzen hinweg geht: darum, auf eine sorgfältige und verantwortungsvolle Weise relevante Themen zu erschließen und aus ihnen exzellente Geschichten zu machen. Das ist immer noch ein Handwerk, für das eine gute Ausbildung, Erfahrung und Teamplay unabdingbare Voraussetzungen sind.

Das Internet steht einer solchen Renaissance der Professionalität nicht im Weg. Seine gnadenlosen sozialen Filter belohnen letztlich die Qualität. Aber sie erwarten auch Frische und Innovation. Hier können die Profis von den Amateuren lernen: Wie diese sich mit großer Unbefangenheit die neuen Technologien für ihre Zwecke zunutze machten, diese sogar permanent weiterentwickelten, so muss auch der professionelle Qualitätsjournalismus lernen, die Wellen zu reiten, statt sich ihnen entgegenzustemmen.

IV. Die Ausbildung

In Zeiten großer Dynamik stehen wir Ausbilder vor einem Problem: Jedes definierte Curriculum kommt notwendigerweise zu spät. Wenn die ersten Absolventen einen Ausbildungsgang verlassen, ist das Erlernte teilweise schon überholt. In den online-journalistischen Ausbildungen haben wir bislang von der eigentlich unglaublichen Tatsache profitiert, dass der Markt mehr als zehn Jahre gebraucht hat, um das bereits sichtbare Potenzial der Netze auch nur annähernd zu realisieren. Wir konnten in aller Gelassenheit Cross- und Multimedialität oder Interaktion mit den Nutzern unterrichten, während draußen in der Wirklichkeit noch die Ödnis von Copy und Paste das Bild beherrschte.

Die neuesten Entwicklungen stellen auch unsere Modelle in Frage. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auch in der Ausbildung auf eine permanente Revolution einzustellen.

Der Begriff „Online-Journalismus“ bezeichnet damit mehr als die viel zitierte „Dritte Säule“ neben Print und Rundfunk. Er wird zum Chiffre für einen Journalismus mit integriertem Innovationsmanagement, einen flexibleren, transparenteren, lebendigeren Journalismus, der gleichwohl sein Wesen wahrt. Irgendwann einmal, wenn die gedruckten Zeitungen nur mehr Ableger von Internet-Journalen sein werden, wenn auch der kanalbasierte Rundfunk vor allem als nostalgischer Nachhall vergangener technischer Beschränkungen empfunden werden wird, werden wir begreifen, dass unsere heutige Frage nach dem Wesen des Online-Journalismus nichts anderes ist als die Frage nach dem Journalismus selbst.

Foto: Hochschule Darmstadt


One Response to “Eine permanente Revolution”

  1. Julius Says:
    Februar 28th, 2011 at 11:25 am

    Eine Herausforderung, die hier nur angetippt wurde und die von den klassischen Medien bisher kaum bewältigt ist stellt sich natürlich auch: Wie finanziert sich Online- oder Internet-Journalismus? Die Tage der gut laufenden klassischen Print-Maschine sind gezählt.

    Grüße
    Julius

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