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Redaktion | 28. September 2007

“Du bekommst bestimmt einen Job”

Journalisten können ihren Migrationshintergrund nutzen

Von Ferda Ataman

Jetzt wollen Sie von mir wissen, was bei mir anders läuft als bei meinen Kollegen ohne Migrationshintergrund. Ich muss Sie enttäuschen: Eigentlich gar nichts. Außer, dass die anderen bei ihren Zahnärzten niemals zu hören bekommen: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Ich schon. Im Austausch für derartige Komplimente bekomme ich neuerdings einen „Migranten-Bonus“. Wohlgemerkt: neuerdings. In der Schule und im Studium war ich einfach Ferda Ataman. Das hat sich mit dem Eintritt ins Arbeitsleben geändert: Seitdem bin ich Ferda Ataman, die Türkin. Mein deutscher Pass ändert da nichts.

Zur Verteidigung der deutschen Gesellschaft muss ich sagen: Ich werde nicht nur in diese Rolle gedrängt. Ich nehme sie auch selber an. Denn sie bringt Vorteile. Freie Journalistin „mit Migrationshintergrund“ zu sein, ist gar nicht übel. Wenn ich einer Redaktion eine Geschichte zum Thema Integration anbiete – am besten eine, die meine Türkischkenntnisse erfordert – verkaufe ich sie garantiert. Mir wird eine höhere interkulturelle Kompetenz unterstellt. Anders als meine deutschdeutschen Kollegen habe ich diese Qualifikation nach Ansicht meiner Auftraggeber quasi von Geburt an. Doch unter uns: Auch ein Türke könnte interkulturell inkompetent sein. Zweisprachigkeit schützt nicht vor Einseitigkeit.

Außerdem wird uns Türken zugesprochen, Islamwissenschaften mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Obwohl ich Politologin bin, bewahrt mich das nicht vor Fragen wie: „Verbietet der Islam nicht, christliche Feiern zu begehen?“ Ich weiß es nicht. Ich mag einfach Weihnachten. Und obwohl längst nicht jeder Deutsche Ahnung hat vom Christentum, setzt man bei Orientalen automatisch voraus, dass sie koranfest sind.

Journalisten mit türkischem Hintergrund bekommen also oft Fähigkeiten zugeschrieben, die nicht nachgeprüft werden. Dabei gibt es eine unangenehme Nebenwirkung: Kompetenzen, die man sich mühevoll erarbeitet hat, werden gerne mal übersehen. Ein Beispiel, neulich in der Journalistenschule: Ein Volontär lässt mich wissen, dass er mich beneidet. „Du bekommst nach der Ausbildung bestimmt einen Job. Du bist eine Frau und hast einen Migrationshintergrund.“ Dass ich an den Wochenenden neben der Ausbildung ständig recherchiere und Artikel schreibe, spielt für den Kollegen anscheinend keine Rolle.

Die missratene Freundlichkeit fühlt sich ungefähr so beruhigend an wie die Tatsache, dass Medienanstalten erstmalig Quoten für Journalisten wie mich eingeführt haben. „Eine systematische Berücksichtigung von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund“ schreibt sich zum Beispiel das ZDF auf die Fahne. Und nachdem Maria Böhmer, die Staatsministerin für Integration, 2006 mehrfach betont hat: „Wir brauchen die türkischstämmige Nachrichtensprecherin als Normalfall“, riefen mich Freunde an und gratulierten mir förmlich zu meinem Glück. Ich fragte mich, wie sich wohl die Frauen gefühlt haben müssen, die in den 80er Jahren aufgrund neuer Quotenregelungen eingestellt wurden.

Der geneigte Leser bemerkt vermutlich: „Hier ist doch einiges anders als bei deutschen Journalisten.“ Stimmt. Auch wenn ich es lange nicht wahrhaben wollte: Meine Bio­grafie ist in gewisser Weise abweichend. Hinzu kommt: Je länger ich arbeite, desto öfter fühle ich mich als Türkin angesprochen.

Stellen Sie sich vor, Sie lebten in den USA und es liefen Medienberichte über ihre Landsleute im Fernsehen: Sie wären sofort hellhörig und emotional bei der Sache. So geht es mir täglich. Von Berufs wegen verfolge ich Nachrichten und muss mir ständig anhören, was über „die Türken“ gesagt und geschrieben wird.

Wie aber kommen Türken in den deutschen Medien weg? – Die­se Frage hatte ich schon zum Thema meiner Diplomarbeit gemacht. Ich untersuchte anhand von Leitmedien, welches Türkenbild die deutsche Gesellschaft hat. Dafür habe ich mich neun Monate lang mit den Vorurteilen der Deutschen gegenüber ihren anatolischen Ex-Gastarbeitern befasst. Mein Fazit: Die deutsche Vorstellungsschablone in Bezug auf Türken ist nicht besonders differenziert. Vieles dreht sich um festgeschriebene „kulturelle Unterschiede“, die angeblich verhindern, dass die muslimischen Südländer sich in die deutsche Gesellschaft integrieren.

Nachdem ich meine Abschlussarbeit fertig geschrieben hatte, bekam ich Angst, dass ich Deutschland zwar als meine Heimat verstehe, seine Ureinwohner mich jedoch als Ausländerin betrachten, die sie bisweilen höflich „Migrantin“ nennen. Ich bin dabei, diese Sorge zu überwinden. Der zeitliche Abstand zu meiner Studie tut gut. Ich fühle mich zum Beispiel nicht mehr ausgegrenzt, wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme. Auch wenn sich die fragende Person nicht mit meinem Geburtsort Stuttgart als Antwort zufrieden gibt. Auch wenn ich in ihrer Wahrnehmung wegen meines Namens von woanders herkomme.

Um es zusammenzufassen: „Integrationswunder“ – wie erfolgreiche Menschen mit Migrationshintergrund gern genannt werden – sind gebrannte Kinder. Sie alle wissen, was es bedeutet, mit einem fremd klingenden Namen durch die deutsche Welt zu gehen. Auch ich kenne die kleinen Stiche im Alltag, wenn aufgrund eines Rechtschreibfehlers meine gesamten Deutschkenntnisse in Frage gestellt werden. Wenn die Sehnsucht nach einer Gruppenzugehörigkeit als mangelnder Integrationswillen verstanden wird. Diese Erfahrungen beeinflussen meine journalistischen Texte. Das ist wohl der Unterschied.


2 Responses to ““Du bekommst bestimmt einen Job””

  1. Gabi Glaubrecht Says:
    Mai 23rd, 2009 at 3:48 pm

    Ich bin eine alte Schulfreundin von Ferda Ataman und habe ihren Bericht mit großem Interesse gelesen. Ich würde mich freuen eine Mail von ihr zu erhalten und mehr von ihren Erfahrungen zu lesen.

    Viele Grüße
    Gabi von Tempsky

  2. Otto Bloch Says:
    März 8th, 2010 at 2:09 pm

    Ferda Atamann charakterisiert heute (8.3.2010) im Tagesspiegel in ihrem Aufsatz “Migranten und Marktanteile” eine Frau aus Bad Godesberg folgendermaßen: “… blökt eine betagte Grauhaarige”.

    Eine Diskriminierung sondergleichen – zumal für jemanden, der vorgibt, die Antidiskriminierung auf seine Fahnen geschrieben zu haben!

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