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Redaktion | 29. März 2011

Zwischen den Weltkriegen

Zum Wandel des Pressejournalismus im Nationalsozialismus

Von Gabriele Toepser-Ziegert

Die Presselandschaft der Weimarer Republik war geprägt durch die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs. 1914 wurde auf Drängen der damaligen Obersten Heeresleitung (OHL) eine zentrale Pressekonferenz eingerichtet, die sicherstellte, dass die Pressevertreter einheitliche, also gleichlautende Informationen bekamen. In den Jahren zuvor hatte sich jeder Journalist seine Informationsquellen in den einzelnen staatlichen Stellen gesichert, die für ihn von Bedeutung waren. So konnten Unterschiede in der Informations- und Interessensituation der ministeriellen Öffentlichkeitsarbeiter ausgenutzt werden. Je nach politischer Ausrichtung konnten die Zeitungen ein deutlich geschärftes Profil für ihre Leserschaft entwickeln und somit den Wettbewerb verstärken. Je bedeutender eine Informationsquelle in der Regierungshierarchie war, desto verbindlicher war die Information einzuschätzen. Der Ausnahmezustand des Krieges legte nahe, die Informationen zu kanalisieren und damit die unterschiedlichen Aussagen zu unterbinden.

Großbritannien leistete sich zu diesem Zweck ein komplettes Informationsministerium, das Goebbels später zum Vorbild für sein Propagandaministerium nahm.

Von 1914 bis 1918 gewöhnten sich die Zeitungsjournalisten (Hörfunk und Fernsehen existierten noch nicht) daran, täglich um die Mittagszeit von der OHL zentral und einheitlich über die jeweilige kriegerische Lage in Kenntnis gesetzt zu werden.

Die Informationen waren in drei Kategorien eingeteilt:

  1. Informationen, die ohne jede Einschränkung verwendet werden konnten,
  2. Informationen, bei denen es Einschränkungen zeitlicher oder inhaltlicher Art gab,
  3. Informationen, die vertraulich zu behandeln, also nicht zur Verbreitung in den Zeitungen geeignet waren.

Sobald der Krieg beendet, die Monarchie abgeschafft und die Republik eingeführt worden war, fand auch das Ritual der militärischen Pressekonferenz ein Ende. Es wurde wiederbelebt durch Journalisten, die ihrerseits eine Pressekonferenz einrichteten, bei der sie die Gastgeber und die Vertreter der Regierungsstellen die Gäste waren. Damit hatte sich der Tenor der Veranstaltung völlig umgekehrt, die Pressejournalisten hatten das Sagen und die Pressesprecher der Ministerien hatten Rede und Antwort zu stehen.

Eine weitere Auswirkung des Ersten Weltkrieges auf die Presselandschaft betraf den journalistischen Berufsstand. Durch den Versailler Vertrag war die Reichswehr auf eine Berufsarmee von 100.000 Mann und 4.000 Offiziere reduziert worden und viele arbeitslos gewordene Offiziere strömten in den nicht professionalisierten Journalismus, um ihr tägliches Brot zu sichern. Dadurch wurde der nationale, rechte Flügel des Pressespektrums gestärkt, während die linke Arbeiter- und Proletarierpresse ihre Leserschaft vor allen Dingen in Großstädten mit sozialen Brennpunkten fand. Mit dem verstärkten Aufkommen von Nationalsozialisten in Regierungsämtern war dieser linke Presseflügel der kommunistischen und sozialdemokratischen Blätter in höchster existenzieller Gefahr und brach schon im Frühjahr 1933 nach dem Reichstagsbrand völlig weg: Die Zeitungen wurden schlichtweg verboten und die Journalisten, die für sie gearbeitet hatten, wurden politisch verfolgt. Diejenigen, die den im Frühjahr 1933 für politisch missliebige Personen errichteten Konzentrationslagern entkommen konnten, versuchten Exil im Ausland zu finden oder in anderen, weniger exponierten oder kontrollierten Berufen unterzukommen.

Im Januar 1933 war Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden und mit ihm wurde eine Gruppe ideologischer Vasallen in die Lage versetzt, eine Regierung zu bilden. Ihre Taktik zur Konsolidierung von Macht bestand darin, institutionelle und ökonomische Regelungen zu erlassen, mit deren Hilfe die Bevölkerung in sämtlichen Lebensbereichen, sei es beruflich oder privat, überwacht und kontrolliert werden konnte. Es war ein Ziel der NS-Politik, zunächst das ganze Deutsche Reich für ihre Ideologie zu begeistern, und wo das nicht reibungslos und freiwillig klappte, wurde Zwang angedroht und auch ausgeübt.

Die NSDAP hatte keine Vorgängerorganisation, sondern war eine moderne Partei, die mit neuen Ideen und Inhalten für sich in der Bevölkerung warb. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Parteigenossen sehr wohl über die Bedeutung der Medien bei der Vermittlung der neuen Inhalte im Klaren waren. Propaganda war für sie ein positiv besetzter Begriff, den sie abgrenzten von der Agitation, die sie den in ihrer Modernität konkurrierenden Kommunisten zuschrieben.

Im März 1933 hatte sich Joseph Goebbels, der „Reichspropagandaleiter“, gegenüber seinem betagten Konkurrenten Alfred Hugenberg bei Hitler durchgesetzt und den Auftrag erhalten, ein „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ zu gründen. Dazu bediente er sich hemmungslos in allen Ministerien bei der Zusammenstellung sämtlicher medienrelevanter Ressorts. Neben der Presse war in den 20er Jahren auch der Rundfunk als Informations- und Unterhaltungsmedium zum Massenmedium geworden, das beim Postministerium ressortierte. Film und Rundfunk als Institution waren von Anfang an staatlich kontrolliert und konnten damit leicht übernommen werden. Sorgen bereitete dagegen die Presse, die 1933 über 4.000 Zeitungstitel anbot, in denen über 10.000 Journalisten tätig waren. Die meisten Zeitungen befanden sich in Privatbesitz, wie waren sie zu kontrollieren? Rückblickend lässt sich feststellen, dass Goebbels und seine Mitstreiter keinen genauen Plan hatten, wie das zu bewerkstelligen sei, sondern nach und nach Maßnahmen ergriffen, diese bei Bedarf korrigierten oder verwarfen, wobei sie ständig zwischen Zuckerbrot und Peitsche hin- und herschwankten, um totale Kontrolle zu erzielen.

Für den Bereich der Printmedien erfolgte der Zugriff auf drei Ebenen: auf der institutionellen, auf der ökonomischen und auf der inhaltlichen Ebene. Auf der institutionellen Ebene war vor allem das Schriftleitergesetz vom 4. Oktober 1933 von Bedeutung. Es regelte den Zugang zum journalistischen Beruf, indem es jüdische Bewerber ausschloss – ebenso wie Personen, die mit Personen jüdischer Abstammung verheiratet waren. Im ersten Jahr nach Einführung des Gesetzes waren davon 1.300 Journalisten betroffen.

Über die neuen Regelungen auf der ökonomischen Ebene sollten unliebsame Verlagsunternehmen reduziert werden. Durch die sogenannten Amann-Verordnungen von 1935 wurden Zeitungen im Privatbesitz mit Partei-, sprich: NSDAP-Zeitungen „aus wirtschaftlichen Gründen“ zusammengelegt. Das Verbot von Zeitungen aus nicht näher definierten moralischen Bedenken wurde erleichtert und ruinierte manchen Verleger.

Damit nicht genug, wurden auf der inhaltlichen Ebene die Journalisten in ihrer Berufsausübung direkt angegangen. Die Pressekonferenzen wurden wieder zu einem Instrument der Regierung und die Journalisten damit zu Befehlsempfängern degradiert. Propagandaminis­ter Goebbels legte in einer Vorbesprechung mit Vertretern sämtlicher Ministerien täglich fest, welche Neuigkeiten in welcher Form an die akkreditierten Hauptstadtjournalisten weitergegeben wurden. Es gab Hinweise (Über die Reichstagseröffnung steht ein genaues Datum noch nicht fest – 27. November 1933), Gebote (Das Reichspropagandaminis­terium bittet anlässlich des bevorstehenden Weihnachtsgeschäftes zur Unterstützung der notleidenden Glasheimindustrie in warmer Form Propaganda zum rechtzeitigen Einkauf von Gläsern und Christbaumschmuck zu machen – 24. November 1933) und Verbote (Der Erlass des Reichsbischofs an die Deutschen Christen darf nicht gebracht werden – 6. Dezember 1933). Die Aufzeichnungen, die sich die Journalisten in den Pressekonferenzen machten, mussten nach ihrer redaktionellen Bearbeitung regelmäßig vernichtet und über die Vernichtung ein Protokoll angelegt werden.

Goebbels bemühte sich in den ersten Jahren noch, die Pressejournalisten zu seinen Verbündeten zu machen, indem er ihnen weiszumachen versuchte, sie hätten eine besondere Verantwortung als Geheimnisträger staatlicher Informationen und müssten entsprechend mit ihrer Arbeit die nationalsozialistischen Ziele als Staatsziele unterstützen. In den späteren Jahren gestaltete sich die Presselenkung weniger diplomatisch. Die Zahl der Presseanweisungen steigerte sich stetig von Jahr zu Jahr. 1933 gab es pro Monat im Durchschnitt 47 Anweisungen und bei Kriegsbeginn 1939 hatten die Journalisten monatlich mit durchschnittlich 385 Anweisungen zu kämpfen, Tendenz weiter steigend.

In der Auswirkung war das Verfahren für die Journalisten keine „Presse in der Zwangsjacke“, denn die vorformulierten Informationen kamen der journalistischen Arbeitsweise, schnell und unter Zeitdruck zu arbeiten, entgegen. Auf der anderen Seite erwies sich die angedrohte Härte bei der Verfolgung der Verbote als zahnloser Tiger, denn bislang ist lediglich ein Fall überliefert, in dem ein Journalist wegen Übertretung des Verbotes, unter keinen Umständen Informationen aus der Pressekonferenz an ausländische Journalisten weiterzugeben, strafrechtlich verfolgt wurde. Die zunächst verhängte Todesstrafe wurde in eine lebenslängliche umgewandelt. Das Selbstverständnis der verbliebenen Journalisten, nach dem Ausschluss der jüdischen und linken Berufskollegen gleich zu Beginn der NS-Diktatur, ließ sich offenbar mit den neuen Bedingungen der Presselenkung vereinbaren, denn die Anweisungen wurden nicht buchstabengetreu umgesetzt, manchmal völlig ignoriert oder umgangen. Gleichzeitig fand das regelmäßig gelieferte Informationsmaterial wie die heutigen PR-Mitteilungen für die „Arbeitserleichterung“ dankbare Abnehmer.

Foto: Bundesarchiv


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