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Redaktion | 29. September 2011

Kaum Transparenz im WWW

Wie europäische Medien ihr Publikum online an redaktionellen Prozessen teilhaben lassen – Ergebnisse einer international vergleichenden Studie

Von Tina Bettels, Susanne Fengler, Andreas Sträter & Mariella Trilling

Journalismusforscher fordern, dass Redaktionen und Journalisten Transparenz über ihre redaktionellen Entscheidungen herstellen, um die Glaubwürdigkeit ihrer Publikationen zu erhöhen und die Rolle der Medien in der Gesellschaft zu legitimieren. In der Wissenschaft wird zum einen danach gefragt, ob Medien ihre Verantwortung zur Selbstkontrolle hinreichend wahrnehmen (vgl. Fengler et al. 2011), und ob sie ihr Publikum zum anderen in ausreichendem Maße an redaktionellen Prozessen teilhaben lassen (vgl. Meier 2010). Nach Klaus Meier sollte „eine Redaktion möglichst viel Licht in ihre Strukturen und Prozesse lassen, die Berichterstattungsbedingungen offen legen, Quellen angeben und die Güte und Eigeninteressen der Quellen diskutieren, Fehler eingestehen und offen korrigieren“ (ebd.: 154), um ihren Nutzern zu ermöglichen, die Qualität journalistischer Produkte besser einschätzen zu können. Auf diese Weise könne das Vertrauen in Journalismus gestärkt werden; in einer Zeit, in der Journalisten im Netz immer stärker mit nicht-journalistischen Anbietern – von Plattformen über Wikis bis hin zu Bürgerjournalisten – um die Aufmerksamkeit der Nutzer konkurrieren.

Eine Studie des European Journalism Observatory (EJO) untersucht für 13 west- und osteuropäische Länder (Deutschland, England, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Österreich, Polen, Portugal, Russland, Schweden, Schweiz und Ungarn), ob und wie Redaktionen ihre Leser, Hörer, Zuschauer und User an redaktionellen Prozessen teilhaben lassen. Werden Quellen offen gelegt und Fehler korrigiert? Leisten sich Redaktionen einen Ombudsmann, der als Beschwerdeinstanz fungiert und systematisch Fehlern nachspürt? Gibt es Blogs, Twitter-Feeds und soziale Netzwerke, in denen Journalisten mit Nutzern über redaktionelle Entscheidungen diskutieren?

Die Studie analysiert ferner, inwiefern der Grad der Transparenz zwischen den verschiedenen Medienkulturen variiert und ob zwischen den Internetauftritten von Boulevard- und Qualitätsmedien sowie den Print- und TV-Produkten Differenzen auftreten.

Auf das Vorhandensein von Transparenz-Instrumenten hin untersucht wurden:

In einzelnen Ländern musste aus forschungspragmatischen Gründen die Medienauswahl verändert werden. Die Studie wurde im Wintersemester 2010/11 durchgeführt. Beteiligt waren die Studentinnen und Studenten des Seminars „Medienauslandsberichterstattung“ im Studiengang Journalistik der TU Dortmund sowie die EJO-Teams des Erich-Brost-Instituts in Dortmund, der Universität Lugano (Schweiz), vom Medienhaus Wien (Österreich), der Universität Breslau (Polen) und des Medieninstituts in Riga (Lettland).

Deutlich wird, dass insbesondere jene Transparenzinstrumente genutzt werden, die eher kostengünstig und ohne großen Betreuungsaufwand installiert werden können – aufwändigere Angebote etablieren die untersuchten Medien nur vereinzelt.

In vielen Fällen sollen Instrumente, die auch der Transparenz einer Nachrichtenwebsite dienen, offenbar in erster Linie Marketing-Strategien unterstützen und die Außendarstellung des Medienunternehmens positiv beeinflussen. Ein weiterer Erklärungsansatz für die Verwendung bestimmter Instrumente liegt in der Vergleichbarkeit mit konkurrierenden Anbietern: So hat sich etwa die Verlinkung zu sozialen Netzwerken mittlerweile in fast allen untersuchten Ländern zum Standard entwickelt. Lediglich einzelne Anbieter bieten eine solche Verbindung auf ihrer Website nicht an. Ein eindeutiges Zeichen für Transparenz wäre in diesem Zusammenhang jedoch die Veröffentlichung von Richtlinien für den Umgang mit „Social Media“-Instrumenten – diese sind aber auf keiner der untersuchten Websites vorhanden.

Institutionen wie Leserbeiräte existieren nur bei äußerst wenigen Medien: Innerhalb der untersuchten Medien waren dies lediglich der Leserbeirat der deutschen „Bild“-Zeitung, der Advisory Council der „BBC“ und der Audience Council des irischen öffentlich-rechtlichen Senders „RTÈ“.

Gleiches gilt für die Veröffentlichung von Webcasts von Redaktionskonferenzen – ein ebenfalls eher aufwändiges Transparenzinstrument. Die öffentliche Blattkritik durch Prominente, die die „Bild“-Zeitung zeitweise auf ihrer Website veröffentlichte, wurde inzwischen ebenso wieder eingestellt wie die Webcasts von Konferenzen der schwedischen „Aktuellt“-Redaktion. Nur „Repubblica“ überträgt – als erste Zeitung Italiens – inzwischen seit mehreren Monaten die Morgenkonferenzen der Redaktion unter dem Titel „Repubblica Domani“ im Internet.

Mit – zwar nicht finanziellem, aber in teils erheblichem Maße zeitlichem – Aufwand verbunden ist auch das Betreiben eines Redaktionsblogs. Nur wenige Medien berichten in Blogs über redaktionelle Entscheidungen, so etwa die „Tagesschau“ oder die russische „Nowaja Gaseta“. Elemente eines Redaktionsblogs finden sich auch in Einzelfällen in den Blogs von Ombudspersonen, wie dem von José Queiros, Ombudsmann der portugiesischen Qualitätszeitung „Público“. Als Antwort auf Leserfragen legen Redakteure in diesem Rahmen beispielsweise Recherchewege offen oder erläutern journalistische Entscheidungen.

Ein einfaches und doch nur sehr selten angewandtes Instrument zur Herstellung echter Transparenz ist die Veröffentlichung eines Ethik-Kodex, dem sich die Redaktion verpflichtet. Lediglich in der portugiesischen Medienlandschaft scheint dies mittlerweile Standard zu sein. Auf den Websites der untersuchten deutschen, schwedischen, italienischen, ungarischen und polnischen Medien finden sich keinerlei Hinweise auf Ethik-Kodizes oder ähnliche Richtlinien. Die lettische Tageszeitung „Diena“ verfügt zwar nach eigenen Angaben über einen solchen Kodex – veröffentlicht wird er jedoch nicht. In manchen Fällen – wie etwa bei der „Irish Times“ – beschränkt sich dieses Transparenzinstrument auf eine kurze Erläuterung der Maßstäbe, an denen sich die journalistische Arbeit ausrichtet. Wie alltagsnah solche Richtlinien sind, ist ebenfalls fraglich: So findet sich beispielsweise auf der Website des Ombudsmanns von „France 2“ ein Link zur „Charta des Journalisten“, die sich berufsethischen Fragen widmet – und aus dem Jahr 1918 stammt.

Der Umgang mit der Korrektur von Fehlern ist bei den untersuchten Medien in der Regel sehr undurchsichtig gestaltet. Zwar bieten diverse Medien verschiedener Länder Fehlerbuttons oder andere Möglichkeiten zum Melden von Fehlern an – ob diese aber tatsächlich korrigiert werden und inwiefern die Anregungen aufgegriffen werden, ist jedoch meist nicht ersichtlich. Anders ist dies nur bei den Medien, die Ombudsleute beschäftigen: In Blogs werden Leseranregungen veröffentlicht und vereinzelt auch Fehler eingeräumt und korrigiert. In Österreich gibt es neben den Veröffentlichungen des Leserbeauftragten von „Der Standard“, Otto Ranftl, auf dem Internetauftritt von „Die Presse“ eine Kolumne, die sich sowohl der generellen Blattkritik als auch der expliziten Fehlerkorrektur widmet.

Was passiert, wenn das Bemühen um Transparenz an der Oberfläche bleibt, verdeutlichen zwei Beispiele aus Lettland und Russland. Die lettische Tageszeitung „Diena“ bietet auf ihrer Website zwar einen Fehlerbutton an – dieser funktioniert aber nicht. Die russische Wochenzeitung „Argumentij i faktij“ weist, sobald der Nutzer den Fehlerbutton anklickt, darauf hin, dass sie es nicht ausschließe, aufgrund der Beschwerde den zuständigen Redakteur zu entlassen.

Dieser Eindruck einer kaum verbreiteten Kultur der Wertschätzung – und von Kurzsichtigkeit, was das Potenzial von Leseranregungen angeht – schlägt sich auch in der Häufigkeit von Rubriken für Leserbriefe und Kritik nieder. Explizite Rubriken finden sich lediglich bei vier irischen Medien: „Irish Independent“, „Irish Times“, „Sunday Tribune“ und „Evening Herald“ – bei letzterem ist der Link jedoch fehlerhaft. Weitere Optionen zur Veröffentlichung von Leseranregungen sind in Form des Blogs von Ombudspersonen (vgl. etwa die portugiesische „Público“) oder eines eigenen Leserblogs (vgl. die französische „Sud-Ouest“) vorhanden.

Eine inzwischen gängige Form der Leserbeteiligung ist die Kommentarfunktion. Sämtliche untersuchten Medien aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, der Schweiz, Lettland und Schweden bieten diese Möglichkeit an.

Informationen über die Personen, die in den jeweiligen Redaktionen arbeiten, beschränken sich meist auf die Autorenzeilen. Größere Artikel bzw. Fernsehbeiträge sind in der Regel namentlich gekennzeichnet. Wenn überhaupt, werden fest angestellte Redakteure mit Namen und Foto auf der Website vorgestellt, manchmal sind es auch nur die bloggenden Journalisten und bei Fernsehnachrichten die Moderatoren. Diese Vorgehensweise scheint sowohl bei den Boulevard- als auch den Qualitätsmedien Usus zu sein; außerdem gibt es keine nennenswerten Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern. Die einzigen Ausnahmen bei der Vorstellung der Redaktion und der Blattlinie bilden die Schweiz und Polen: Hier präsentieren jeweils vier der untersuchten Medien die Redaktion ausführlich.

In der polnischen Medienlandschaft scheint sich dieser Trend auch auf die Vorstellung des Medienunternehmens zu beziehen. „Rzeczpospolita“, „Gazeta Wyborcza“, „Wprost“, „TVP“ und „Pols­kie Radio“ publizieren detaillierte wirtschaftliche Selbstauskünfte; nur „TVP“ (Link zur Unternehmenswebsite) und „Fakt“ (Namen und Adresse des Vorstands) sind in dieser Hinsicht puristischer. Neben den polnischen scheinen auch die deutschen und englischen Medien großen Wert auf eine Präsentation des Medienunternehmens zu legen: Hier finden sich ebenfalls auf allen untersuchten Websites nähere Informationen.

In manchen Fällen liegt der Veröffentlichung von Informationen zu Eigentümerstrukturen etc. jedoch keine explizite Entscheidung der Redaktion zugrunde. So ist beispielsweise die Offenlegung von Besitzverhältnissen und Beteiligungen im Impressum in Österreich gesetzlich vorgeschrieben; und auch in Frankreich regeln rechtliche Vorschriften die Auskunftserteilung über Umsatz und Mitarbeiter.

Die generelle Kontaktaufnahme ist zu allen untersuchten Medien möglich – entweder in Form eines Kontaktformulars oder einer allgemeinen E-Mail-Adresse. Die Möglichkeit, einzelne Autoren zu kontaktieren, ist jedoch weniger weit verbreitet. In den meisten untersuchten Ländern ist dies nur sehr selten möglich, so etwa bei „Der Spiegel“ (Deutschland), „The Sun“ (England) oder „Le Nouvel Observateur“ (Frankreich). Eine Ausnahme bildet auch hier die Schweiz, in der ein Großteil der untersuchten Medien diese Möglichkeit anbietet. Die Telefonnummern einzelner Redakteure konnten sogar nur auf zwei Websites ermittelt werden: „Die Presse“ (Österreich) und „Latvijas Avize“ (Lettland).

Bezüglich der Offenlegung von Quellen und Recherche-Prozessen zeichnet sich ein uneinheitliches Bild in den verschiedenen untersuchten Ländern ab. In Deutschland werden ebenso wie in Frank­reich und Österreich Recherche-Quellen und Informationsgeber benannt und ermöglichen es dem Leser so, einen Eindruck vom journalistischen Entstehungsprozess des Artikels zu gewinnen. In vielen der anderen Länder lassen sich in der Regel keine eindeutigen Hinweise finden. Überraschend ist die Tatsache, dass lediglich in Deutschland, Portugal und Ungarn alle untersuchten Medien Agenturmaterial durchgängig kennzeichnen.

Das Musterland des transparenten Journalismus ist keines der untersuchten Länder. Zwar spielen nationale Standards durchaus eine Rolle, doch die Entscheidung, ein Transparenzinstrument zu etablieren, ist von individuellen redaktionellen Entscheidungen abhängig. Daher lassen sich auch kaum stringente Muster innerhalb einzelner Länder oder zwischen Boulevard- und Qualitätsmedien feststellen.

In einigen Ländern scheinen sich bestimmte Instrumente langsam zu etablieren – länderübergreifend sind dies bislang lediglich die Verbindung zu sozialen Netzwerken, Kommentarfunktionen und die Sortierung der veröffentlichten Beiträge nach der Klickzahl.

Literatur:

Link:

Die komplette Studie mit ausführlichen Ergebnissen zu den untersuchten Medien gibt es auf der Website des European Journalism Observatory.

Foto: .marqs/photocase com


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