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Redaktion | 29. März 2011

Verdrängung, Öffnung, Instrumentalisierung

Was vom Umgang mit der NS-Vergangenheit über den Nachkriegsjournalismus zu lernen ist

Von Horst Pöttker

Keine andere Gesellschaft hatte einer so fürchterlichen eigenen Vergangenheit ins Auge zu blicken wie die deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn professioneller Journalismus die Selbstbeobachtung der Gesellschaft in Form von unabhängiger Fremdbeobachtung ist, wie Siegfried Weischenberg sagt, dann muss vom Umgang des deutschen Nachkriegsjournalismus mit der NS-Vergangenheit einiges zu lernen sein – sowohl über die Entwicklung der deutschen Nachkriegsgesellschaft als auch über die Professionalität ihres Journalismus. Wie sind die Journalisten der Bundesrepublik mit dem NS-Regime und seinen monströsen Verbrechen umgegangen? Die Durchsicht von Forschungsliteratur zu dieser Frage lässt fünf Phasen erkennen, die sich mit den Begriffen Abrechnung, Verdrängung, Öffnung, Instrumentalisierung und Annahme etikettieren lassen.

Zuvor jedoch: Woran ist professionelle Unabhängigkeit des Journalismus vor allem gegenüber der Politik in diesem Fall zu messen? Das Grundmotiv der Handlungsweisen von Politikern in einer parlamentarischen Demokratie ist ihr Interesse, gewählt zu werden. Auch deutsche Nachkriegspolitiker haben sich deshalb gescheut, ihren potenziellen Wählern Schuld am NS-Regime oder auch nur Verantwortung dafür zuzuschreiben, dass Ähnliches sich nicht wiederhole. Sie hatten kein Inter­esse an einer öffentlichen Diskussion über die Beteiligung der normalen Deutschen an den nationalsozialistischen Verbrechen. Wie unabhängig der Journalismus von der Politik war und ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, ob er auch über diesen vernachlässigten Fragenkomplex Öffentlichkeit herstellt.

Die 40er Jahre: Abrechnung

Das aktuelle Geschehen, bei dem deutsche Journalisten nach Kriegsende herausgefordert waren, über den Nationalsozialismus zu informieren, war der Prozess gegen Hermann Göring und andere Mitglieder der NS-Machtelite vor dem alliierten Militärgerichtshof in Nürnberg. Über den Nürnberger Prozess ist in deutschen Zeitungen intensiver als über spätere NS-Verfahren berichtet worden (vgl. Wilke et al. 1995: 53ff.). Für diese frühe Phase kann keine Rede davon sein, dass der Journalismus die nationalsozialistischen Verbrechen verdrängt habe. Die umfangreiche Berichterstattung über Nürnberg entspricht vielmehr der damaligen Forderung nach schonungsloser Abrechnung, die angesichts der Ungeheuerlichkeit dessen, was da zutage trat, zunächst in aller Munde war, dem der Alliierten sowieso, aber auch dem vieler Deutscher.

Das Nürnberger Tribunal zeigte allerdings auch gleich einen Weg, auf die Frage nach dem eigenen Anteil an der Vergangenheit entlastende Antworten zu finden. Im Hauptprozess wie in den zwölf Folgeverfahren gegen Vertreter besonderer Berufsgruppen wurde eine kleine Elite von Top-Funktionären des NS-Regimes zur Rechenschaft gezogen. Das bot für die anderen, „normalen“ Deutschen die Chance, sich zu exkulpieren. Peter Steinbach hält es für „unbestreitbar, daß die Verurteilung führender Nationalsozialisten die Selbstentschuldigung und Selbstentlastung größerer Bevölkerungsteile förderte“ (Steinbach 1981: 27). Im Laufe seiner einjährigen Dauer nahm der Umfang der Presseberichterstattung über den Nürnberger Prozess bereits kontinuierlich ab, um nur noch einmal zum Höhepunkt, der Urteilsverkündung und Vollstreckung der Todesurteile im Oktober 1946, in die Höhe zu schnellen (vgl. Wilke et al. 1995: 191).

Die 50er Jahre: Verdrängung

Mit Gründung von DDR und Bundesrepublik 1949 setzte sich dass durch den Nürnberger Prozess begünstigte Muster der Exkulpation mit Hilfe des Hinweises auf die Zwangsherrschaft der Hitler-Clique nachhaltig durch. Dass die Journalisten dabei nicht nur den Interessen, sondern auch den ausdrücklichen Interpretationen der Politiker folgten, zeigt eine Analyse der Presseberichterstattung anlässlich der Jahrestage des Attentats vom 20. Juli, die feststellt, „daß (…) von Politikern und Journalisten (…) durch die Nennung von Zahlen und verschiedenen Bevölkerungsschichten die ‚Breite’ und ‚Größe’ der Widerstandsbewegung herausgestellt wurde“ (Holler 1994: 270). Die Legende vom Widerstand des ganzen Volkes bewahrte davor, sich die Frage nach der eigenen Beteiligung oder Mitwisserschaft an den Verbrechen zu stellen.

Mit den Anstrengungen des Wiederaufbaus bekamen die Deutschen Wichtigeres zu tun, als über die quälende Vergangenheit nachzudenken. Dem Trauma folgte das Jahrtausende alte Muster des Verdrängens und Vergessens schlimmer Vergangenheit (vgl. Meier 2010). Dass der Journalismus ungeachtet seiner Öffentlichkeitsaufgabe dazu beigetragen hat, zeigt sich an der Behandlung, oder besser: der Nichtbehandlung des Falls Hans Globke in der deutschen Presse der 50er Jahre. Adenauer hatte dem Kommentator der Nürnberger Rassegesetze von 1935, einen tüchtigen und ihm treu ergebenen Beamten, 1953 zum Staatssekretär im Kanzleramt, also zu einem der einflussreichsten Männer der Bundesrepublik gemacht. Obwohl Globkes Vergangenheit den Journalisten durchaus bekannt war, schwieg sich die Presse bis Ende der 50er Jahre über dieses Thema weitgehend aus (vgl. Jacobs 1992: 67, 109). Anders als bei späteren Enthüllungsaffären, in denen der Journalismus Rücktritte oder Entlassungen prominenter Politiker durchsetzte, konnte Globke auch nach der Zuspitzung der öffentlichen Diskussion um seine Person Anfang der 60er Jahre seine Karriere fortsetzten und blieb bis zum Rücktritt Adenauers und seiner eigenen Pensionierung 1963 in Amt und Würden.

Die 60er und 70er Jahre: Öffnung

Am Anfang der Phase, in der der Journalismus sich für die NS-Vergangenheit wieder geöffnet hat, standen zwei Prozesse, deren Dimensionen ein öffentliches Beschweigen der Verbrechen nicht mehr erlaubte: Der Prozess gegen Adolf Eichmann, den vormaligen Leiter des Judenreferats im SS-Reichssicherheitshauptamt, von April 1961 bis Mai 1962 vor israelischen Gerichten; und der „Auschwitz-Prozess“ gegen Robert Mulka und weitere vormalige Aufseher des Vernichtungslagers, die in der Bundesrepublik bisher ein unauffälliges Leben geführt hatten, von Dezember 1963 bis August 1965 in Frankfurt am Main. Beide Verfahren wurden in der deutschen Presse ausführlich behandelt (vgl. Wilke et al. 1995: 53), gleichzeitig stieg auch die Thematisierung des Falles Globke sprunghaft an (vgl. Jacobs 1992: 67). Waren die 50er Jahre eine Zeit des Verdrängens der NS-Verbrechen auch durch den Journalismus, dann fand dieses öffentliche Schweigen Anfang der 60er Jahre sein Ende.

Ein Vergleich der umfangreichen Berichterstattung von FAZ und „Bild“ über den Eichmann-Prozess zeigt, dass es eine Art Arbeitsteilung zwischen dem viel gelesenen Boulevardblatt und der Seriosität ausstrahlenden „Zeitung für Deutschland“ gab, die für den journalistischen Umgang mit der NS-Vergangenheit bis in die späten 80er Jahre charakteristisch bleiben sollte. Während „Bild“ Eichmann trotz dessen biederer Erscheinung als „Teufel in Menschengestalt“ dämonisierte, sah die FAZ in Gestalt ihres Prozessbeobachters Joachim Schwelien in ihm am Anfang ein Symbol für das Verhalten vieler Menschen im Dritten Reich und forderte, dass alle Deutschen Mitverantwortung für die NS-Verbrechen übernehmen. Als Schwelien nicht mehr Sonderkorrespondent ist, geht die FAZ freilich von dieser kritischen Linie ab, von einer Mitverantwortung aller Deutschen ist nun nicht mehr die Rede (vgl. Becker 1998: 78f.). Das Boulevard-Blatt blieb damit bei der geläufigen Entlastungskonstruktion, die Shoah allein auf das immense Schuldkonto einzelner Ober-Nazis abzuschieben, während die FAZ-Berichterstattung zeigt, dass es schon (oder noch?) Anfang der 60er Jahre einzelne Journalisten gab, die unabhängig genug waren, die Frage nach Mitwisser- und Mittäterschaft, Schuld und Verantwortung der normalen Deutschen zu stellen, dass diese Stimmen aber nicht durchdringen konnten. Auch in der Phase der Öffnung hat der deutsche Journalismus wenig Sensibilität für die Verantwortung jedes einzelnen Bürgers entwickelt, weil er sich einklemmen ließ zwischen die Interpretationsmuster der totalen Personalisierung und der totalen Entpersonalisierung, zwischen die Konstruktion von Nazi-Dämonen einerseits und die Konstruktion einer selbstläufigen Maschinerie der NS-Herrschaft andererseits.

Was innerhalb dieser Grenzen an professioneller Unabhängigkeit praktiziert wurde, kulminierte Ende der 70er Jahre in einem Ereignis, das als Höhepunkt der Entfaltung einer politisch wirksamen Öffentlichkeit zu den von der NS-Vergangenheit aufgeworfenen Problemen gelten kann. Im August 1978 trat der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger nach monatelangen öffentlichen Auseinandersetzungen über seine Tätigkeit als Marinerichter im NS-Regime zurück. Rolf Hochhuth hatte den öffentlichen Diskurs über den „furchtbaren Juristen“, der noch im Frühjahr 1945 Todesurteile gegen Deserteure gesprochen und vollstrecken lassen hatte, durch einen Artikel in der „Zeit“ ausgelöst. Als Filbinger sich mit dem Diktum verteidigte, was 1945 rechtens gewesen sei, könne 1978 nicht Unrecht sein, hatten sich auch immer mehr Parteifreunde aus der CDU von ihm abgewandt. Seine Rücktrittserklärung enthielt den zutreffenden Satz: „Wo (…) der Versuch gemacht wird, die Last der Vergangenheit durch Angriffe auf einzelne abzutragen, kann eine heilende Kraft nicht entstehen.“ (FR v. 8.8.1978, S. 2) Erst als er selbst der Einzelne geworden war, auf den die Last der Vergangenheit abgeschoben wurde, konnte ein regierender Politiker sich zu dieser Einsicht durchringen.

Die 80er Jahre: Instrumentalisierung

Wären die Journalisten auch so konsequent geblieben, wenn es wirklich nur um Filbingers Vergangenheit gegangen wäre und nicht auch um parteipolitische Einflüsse? Dass die Thematisierung des Nationalsozialismus in den 80er Jahren zunehmend instrumentalisiert wurde, zeigen die Skandalfälle Werner Höfer und Philipp Jenninger.

Höfer, früherer WDR-Fernsehdirektor, musste im Dezember 1987 die Leitung des „Internationalen Frühschoppens“ niederlegen und in Pension gehen, angeblich wegen eines regimetreuen Artikels vom September 1943 im Berliner „12-Uhr-Blatt“ aus seiner Feder. Höfer, der seinem Arbeitgeber WDR seine journalistische Vergangenheit im NS-Regime nicht verschwiegen hatte, hatte sich mit der schwer widerlegbaren Behauptung verteidigt, die kompromittierende Passage in dem Artikel von 1943 sei ohne sein Wissen hineinredigiert worden. Eps, Hartung und Dahlem fassen in ihrer Untersuchung des Skandalfalls zusammmen, „daß der ‚Spiegel’ unter publizistischer Schützenhilfe von ‚Bild’ eine Ereigniskette ausgelöst hat, die zu einer raschen und einhelligen Verurteilung eines zuvor mehr oder weniger angesehenen Journalisten geführt hat, ohne daß es zu einer breiten kontroversen Diskussion der dargelegten Evidenz gekommen wäre“ (Eps et al. 1996: 221). Zur Beurteilung des Falles muss man wissen, dass es im WDR Tendenzen gab, Höfers Sendung mit ihrem berühmten, noch aus den 50er Jahren stammenden Nierentisch gegen den Willen des Moderators zu modernisieren. Und drei irgendwelcher Sympathie mit dem Nationalsozialismus unverdächtige Mitglieder, darunter der sozialdemokratische Verfassungsrechtler und Medienforscher Erich Küchenhoff, haben der Rücktrittsaufforderung des WDR-Rundfunkrats an Höfer ihre Zustimmung verweigert.

Noch deutlicher ist die (Selbst-)Instrumentalisierung des Journalismus im Falle Jenninger. Der Bundestagspräsident hatte anlässlich des 50. Jahrestages der Reichskristallnacht die offizielle Rede im Bundestag gehalten. Der dritte Mann im Staat sprach dabei endlich einmal in aller Öffentlichkeit von der breiten Verankerung des NS-Regimes in der Bevölkerung. Dazu, dass er kurz darauf demissionierte, haben auch in- und ausländische Medien beigetragen, die zunächst einhellig die von den Abgeordneten der Grünen und der SPD geäußerte Kritik übernahmen, Jenninger habe mit der Rede nicht genügend moralische Distanz zur NS-Ideologie gewahrt. Während aber zum Beispiel viele italienische Zeitungen sich wenige Tage später für diesen Vorwurf entschuldigten (vgl. Laschet/Malangré 1989: 88ff.), blieben die deutschen Medien mit wenigen Ausnahmen bei ihrem Verdikt über die Person Jenninger. Nach mehr als zwei Jahrzehnten bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass meine Deutung des Jenninger-Skandals von 1989 zutrifft: „Nach Werner Höfer war Jenninger der zweite Fall innerhalb kurzer Zeit, bei dem das immer noch ungeklärte Verhältnis zum Nationalsozialismus im Dienste ganz anderer, dieses Mal machtpolitischer Zwecke instrumentalisiert wurde. (…) Unter der Hand bringen mittlerweile Die Grünen das zur Perfektion, was sie eigentlich besser machen wollten (…) Freilich: Daß Jenninger dann wirklich zurücktreten mußte, lag daran, daß seine eigene Partei ihn ohne Zögern (…) fallen ließ. (…) Der Hauptgrund war, daß Jenninger vieles gesagt hat, das man in den Unionsparteien, vor allem der CSU, nicht gerne hört, wobei der Seitenblick auf (…) Wählerschichten wiederum eine Rolle spielen mag.“ (Pöttker 1989: 31)

Nach der Öffnung für die Thematik in den 60er Jahren geriet die journalistische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zunehmend in das Kraftfeld vor allem der Parteipolitik und wurde zur herrschaftsförmigen Inszenierung von Skandalen, die den Erwartungen der Nato-Verbündeten und den eigenen Willensbekundungen zur „Vergangenheitsbewältigung“ entsprachen, deren hoher sensationeller Reiz aber im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Präzision, Ernsthaftigkeit und gesellschaftlichen Breite stand.

Seit 1990: Annahme von Verantwortung?

Abgesehen von Ausnahmen hat es der Journalismus in der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung nicht geschafft, die Frage nach der Täterschaft der normalen Deutschen und ihrer Verantwortung auch nur offen zu stellen, geschweige denn zu beantworten. Vielmehr hat er an der Tabuisierung dieser unbequemen Fragen durch die Politik mitgewirkt. Das gilt übrigens auch für den Journalismus der DDR, der im Gefolge der dortigen Politik von Anfang an behauptet hat, die eigene Gesellschaft habe nichts mit dem Nationalsozialismus, aber alles mit dem Widerstand gegen ihn zu tun. Für die Zeit seit der Wiedervereinigung ist die Goldhagen-Debatte soweit dokumentiert und analysiert, dass sie als Fallbeispiel berücksichtigt werden kann (vgl. Schoeps 1996; Schneider 1997; Pöttker 1998; Kött 1999).

Dieses Mal war es kein Gedenktag, kein Prozess und auch kein Fehlverhalten einer prominenten Person, was intensive Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog, sondern ein wissenschaftliches Buch. Lange bevor eine deutsche Übersetzung vorlag, löste schon das Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe von „Hitler’s Willing Executioners“ im April 1996 sofort heftige Reaktionen in deutschen Zeitungen und Programmen aus. Daniel J. Goldhagen hatte mit der von Politik und Journalismus gemeinsam tabuisierten Frage nach Mitwisserschaft und Mittäterschaft vieler normaler Deutscher offenbar einen empfindlichen Nerv getroffen. Seine eindeutige, provokative und mindestens pauschalisierende Antwort darauf lautete, dass sich die deutsche Bevölkerung nicht gezwungenermaßen oder aus Opportunismus, sondern aus Überzeugung an den NS-Verbrechen beteiligt hat, wegen eines in Deutschland besonders tief verankerten Antisemitismus, der als Antwort auf die Assimilation der Juden rassistische und eliminatorische Züge angenommen hatte.

Die reflexartige Reaktion auch vieler namhafter deutscher Journalisten auf diese These: Goldhagen sei als junger, ehrgeiziger und überdies selbst jüdischer und deshalb interessengeleiteter Autor nicht kompetent zu diesem Thema (vgl. Pöttker 1998: 236ff.), was sich daran zeige, dass er den Deutschen die offensichtlich unhaltbaren Vorwürfe der Kollektivschuld und des antisemitischen Nationalcharakters gemacht habe (vgl. Kött 1999). Was die Öffentlichkeitsmacher seit 1950 kaum noch gesagt, aber auch nicht bestritten hatten, dass nämlich die NS-Herrschaft in der deutschen Bevölkerung verankert war und dass sich daraus eine besondere Verantwortung für die Gegenwartsdeutschen ergibt, lehnten prominente Journalisten wie Rudolf Augstein und mit ihnen viele ihrer Berufskollegen nun explizit ab.

Allerdings gab es auch wieder einzelne Journalisten wie Volker Ullrich vom Feuilleton der „Zeit“, die Goldhagens Thesen ernst nahmen und eine offene Debatte darüber ermöglichten, an der auch der angegriffene Autor selbst teilnahm. Und im Laufe dieser Debatte ergab sich etwas, das vor 1990 wegen der Instrumentalisierung der Thematik ebenfalls schwer vorstellbar gewesen wäre: Aus der reflexartigen Abwehrreaktion wurde im Laufe mehrerer Monate ein offener Diskurs, in dessen Verlauf die Schwächen und Stärken von Goldhagens Buch differenziert herausgearbeitet wurden und an dessen Ende die Beteiligung vieler normaler Deutscher an den NS-Verbrechen auch in einer breiteren Öffentlichkeit nicht mehr geleugnet, sondern nur noch im Hinblick auf ihre Ursachen diskutiert wurde (vgl. Schneider 1997: 23f.).

Die Goldhagen-Debatte legt die Annahme nahe, dass der deutsche Journalismus in Bezug auf die NS-Vergangenheit seit 1990 deutliche Fortschritte in Richtung Unabhängigkeit und Professionalität macht. Dies drückt sich in einem offeneren, mehr Kontroversen zulassenden Umgang mit der Thematik aus. Auch dort, wo der Journalismus in alte, aus den Interessen und Strategien bundesdeutscher Nachkriegspolitik zu erklärende Muster der Abwehr und Tabuisierung verfällt, werden diese Muster jetzt deutlich sichtbar und können selbst zum Gegenstand von Öffentlichkeit gemacht werden.

Gleichzeitig erleben wir seit den 90er Jahren freilich auch, dass besonders Fernsehjournalisten der NS-Prominenz immer noch Neues abzugewinnen versuchen, indem die historischen Vorgänge mittels großer Portionen fiktionaler Beimengungen weiter dramatisiert und ästhetisiert werden. Guido Knopps zahlreiche ZDF-Serien sind dafür ein ebenso augenfälliges wie bedenkliches Beispiel. Andererseits zeigt eine vielbeachtete öffentliche Kritik an diesen Serien, dass der Umgang des deutschen Journalismus mit der NS-Vergangenheit insgesamt offener und selbstkritischer geworden ist. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ist unabhängig genug, jenseits des konstruktivistischen Mainstreams an Wahrheit als zentrale journalistische Qualität zu erinnern, wenn er über Knopps Serie „Hitlers Helfer“ schreibt: „Es sollen die Hersteller dieser Sendungen reden von Marktanteilen, Quote, Reichweite und Remmidemmi; aber sie sollen schweigen von historischer Aufklärung. Sie mißbrauchen das dokumentarische Genre. Die multimediale Erzwingung von Emotion einerseits, die Amputation des analytischen Organs andererseits machen die Sprache, die die historischen Bilder sprechen, unvollständig. Bald schon wird man nicht mehr wissen, ob sie überhaupt je Geschichte waren.“ (FAZ v. 18.4.1998, S. 35)

Wichtiger im Sinne historischer Aufklärung und professioneller Herstellung von Öffentlichkeit als die audiovisuelle Re-Inszenierung der NS-Prominenz, die nolens volens die ästhetische Faszination des Nationalsozialismus wiederholen, ja perfektionieren muss, wäre eine sicher ebenfalls auf Publikumsinteresse stoßende Neuausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ in möglicherweise kommentierter, jedenfalls philologisch einwandfreier und erschwinglicher Form. Dass es diese Ausgabe in Deutschland im Unterschied zu vielen anderen Ländern, darunter Israel, bisher nicht gibt, liegt daran, dass die Regierung des Freistaats Bayern als Rechtsnachfolgerin des Eher-Verlags und Inhaberin der Urheberrechte immer noch kein Vertrauen in die Mündigkeit des deutschen Publikums hat und an dieser heiklen Stelle nach wie vor auf Kommunikationsbeschränkungen setzt.

Alle Erfahrung zeigt freilich, dass nicht gesellschaftlich verarbeitet werden kann, was nicht öffentlich wird, und dass Verdrängtes in anderer Form rächend wiederkehrt. Eine leicht erhältliche Neuausgabe von „Mein Kampf“ könnte dazu beitragen, die nationalsozialistische Ideologie jener Numinosität zu berauben, von der rechtsextreme Zirkel profitieren. Sie könnte breit und präzise darüber aufklären, wie Nationalsozialisten dachten, und dabei auch die verführerische Seite dieses Denkens verstehbar machen.

Wäre es nicht die Aufgabe von Journalisten, deren Beruf es ist, Öffentlichkeit herzustellen, die Initiative für Öffentlichkeit auch in diesem Punkt zu ergreifen und sich 66 Jahre nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes für einen offenen Umgang mit dessen Ideologie, Propaganda und Symbolik zu engagieren? Das wäre der vorläufige Höhepunkt des mittlerweile international respektierten, ja bewunderten, aber unvollendbaren Prozesses, in dem wir Deutsche unsere fürchterliche Vergangenheit nach und nach angenommen haben. Das nicht immer gelungene Bemühen um Unabhängigkeit von der Politik, das die angelsächsischen Siegermächte dem deutschen Journalismus nach 1945 beigebracht haben, hat in diesem Prozess eine bescheidene Rolle gespielt. Welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden waren, hat der Münchener Historiker Christian Meier kürzlich zusammengefasst:

„Noch in den achtziger Jahren hatte man im Historikerstreit hart darum zu kämpfen, daß das ganze Ausmaß der deutschen Verbrechen ohne Wenn und Aber anerkannt wird. Erst im Anschluß daran wurde es vielen der, um es grob vereinfachend zu sagen, eher konservativ Gesinnten in der bundesrepublikanischen Gesellschaft klar, daß dieser Vergangenheit nichts abzuhandeln war. Immer mehr mußten Ältere abtreten und Jüngere nachwachsen, um das zu ermöglichen. Immer wieder stellte es sich heraus, daß von den Möglichkeiten der Deutung neu aufgedeckter Tatbestände die schlimmste richtig war (was indes nicht heißt, daß jede schlimme Annahme, daß vor allem all die pauschalen zutreffen). Wenn ein Zurückstecken in verschiedenen nationalen Ansprüchen der Preis der Offenheit gegenüber Auschwitz war, so war es vermutlich, bei allen Nachteilen, die damit verknüpft sind, nicht zu teuer bezahlt.“ (Meier 2010: 79)

Literatur:

Foto: läns/photocase.com


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