Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 29. September 2011

„Man bekommt null Informationen, das Thema wird ausgegrenzt!“

Nachfragen, Netzwerke aufbauen, Nähe suchen, ohne sich gemein zu machen: Ralf Paniczek über die Widrigkeiten der Doping-Berichterstattung

Von Angelika Mikus

Journalistik Journal: Sie sind Dopingexperte. Ihr Lieblingsthema?

Ralf Paniczek: Anders formuliert: Womit ich mich immer noch schwer tue, ist die Bio­chemie. Man muss aber nicht immer Experte sein. Ich finde diesen Begriff eh problematisch. Die besten Biochemiker gibt es nun mal in Köln oder Kreischa. Meine Aufgabe ist es, eine vertrauensvolle Basis aufzubauen. Das klassische Handwerkszeug des Journalisten ist nicht in erster Linie das Erklären, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Ich finde, das ist etwas unmodern geworden.

Die Tour de France 2011 ist gelaufen. Was halten Sie davon, dass der Prozess gegen Alberto Contador nach dem Ende der Tour erneut verlegt worden ist?

Es hat mich nicht überrascht, weil der Fall komplizierter und komplexer ist, als er auf den ersten Blick erscheint. Die öffentliche Wahrnehmung ist eine ganz andere. Es gibt viele fehlerhafte Berichte, manchmal nur im Detail. Da werden Dinge behauptet, die einfach nicht stimmen. Ich möchte mal gerne wissen, wer von den Berichterstattern überhaupt das Urteil gelesen hat. Es hat alleine zwei Tage gedauert, das Urteil im Netz zu finden. Ich persönlich rechne damit, dass Alberto Contador freigesprochen wird. Aber der Ausgang des Verfahrens hängt im Wesentlichen von der Frage ab, ob Contador Blutdoping nachgewiesen werden kann oder nicht.

Sie waren selber bei der Tour im Einsatz und mussten den Fall vor laufender Kamera erklären. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kollegen der ZDF-Sportredaktion?

Die Zusammenarbeit läuft wunderbar. Klar gibt es Konflikte, klar gibt es unterschiedliche Sichtweisen, aber ich bin damit sehr zufrieden. Im Fall Tour de France beispielsweise gibt es Monate vorher Sitzungen und Konferenzen, zu denen ich eingeladen werde. Da wird Detailwissen abgefragt, ebenso findet vor der Tour ein Briefing der Entscheidungsträger und Kommentatoren statt.

Die ARD und das ZDF steigen in diesem Jahr dennoch aus der Tour de France aus…

Nein, ARD und ZDF steigen nicht aus der Live-Berichterstattung aus. ARD und ZDF haben nicht den Vertrag für die Live-Berichterstattung verlängert. Ausgestiegen sind wir 2007. Das sind so diese Kleinigkeiten. Das ist ein Vertrag, der läuft dieses Jahr aus und er ist nicht verlängert worden.

War es richtig, den Vertrag nicht zu verlängern?

Das ist eine Frage an die Geschäftsleitung. Ich werde ab und an gebeten, eine Stellungnahme abzugeben, wie ich die Situation sehe. Ich habe eine Meinung zum Weltradsportverband, der sich für mich als sehr problematisch präsentiert. Ich finde, die machen sehr viel Gutes, aber man kann auch sehr viel kritisieren. Aber die Quoten der Tour sind seit Jahren rückläufig und es ist eine extrem teure Veranstaltung. Aber wie gesagt, das entscheiden die Oberen.

Es gibt Hinweise anderer Journalisten darüber, dass der Weltradsportverband UCI Auskünfte verweigert und Interviewanfragen abgelehnt hat. Wie erging es Ihnen?

Das stimmt. Es sieht so aus, dass ich nun seit 17 Monaten keine Interviews mehr mit dem Weltradsportverband bekomme. Sie werden abgelehnt mit dem Argument, wir würden ja nur das Negative sehen und darüber berichten wollen. Ich sage: Ich spiele fair. Ich sage nicht, dass ich über irgendwelche tollen Dinge ein Interview mache und stelle am Ende meine zwei Fragen zu meinem Thema und nehme dann nur diese Antworten. Das ist eine unfaire Behandlung, das mache ich nicht. Das fanden sie nicht korrekt und sie haben meine Berichterstattung kritisiert. Doch am Ende des Liedes steht das, was Pat McQuaid einmal in einem Agentur-Interview gesagt hat: Dass der Radsport in Deutschland ein Problem hat – und das sind die Journalisten. Ich stelle die Anfragen immer wieder, bisher wurden sie fünfmal abgelehnt.

Worum ging es in diesen Anfragen?

Contador, meine Recherchen zu den fehlenden Dopingkontrollen und den Finanzierungsproblemen der UCI. Vor der Tour habe ich ein Sammelinterview zu diesen drei Themenkomplexen gestellt und es wird einfach kategorisch abgelehnt, inklusive Warnhinweise, dass ich es ja nicht wagen soll, dem Radpräsidenten McQuaid auf einer Pressekonferenz oder anderswo aufzulauern, um meine Fragen zu stellen.

Hat dieses Verhalten eine Rolle gespielt, als es um die Vertragsverlängerung ging?

Es wurde als Argument angebracht, ja.

Werden Sie im nächsten Jahr befreiter über Doping im Radsport berichten dürfen?

Ich habe zurzeit die gleichen Freiheiten. Wenn ich meine Anfragen an den UCI stelle, dann stelle ich sie im Rahmen meiner Arbeit. Dann wird z. B. der Sport darüber informiert, aber selbst wenn mir jemand von einer Anfrage abraten würde – ich würde sie trotzdem stellen. Unabhängig davon, ob ein Vertragsverhältnis besteht oder nicht.

Es gab in den letzten Monaten nur wenige Dopingfälle, die in den Medien nachhaltig diskutiert wurden. Gibt es weniger Beiträge, weil das Thema beim Publikum nicht mehr auf Interesse stößt?

Mengenmäßig nein. Was stimmt ist, dass es immer weniger stark aufwühlende, emotional geladene Dopingfälle gibt, über die wir berichten. Da aber die Ursache bei den Berichterstattern zu suchen, wäre falsch. Ich sehe vielmehr die Tendenz, dass man auf der Seite der Veranstalter und Verbände nach einer Phase des Aktionismus im Anti-Dopingkampf ganz gerne wieder einiges zurücknimmt. Es ist schwierig, bei einer Leichtathletik-EM über das Thema Doping zu reden, wenn es vom Veranstalter komplett aus der Veranstaltung herausgehalten, negiert wird. Man bekommt null Informationen, das Thema wird ausgegrenzt! Das ist eine Tendenz, die ich immer mehr beobachte. Vorher und danach gerne, aber bitte nicht so viel während der Veranstaltung. Die Tendenz sehe ich. Und einen Beitrag aus einem Nullthema zu machen, das ist der langweiligste und grauenhafteste Beitrag, den man produzieren kann. Zeitungskollegen haben es da etwas einfacher. Jedenfalls wird es immer schwieriger, attraktive Beiträge über Doping zu produzieren.

Wie sollte man sich als Journalist in solchen Fällen verhalten?

Nachfragen, nachfragen und Netzwerke aufbauen. Man muss Vertrauen aufbauen, man muss Informationen bekommen. An dem Doping-Kontroll-Verfahren sind so viele Instanzen beteiligt, dass man halt wissen muss, wo man nachfragt.

Wird Doping-Berichterstattung dadurch nur noch ein Fall für Experten, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben?

Die Gefahr besteht natürlich. Irgendwann ist das alles so abgedreht und komplex, das versteht man als normaler Zuschauer fast nicht mehr. Aber der Journalist hat nun mal die Aufgabe, es herunterzubrechen. Vielleicht gelingt dies nicht in jedem einzelnen Beitrag, aber in der Komplexität von verschiedenen Beiträgen kann das sehr wohl gelingen. Das muss man einfach versuchen.

Wie wird sich dieses Themenfeld in Zukunft entwickeln?

Ich glaube, dass das Thema entemotionalisiert wird. Dass es auch schwieriger werden wird, es in die Programme hineinzubringen. Aber ich sehe im Umkehrschluss nicht, dass das Thema nicht mehr als relevant erachtet wird. Ich konkurriere im „heute journal“ wie mit jedem anderen Thema auch um die Sendezeit und ich muss gute Argumente einbringen.

Wie aufmerksam sollten Journalisten diesem Thema begegnen?

Ich denke, da kann man keine pauschale Antwort geben, da es sehr viele unterschiedliche Journalisten gibt. Sport ist eine Ware geworden und ich glaube, dass diese Entwicklung, die in den vergangenen zehn Jahren extrem vorangeschritten ist, vielen Journalisten noch nicht ganz klar geworden ist. Und im Journalismus konkurriert man miteinander. Das ist sehr schwierig, wie man dann als Journalist damit umgehen soll. Sich nicht gemein machen, aber man muss sich teilweise gemein machen. Distanz suchen, aber man braucht die Nähe, um ein gutes Produkt abzuliefern. Ich glaube, das ist letztendlich eine der großen Schwierigkeiten im Sportjournalismus.

Das wird im nächsten Jahr sicherlich nicht einfacher werden. Tragen die Verbände eine Mitschuld?

Nein, ich will niemandem in den Verbänden unterstellen, dass sie in Dopingpraktiken oder eine Vertuschung involviert sind, aber sie stecken in gewissen Zwängen. Sie wissen vielleicht, was passiert und möglich ist in ihrer Sportart, aber den Dopern das Handwerk zu legen und ihnen einen Betrug nachzuweisen, den wirklichen Willen erkenne ich nicht überall. Und es wird in Zukunft immer schwieriger. Es ist weniger eine wissenschaftliche Frage als eine Frage der intelligenten Kontrollen und juristischen Durchsetzbarkeit.

Ist es dann noch legitim, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender dem Sport so viel Sendezeit für Live-Berichterstattung einräumt?

Da haben wir die nächsten Zwänge. Hat man nur mit Dokumentationen und Hintergrundberichterstattung eine Chance gegen die Angebote von Privatfernsehen, dass man dann noch dem Zuschauer erklären kann: „Hey, zahl die Gebühren!“? Die Hauptquoten erzielt man mit Sport, das ist ein Grundbedürfnis. Sport ist in der Gesellschaft verankert und hat eine erhebliche gesellschaftliche Funktion. Und es sind nicht alle Sportler, die betrügen. Aber es ist unsere Aufgabe, nicht nur die Erfolge, sondern auch die Schattenseiten abzulichten.

Ralf Paniczek arbeitet seit 1994 für das ZDF. Seit zwölf Jahren ist er fest angestellter Redakteur in der Hauptredaktion Aktuelles und seit vier Jahren Mitglied der Doping-Taskforce des ZDF.

Foto: ZDF/Harald Kühne


One Response to “„Man bekommt null Informationen, das Thema wird ausgegrenzt!“”

  1. Frank Van de Winkel Says:
    Oktober 13th, 2011 at 2:05 pm

    August 2011 erschien mein Buch ‚Zero Dope‘ über die vier wichtigsten Dopingkontroversen seit den Jahren Neunzig: Festina, Telekom/T-Mobile, Armstrong und Puerto. Ein VIP der UCI hat das ganze Buch lesen können und hat viele Kommentare gemacht – ins Buch. Er hat mich sogar alle Dokumente gezeigt iZm den Zahlungen von Armstrong. Es gab auch neue Informationen hierüber und über andere Fakten zu seinem Fall. Es war bisweilen eine sehr harte aber trotzdem gute ‚Zusammenarbeit‘ mit der UCI.
    Frank Van de Winkel – Sportjournalist und Sportbuchauthor, Belgien

Comments