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Redaktion | 29. März 2011

Und?

Editorial

Von Horst Pöttker

Journalismus und Nationalsozialismus. Die Formulierung lässt manches offen. Sind Journalismus und Nationalsozialismus miteinander verbunden, haben sie sich zu einer Firma zusammengetan, J&N? Das wäre nicht völlig verkehrt, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart. Dass viele Journalisten sich dem NS-Regime aus Überzeugung oder aus Opportunismus angedient haben, lässt sich leider nicht bestreiten. Und Nazi-Themen zählen immer noch zu den populärsten journalistischen Stoffen. Hitler sells, weiß nicht nur der „Spiegel“.

So kritisch ist die Formulierung J&N aber gar nicht gemeint. Wir wollen damit nur anzeigen, dass in diesem Themenheft beide Perspektiven Platz haben. Wie der Journalismus vom Nationalsozialismus in Anspruch genommen wurde, aber auch, wie über den Nationalsozialismus vom Journalismus berichtet wird. Beiden Problemfeldern gewinnen die Autorinnen und Autoren dieser JoJo-Ausgabe unerwartete Aspekte ab. Dabei zeigt sich, dass sie gar nicht so leicht zu trennen sind – und gerade dort, wo das nicht gelingt, wird die Aktualität der Thematik deutlich.

Journalismus im Nationalsozialismus: Gabriele Toepser-Ziegert, Stefan Krings und Stefanie Averbeck-Lietz zeigen in ihren Beiträgen, dass Journalisten und Zeitungswissenschaftler nicht nur vom NS-Regime gelenkt wurden, sondern sich von ihm auch lenken ließen. Und sie lassen die Traditionen durchblicken, auf die diese Bereitwilligkeit zurückzuführen war. Dass das Fach, das sich damals Zeitungskunde nannte (und heute Kommunikationswissenschaft nennt), seit jeher in Deutschland eine praxis­taugliche Ausbildung von Journalisten nicht für seine Hauptaufgabe hält, gehört zu diesen Traditionen. Vielleicht hätten mehr wissenschaftlich ausgebildete Journalisten den Nazis mehr entgegenzusetzen gehabt. Das könnte noch immer eine motivierende Idee für Medien- und Hochschulpolitiker sein, die etwas für Journalistenausbildung an Universitäten tun wollen. Wenn dabei heute, wie Hans Bohrmann erwähnt, von den in der Medienkrise steckenden Verlegern weniger zu erwarten ist denn je, wurzelt das ebenfalls in einer Tradition, die noch vor die NS-Zeit zurückreicht.

Nationalsozialismus im Journalismus: Dabei denken wir spontan an Produkte wie Guido Knopps multimediale Hitler-Serien. Ob die allerdings Journalismus genannt werden können, ist zweifelhaft. Denn mit der Unterscheidbarkeit von Dokumentation und Fiktion wird hier ja ein journalistisches Qualitätskriterium konsequent außer Acht gelassen. Alexander Luckow stellt mit den „Zeitungszeugen“ ein Projekt vor, das in dieser Hinsicht unverdächtig ist, weil es unter Verschluss gehaltene Dokumente der braunen Epoche einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellt.

Das Thema Nationalsozialismus im Journalismus hat noch eine andere Facette, die zu erkennen selbst eine besondere journalistische Leistung ist. Christina Kiesewetter und Tim Tolsdorff decken in ihren Beiträgen auf, dass Erfolgsrezepte der Nazi-Propaganda in den westdeutschen Medien auf verborgene Weise weiterwirkten. Dass das Individuum nichts sei, die (Volks-)Gemeinschaft dagegen alles, hat der HJ-Schriftleiter und ZDF-Starautor Herbert Reinecker der „Derrick“-Gemeinde bis zum letzten Atemzug auf subtile Weise beizubringen versucht. Und der Auflagenerfolg des „Stern“ verdankt sich bis heute auch der Geschicklichkeit des Kriegsberichterstatters und Lizenznehmers Henri Nannen, auf Personal und Gestaltungsprinzipien der populären Vorkriegsillustrierten gleichen Titels zurückzugreifen. Auch beim Journalismus lohnt es zu fragen, wie viel Nationalsozialismus noch in der Gegenwart steckt. Der sinnstiftende Wunsch, die eigene Lebenswelt als besseres Gegenteil der NS-Zeit zu begreifen, hat uns den Blick für verborgene Kontinuitäten verstellt. Peter Herrlichs Analyse der internationalen Berichterstattung über die Berliner Olympiade zeigt, dass es auch schon während des NS-Regimes Tendenzen gab, die politische, menschenfeindliche Seite des wiedererwachten Deutschlands zu ignorieren.

Endgültig nicht mehr zu trennen sind die beiden Perspektiven beim Thema Exilpublizistik. Journalisten, die das NS-Regime verlassen hatten, waren nicht nur genötigt, auf den Nationalsozialismus zu reagieren, sie machten ihn gleichzeitig zum Gegenstand kritischer Öffentlichkeit. Das gibt heutigen Journalisten und Journalismusforschern Gelegenheit, nach Analogien zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu fragen. Gabriele Falböck zeigt, was die publizistische Exilforschung zur Debatte über die Bedeutung von Ethnomedien für die Identitätsbildung von Menschen mit Migrationshintergrund beitragen kann.

Dieses Mal haben nicht Überlegungen zu Relevanz oder Aktualität zur Wahl des Heftthemas geführt, sondern der Wunsch desjenigen, der das „Journalistik Journal“ bisher für das Institut für Journalistik herausgibt, eine ihn seit langem fesselnde Problematik noch einmal zu durchleuchten. In Zukunft liegt die Verantwortung für die Zeitschrift in anderen Händen. Ich danke den Redakteuren Andrea Czepek, Susanne Janecke, Simone Szydlak und Tobias Eberwein für die jahrelange vertrauensvolle Zusammenarbeit. Und ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine aufschlussreiche Lektüre – dieser Ausgabe und späterer JoJo-Hefte.

Ihr Horst Pöttker


One Response to “Und?”

  1. Journalismus und Nationalsozialismus at coolepark.de Says:
    März 30th, 2011 at 11:00 am

    […] Journals” ist eine besondere: Zum letzten Mal wird das Heft eingeleitet durch ein Editorial von Horst Pöttker. Er war es, der die Zeitschrift 1998 ins Leben gerufen hat. Nach 13 Jahren als Herausgeber gibt er […]

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