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Redaktion | 28. September 2007

Keine Belege für die „Ghetto-These“

Aktuelle Studien zur Mediennutzung von Migranten

Von Heinz Bonfadelli

Aktuelle Studien zeigen, dass keine ausgeprägte „Ghettosituation“ besteht. Migranten werden von deutschen Medien gut erreicht, allerdings spielen mediatisierende Faktoren wie Deutschkenntnisse, Bildung und Aufenthaltsdauer eine wichtige Rolle. Migranten nutzen aber selbstverständlich auch heimatsprachliche Medien als Brücke zum Herkunftsland und zur Herkunftskultur. Generell gilt jedoch: Migranten sind keine homogene Gruppe, auch nicht in ihrem Medienverhalten.

Die islamistisch motivierten Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York, die Ermordung des holländischen Filmemachers Theo van Gogh 2004, die Bombenattentate im Juli 2005 in London, die Jugendgewalt in den französischen Banlieus im November 2005 und die Schülergewalt an Berliner Hauptschulen im Frühling 2006 stehen als Beispiele dafür, dass die seit dem Zweiten Weltkrieg sich intensivierende Immigration von Arbeit- und Asylsuchenden in die meisten europäischen Industriestaaten das Thema „Migration und Integration“ zu einer der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit gemacht hat.

Den Medien und insbesondere dem öffentlichen Rundfunk kommt aufgrund seines Programmauftrags normativ die Funktion zu, den Dialog zwischen der gesellschaftlichen Mehrheit und den ethnischen Minderheiten zu fördern und Hintergrundinformationen zu bestehenden Problemen und Konflikten zu liefern, aber auch eine möglichst vielfältige und qualitativ hochstehende Darstellung der ethnischen Minoritäten zu geben. Dies gilt insbesondere auch darum, weil die meisten Deutschen keinen direkten Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund haben. Allerdings äußern Ausländer in Gesprächen immer wieder Kritik an der Medienberichterstattung und bemängeln sowohl eine Unterrepräsentanz als auch eine klischeebeladene, eindimensionale Mediendarstellung.

Um Programme zielgruppengerecht zu gestalten und auch Zuschauer mit Migrationshintergrund adäquat anzusprechen, sind nicht zuletzt wissenschaftlich objektivierte Erkenntnisse über Mediennutzung, Erwartungen und Einstellungen der Zugewanderten von Bedeutung. Allerdings ist die Forschungslage dürftig. Nach wie vor konzentriert sich die periodische Publikumsforschung der Rundfunkanstalten im deutschen Sprachraum auf die Erhebung von Zuschauerdaten bei sprachassimilierten Mediennutzern. Und umgekehrt basieren universitäre Studien oft auf relativ kleinen und wenig repräsentativen Stichproben.

Immerhin hat sich die Forschungslage in jüngster Zeit deutlich verbessert. Dies ist nicht zuletzt das Resultat der sich intensivierenden Debatte um die Rolle der Medien im Integrationsprozess. Ging man traditionell von einer positiven Integrationsfunktion der Medien aus, allerdings bei fehlender empirischer Evidenz, haben die rasche Verbreitung des Satellitenfernsehens und damit der Empfang von ausländischen TV-Programmen dazu geführt, dass die Integrationsfunktion zum Teil in Frage gestellt und durch die so genannte „Ghetto-These“ ersetzt wurde. Diese postuliert, dass gerade die in Deutschland oder der Schweiz lebenden Türken im Sinne einer „Diaspora-Nutzung“ von Fernsehprogrammen vorwiegend in Türkisch in ihrer Herkunftskultur verhaftet bleiben und sich nicht an die Sprache, Normen und Verhaltensweisen ihres neuen Aufnahmelands anpassen.

Allerdings fehlte es bislang an repräsentativen und aussagekräftigen empirischen Studien. Zudem muss berücksichtigt werden, dass es sich bei der Nutzung von Programmen in deutscher und ausländischer Sprache nicht um einen Gegensatz handelt. Vielmehr gibt es auch den so genannte „Bikultur-Typus“, der im Sinne einer Brückenfunktion zwischen den Kulturen sowohl Medien aus dem Heimatland und in der Herkunftssprache als auch solche in deutscher Sprache aus dem Aufnahmeland nutzt. Weiter muss berücksichtigt werden, dass zum einen nicht nur die Nutzung von Programmen, sondern auch die hinter der Nutzung stehenden Motivationen und Medienkompetenzen interessieren, zum anderen auch genauer abzuklären ist, welche Faktoren wie beispielsweise Lebensumstände, Sprachsituation oder Aufenthaltsdauer den Medienkonsum beeinflussen.

Im Gegensatz zur Integrationsfrage der klassischen Medienwirkungsforschung liegt der Fokus der „Cultural Studies“ eher auf den Mediennutzern selbst, indem gefragt wird, wie Mediennutzer mit Migrationshintergrund die Medien aktiv auswählen und deren Inhalte für die Konstruktion einer neuen so genannten „hybriden Identität“ verwenden, welche sowohl aus Elementen der Herkunftskultur als auch solchen der örtlichen Aufnahmekultur besteht. Wie unsere schweizerische Studie gezeigt hat, spielt darüber hinaus die globale Jugendkultur eine wichtige Rolle, insofern sich auch ausländische Jugendliche mit globalen Mediensymbolen wie z. B. „Rambo“ oder aus dem Sportbereich und der „Hip-Hop“-Kultur identifizieren und so kreativ neue Formen von Identität entwickeln.

Sieht man sich die empirische Forschung an, so wurden von Reyhan Güntürk Mitte der 90er Jahre das erste Mal auf einer breiteren Basis empirische Hinweise zur medialen Isolation der Migranten gefunden. Fünf Jahre später gab das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung zwei quantitativ-repräsentative Umfragen sowohl bei Kindern (Mona Granato) als auch bei Erwachsenen (Hans-Jürgen Weiß/Joachim Trebbe) in Auftrag, welche durch eine qualitative Studie von Kai Hafez zur Integrationsfunktion der türkischen Mediennutzung ergänzt wurde. Diese Untersuchungen lieferten ein differenzierteres Bild und entkräfteten wenigstens partiell die so genannte „Ghetto-These“.

Mittlerweile hat auch der Rundfunk seine Verpflichtung im Migrationsprozess stärker erkannt, was Anlass zu einer quantitativen wie qualitativen WDR-Studie gab, und auch die ARD/ZDF-Medienkommission präsentierte am 5. Juni 2007 die Ergebnisse einer ersten bundesweit repräsentativen Studie zum Stellenwert deutscher und heimatsprachiger Medien bei in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund. Aufgrund eines komplexen Stichprobenverfahrens wurden insgesamt 3.010 Personen ab 14 Jahren befragt, davon je rund 500 Personen mit türkischem, ex-jugoslawischem, polnischem, italienischem und griechischem Migrationshintergrund sowie aus der ehemaligen Sowjetunion.

Vor diesem Hintergrund betont die neue Untersuchung zunächst analog zur schweizerischen Studie von Heinz Bonfadelli und Heinz Moser, dass Migranten keine homogene Gruppe sind und darum nicht vorschnell pauschalisiert werden dürfen. Vielmehr ist eine differenzierte Betrachtung des Mediennutzungsverhaltens sowohl nach ethnischem Hintergrund, aber auch bezüglich Alter, Geschlecht, Schicht und weiteren mediatisierenden Faktoren wie etwa Aufenthaltsdauer, Sprachkenntnissen und Verfügbarkeit heimatsprachlicher Medien wichtig.

Die aktuellen Daten der ARD/ZDF-Studie zeigen, dass das Fernsehen nicht nur bei den Deutschen mit 89% Reichweite, sondern auch bei den Migranten mit 83% Leitmedium Nummer 1 ist. Migranten nutzen das Fernsehen stark als Unterhaltungsmedium, wobei Sendungen in der Heimatsprache neben Spielfilmen und Serien in deutscher Sprache eine große Rolle spielen. 48% nutzen nur deutschsprachiges Fernsehen; 25% schauen gleichermaßen deutsch- und heimatsprachige Programme, aber nur eine Minderheit von 14% nutzt ausschließlich heimatsprachige TV-Sender. Die öffentlichen Programme werden von den Migranten weniger geschätzt als vom deutschen Publikum. Migranten nutzen den Hörfunk im Vergleich zu den Deutschen signifikant weniger (47% vs. 84%), was auch mit dem mangelnden Angebot heimatsprachlicher Sender zu tun haben dürfte. Im Vergleich zu den elektronischen Medien spielt die Tageszeitung bei den Migranten eine deutlich geringere Rolle. Nur rund 40% können als Stammnutzer, und zwar vor allem von deutschsprachigen Zeitungen bezeichnet werden; 57% hingegen nutzen die Presse kaum.

Im Medienvergleich liegt die Reichweite des Internets auf einem deutlich tieferen, aber vergleichbaren Niveau, nämlich mit 28% bei den Deutschen und mit 22% bei den Migranten. Hierzu zeigen Befunde aus der Schweiz, dass das Internet im Sinne eines „Bildungsmediums“ besonders oft im Zimmer der Jugendlichen steht und neben anderem als Informationsquelle über das Weltgeschehen dient. Gerade beim Internet zeigt sich, dass Alter, Geschlecht und Bildungshintergrund dessen Nutzung entscheidender prägen als die ethnische Zugehörigkeit. Zudem wird oft übersehen, dass die Migranten selber keine homogene Gruppe sind; dementsprechend bestehen zwischen den einzelnen Migrantengruppen auch mehr oder weniger große Unterschiede in der Mediennutzung. So unterscheiden sich polnische Minderheiten in der Internetnutzung kaum von den Deutschen (Reichweite 29% bzw. 28%), während das Internet von Migranten aus der Türkei (20%), aus Ex-Jugoslawien (21%) und aus Griechenland (22%) besonders wenig genutzt wird.

Die vorliegenden Befunde zeigen zusammenfassend, dass es gegenwärtig keine Hinweise auf eine ausgeprägte „mediale Parallelgesellschaft“ gibt. Neben deutschsprachigen Medien nutzen Migranten aber weiterhin heimatsprachige Medien als Brücke zur Herkunftskultur. Dabei bestehen komplexe wechselseitige Beziehungen zwischen Mediennutzung und Integration, wobei Medien und insbesondere die Fernsehnutzung eher als Ausdruck einer bestimmten biografisch-sozialen Konstellation im Integrationsprozess der Migranten verstanden werden müssen und weniger als kausal verstandener integrativer Wirkungsfaktor.


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