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Redaktion | 28. September 2007

Späte Einsicht

poettker_web1.jpgDeutschland hat eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt und braucht schon deshalb einen kontinuierlichen Zustrom von Einwanderern, um enorm kostspielige Verwerfungen in seiner Ökonomie und in seinen Sozial- und Bildungssystemen zu vermeiden. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, war einer der Ersten außerhalb akademischer Zirkel, der sich öffentlich zu dieser Einsicht bekannt hat. Herr Walter ist nicht nur ein kluger Mann, es war auch seine Position, die ihm diese Weitsicht ermöglicht hat. Wer für ein großes Unternehmen verantwortlich ist, muss in gesellschaftlichen Zusammenhängen denken und überlegen, wie auch noch in zehn oder 20 Jahren Gewinne zu machen sind. In den 90er Jahren, als Walter die Forderung nach besserer Integration von Migranten stellte, hätten Politiker vermutlich noch riskiert, deshalb bei der nächsten Wahl Stimmen zu verlieren.

Seit ein paar Jahren hat sich das geändert, nicht zuletzt weil die Einsichten von Ökonomen und Sozialwissenschaftlern den lange überhörten Appellen von Ausländer- und Menschenrechts­initiativen Nachdruck verliehen haben. Ungeachtet tief sitzender fremdenfeindlicher Ressentiments bei Modernisierungsverlierern und Globalisierungsgegnern verfolgt nun auch die offizielle Politik fast unisono ein Programm, das es Einwanderern erleichtern soll, in Deutschland Fuß zu fassen und nicht wieder in die Heimatländer zurückzukehren. Dass zur Integration nicht nur Leistungen der Migranten wie der Respekt vor dem Grundgesetz oder die Kommunikationsfähigkeit in der deutschen Sprache gehören, sondern auch reziproke Leistungen der Mehrheitsbevölkerung wie der ebenfalls zu den Grundrechten zählende Respekt vor den kulturellen Besonderheiten ethnischer Minderheiten, haben mittlerweile sogar konservativ gesinnte Patrioten eingesehen.

Es wäre zuviel verlangt, die Verantwortung für das Gelingen der Integration allein oder hauptsächlich Medien und Journalismus aufzubürden. Ob das endlich als zukunftsträchtig erkannte Programm Erfolg haben wird oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt den (Aus-)Bildungseinrichtungen, den Unternehmen, den Kirchen und der Politik selbst. Aber auch Medienverantwortliche und Journalisten können ihren Teil dazu beitragen, dass Mehrheitsbevölkerung und Migranten ihre Leistungen im Integrationsprozess erbringen (können) oder sich zumindest nicht integrationshemmend verhalten. Dazu einige Hinweise, soweit man sie als früherer Journalist und heutiger Wissenschaftler, der an einschlägigen Forschungen beteiligt ist, mit gutem Gewissen geben kann:

Der erste betrifft die Wahrnehmung der Mi­granten durch Journalisten. Die erste und vielleicht wichtigste Voraussetzung für interkulturelle Integration durch Medien ist, dass sie den Alltag der ethnischen Minderheiten überhaupt zur Kenntnis nehmen. Selbst wenn das durch eine negative Brille geschieht, ist das besser als die Tabuisierung der Migranten, denn diskriminierende Stereotype, wenn sie öffentlich werden, können immerhin Anstoß erregen und gesellschaftlich diskutiert werden.

Ein zweiter Hinweis muss vice versa der Wahrnehmung der Mehrheitskultur in den Medien der Migranten gelten. Es ist banal, darf und muss aber trotzdem gesagt werden: Wenn aus den türkisch- oder russischsprachigen Medien allenfalls dann etwas über Deutschland zu erfahren ist, wenn es einen deutlichen Bezug zur entsprechenden Minderheit hat, dann fehlen denjenigen, die bevorzugt diese Medien rezipieren, aktuelle Kenntnisse, die das zur Integration erforderliche Verständnis für die Aufnahmegesellschaft fördern könnten.

Zu der Gestaltung von Medieninhalten lässt sich am einfachsten sagen, dass Journalisten am besten zur Integration beitragen können, wenn sie ihre berufliche Aufgabe erfüllen, ohne volkspädagogische Absichten umfassend und zutreffend über die für das Publikum relevante gesellschaftliche Wirklichkeit zu berichten. Hinderlich dabei kann auch sein, wenn sie bewusst oder unbewusst die kulturelle Identität ihres Publikums auf Kosten anderer Kulturen zu bekräftigen suchen. Integrativer Journalismus ist einfach guter Journalismus, das genügt und gilt für beide Seiten.

Der letzte Hinweis gibt eine nahe liegende und mit der Pressefreiheit gut verträgliche Antwort auf die Frage, wie die Wahrnehmung der Migranten in den Mehrheitsmedien und der Mehrheitsgesellschaft in den Migrantenmedien erreicht werden kann: offenbar dadurch, dass auch deutsche Journalisten in den Ethno-Programmen und -Zeitungen, vor allem aber auch Journalisten aus den ethnischen Minderheiten in den für die deutsche Mehrheit bestimmten Medien arbeiten. An beidem hapert es offensichtlich, der Anteil der Journalisten mit Migrationshintergrund in den deutschen Medien ist schwer festzustellen, aber jedenfalls wesentlich geringer als 20 Prozent, was dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspräche. Dass dies sich im Hinblick auf das Integrationsziel ändern sollte, ist weitgehend Konsens. Weniger einhellig sind die Meinungen, wie mehr Migranten in die Redaktionen zu bringen sind. Auch dabei sollte die Medienfreiheit nicht verletzt werden, was gegenüber Quotierungen skeptisch macht. Im klassischen Einwanderungsland USA, das sich in allen Bereichen intensiv um „diversity“ bemüht, machen journalistische Berufsverbände vor, wie es gehen könnte. Die „American Society of Newspaper Editors“ (ASNE) erhebt und publiziert seit drei Jahrzehnten, wie viele Afro-Amerikaner, Asiaten, Latinos und amerikanische Ur-Einwohner in den Redaktionen der US-Presse arbeiten. Auf diese Weise ist der gemeinsame Anteil dieser vier Minderheiten von vier Prozent auf 14 Prozent gestiegen. Das entspricht immerhin schon etwa der Hälfte ihres Bevölkerungsanteils. Wäre das nicht auch etwas für die Journalistengewerkschaften in Deutschland?

In der Hoffnung, dass dieses Heft über den Winter auch in den Verbänden gelesen wird, die den Deutschen Presserat tragen, grüßt Sie sehr freundlich bis zum Frühjahr

Ihr Horst Pöttker


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