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Redaktion | 29. März 2011

Im Schatten von Joseph Goebbels

Otto Dietrich war einer der ranghöchsten Vertreter im Propagandaministerium

Von Stefan Krings

Otto Dietrich war „Reichspressechef der NSDAP“, SS-Obergruppenführer und als „Pressechef der Reichsregierung“ einer der ranghöchsten Vertreter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Mehr als 13 Jahre gehörte er zum engsten Stab Adolf Hitlers. In der kommunikationshistorischen Forschung blieben seine Person und sein Status im NS-Machtapparat allerdings jahrzehntelang von der Überpräsenz des Propagandaministers Goebbels überschattet. Was steckte hinter Dietrichs Ämtern und seiner Nähe zum „Führer“? Wie groß war sein Einfluss tatsächlich?

1897 in Essen geboren, hatte sich Dietrich 1915 freiwillig zum Fronteinsatz gemeldet. Nach dem Ersten Weltkrieg studierte er Nationalökonomie und Philosophie, promovierte und fand Mitte der 20er Jahre zum Journalismus. Zunächst schrieb er für ein Essener Generalanzeiger-Blatt, ab 1928 für die zum Hugenberg-Konzern gehörende „München-Augsburger Abendzeitung“. Ein extrem republikfeindliches Redaktionsklima desensibilisierte ihn zunehmend für eine seriöse, nach Wahrheit suchende Berichterstattung. Bald beteiligte er sich an einer scharfen Propaganda gegen den Weimarer Staat. Nicht minder beeinflusste ihn damals auch der Kontakt zu seinem Schwiegervater Theodor Reismann-Grone. Der Essener Verleger war ein erbitterter Gegner der Demokratie und ein geradezu fanatischer Antisemit. Im April 1929 wurde Dietrich Mitglied der NSDAP.

Durch seine Tätigkeit für die nationalsozialistische Essener „National-Zeitung“ wurde Adolf Hitler auf ihn aufmerksam. Er machte Dietrich im August 1931 zu seinem persönlichen Pressechef und zum Leiter der neu gegründeten Parteipressestelle. Im Wahlkampfjahr 1932 organisierte Dietrich die Zeitungspropaganda während Hitlers spektakulärer „Deutschlandflüge“, die mit der Parole „Hitler über Deutschland“ die Allgegenwart des Nationalsozialismus suggerierten.

Umso enttäuschter war Dietrich, als Hitler ihn trotz solcher Erfolge 1933 nicht zum Pressechef der Reichsregierung ernannte. Er musste dem späteren Reichswirtschaftsminister Walther Funk den Vortritt lassen und blieb zunächst weiterhin offiziell „nur“ für die Lenkung der Parteiorgane zuständig. Dietrich ließ sie nun täglich mit einer Fülle von Propagandamaterial beliefern. Zudem wurde er zum ständigen Begleiter Hitlers, den er auch auf Reisen und im Führerhauptquartier mehrmals am Tag über die Inhalte der deutschen und internationalen Presse zu informieren hatte.

Bemerkenswert ist, dass Dietrich im April 1933 von den damals noch immer mehrheitlich „bürgerlichen“ Mitgliedern des Reichsverbandes der Deutschen Presse einstimmig zu ihrem Vorsitzenden gewählt wurde. Hier zeigten sich eine enorme Anpassungsbereitschaft der deutschen Journalisten und ein rasanter Entsolidarisierungsprozess in den eigenen Reihen. Unter Dietrichs Führung wurden jüdische und „marxistische“ Kollegen schon bald aus dem Berufsverband ausgeschlossen. Die Mitgliederversammlung hatte einen entsprechenden Antrag mit überragender Mehrheit gebilligt. Das von Dietrich mitentwickelte Schriftleitergesetz untersagte „Nichtariern“ ab 1934 schließlich jegliche journalistische Tätigkeit.

Die angestrebte Gleichschaltung gelang allerdings nicht. Der Indoktrinationsapparat formte keinesfalls jeden „Volksgenossen“ im nationalsozialistischen Sinne um. Viele Zeitungsleser durchschauten die Prinzipien totalitärer Massenkommunikation, und es häuften sich Klagen über die eintönige Berichterstattung. Dietrich führte dies auf „mangelnde Kreativität“ der Schriftleiter zurück.

Nicht nur durch pressepolitische Tätigkeit, sondern auch durch zahlreiche Reden und eigene Publikationen trug Dietrich dazu bei, das weltanschauliche „Programm“ der Nationalsozialisten zu verbreiten. Auf pseudo-akademische Weise bemühte er sich etwa, die „Philosophischen Grundlagen des Nationalsozialismus“, das „Wirtschaftsdenken im Dritten Reich“ oder die „Neue Sinngebung der Politik“ intellektuell zu definieren. Seine im Kern irrationalen Ansätze reichten allerdings über ein Konglomerat antiliberaler, antidemokratischer, antikommunistischer und antisemitischer Ressentiments nicht hinaus.

Mit seinem Eintritt ins Propagandaministerium zu Jahresbeginn 1938 erweiterte sich Dietrichs Aufgabenbereich erheblich. Als Staatssekretär oblag ihm fortan die Kontrolle der gesamten deutschen Presselandschaft. Zudem hatte er die Aufsicht über die in Berlin akkreditierten Auslandskorrespondenten. In den folgenden Jahren baute Dietrich seinen Einfluss weiter aus und schleuste junge, ihm ergebene Propagandisten aus seiner Parteipressestelle ins Minis­terium. Auf diese Weise waren seine Interessen gesichert, zumal er sich oft außerhalb von Berlin, während des Krieges sogar die meiste Zeit im Führerhauptquartier aufhielt. Seine Mitarbeiter orientierten sich im Zweifel eher an den Weisungen ihres Förderers als an denen des Propagandaministers. Brisant war, dass Goebbels seinem Staatssekretär zwar als Minister übergeordnet war, die beiden aber auf Parteiebene im Rang eines Reichsleiters auf einer Stufe standen. Dietrich ließ sich dementsprechend von seinem Rivalen nichts vorschreiben. Ähnliche Kompetenzkämpfe lieferte Dietrich sich auch mit anderen NS-Funktionären wie Außenminister Joachim von Ribbentrop oder Max Amann, der für die Enteignung zahlreicher Verlage verantwortlich war.

Dass Dietrich im Herbst 1940 die Einführung der „Tagesparole des Reichspressechefs“ gelang, ist symptomatisch für seine damalige pressepolitische Macht. In den ersten Kriegsjahren war seine Position auf diesem Gebiet – anders als bisher angenommen – sogar deutlich stärker als die von Goebbels. Mit Hilfe seiner Tagesparolen konnte Dietrich auch vom Führerhauptquartier aus telefonisch auf die Ausrichtung der Presse einwirken.

Seine Auseinandersetzungen mit Goebbels rankten sich lange Zeit weniger um Propagandainhalte. Analog zu Goebbels wetterte auch Dietrich über „kulturloses Untermenschentum“, „jüdische Schädlinge“ sowie „Barbarenhorden aus dem Osten“ und pries die „Ausrottung“ einer angeblich „staats- und volksfeindlichen Presse“. Uneins waren sich die beiden Kontrahenten eher, wann und wie bestimmte Nachrichten oder Direktiven zu vermitteln seien. Dabei konnte keiner der beiden Kontrahenten dem jeweils anderen ein schlüssiges pressepolitisches Konzept präsentieren. Goebbels orientierte sich bei seinen Maßnahmen zur Massensuggestion stärker an den Bedürfnissen und Befindlichkeiten der Empfänger und hatte auch die längerfristigen Folgen seiner Arbeit im Blick. Dietrich hingegen ging es in erster Linie um kurzfristige Schlagzeilen, um sie Hitler vorlegen und sich auf diese Weise dessen Gunst bewahren zu können. Seine Tätigkeit war dementsprechend primär am aktuellen Meinungsklima im Führerhauptquartier ausgerichtet. Dies führte häufiger dazu, dass er vor Journalisten grobe Fehleinschätzungen zur politischen und militärischen Situation abgab. So etwa im Oktober 1941, als er auf einer Sonderpressekonferenz verkündete, die russische Armee sei „militärisch erledigt“ und ein Sieg des Deutschen Reiches über die Sowjetunion stehe kurz bevor.

Auch wenn Dietrich bei dieser Gelegenheit „im Auftrag des Führers“ gehandelt hatte, war er keinesfalls der reine Befehlsempfänger und „Postbote Hitlers“, als der er sich nach 1945 ausgab. Er verfügte durchaus über beachtliche Gestaltungsspielräume, lieferte in Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern eigene Beiträge zur NS-Herrschaft und gestaltete diese aktiv mit. Gerade auf dem Pressesektor kamen entscheidende, die Politik des Regimes weiter radikalisierende Impulse oftmals aus den mittleren Führungsebenen. Durch gezielte Selektion von Nachrichten beeinflusste Dietrich, inwieweit Hitler über das Tagesgeschehen informiert war. Brisante Berichte enthielt er ihm bisweilen vor. Artikel aus der „Frankfurter Zeitung“ zeigte er ihm jahrelang gar nicht, so dass Hitler davon ausging, das Blatt sei längst eingestellt. Dietrich verhinderte auf diese Weise sogar Entscheidungen oder zögerte sie hinaus. Der Grund dafür war nicht zuletzt eine ständige Furcht vor den Wutausbrüchen seines Chefs.

Hitler lieferte auf dem Gebiet der Presselenkung zwar die ideologischen Vorgaben und von Fall zu Fall auch Inhalte. Verglichen mit anderen Propagandabereichen hatte der Reichskanzler jedoch wenig Interesse an der Presse und betrachtete sie eher mit Geringschätzung. Für den autoritären Umgang mit Zeitungsvertretern und für die konkrete Ausformulierung der Presseanweisungen trug Otto Dietrich im Machtstreit mit Joseph Goebbels die Verantwortung.

Obwohl Dietrich auf viele Zeitzeugen farblos-verschwommen wirkte und der zynisch-diabolischen Rhetorik des charismatischen Propagandaministers weit unterlegen war, setzte er auf sehr subtile Weise erfolgreich seine Machtinteressen durch. Sein zentrales Ziel, ein eigenes Presseministerium unter seiner Führung zu etablieren, erreichte er allerdings nicht mehr: Nach jahrelangen erbitterten Machtkämpfen konnte Goebbels im März 1945 bei Hitler schließlich noch Dietrichs Entlassung erwirken.

Otto Dietrich wurde im Nürnberger Wilhelmstraßenprozess zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach vorzeitiger Entlassung und kurzer Tätigkeit als Werbefachmann für die „Deutsche Kraftverkehrsgesellschaft“ starb er 1952 an den Folgen eines Herzinfarkts. Seine engsten Mitarbeiter bekleideten in der Bundesrepublik führende Positionen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik.

Literatur:

Foto: Bundesarchiv


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