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Redaktion | 28. September 2007

Keine pauschalen Wirkungsannahmen

Aktuelle Studien zur Berichterstattung über Migranten

Von Georg Ruhrmann

Medienberichte repräsentieren nicht nur die Wirklichkeit der Migranten. Sie verzerren in ihren Darstellungen auch das öffentliche Bild der „Ausländer“. Damit rekonstruieren Medien stereotype Wahrnehmungen und akzentuieren sie.

In allen bisher untersuchten Ländern stellen Presse und Fernsehen ethnische Minderheiten und Migranten häufig als besonders kriminell dar. Im Vergleich zur Kriminalitätsstatistik sind Migranten in den Medien viel häufiger kriminell. Auch die Schwere der jeweiligen Delikte wird dramatisiert.

Zugleich werden bestimmte Nationalitäten in der Medienberichterstattung überpräsentiert. Es sind hier vor allem die jeweils als besonders fremd erscheinenden Nationalitäten, die – verglichen mit ihrem realen Anteil an der Wohnbevölkerung – in der Berichterstattung besonders häufig erwähnt werden. In den 80er Jahren waren dies die Türken. Seit dem 11. September 2001 genießen vor allem Marokkaner eine besondere Medienaufmerksamkeit: In der Berichterstattung wird ihr Anteil verzehnfacht.

Mit der Überrepräsentation verbunden ist die Tendenz, Migranten nur in bestimmten Rollen zu zeigen und zu stigmatisieren: entweder als passive Objekte inländischer Bewertungen, Empfehlungen und Prognosen oder als Opfer von Gewalt. Werden sie in aktiven Rollen gezeigt, dann als Kriminelle oder neuerdings als Terroristen bzw. als „Terrorverdächtige“. Die einseitige publizistische Aktiv-Passiv-Bilanz führt zu einer weiteren selektiven Verstärkung eines Negativ-Images.

Die Berichterstattung orientiert sich an bestimmten Nachrichtenfaktoren, die Journalisten bestimmten Ereignissen zuschreiben, sie als Nachricht auswählen und durch einen bestimmten Nachrichtenwert auch hervorheben. Beim Thema Migranten akzentuieren Journalisten den Nachrichtenfaktor Negativität. Die Nachrichtenfaktoren Kontroverse, Aggression, Schaden und Demonstration sind bei Berichten über hier lebende Migranten stärker ausgeprägt als in anderen Nachrichten über Innenpolitik. Schäden oder Aggressionen werden häufig als Probleme der Migranten, nicht aber als die der Inländer bewertet.

Sozialpsychologische Studien zeigen: Journalisten erwähnen Verletzungen von Normen (so genannte Minimalziele) durch Migranten als eine besonders wirksame Handlungsanweisung und Aufforderung, ein bestimmtes normwidriges Verhalten zu unterlassen. Dies geschieht vor allem in Meldungen, in denen über Kriminalität und Terrorismus berichtet wird. Über entsprechende Norm­anforderungen an die Inländer wird jedoch vergleichsweise wenig bzw. gar nicht berichtet.

Journalistisch gewählte Darstellungen, Bewertungen sowie Forderungen lassen sich über Framing-Prozesse beschreiben und erklären. Frames lassen sich als Interpretationsmuster von Journalisten und Rezipienten auffassen, die sich anhand formaler Textstrukturen manifestieren: Frames heben bestimmte Ereignisse, Akteure und Aussagen hervor, bewerten sie hinsichtlich möglicher Probleme sowie ihrer Lösungen, ordnen sie in einen typischen Ursachen- und Wirkungskontext ein und formulieren Handlungsempfehlungen bzw. Prognosen. Frames beeinflussen die journalistische Themenwahl – und akzentuieren sie. Frames werden durch neue Schlüsselereignisse modifiziert, verändert oder neu strukturiert. Beispiele für solche Schlüsselereignisse sind die mittlerweile gut untersuchten fremdenfeindlichen Anschläge (Rostock, Hoyerswerda oder Solingen) oder der 11. September 2001.

Der amerikanische Kommunikationsforscher und Politikwissenschaftler Shanto Iyengar hat in viel beachteten Studien zur Darstellung von Armut, Kriminalität, Terrorismus und zur Benachteiligung von ethnischen Minderheiten zwei typische Formen der Nachrichtenframes unterschieden:

Episodische Frames präsentieren konkrete Personen, Einzelhandlungen bzw. einzelne „Schicksale“. Im Kontext von Konflikten werden häufig nur einzelne Akteure gezeigt. Häufig dominieren Bilder der Gewalt; in deutschen TV-Nachrichtenmeldungen über Migranten sind episodische Frames stark mit dem Nachrichtenfaktor „Visualität“ korreliert, was die Befunde von Iyengar bestätigt. Man kann davon ausgehen, dass Journalisten ungefähr 80% aller Fernsehnachrichten episodisch produzieren bzw. präsentieren.

Thematische Frames stellen die Ereignisse in einen abstrakteren und komplexeren Zusammenhang. Angesprochen werden die Bedingungen und Hintergründe von Ereignissen, Rede und Gegenrede sowie mögliche Folgeprobleme. Thematisch geframte Konflikte werden nicht einfach auf aggressives Verhalten reduziert, sondern als Ergebnis von Interessengegensätzen dargestellt. Damit lernt der Leser und Zuschauer, die­se nicht nur individuell, sondern auch strukturell zu interpretieren.

Allerdings dominieren auch in Deutschland, vor allem in den Nachrichten der privat-kommerziellen Sender, zunehmend episodische Frames. Das heißt: Bei der Rekonstruktion einer episodischen Nachrichtenmeldung rechnet der Zuschauer die Verantwortung einzelnen Akteuren zu. Bei Wiedergaben thematisch geframter Beiträge werden Zurechnungen auf gesellschaftlicher Ebene vorgenommen und fallen entsprechend komplexer aus.

Für die politische Substanz der öffentlichen Debatte über Zuwanderung spielen diese unterschiedlich geframten Zurechnungen eine entscheidende Rolle. Migrationsprozesse können von Rezipienten, welche ihre historischen, ökonomischen und kulturellen Zusammenhänge erkennen, eher als Risiko akzeptiert werden als von jenen, die Migration als Bedrohung für die persönliche Sicherheit empfinden.

Auch wenn empirische Wirkungsstudien zur Berichterstattung über Migranten erst relativ selten durchgeführt wurden, kann davon ausgegangen werden, dass die Berichterstattung über Migranten deren Bild in der Öffentlichkeit mitbestimmt. Nach dem bisherigen Stand der empirischen Kommunikationsforschung besteht jedoch die Annahme, dass Selektion und Rezeption und deren Auswirkungen von TV-Nachrichten über Minderheiten in einem komplexen Bedingungsgefüge miteinander verwoben sind. Einstellungen der Rezipienten bedingen eine grundsätzliche Senderpräferenz, die sich auch auf die Auswahl einzelner Sendungen und Beiträge auswirkt. Die Rezeption der entsprechenden Inhalte wiederum festigt offenbar bestehende Meinungen, was sich wiederum auf die Einstellungen auswirkt, die folglich neue Selektivität bedingen.

Trotz aller Kritik an klassischen Medienwirkungsvorstellungen trägt auch die Berichterstattung der Medien zu individuellen Bewertungen der Migrationsthematik bei den Zuschauern bei. Der Einfluss der Medien ergibt sich vor allem durch unterschiedliche Themensetzung sowie die Formen ihrer Präsentation. Pauschale Wirkungsannahmen für bestimmte Inhalte lassen sich allerdings nicht behaupten. Vielmehr ist es notwendig, den Einfluss von Einstellungen und Vorwissen auf die Rezeption und Erinnerung der Zuschauer zu analysieren.

So zeigt sich bei einer neuen vergleichenden Studie zur Medienrezeption von In- und Ausländern, dass fremdenfeindlich eingestellte Inländer eine negative und sensationalistisch aufgemachte Berichterstattung mancher Nachrichtenmeldung durchaus bevorzugen, nicht zuletzt um ihre eigenen Vorurteile zu bestätigen. Viele Migranten indes wenden sich von einer derartigen Berichterstattung ab. So können Medienberichte wechselseitige Abschottungsprozesse in der bundesrepublikanischen Gesellschaft durchaus auch verstärken.

Medien können jedoch auch zur Integration von Minderheiten sowie zur Förderung von Toleranz beitragen, was allerdings selten geschieht. Beispielsweise kann durch die Massenmedien ein stellvertretender Kontakt erzeugt werden, der ähnlich wirkt wie ein realer. Es zeigt sich, dass Inhalte und Umfang der Fernsehnutzung die Bewertungen von ethnischen Minderheiten beeinflussen und im Fernsehen positiv dargestellte Minderheiten weniger negativ beurteilt werden.

Aktuelle Befunde weisen darauf hin, dass Meldungen, in denen ein Kontakt zwischen In- und Ausländern gezeigt wird, anderen, weniger auf Gewalt fokussierten journalistischen Selektionsmechanismen unterliegen als Meldungen über Migranten ohne Kontaktdarstellung. Die Kontaktinformation in Nachrichten über Migranten beeinflusst überdies die Beurteilung der gezeigten Akteure mit Migrationshintergrund: Wenn Kontakt zwischen In- und Ausländern explizit dargestellt wird, fallen die Einschätzungen der Akteure unter bestimmten Bedingungen positiver aus.

Resümierend kann also nochmals festgestellt werden, dass pauschale Wirkungsannahmen für Medieninhalte gerade beim Thema Migration und Migranten nicht mehr angemessen sind. Vielmehr ist es notwendig, den Einfluss von Einstellungen der Rezipienten mit den unterschiedlichen Medienangeboten in Verbindung zu bringen, um die zunehmend bedeutendere Rolle der Massenmedien für die Integration von Minderheiten in unserer Gesellschaft besser zu verstehen.

Seit den frühen 90er Jahren wird die Medienberichterstattung über Migranten von der Kommunikationswissenschaft systematisch analysiert, wobei sich folgende Perspektiven ergeben: Die Fernsehforschung wird zunehmend nicht nur kognitive, sondern auch emotionale Dimensionen analysieren, etwa auch im Bereich von Fiktion und Unterhaltung. Relevant sind hier bessere Kenntnisse über Visualisierungsstrategien und ihre Wirkungen. Notwendig sind dabei bessere, institutionell abgesicherte Archivierungsmöglichkeiten des audiovisuellen Materials. Der Wissenschaftsrat hat dazu kürzlich entsprechende Empfehlungen formuliert. Notwendig erscheint es auch, systematischer als bisher auch den Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen und verschiedenen Wissensformen der Rezipienten mit den unterschiedlichen Medienaussagen in Verbindung zu bringen.

Zur Frage der Nutzung haben der WDR, das ZDF sowie die ARD/ZDF-Medienkommission unlängst größere Studien initiiert und vorgestellt. Sie bieten eine gute Grundlage für weitere Forschung, die elaborierte Konzepte von Lebensstilen und Milieuzugehörigkeiten der Leser, Zuschauer und User berücksichtigen. Auch bezogen auf die Rezeption der Migrantenberichterstattung durch In- und Ausländer lassen sich mittlerweile vielerorts verstärkte Forschungsanstrengungen feststellen. Zunehmend wird dabei auch experimentell gearbeitet.

Nach jahrelangem konzeptionellen Stillstand der Einwanderungspolitik in den 80er und 90er Jahren, nicht zuletzt bedingt durch jeweils spezifisch ausgeprägte ideologische Scheuklappen der Parteien, verändern sich derzeit auch in Deutschland – Stichworte: „EU-Erweiterung“ und „Globalisierung“ – Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Migration. Die Medien begleiten und vermitteln diesen Prozess umfassend, sie regen durch ihre Kritik- und Kontrollfunktion allerdings auch notwendige Reformprozesse an und tun das – selbst wenn man an das Fernsehen denkt – meistens auch pointiert und ausgewogen. Allerdings leidet die Qualität der TV-Berichterstattung zunehmend unter der weltweit verschärften Medienkonkurrenz. Insofern kann sich die Analyse und Prüfung journalistischer Qualität durchaus auch als Aufgabe der institutionellen Medienaufsicht herausstellen.


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