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Redaktion | 6. Oktober 2010

Fehler über Fehler

Forschungsprojekt über Präzision und Glaubwürdigkeit im Journalismus fördert überraschende Ergebnisse zu Tage

Von Colin Porlezza, Stephan Ruß-Mohl & Marta Zanichelli

Dass Journalismus schnelllebig und damit anfällig für Fehler ist, dessen sind sich die meisten erfahrenen Medienpraktiker bewusst. Wie häufig sich indes Redaktionen irren und fehlerhafte Berichterstattung in Umlauf setzen, war zumindest in Europa bislang kaum bekannt. Jetzt gibt es für die Schweiz und Italien immerhin erste Zahlen, die aufhorchen lassen.

Auch in den USA sind die Forschungsergebnisse, die zu diesem Thema dort seit Jahrzehnten erstellt wurden, vom Umfang her überschaubar. Aber sie überraschen selbst heute noch „alte Füchse“ aus der Medienpraxis:

Scott Maiers Studie war Ausgangspunkt für unser eigenes Forschungsprojekt zur „Präzision und Glaubwürdigkeit der Berichterstattung von Regionalzeitungen in der Schweiz und Italien“, das der Schweizer Nationalfonds finanziert hat. Ziel war es, die Fehleranfälligkeit der Berichterstattung ausgewählter Tageszeitungen zu erfassen und herauszubekommen, wie sich die Berichterstattungsmängel auf die Glaubwürdigkeit des Journalismus auswirken. Im empirischen Teil des Forschungsprojektes wurden jeweils die Informationsquellen der Journalisten zur Genauigkeit der Berichterstattung befragt. Dafür filterten wir in fünf Regionalzeitungen aus der deutschen Schweiz und Italien je 1.000 Artikel stichprobenmäßig heraus und ermittelten die Personen, die in den Beiträgen als wichtigste Quellen genannt sind. Wir befragten diese schriftlich, um Fehler zu identifizieren und nach verschiedenen Kategorien zu klassifizieren.

Um der Vergleichbarkeit der Daten willen basierte die Methodik auf den Pionierstudien von Charnley und Maier. Bemerkenswert war aber bereits der Unterschied bei der Rücklaufquote: Für die Schweiz betrug sie rund 50 Prozent, in Italien lag sie bei knapp 15 Prozent. (Angesichts der niedrigen Rücklaufquote für Italien sind die hier präsentierten Ergebnisse bestenfalls als explorativ zu betrachten.) Maier (2005) konnte dagegen in den USA 68 Prozent erzielen.

Die Umfrageresultate zeigen, dass die befragten Quellen – für uns überraschend – in der Schweiz mehr Berichterstattungsmängel feststellten als in Italien oder den USA. Faktische Fehler, so genannte „hard errors“ wie falsch geschriebene Namen, Angaben zum Ort des Geschehens oder verzerrt wiedergegebene Zitate, bemängeln die Befragten in 60 Prozent der untersuchten Schweizer Beiträge, dagegen in Italien in 52 Prozent und in den USA nur in 48 Prozent, also jeweils „nur“ in rund der Hälfte aller Artikel.

Die niedrigere Fehlerquote in den USA ist plausibel erklärbar. Sie lässt sich zum einen auf die unterschiedliche Organisation der Zeitungsredaktionen zurückführen: Journalisten in der Schweiz und Italien verfügen über eine relativ große gestalterische Autonomie, es gibt keine Arbeitsteilung zwischen „Reporters“ und „Editors“ wie in den USA – und damit auch weniger Kontrolle der einzelnen Journalisten. Auch die Korrekturspalten, die in den USA üblich sind, tragen zur Fehlervermeidung bei, weil sie die Journalisten sensibilisieren und weil auch kein Journalist gerne mit seinen Fehlleistungen in der Korrekturspalte und damit vor den Kollegen „am Pranger“ steht.

Rätsel gibt dagegen zunächst die im Vergleich zur Schweiz niedrige Fehlerquote in Italien auf. Nach allem, was wir wissen, sind Schweizer Regionalzeitungen redaktionell besser ausgestattet als italienische. Es bieten sich zwei einleuchtende Erklärungen für das unerwartete Ergebnis an: Denkbar ist, dass die italienischen Quellen deshalb weniger Berichterstattungsfehler entdeckt haben, weil die Journalisten häufiger deren PR-Texte per Copy&paste-Befehl in „Journalismus“ verwandeln als ihre Schweizer Kollegen. Sollten letztere sich mehr um Eigenberichterstattung und Ergänzungen bemühen, würde ihre Arbeit zugleich fehleranfälliger. Zum anderen könnte es sein, dass die deutsch-schweizerischen Quellen bei der Bewertung pingeliger waren als die italienischen Befragten – also in punkto Berichterstattungsgenauigkeit höhere Erwartungen haben. (Da unser primäres Erkenntnisinteresse nicht auf unterschiedliche Erwartungshaltungen der Quellen zielte, war auch das Erhebungsinstrument nicht auf diese Fragestellung hin ausgerichtet. Deshalb lassen sich diesbezüglich unsererseits keine präziseren Aussagen machen.)

Vier faktische Fehler wurden von den Befragten besonders häufig moniert: Reißerische Überschriften, die den Tenor des tatsächlichen Geschehens nicht widerspiegeln, entstellte Zitate, falsch wiedergegebene Zahlen und Orthografiemängel (vgl. Tabelle).

In der Schweiz und in Italien monierten die Befragten in jeder Kategorie – mit Ausnahme der falschen Zahlenangaben – deutlich mehr Fehler als in den USA. Insgesamt ist es aber verblüffend, wie sich die Resultate gleichen. Die Fehleranfälligkeit des Journalismus scheint somit ein generelles Problem zu sein, und auch die Fehlertypologie ähnelt sich über die Kulturgrenzen hinweg. Der Einfluss der spezifischen journalistischen Besonderheiten des jeweiligen Mediensystems scheint deshalb weniger prägend, als von uns zunächst vermutet.

Wenn die Quellen die Schwere der ermittelten Fehler beurteilen, ergibt sich neuerlich ein überraschendes Bild: Auf einer Likert-Skala von 1 (leichter Fehler) bis 7 (gravierender Fehler) gewichteten die Schweizer die Mängel mit durchschnittlich 2,5, also als weniger gravierend im Vergleich zu den Quellen in Italien (2,7) oder in den USA (2,8).

Auch ist die Bereitschaft der Quellen, sich erneut als Informationslieferanten zur Verfügung zu stellen, in der Schweiz (56%) deutlich höher als in Italien (38%) oder in Amerika (36%).

Zusammengenommen stützen diese beiden Befunde unsere Interpretation, dass die Schweizer Quellen es einerseits genauer nehmen und auch unwesentlichere Fehler aufgelistet haben als die Italiener – sich aber andererseits auch der Geringfügigkeit der journalistischen „Verfehlungen“ bewusst sind, so dass diese offenbar die Auskunftsbereitschaft der Quellen und die Glaubwürdigkeit der Zeitungen wenig beeinträchtigen.

Denn angesichts des hohen Fehleranteils ist das Vertrauen in die Zeitungen nahezu ungebrochen: Auf einer weiteren 7-Punkte-Skala, wobei 1 für unglaubwürdig und 7 für sehr glaubwürdig steht, stuften die Befragten in der Schweiz die Zeitungen trotz des höchsten Fehleraufkommens als sehr glaubwürdig ein (5,5). Die Zeitungen in den USA erzielten 5,1, die in Italien 5,2 Punkte.

Das Fazit der Studie fällt bezüglich der Fehleranzahl deutlich negativ aus: Jeder zweite Beitrag in den untersuchten Ländern enthält mindestens einen Fehler – und damit einen zuviel. Nicht alle Fehler sind aber offenbar so gravierend, dass sie sich direkt und negativ auf die Glaubwürdigkeit der Zeitungen auswirken.

Trotzdem sollten sich die Redaktionen deutlich intensiver mit der Berichterstattungs-Akkuratesse auseinandersetzen, vor allem in Zeiten zunehmender Digitalisierung. Unfraglich ist es die beste Lösung, Fehler zu vermeiden. Gerade in der schnelllebigen digitalen Welt zeichnet sich seriöser Journalismus indes auch dadurch aus, dass Redaktionen – wie schon vor Jahren vom „Pionier“ der Fehlerforschung im deutschen Sprachraum, Bernd Wetzenbacher, angeregt – endlich lernen, mit den eigenen Fehlern angemessen umzugehen. Möglichkeiten gibt es viele, angelsächsische Medien leben einige davon bereits seit langem vor: Correction Corners, in denen Fehler zuverlässig und freiwillig berichtigt werden, Editor’s Notes, mit denen man gravierende Berichterstattungsmängel zumindest nachträglich erklärt, und Ombudsleute, die als Beschwerdeinstanzen fungieren und systematisch Fehlern nachspüren, könnten erste Schritte zu einem glaubwürdigen Umgang mit Berichterstattungsfehlern sein.

Literatur:

Foto: Wortinspektor.com/pixelio.de


13 Responses to “Fehler über Fehler”

  1. Robert Says:
    Oktober 7th, 2010 at 9:37 am

    Sehr guter Artikel, danke! Würde aber gerne noch erfahren, welche Zeitungen untersucht worden sind. Auch das gehört sich schliesslich im Journalismus so…

  2. Colin Says:
    Oktober 7th, 2010 at 9:50 am

    Kein Problem: Bei den untersuchten Zeitungen handelt es sich in der Schweiz um die Aargauer Zeitung, die Basler Zeitung, die Berner Zeitung, die Südostschweiz, sowie den Zürcher Tages-Anzeiger, also regionale Tageszeitungen mit einem größeren Einzugsgebiet und einer mittleren bis großen Auflage. Die in Italien analysierten Zeitungen waren L’Eco di Bergamo, Il Giornale di Brescia, Il Resto del Carlino (Bologna), Il Giornale di Sicilia (Palermo), und Il Secolo XIX (Genua). Auch bei diesen Zeitungen handelt es sich um regionale Blätter mit mittleren Auflagenzahlen.

  3. Medienselbstkontrolle im Wandel at coolepark.de Says:
    Oktober 7th, 2010 at 10:03 am

    […] Theorie journalistischen Handelns — nach möglichen Anreizen für Medienselbstkontrolle; Colin Porlezza, Stephan Ruß-Mohl und Marta Zanichelli stellen Ergebnisse ihrer Fehlerforschung vor und erörtern die Chancen von Korrekturspalten als […]

  4. Alexander Says:
    Oktober 7th, 2010 at 10:10 am

    Sehr interessant. Folgendes vermisse ich auch am meisten, speziell bei den elektronischen Medien, in A und D: den offenen Umgang mit Fehlern und die entsprechend sichtbare (!), nachvollziehbare, erklärte Korrektur.

  5. Rey Says:
    Oktober 7th, 2010 at 11:07 am

    Sind Korrekrurspalten in der Schweiz unüblich? In deutschen Tageszeitungen kann ich zumindest versteckt neben den Leserbriefen ab und an auch Korrekturen entdecken. Bzw. in den USA werden die wohl auch kaum gesetzlich verankert sein, sondern allein vom Willen des jeweiligen Formats abhängen?

  6. Jeeves Says:
    Oktober 7th, 2010 at 11:13 am

    „Wie häufig sich indes Redaktionen irren und fehlerhafte Berichterstattung in Umlauf setzen, war zumindest in Europa bislang kaum bekannt.“
    Kaum bekannt? In Europa? Na, na. Ich, ganz normaler deutscher Zeitungsleser, bemerke die vielen Fehler kopfschüttelnd seit zig Jahren. Genau: seit mitte der Sixties. Immer wieder. Bis heute.
    Außerdem gibt’s seit Jahren (!) Websites, die manche der Fehler (und die Tendenz dahinter) detailliert aufdecken und beschreiben.

  7. Colin Says:
    Oktober 7th, 2010 at 12:18 pm

    @Rey: Korrekturspalten sind auch in der Schweiz eher unüblich. Fest verankerte Correction Corners wie in den USA gibt es nicht, zumeist werden nur die gröbsten Schnitzer korrigiert.

    @Jeeves: Einverstanden, nur reichen weder subjektive Eindrücke noch Websites, die (immer öfter) spektakuläre Fehler aufdecken, für einen systematischen Vergleich aus. Trotzdem sind gerade Websites als externe Instrumente der Qualitätskontrolle enorm wichtig, zumal sie dadurch für mehr Transparenz sorgen. Oder wie der Blogger Ken Layne dies kurz und knackig formulierte: „We can fact-check your ass.“

  8. Oliver Says:
    Oktober 7th, 2010 at 1:13 pm

    Wenn sich eine Quelle glaubt, sie sei ungenau zitiert worden, heisst das noch lange nicht, dass der Journalist schludrig gearbeitet hat.

    Manchmal wollen Leute Dinge, die sie gesagt haben, plötzlich nicht mehr gesagt haben. Oder anders…

  9. P Says:
    Oktober 7th, 2010 at 2:20 pm

    Zu Bedenken ist bitte auch die negative Selektion, also der „negative bias“ der Befragung. Sprich: Zufriedene Quellen werden seltener Antworten als unzufriedene – und zwar vermutlich um ein vielfaches seltener. Liegt auf der Hand und ist überall zu beobachten, angefangen bei der Kommentar-Zettelbox von McDonalds. Derartige Studien sind also nur scheinbar quantitativ auf festem Grund.

    Die qualitative Aussage ist dennoch interessant. Allerdings auch kein Grund zum Alarmismus. Im Gegenteil, die Fehlerquote (wenn schon Dinge wie reißerische Überschrift zählen) ist deutlich niedriger als ich gedacht hätte.

  10. Fehler über Fehler « EJO – European Journalism Observatory Says:
    Oktober 8th, 2010 at 10:55 am

    […] Erstveröffentlichung: Journalistik Journal 2/2010 […]

  11. Errori su errori « EJO – European Journalism Observatory Says:
    Oktober 20th, 2010 at 12:51 pm

    […] dall’originale tedesco “Fehler ueber Fehler”di Claudia […]

  12. Journalisten lügen! « wahrscheinlich Says:
    Oktober 27th, 2010 at 12:27 pm

    […] Nun ist also wissenschaftlich belegt, was wir schon lange alle ahnten: Journalisten lügen! […]

  13. Rechtschreibtrolle | Der Nesselsetzer Says:
    Oktober 4th, 2013 at 7:05 am

    […] gelesen, und fast alle beliebten Fehler der deutschen Sprache sind in den Blättern zu Hause. Nach Forschungsergebnissen von 2010 über us-amerikanische, italienische und schweizerische Artikel enthalten gar rund 61% […]

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