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Redaktion | 28. September 2007

Einwanderungsland Deutschland

Herausforderung an die Massenmedien

Von Rainer Geißler

Seit etwa einem Jahr wissen wir es genau: In Deutschland leben 2005 gut 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, das sind etwa ein Fünftel der Bevölkerung.

7 Millionen von ihnen sind Ausländer und 8 Millionen besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, in erster Linie (Spät‑)Aussiedler, aber auch viele eingebürgerte Arbeitsmigranten und Flüchtlinge sowie deren Nachkommen. Deutschland gehört inzwischen zu den wichtigsten Einwanderungsländern der modernen Welt. Wie PISA gezeigt hat, kommen in Deutschland mehr Fünfzehnjährige aus Zuwandererfamilien als in den USA, und unter den Jüngsten – den unter Sechsjährigen – ist es bereits jede/jeder Dritte (so das Statistische Bundesamt).

Was Sozialwissenschaftlern schon seit langem bekannt ist, wurde von Politikern ein Vierteljahrhundert lang verdrängt: „Deutschland ist kein Einwanderungsland!“ – dieser realitätsferne Slogan dominierte den politischen Diskurs über Migration in den 1980er und -90er Jahren. Erst seit dem Regierungswechsel im Jahr 1998 setzt sich allmählich auch in den politischen Eliten parteiübergreifend die Einsicht durch, dass aus vielen Gastarbeitern inzwischen Einwanderer geworden sind, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland gefunden haben, und dass Deutschland aus demographischen und ökonomischen Gründen Arbeitsmigranten gebraucht hat, braucht und auch in absehbarer Zukunft brauchen wird. Es wird endlich wahrgenommen, dass sich ein Gastarbeiterland zu einem modernen Einwanderungsland gewandelt hat. Gleichzeitig wird erkannt, dass Deutschland vor einer großen Herausforderung steht: Um ethnische Konflikte zu vermeiden, müssen die Einwanderer in die deutsche Kerngesellschaft integriert werden, und dazu bedarf es politischer und gesellschaftlicher Anstrengungen. Die Aufwertung des Amtes der „Ausländerbeauftragten“ zur Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration, das erste Zuwanderungsgesetz der deutschen Geschichte im Jahre 2005 und die beiden Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin in den Jahren 2006 und 2007 machen neben vielem anderen den Qualitätssprung im öffentlichen Diskurs über Migration und Integration deutlich.

Im Zentrum der „nachholenden“ Integration steht die angemessene Eingliederung der Migranten in den Arbeitsmarkt und in das Bildungssystem; aber auch die Massenmedien spielen in diesem notwendigen Integrationsprozess eine bedeutende Rolle. Ein wichtiger Teilaspekt der Integration ist die „mediale Integration“. Dieser Begriff ist der Versuch, die Vielzahl der Probleme, die mit der Rolle der Massenmedien bei der Integration von Migranten zusammenhängen, „auf den Begriff zu bringen“. Er wurde 2001 im Wissenschaftsbetrieb „erfunden“, als sich im politischen Raum noch niemand um diese Probleme kümmerte. Seit einem Jahr wird er – zumindest als Formel – auch von Politikern und Medienmachern benutzt, so z. B. im ersten „Nationalen Integrationsplan“, der kürzlich von der Bundesregierung verabschiedet wurde.

Bevor die Rolle der Massenmedien bei der Integration näher erläutert wird, soll zunächst geklärt werden, was unter „Integration“ bzw. hier unter „interkultureller Integration“ verstanden werden kann. Integration wird sowohl in der Politik als auch in der Wissenschaft häufig mit Assimilation gleichgesetzt – mit der Angleichung der Migranten an die Deutschen und an die deutsche Gesellschaft. Gegen diese assimilative, „gleichmacherische“ Vorstellung von Integration wendet sich das Konzept der „interkulturellen Integration“. Dieses orientiert sich an der Multikulturalismusidee des klassischen Einwanderungslandes Kanada, das die multikulturelle Integration seiner vielen ethnischen Gruppen als angemessenen Mittelweg zwischen den Polen Assimilation und Segregation ansieht und seit mehr als drei Jahrzehnten auch sehr erfolgreich praktiziert.

Interkulturelle Integration basiert auf drei Grundprinzipien:

  1. „Living together with differences“ nach dem Grundsatz von Einheit-in-Verschiedenheit (unity-within-diversity): Mehrheit und Minderheiten leben miteinander auf der Basis gemeinsamer Sprache, Regeln und Grundwerte („Einheit“) und im gegenseitigen Respekt für ihre jeweiligen sozialen und kulturellen Besonderheiten („Verschiedenheit“).
  2. Chancengleichheit oder „different but equal“: Allen ethnischen Gruppen werden gleiche Chancen auf Teilhabe in den wichtigen Bereichen der Aufnahmegesellschaft und deren Institutionen – z. B. gleiche Teilhabe an Öffentlichkeit und Medien – gewährt.
  3. Aktive Akzeptanz von Migration und Integration; dazu gehören drei Einsichten: (Gesteuerte) Einwanderung ist notwendig und nützlich. Einwanderer müssen interkulturell integriert werden. Interkulturelle Integration entwickelt sich nicht von selbst, sondern bedarf erheblicher politischer und gesellschaftlicher Anstrengung der Aufnahmegesellschaft (diversity mainstreaming) und der Einwanderer selbst.

Im Konzept der „interkulturellen medialen Integration“ werden die skizzierten Prinzipien auf das gesellschaftliche Subsystem Medien/Öffentlichkeit übertragen. In Deutschland hat dieser Bereich seit den 60er Jahren eine für Einwanderungsgesellschaften typische duale Struktur entwickelt: Die deutschen Mainstreammedien haben – ausgelöst durch technische Innovationen wie Video, Satellitenübertragung, Digitalisierung, Internet – zunehmende Konkurrenz von den Ethnomedien der diversen Migrantengruppen erhalten.

Mediale Integration findet in drei Bereichen des Mediensystems statt, die miteinander verzahnt sind: beim Medienpersonal, bei den Medieninhalten und bei der Mediennutzung.

In das Medienpersonal sind die Migrantengruppen integriert, wenn sie in den deutschen Mainstreammedien angemessen als Redakteure, Moderatoren, Ressortleiter, Programmdirektoren, Talkmaster, Regisseure, Showmaster, Schauspieler usw. vertreten sind. Sie bringen ihr spezifisches Wissen, ihre spezifischen Erfahrungen und Sichtweisen in die Medienproduktion ein und verkörpern im mehrdimensionalen Pluralismus des deutschen Mediensystems eine besondere Dimension – die Ethnodimension, die gleichberechtigt neben anderen pluralen Dimensionen wie z. B. nach Geschlecht, Altersgruppen, Religionsgemeinschaften oder Interessenverbänden steht.

Medieninhalte in den deutschen Mainstreammedien sind interkulturell integrativ,

Medieninhalte der Ethnomedien sind interkulturell integrativ, wenn sie sich nicht ausschließlich auf die Herkunftskultur konzentrieren oder gar eine „überlegene“ Herkunftskultur mit einer einseitig-negativ präsentierten Kultur des Aufnahmelandes konfrontieren, sondern auch Integrationshilfen bei spezifischen Problemen ihrer ethnischen Gruppen anbieten.

Die Nutzung der deutschen Medien ist für Migranten unabdingbar, denn ohne Kenntnisse über die aktuellen Vorgänge in Deutschland und deren Hintergründe ist eine angemessene Wahrnehmung ihrer Teilnahmechancen nicht möglich. Die Ethnomedien stellen eine sinnvolle Ergänzung der deutschen Mainstreammedien dar, denn die deutschen Medien sind angesichts der ethnischen Vielfalt nicht in der Lage, die Bedürfnisse der diversen Migrantengruppen nach einer „Brücke zur Heimat“, nach informativen und emotionalen Kontakten mit ihrer Herkunftskultur und -sprache zu befriedigen. Interkulturell integrativ ist also ein Medien-Mix bei der Nutzung durch Migranten – die Nutzung sowohl der deutschen als auch der ethnischen Medien.

Die vielen Inhaltsanalysen zum Bereich Nachrichten und Information kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Migranten und ihre Probleme vergleichsweise selten und dabei häufig in negativen Zusammenhängen dargestellt werden – z. B. als Kriminelle oder als Belastung für das soziale Netz oder die öffentlichen Haushalte. Der Qualitätssprung von der Ausländerpolitik zur Migrations- und Integrationspolitik hat aber offenbar auch die mediale Berichterstattung in den letzten Jahren verändert und deren Negativismus gemildert.

Die Erkenntnisse über den Informationsbereich dürfen nicht vorschnell verallgemeinert werden. Die Fernsehunterhaltung bildet offensichtlich eine Art integrativen Gegenpol zur Fernsehberichterstattung; viele Filme weisen sozialkritisch auf Alltagsrassismus, auf Flüchtlingselend, auf eine inhumane Asyl- und Flüchtlingspolitik u. ä. hin.

Von den Ethnomedien sind inhaltsanalytisch bisher fast ausschließlich die türkischen Medien untersucht – mit wenig ermutigenden Ergebnissen: Sie stellen eine wichtige „Brücke zur Heimat“ dar, sind aber stark nationalistisch und türkeizentriert, einige auch islamisch-dogmatisch oder islamis­tisch. Über Deutschland oder die Situation der Türken in Deutschland wird nur sehr wenig mitgeteilt, und in dem sehr fragmentarischen Bild über Deutschland und die Deutschen überwiegen negative Züge.

Eine der Ursachen für die unzureichende Darstellung der Migranten in den deutschen Medien ist die völlig unzulängliche Beteiligung von Personen aus den wichtigen Herkunftsländern an der Gestaltung der Medienbotschaften. Obwohl die Datenlage zu diesem Problem desolat ist, steht fest, dass nur sehr wenige Einwanderer in programmrelevanten Positionen aktiv sind, vermutlich dürfte sich ihr Anteil im Bereich von höchs­tens 2-3% bewegen.

Allerdings ist dieses Feld inzwischen in Bewegung gekommen. Als erste haben die Gestalter der Unterhaltungsprogramme – insbesondere in den privaten Fernsehsendern – erkannt, dass „Colour in the Media“ Zuschauer anziehen kann und daher „visible minorities“ vor die Kameras geholt – als Musikmoderatoren (z. B. Minh-Khai Phan-Thi oder Mola Adebisi), Talkmasterin (Arabella Kiesbauer), Komiker (Kaya Yanar), Kriminalkommissare (Miroslav Nemec oder Sinan Toprak) oder eine Vielzahl von Musikgruppen, Sängern, Rappern. Im letzten Jahr erhoben dann Spitzenpolitiker und einige Intendanten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erstmals die Forderung nach mehr ethnischer Diversität in den Medien. Migranten(kinder) sollen auch im Nachrichten- und Informationsbereich stärker beteiligt werden. Die Folge: Seit März 2007 moderiert Ingo Zamperoni das ARD-„Nachtmagazin“ und seit Juni 2007 Dunja Hayali das „heute journal“ des ZDF. Erwähnenswert sind auch die intensiven Bemühungen der Medien, Menschen aus Einwandererfamilien zu Journalisten auszubilden.

Hat der Boom der Ethnomedien zu einer integrationsfeindlichen medialen Ghettoisierung der Migranten geführt? Ethnomedien erfüllen für viele Migrantengruppen eine wichtige Brückenfunktion zum Herkunftsland: 73% der Migranten aus der Türkei und 72% derjenigen aus Italien stimmen der Aussage zu, dass „heimatsprachliche Medien helfen, die Sehnsucht nach dem Herkunftsland zu bewältigen“. Je älter sie sind, je schlechter sie die deutsche Sprache beherrschen und je kürzer sie in Deutschland wohnen, umso häufiger nutzen sie ihre Ethnomedien. Allerdings ist die oft geäußerte Furcht vor ethnischen Medienghettos unbegründet. Nur kleine Minderheiten der Migranten nutzen ausschließlich Ethnomedien. Und die große Mehrheit nutzt sowohl deutsche als auch ethnische Medien, verhält sich also mehr oder weniger interkulturell integriert.

Fazit: Die deutschen Mainstreammedien weisen – insbesondere im Nachrichten- und Informationssektor – erhebliche Defizite im Hinblick auf die interkulturelle mediale Integration auf. Eine der Ursachen dafür ist die weitgehend monoethnisch-deutsche Medienproduktion, d. h. der gravierende Mangel an ethnischer Diversität unter den Gestaltern ihrer Angebote.

Auch die Inhalte der türkischen Ethnomedien – über andere liegen keine wissenschaftlichen Analysen vor – sind eher integrationshemmend als -fördernd. Die Furcht vor großen ausgeprägten Medienghettos ist allerdings unbegründet.

In den deutschen Medien zeichnen sich – sowohl in den Inhalten als auch in der Produktion – erste Schritte zu einer Besserung medialer Integration ab, die vor allem dem Qualitätssprung im politischen Diskurs über Migration und Integration geschuldet sind. Da die Zahl der Rezipienten mit Migrationshintergrund wachsen wird und da unter Politikern und Medienmachern die Integrationsherausforderung an die Medien zunehmend erkannt wird, ist davon auszugehen, dass weitere Schritte auf dem langen und mühsamen Weg zur interkulturellen medialen Integration folgen werden.


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