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Redaktion | 29. März 2011

Derricks Erfinder fesselte schon die Hitlerjugend

Die große Frage nach der Mitschuld am Hitler-Regime hat sich Herbert Reinecker nie stellen lassen

Von Christina Kiesewetter

Es wird Herbert Reineckers letzter Artikel als SS-Kriegsberichter sein. In seiner Autobiografie erinnert sich der Derrick-Autor 1990 an die Aufmachung „Völker, höret die Signale…!“ im SS-Blatt „Das Schwarze Korps“ vom 5. April 1945: „Ich weiß heute nicht mehr den genauen Wortlaut, aber es stand darin, daß der Krieg verloren sei (…) Goebbels reagierte mit äußerster Schärfe: Wer hat den Artikel geschrieben, der Verfasser muß zur Verantwortung gezogen werden.“ Es ist eine der seltenen Stellen, an denen Reinecker in seiner sehr vage gehaltenen Biografie auf Details seiner Karriere im Nationalsozialismus eingeht. Wohl deshalb, weil diese Anekdote ihn nicht als überzeugten Schreibtischtäter, sondern als distanzierten Journalisten erscheinen lässt. Und obwohl in dem Text tatsächlich ein möglicher Sieg der Alliierten thematisiert wird, schließt der Artikel so: „Wir treten vom Kampfplatze nicht ab, wir kämpfen weiter, solange wir können, wir werden auch vor noch bitteren Situationen nicht in Schwäche vergehen, sondern auf die Habenseite des großen Kontos, in dem die Leistungen der Völker eingetragen werden, unsere letzten Möglichkeiten verbuchen, bis das nicht vorherzusehende Schicksal unsere Anstrengungen mit dem Siege krönt.“

Weil sich in seinen Texten als Schriftleiter für HJ-Zeitschriften und SS-Kriegsberichter immer wieder Stellen finden, die sich nicht nur mit dem unschuldigen Talent, die Menschen unterhalten und informieren zu wollen, erklären lassen, hat Herbert Reinecker Fragen nach seiner NS-Vergangenheit stets abgewehrt und seine Rolle verharmlost. Man könne das alles heute gar nicht mehr verstehen, sagte er oft. Und in einem Interview mit Horst Pöttker und Rolf Seubert in der Zeitschrift „medium“ 1988 antwortete er auf die Frage nach den propagandistischen Qualitäten seines NS-Jugendfilms „Junge Adler“ (1944): „Sie suchen da im Hintergrund nach verborgenen Absichten, die es nicht gegeben hat. Der Film hatte keinen Zweck.“

In der Bundesrepublik konnte Reinecker seine Talente fast ungebremst weiter einsetzen und wurde zu einem der erfolgreichsten deutschen TV-Drehbuchautoren. Er ist Autor der Erfolgsserien „Der Kommissar“ und „Derrick“, hat Drehbücher für „Das Traumschiff“ und die Krimi-Reihe „Siska“ geschrieben sowie für unzählige weitere Filme im ZDF. Zuweilen nannte man ihn „das siebte Mainzelmännchen“, als Krimi- und Specialautor erhielt er 1980 die Goldene Kamera. Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt, Stephan Derrick habe das Bild der Deutschen im Ausland „am besten repräsentiert“. Die Serie wurde in über 100 Länder verkauft.

Für einen, der im Dritten Reich zur „Funktionselite“ gehörte, also seine Aufgabe an verantwortlicher Stelle im Sinne der Nazis erfüllte, ist es fast schon eine typische Nachkriegskarriere, wie die sechsteilige Fernsehdokumentation „Hitlers Eliten nach 1945“ erst ab 2002 systematisch zeigte. Viele Mediziner, Unternehmer, Offiziere, Juristen und Journalisten kehrten in ihre alten Berufe zurück, thematisiert wurde das bis in die 90er Jahre hinein nur punktuell mit spektakulären Einzelfällen (Hans Filbinger, Hans Globke, Heinrich Lübke). In seinem gleichnamigen Buch zur Dokumentation schreibt Herausgeber Norbert Frei: „Die Zukunft, das wußte man im Osten wie im Westen, war nur mit jener übergroßen Mehrheit zu gewinnen, die schon den NS-Staat getragen hatte, nicht gegen sie.“

Wegen seines Artikels im „Schwarzen Korps“ flieht Reinecker kurz vor Kriegsende nach Österreich, findet Zuflucht auf einem Bauernhof. Als er erfährt, dass Männer der Waffen-SS in Kriegsgefangenschaft kommen, lässt sich der 30-Jährige von der Bäuerin das tätowierte SS-Blutgruppenzeichen unter dem linken Oberarm herausschneiden. Zurück in Deutschland weiß er: „Es hätte ohne Schreiben keine Fortsetzung meines Lebens gegeben.“ Doch weil er sich nicht der Entnazifizierung unterzieht, findet er keine Anstellung. Zwei Jahre probiert er Dies und Das, dann gründet er den Feuilletonpressedienst „Die Kurzgeschichte“ und schickt unter Pseudonymen Texte an deutsche Zeitungen.

Damit geht es bergauf. In Hamburg trifft Reinecker dann alte Bekannte wieder: unter anderem Produzent Alfred Weidenmann, mit dem er bereits den NS-Jugendstreifen „Junge Adler“ gedreht hatte. Ihr zweiter gemeinsamer Film „Der Weg in die Freiheit“ über die Jugendstrafinsel Hanöversand erhält 1953 einen Bundesfilmpreis, der dritte ein Jahr später sogar vier, darunter der für den besten Drehbuchautor. In „Canaris“ geht es um Admiral Wilhelm Canaris, unter Hitler Chef der Abwehr, der zu den undurchsichtigsten Personen des Dritten Reichs gehört, weil er zugleich Hitler und dem Widerstand zuarbeitete. Reinecker beschreibt den Film in seiner Autobiografie so: „Der Mann, der alles wußte, hatte keinen Erfolg, selbst er konnte nichts verhindern, man hat ihn hingerichtet. Was hätten wir, die wir nichts oder nur sehr wenig wussten, ändern können?“ Das Magazin „Spiegel“ schrieb 1972 über Reinecker: „Er lieferte, was die Nation nach Kriegs- und Hungerjahren sehen wollte: Liebesdramen und Lustspiele, Rührstücke und patriotische Heldengemälde.“

Reinecker stirbt Anfang 2007 mit 92 Jahren in seiner Villa am Starnberger See. Der ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke würdigt den Hausautor so: „Da hat einer also tatsächlich Fernsehen geschrieben, ein Millionenpublikum aufs Allerbeste unterhalten und – bleibendes Verdienst – diesem Publikum im Spiel vermittelt, was eine demokratische Gesellschaft ausmacht und auszeichnet. Herbert Reinecker nämlich hat wie wenige Lehren aus der deutschen Vergangenheit gezogen, die auch seine eigene war.“ Tatsächlich stand in Reineckers Drehbüchern, vor allem in den Krimis, stets der Zusammenhalt der Gesellschaft, das Einpassen des Einzelnen ins Ganze im Vordergrund. Darum war es allerdings schon in seinen Geschichten für die Hitler-Jungen in den HJ-Zeitschriften „Jungvolk“, „Pimpf“ und „Junge Welt“ gegangen. „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ – diese nationalsozialistische Parole ließ Reinecker mit Geschichten über aufregende Erlebnisse starker Jungs jugendgerecht als großes Abenteuer schillern. Neben dem Volksglauben schwor er die Jungen mit seinen Geschichten auf den Krieg ein: Das Idealbild war der sportliche, zähe und mutige Junge, der vor nichts zurückschreckte. Während des Krieges wurden seine Texte dann direkter. In „Junge Welt“ heißt es 1943 in dem Artikel „Das 5. Jahr“: „Die Hitler-Jugend ist unzerstört. Das ist ein Geschenk ihrer robusten Konstruktion, ihrer festen inneren Veranlagung, denn was im Kampf geboren und geworden ist, kann im Kampf nicht zerstört und umgebracht werden.“

Reinecker saß nicht nur am Schreibtisch und hat die Helden-Illusionen Jugendlicher mit Worten befeuert. Als SS-Kriegsberichter war er auch bei vielen Kampfhandlungen zugegen. Am dramatischsten wird dabei sein Einsatz im Winter 1941/42 beim Feldzug gegen Russ­land gewesen sein. Mit der für Kriegsverbrechen bekannten Totenkopf-Division der Waffen-SS unter Kommandeur Theodor Eicke, der maßgeblich am Aufbau der Konzentrationslager beteiligt war, erlebte er die Kesselschlacht von Demjansk. Reinecker schreibt dazu in seiner Autobiografie „Ein Zeitbericht unter Zuhilfenahme des eigenen Lebenslaufs“: „Ich persönlich habe keine Verbrechen gesehen, keine erlebt, bin kein Zeuge für Vorkommnisse, die Verbrechen zugeordnet werden müssen – es sei denn, ich bin selbst ein Verbrecher, weil ich am Kriege teilgenommen habe.“

Gerade Persönlichkeiten wie Herbert Reinecker, die augenscheinlich an den Nationalsozialismus glaubten und sich in seinen Dienst stellten, die sich andererseits aber nicht antisemitisch äußerten und vermutlich vor dem Holocaust Augen und Ohren fest verschlossen hielten, könnten uns helfen zu verstehen, warum das Regime sich in Deutschland derart festigen konnte. Reinecker war einer, der nach dem Abitur 1934 das Angebot des Bannführers seiner örtlichen Hitler-Jugend in Hagen gern annahm, eine „Landesjugendpflegezeitschrift“ in Münster zu betreuen. Er hatte schon für die Jugendbeilage der Hagener Zeitung Kurzgeschichten und Artikel geschrieben – das war es, was er wollte. Die Karriere kam rasch. Schon ein Jahr später wird Reinecker Jungvolkreferent im Presse-und Propagandaamt in Berlin. Mit 22 Jahren heiratet er und zieht mit seiner Frau, einer Sekretärin der Reichsjugendführung, in die erste eigene Wohnung. Reinecker beschreibt die 30er Jahre in Berlin später als „die Schönsten, die Glücklichsten meines Lebens“. Er habe „keine Synagoge brennen sehen“.

Dieses Gefühl von persönlichem Aufschwung und lang vermisster Zuversicht versuchte auch Bundestagspräsident Philipp Jenninger 1988 in seiner Rede zum 50-jährigen Gedenken an die Novemberpogrome zum Ausdruck zu bringen: „Die Jahre von 1933 bis 1938 sind selbst aus der distanzierten Rückschau und in Kenntnis des Folgenden noch heute ein Faszinosum insofern, als es in der Geschichte kaum eine Parallele zu dem politischen Triumphzug Hitlers während jener ersten Jahre gibt.“ Jenninger, dem vorgeworfen wurde, sich in seiner Rede nicht ausreichend vom Nationalsozialismus distanziert zu haben, trat nach der Rede zurück. Auch mehr als 40 Jahre nach Kriegsende zeigte sich damit, dass die meisten Deutschen verdrängen wollen, dass der Faschismus dem Volk nicht willenlos übergestülpt wurde, sondern dass die Mehrheit ihn die längste Zeit wollte und überzeugt mitgetragen hat. Dazu gehörte auch Reinecker. Sich seiner Rolle bewusst zu werden und darüber öffentlich zu reflektieren, hätte zu einer wichtigen Debatte in der Bundesrepublik führen können. Der ehrlichste Satz in seiner Autobiografie ist deshalb wohl dieser: „Es werden eher Überzeugungen weggeworfen als Talente.“

Foto: Bundesarchiv


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