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Redaktion | 15. April 2007

Von Traditionalisten und Technikfreaks

poettker_web1.jpgWirft man einen Blick zurück in die Steinzeit des Online-Journalismus, wie es sein Pionier Uly Foerster nicht ohne Genugtuung macht, dann entlarvt das typische Irrtümer der ewig Gestrigen, der Traditionalisten, die es trotz der professionellen Pflicht zur Aktualität natürlich auch im Journalismus gibt. Selbst beim „Spiegel“, wo sich der weitsichtige und innovationsfreudige Fried von Bismarck, heute Sprecher des Deutschen Presserats, zum Experiment mit dem neuen Medium entschloss, blickte man auf das World Wide Web anfangs als eine Art Spielwiese pubertierender Studenten hinab. Für neue Staubsauger, so erfahrene Redakteure damals, werde schließlich auch kein neues Ressort eingerichtet. Es ist noch kein Jahrzehnt her, da war es Journalisten bei deutschen Regionalzeitungen nicht gestattet, online zu recherchieren, weil ihre Bosse die Vorstellung hatten, jede Minute solchen Tuns verursache Netzbenutzungsgebühren wie das Telefonieren nach Amerika. So weit zur Innovationsfreude der deutschen Medienelite.

Auch damals gab es freilich schon das Gegenteil, nämlich technologieversessene Propheten, die dem Journalismus wegen des neuen Mediums das Ende oder jedenfalls einen radikalen Umbruch an die Wand malen zu müssen meinten. Wer ihnen heute noch folgt, kann sich von Björn Brückerhoff eines Besseren belehren lassen. Die Kernthese seines Artikels lautet: „Von Journalisten im Internet werden (genau wie in allen anderen Medien) Ausgewogenheit, Ordnung, Zuverlässigkeit und Genauigkeit verlangt. Dies sind beispielhafte Grundpfeiler der journalistischen Glaubwürdigkeit.“ Gerade deshalb weist Brückerhoff auch noch darauf hin, dass eine problematische, weil für den Nutzer kaum auflösbare Verknüpfung von redaktionellen und werbenden Inhalten im Web technisch perfektioniert werden kann, weswegen ihre journalistische Trennung hier besonders wichtig ist.

Keine Frage: Wie Journalisten arbeiten und ihre Produkte aussehen, wird von den Medien beeinflusst, deren sie sich zur Verbreitung von Informationen bedienen. Aber ebenso sicher ist, was sich schon beim Aufkommen der neuen Medien Film, Radio und Fernsehen gezeigt hat und nun auch wieder beim Online-Journalismus bewahrheitet: Am Kern der journalistischen Tätigkeit und ihren spezifischen Qualitäten ändert das Aufkommen neuer Medien wenig. Seitdem es ihn gibt, geht es in diesem Beruf um Richtigkeit, Wichtigkeit, Unabhängigkeit, Zeitigkeit und Verständlichkeit der Information. Denn die Aufgabe dieses Berufs, Öffentlichkeit im Sinne optimaler Transparenz der gesellschaftlichen Verhältnisse herzustellen, bleibt dieselbe, auch wenn sich das journalistische Handwerk wegen der Medienentwicklung wandelt.

Anders gesagt: Wie sehr er auch sein Gesicht unter anderem in Folge des technologischen Wandels verändern mag – wir Journalisten und Journalistenausbilder brauchen keine Sorge zu haben, dass unser Beruf verschwindet, solange es wegen der Größe und Parzellierung moderner Gesellschaften einen Bedarf an verlässlicher Information gibt und sich wegen dieses Bedarfs mit verlässlicher Information Geld verdienen lässt. Aus diesem Grunde entwickelt sich der Online-Journalismus ganz von selbst, ziemlich unabhängig davon, was Traditionalisten oder Technikfreaks darüber denken.

Das bedeutet nicht, dass im Journalismus alles bleibt, wie wir es gewohnt sind. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Weil der Journalismus die Herausforderungen des technologischen Wandels angenommen und mit jedem neuen Medium neue Arbeitstechniken und -formen entwickelt hat, ist sein Bestand an Professionalität erhalten geblieben. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, und das Medium, in dem der Beruf heute seine Experimentierfreude und Wandlungsfähigkeit besonders zu bewähren hat, ist das globale Netz der Kommunikation zwischen Computern. Journalismus ist öffentliche Kommunikation mit Menschen, aber wie schon beim Aufkommen der neuen Medien Film, Radio und Fernsehen fordert die neue technologische Basis Innovationen bei der Produktion und Rezeption von Mitteilungen heraus, die in alle Bereiche menschlicher Kommunikation ausstrahlen. So ist der Online-Journalismus gegenwärtig zum Motor der professionellen Entwicklung des Journalismus insgesamt geworden.

Es bedeutet allerdings, dass wir die Entwicklung des Journalismus von der Entwicklung der Medien zwar nicht trennen dürfen, aber unterscheiden müssen. Das lässt sich an der kurzen Entwicklung des neuen Mediums Internet ebenso gut zeigen wie an der langen Geschichte des ältesten Mediums Presse. Nachlesen kann man dies im „Journalistik Journal“ 1/2005. Viel Spaß bei der Lektüre dieses Hefts und seines pressehistorischen Pendants wünscht

Ihr Horst Pöttker


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