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Redaktion | 28. September 2007

Der lokale Rahmen bietet viele Chancen

Minderheitenberichterstattung in Dortmund und Denver

Von Anne Weibert

Es erinnert an die Frage nach der Henne und dem Ei: „Die abonnieren und lesen uns nicht – warum sollen wir ihnen also in der Berichterstattung besonderen Raum geben?“, stellt man einerseits bisweilen in lokalen deutschen Zeitungsredaktionen über Menschen mit – zum Beispiel türkischem – Migrationshintergrund fest. „Wir werden von den Journalisten kaum beachtet – warum also sollen wir deren Zeitung abonnieren?“, stellen andererseits ebenjene Menschen fest und bleiben dabei, sich für die Zeitungslektüre am Kiosk mit „Hürriyet“, „Milli Gazete“, „Milliyet“ oder anderem einzudecken.

Ein nicht aufzulösendes Nebeneinander? Der Blick über Landesgrenzen hinweg auf den Journalismus in den USA als Land mit ungleich längerer Geschichte der Einwanderung mag an dieser Stelle vielleicht nicht die schnelle Lösung des Problems bringen, wohl aber Einsichten, über deren Umsetzung sich zumindest nachzudenken lohnt.

Nachdem im Jahr 1968 eine Expertenkommission die US-Medien aufgefordert hat, Minderheitenperspektiven besser in ihre Berichterstattung aufzunehmen, reagierte der Verband der Zeitungsverleger und veröffentlicht seither jährlich, wie viele Journalisten mit welchem Minderheitenhintergrund wo und in welcher Position beschäftigt sind. Bis zum Jahr 2025 soll der Anteil der Journalisten mit Minderheitenhintergrund in den Zeitungsredaktionen den jeweiligen multikulturellen Bevölkerungsstrukturen entsprechen, so das selbst gesteckte Ziel. Lokalzeitungen bemühen sich darüber hinaus, über Journalistentrainings in ihren Redaktionen Strukturen zu schaffen, die den vielfältigen kulturellen und ethnischen Strukturen ihrer Leserschaft besser gerecht werden, als journalistisch professionelles Arbeiten allein es bisweilen vermag.

Und das Ergebnis? Ein Monat (14. Juni bis 12. Juli 2004) der vergleichenden Analyse von lokaler Presseberichterstattung über die hispanische Bevölkerung in Denver und über die türkische Bevölkerung in Dortmund ergab jedenfalls nicht nur ein deutliches „Mehr“ an Berichterstattung auf US-amerikanischer Seite. Der vergleichende Blick darauf, wie sich die in der Analyse erfasste Berichterstattung (insgesamt 332 gezählte Artikel auf amerikanischer, 116 gezählte Artikel auf deutscher Seite) zeitlich verteilt, ergibt für Denver ein gleichmäßiges Bild: Berichterstattung mit hispanischem Bezug hat in den beiden Zeitungen „Denver Post“ und „Rocky Mountain News“ einen regelmäßigen Platz. In Dortmund dagegen ist die Berichterstattung über die türkische Bevölkerung in der „Westfälischen Rundschau“ und den „Ruhr Nachrichten“ insgesamt geringer, so dass einzelne, besonders beachtete Ereignisse wie etwa die Diskussion um den Bau eines muslimischen Gemeindezentrums stärker ins Gewicht fallen.

Eine ähnliche Unterscheidung lässt sich auch auf der inhaltlichen Ebene machen: Hispanics tauchten in der Lokalberichterstattung in Denver in allen erdenklichen Themenfeldern und Handlungsrollen auf – sie sind individuell erkennbar, zum Beispiel als Bürger, Politiker, Geschäftsleute, Künstler, Sportler, Polizisten, Kriminelle und Verbrechensopfer. Türken in Dortmund sind dagegen eher Objekt des journalistischen Schreibens. Sie kommen seltener selbst zu Wort, und das Themenspektrum ist in der Analyse weniger breit gefächert; es konzentriert sich vor allem auf die Bereiche Sport, Religion, Kultur und Bildung. Die beiden verglichenen Bevölkerungsgruppen sind dabei in ihrer Migrationsgeschichte so unterschiedlich nicht: Hispanics kamen als „Anwerbe-Einwanderer“ in die USA, Türken als „Gastarbeiter“ nach Deutschland – beide Gruppen wurden und werden oft vor allem als „problem people“ wahrgenommen.

Was also sind die Ansätze, die geeignet sind, aus gesellschaftlichem Nebeneinander ein Miteinander werden zu lassen? Geht man davon aus, dass es bei gesellschaftlichen Integrationsprozessen nicht nur darauf ankommt, ein größtmögliches Maß an Ähnlichkeit und Einigkeit zu erreichen, sondern ebenso darum, sich ernsthaft mit der Verschiedenheit von gesellschaftlichen Gruppen auseinanderzusetzen, ist schnell klar, dass Journalisten – gerade auf der überschaubaren lokalen Ebene der Berichterstattung – in dem Prozess eine wesentliche Rolle zukommt. Es liegt in ihrer Hand, die im Konzept der Integration angelegte Verschiedenheit als Bereicherung des gesellschaftlichen Ganzen journalistisch darzustellen – so gesehen in der Berichterstattung in Denver, wenn die Anliegen von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft und der hispanischen Minderheit gleichermaßen thematisiert werden.

Für die Journalisten geht dieses Bestreben nach Vielfalt und verschiedenen Perspektiven mitunter nicht ohne beträchtlichen Mehraufwand bei der Recherche ab. Hier ist also wichtig für den Erfolg, dass die Integrationsbestrebungen in den alltäglichen redaktionellen Arbeitsabläufen fest verankert ihren Platz haben. In Denver sind solche Verankerungsbestrebungen zum Beispiel sichtbar durch die Teilnahme der Zeitungen an den jährlichen Erhebungen des Verlegerverbandes über die ethnisch und kulturell plurale Zusammensetzung der Redaktionen: Beide Zeitungen machen so ihr Inter­esse daran deutlich, Verschiedenheit und Vielfalt in den redaktionellen Abläufen zu institutionalisieren. Denn es genügt nicht – wie in den analysierten Artikeln in Dortmund oft gesehen – sich in der journalistischen Berichterstattung auf die in den Strukturen der Mehrheitsgesellschaft angelegten Perspektiven zu beschränken. Vielmehr erscheint es logisch und konsequent, solche zusätzlichen Perspektiven auch durch die Einstellung von Journalisten mit Minderheitenhintergrund in den Redaktionen zum festen Bestandteil werden zu lassen.

Dann kann es gelingen, durch journalistische Berichterstattung eine mediale Öffentlichkeit herzustellen, die einen Rahmen bildet, in dem Konflikte und Diskussionen offen geführt werden können – eine wesentliche Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt. An dieser Stelle zeigt sich deutlich, dass auch auf Seiten der jeweiligen Minderheit Schritte notwendig sind, die es den Journalisten überhaupt sinnvoll erscheinen lassen, solche Öffentlichkeit herzustellen: Wenn Hispanics in Denver und Türken in Dortmund an den Diskussionen in den medial hergestellten Öffentlichkeiten der jeweiligen Lokalberichterstattung in ihrer Stadt kein Interesse zeigen und nicht teilnehmen, gibt es keinen gemeinsamen Medien-Rahmen für Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten, um sich auszutauschen und auch Konflikte zu klären – Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft ist es in der Regel sprachlich nicht möglich, an der medial hergestellten Öffentlichkeit von Minderheitenmedien teilzunehmen.

Von Journalisten erfordert die mediale Begleitung von Diskussionen und Konflikten zwischen Angehörigen von Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten wiederum professionelles Feingefühl in der Gleichmäßigkeit und Ausgewogenheit, mit der die verschiedenen Gruppierungen Gelegenheit bekommen, sich zu äußern.

Und schließlich braucht es für die Kommunikation über Konflikte auch klare Begrifflichkeiten. Gerade die Analyse der Berichterstattung über den diffusen Umgang mit Nationalität und ethnischer Zugehörigkeit in der Kriminalitätsberichterstattung in Dortmund zeigt: Es mangelt oft an klaren Begriffen, um Sachverhalte deutlich darzustellen. Wer ist etwa ein „Südeuropäer“, und woher sollen Leser eindeutig wissen, wer ein „Südländer“ ist? Das Zusammenleben in multi-kulturellen Gesellschaften ist kompliziert und konfliktträchtig – umso mehr, je weniger man sich versteht. Lokaljournalismus kann an dieser Stelle die Verständigung erleichtern – eben wenn er sich selbst um „klare Worte“ bemüht: also um eine wahrhaftige, richtige und umfassende, sprachlich eindeutige und verständliche Berichterstattung. Sie begleitet den Prozess der Integration, über den das Nebeneinander zum Miteinander wird – und stellt seine Höhen ebenso wie seine Tiefen offen dar, um möglichst viele Mitglieder der Gesellschaft an der Entwicklung teilhaben zu lassen.

Denn der Erfolg der Integration steht und fällt schließlich mit den Menschen, die daran mitarbeiten. Sie sollten in der Berichterstattung auch den Mittelpunkt bilden. Für die alltägliche journalistische Arbeit kann das heißen, sich nicht zu sehr auf die professionellen Zuarbeiter in Pressestellen, Verwaltung und öffentlichen Institutionen zu verlassen, sondern auch diejenigen zu beachten, die sich innerhalb der Stadt keine artikulationsmächtigen Strukturen aufgebaut haben, um ihren Interessen Gehör zu verschaffen. Über die Integration von Minderheiten-Journalisten in ihre Produktionsabläufe können Redaktionen auch über die ethnische oder nationale Zugehörigkeit ein breiteres Spektrum an kultureller Kompetenz bieten und so vielleicht auch einer breiteren Leserschaft in den Minderheitengruppierungen Anknüpfungs- und Identifikationspunkte liefern.

Schließlich und grundsätzlich gilt: Die Menschen müssen Integration wollen, damit sie funktioniert. An dieser Stelle steckt das ganze Dilemma, in dem sich Lokaljournalisten (und als richtungsbestimmend eine Stufe in der Hierarchie über ihnen angesiedelt die Verleger der Lokalzeitungen) – in Dortmund offenbar mehr noch als vielleicht in Denver – befinden. Denn die Zeitung, die sie produzieren, ist vor allem ein Produkt der Bürger der Mehrheitsgesellschaft. Will sie ernst machen mit dem Anliegen, für alle Teile der Gesellschaft da zu sein, riskiert sie, zunächst einen Teil ihrer etablierten Leserschaft zu verärgern, der diese Erweiterung journalistischer Zuständigkeit nicht will.

Die Dimensionen der Einwanderung haben es von den Journalisten in Denver (ebenso wie wohl auch in vielen anderen Großstädten der USA) quasi erzwungen, das Risiko einzugehen. Und die vergleichende Analyse der Lokalberichterstattung in Denver und Dortmund hat gezeigt: Gerade der lokale Rahmen bietet eine Menge Anknüpfungspunkte für Journalisten, um auszugleichen, zu vermitteln – und so dazu beizutragen, dass aus dem gesellschaftlichen Nebeneinander ein Miteinander werden kann.


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