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Redaktion | 7. Oktober 2010

Ein Zauberwort

Editorial

Von Horst Pöttker

Gezählt habe ich es nicht. Aber es fällt auf, wie oft in dieser JoJo-Ausgabe zur journalistischen Selbstkontrolle und ihrem Wandel das Wort „Transparenz“ vorkommt. Das wird kein Zufall sein. Offenbar ist Transparenz, Durchsichtigkeit des Mediengeschehens eine Bedingung dafür, dass Journalismus sich „selbst“ kontrollieren und regulieren kann.

Transparenz – was ist das eigentlich? Zunächst ist festzuhalten, dass es sich dabei um einen zutiefst negativen Begriff handelt – nicht im moralischen, aber im logischen Sinne. Durchsichtigkeit lässt sich nur durch ihr Gegenteil, durch die Abwesenheit von etwas, konkret bestimmen. Wo Transparenz gegeben ist, fehlen optische Barrieren, die den Blick auf etwas versperren.

Sowohl das Mediengeschehen als auch die moderne, hochkomplexe Gesellschaft insgesamt werden von zahllosen Trennwänden durchzogen, die den Blick auf das meiste versperren, das zu kennen notwendig wäre, damit alle beim Einkaufen, bei Wahlen, beim Medienkonsum usw. angemessen handeln können, was wir Selbstregulierung nennen. Auf den Zusammenhang von Transparenz und Selbstregulierung durch Nutzerhandeln gehen Leif Kramp, Jörg-Uwe Nieland und Stephan A. Weichert in ihrem Beitrag ein. Weil die komplexen Strukturen moderner Gesellschaften Labyrinthe sind, ist Transparenz hier nicht gegeben, sondern muss hergestellt werden. Auch in die Trennwände, die das Mediengeschehen durchziehen und es nach außen abschirmen, müssen Fenster und Türen gebrochen werden, damit journalistische Selbstregulierung funktionieren kann.

Klaus Meier und Julius Reimer entwerfen in ihrem Beitrag eine Typologie verschiedener Formen von Transparenz des Journalismus selbst. Besonders wichtig ist die Unterscheidung von Fenstern und Türen, die bereits im Bauplan vorgesehen sind und aus dem Innern der Medienbranche geöffnet werden, einerseits und andererseits unvorhergesehenen Breschen, die von außen, vom Publikum, von Medienwatchdogs oder unabhängigen Medienjournalisten, in die Mauern geschlagen werden, die problematische Vorgänge in den Medien gegen Einblicke der Gesellschaft abschirmen. Keine Frage, dass Transparenz, die Selbstregulierung ermöglichen soll, vor allem Einblick in Problematisches gewähren muss. Das ist kaum zu erwarten, wenn sie aus dem Innern der Institutionen hergestellt wird, in denen sich problematische Vorgänge abspielen. Wer Fenster selbst öffnet und Einblicke in sein Inneres gewährt, wird dabei seine Schokoladenseite zeigen.

Wenn Transparenz also Missstände an den Tag bringen und Selbstregulierung, die diesen Namen verdient, möglich machen soll, muss sie von außen hergestellt werden. Deshalb brauchen moderne Gesellschaften unabhängige Journalisten, die durch selbstständige Recherche Breschen in die Mauern schlagen, mit denen Probleme abgeschirmt werden. Das gilt auch für das Mediengeschehen, dessen Selbstregulierung einen unerschrockenen Medienjournalismus erfordert. Und es gilt sogar für Medienräte und andere Institutionen, die sich Transparenz und (Selbst-)Regulierung des Mediengeschehens zur Aufgabe machen. Auch ihre zweifellos gut gemeinte Arbeit muss von außen transparent gemacht werden, damit ihre Probleme ans Licht kommen und sich lösen lassen.

Damit bei Medienräten Transparenz hergestellt werden kann, bedarf es allerdings eines Medienpublikums, das sich für ihre Arbeit interessiert. Susanne Fengler weist in ihrem Beitrag darauf hin, dass sich zivilgesellschaftliche Partizipationsbereitschaft an der Medienselbstkontrolle weder voraussetzen noch mit mahnendem Zeigefinger vorschreiben lässt. Wer dem gesellschaftlichen Desinteresse an der Medienselbstkontrolle in ökonomischer Manier mit Anreizen begegnen will, müsste sich allerdings überlegen, wer die­se setzen soll. Wenn Selbstkontrollgremien wenig Neigung zeigen, Einblicke in ihre Schwächen zu gewähren, werden sie kaum Belohnungen dafür aussetzen, dass andere sich solche Einblicke verschaffen.

Indes gibt es neben dem Mangel an Belohnungen und an Relevanz möglicherweise noch einen weiteren Grund für das gesellschaftliche Desinteresse an der Medienselbstregulierung. Weil sie wissen, dass sie Transparenz von außen herzustellen haben, reden und schreiben Journalisten nicht gern über sich selbst, auch nicht über den eigenen Beruf. Das traditionelle Selbstbild des unbeteiligten Beobachters trägt zweifellos dazu bei, dass Medienjournalismus inklusive kritischer Aufmerksamkeit für die Institutionen der Medienselbstkontrolle ein prekäres Arbeitsfeld ist. Wer sich als Journalist mit den Medien beschäftigt, kann eben nicht mehr unbeteiligt sein. Wie aber soll das Publikum sich für die Medienselbstregulierung interessieren, wenn deren Probleme weder durch die Medienräte selbst noch durch den (Medien-)Journalismus transparent gemacht werden?

Tiefe Einblicke in die mit dem Selbstbild des unbeteiligten Beobachters verbundene Problematik und einen kurzen und milden Winter wünscht Ihnen

Ihr Horst Pöttker


One Response to “Ein Zauberwort”

  1. Geld verdienen Portal Says:
    Februar 16th, 2011 at 3:17 pm

    Schöner Beitrag ! Ich bin jedoch der Meinung, das es heutzutage schon damit beginnt, das es am grundsätzlichen Interesse des Lesers oder des Informationssuchenden mangelt, überhaupt zu wissen „wer“ hinter „was“ steckt. Wenn wir die heutige Informationsflut betrachten (nicht nur im Internet) dann konsumieren wir die Informationen ja einfach nur noch, ohne uns dafür zu interessieren, wer hinter der ganzen Informationsbeschaffung überhaupt steckt! Welcher Journalist hat denn da noch die Lust sich die Mühe einer Selbstdarstellung zu machen ? Ergo: Wir haben ein Überangebot an Informationen und keiner weiß wem kann er am meisten trauen! Mit besten Grüßen aus Schliersee. Oliver Scheffler

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