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Der Mediensport unter Sexualisierungsdruck

Die redaktionelle und werbliche Darstellung von Sportlerinnen erfolgt zunehmend in erotischen Posen

Von Jörg-Uwe Nieland & Daniela Schaaf

Die Präsentation von Mitgliedern der DFB-Junioren-Nationalmannschaft und der Frauenbundesliga im deutschen „Playboy“ zur FIFA-WM in diesem Sommer folgte einem bekannten Muster: Im Vorfeld von sportlichen Großereignissen soll mittels erotischer Bilder Aufmerksamkeit für den Sport, das Event sowie die Athletinnen generiert werden. Wie enorm der Sexualisierungsdruck ist, den die Medien gegenüber den Veranstaltern und vor allem den Sportlerinnen aufbauen, zeigte sich bereits bei der Auslosung der Spielpaarungen für die Weltmeisterschaft. Neben Fußball-Idol Günter Netzer und der deutschen OK-Chefin Steffi Jones wurde diese auch durch das slowakische Unterwäsche-Model Adriana Karembeu, Ex-Frau des französischen Fußballers Christian Karembeu, vorgenommen. Die Spielerfrau, die in ihrer Funktion als offizielle „FIFA-Botschafterin des Frauenfußballs“ anwesend war, wirkte im engen Abendkleid mit üppiger Oberweite zwischen den eher leger gekleideten Profi-Fußballerinnen deplatziert. Sie zeigte jedoch den Weg auf, den viele Spielerinnen bis zur WM nehmen mussten. Vielfach wurde nämlich nur dann berichtet, wenn sie sich als „sexy Kickerinnen“ inszenieren ließen.

Die aktuellen Beispiele sind nur als Indiz einer Entwicklung zu verstehen, die in den vergangenen Jahren in allen Mediengattungen identifiziert werden konnte. Bei der Sexualisierung des Sports in den Medien handelt es sich um eine visuelle Repräsentationsstrategie, die primär den Sportlerinnen-Körper in den Mittelpunkt der Medieninhalte rückt. So erfolgt die redaktionelle und werbliche Darstellung von Athletinnen zunehmend in erotischen Posen, ihr Aussehen und ihre sexuelle Ausstrahlung werden zur wichtigsten (Bild-)Aussage, während die erzielte Leistung oder der errungene Sieg in den Hintergrund treten. Dabei liegt der Fokus auch auf einzelnen sexuell konnotierten Körperpartien der Sportlerinnen, etwa Gesäß, Beine oder Busen. Zudem werden Einblicke auf intime Körperzonen gewährt (etwa unter den Rock einer Tennisspielerin) oder Sportlerinnen bewusst mit einem „Come on“-Blick inszeniert, sodass sie kaum noch als sportliches Vorbild dienen. Damit werden entsprechende Ästhetisierungen sowohl von den Medien vorgenommen, die eventuell nicht erotisch intendierte Bewegungen und Positionen aus ihrem Kontext herauslösen und in einen neuen, nun sexuell anmutenden Zusammenhang stellen, als auch von den Sportlerinnen selbst, indem sie sich etwa gezielt für ein Männermagazin ablichten lassen. Das scheint eine lukrative Vermarktungsstrategie zu sein: Seit 1995 haben sich mehr als 30 weibliche Sport-Profis allein für den „Playboy“ ausgezogen.

Die Frage, warum sich Sportlerinnen einer Sexualisierung ihres Körpers unterwerfen, lässt sich mit einem Hinweis auf die in der kommerziell ausgerichteten Sport-Medien-Wirtschafts-Allianz vorliegenden Bedingungen beantworten. Nach wie vor gilt dieses System als eines der letzten männlichen Refugien, in denen in besonderer Weise Geschlechterhierarchien reproduziert werden. So sind die Schlüsselpositionen in Redaktionen und Unternehmen überwiegend mit Männern besetzt, die damit über einen Großteil der Bedeutungs- und Definitionsmacht verfügen. Sie entscheiden, über welche Sportlerinnen wie redaktionell berichtet wird und wer letztlich in der werblichen Anschlusskommunikation seinen sportlichen Erfolg vermarkten darf. In diesem Zusammenhang lässt sich in der Sportberichterstattung sowohl quantitativ als auch qualitativ ein Geschlechterverhältnis beobachten, dass oftmals zu Ungunsten der weiblichen Sportprofis ausfällt. In keinem tagesaktuellen Massenmedium liegt der Anteil von Athletinnen in der Sportberichterstattung über 15 Prozent. Diese geringe Medienpräsenz von Sportlerinnen spiegelt damit in keiner Weise die tatsächliche Partizipation von Frauen im Profisport sowie ihre internationalen Erfolge wider – zu denken ist etwa an die WM- und EM-Titel der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft.

Die Sportmedienrealität wird also von den männlich dominierten Sportressorts konstruiert und funktioniert insofern nach geschlechtsspezifischen Selektionskriterien. Da die Sportberichterstattung zudem überwiegend von Männern rezipiert wird, orientiert sie sich primär an deren Präferenzen. Demzufolge wird vielfach nur über jene Athletinnen berichtet, die traditionelle Weiblichkeitskonzepte aufrecht erhalten und dem gesellschaftlich erwarteten weiblichen Schönheitsideal entsprechen, das von einer grazilen Schlankheit und heteronormativen sexuellen Ausstrahlung geprägt ist. Abweichungen von dieser männlich konstruierten (aber auch von Frauen mitgetragenen) Norm werden jedoch kaum geduldet und oftmals mit redaktioneller Nichtbeachtung gestraft. Insbesondere Athletinnen aus männlich dominierten Sportarten (etwa Fußball oder Boxen) sehen sich daher gezwungen, ihre Weiblichkeit stärker zu betonen, um eine redaktionelle und werbliche Berücksichtigung zu erzielen. Diese Inszenierung erfolgt über den gezielten Einsatz von Gender-Symbolen wie femininer Kleidung, Make-up, Nagellack, einer aufwändigen Frisur, Schmuck und der Hervorhebung der sekundären Geschlechtsmerkmale.

Im Zeitraum vor und während der Frauenfußball-WM 2011 ließ sich solches Schönheitshandeln verstärkt beobachten. Neben der bereits erwähnten erotischen Präsenz des Fußball-Nachwuchses im „Playboy“ war die Nationalspielerin Fatmire Bajramaj, die von der „Bild“-Zeitung als „Deutschlands schönstes Fußballmodel“ gekürt wurde, als inkorporierte Rechtfertigung allgegenwärtig, um zu beweisen, dass Fußballerinnen auch „weiblich“ sein können. Unter einem Sexualisierungszwang standen anscheinend auch die Vertreterinnen anderer Nationalteams. In diesem Kontext fiel die Französin Luisa Nécib auf, die ihre Stulpen konsequent im an halterlose Strümpfe angelehnten „Overknee-Look“ trug und das Spielfeld nie ohne Make-up betrat. Die Amerikanerin Alex Morgan optimierte ihre äußere Erscheinung mit einem pinken Haarband und einem neonpinken Sport-BH, den man unter dem halbdurchsichtigen weißen Trikot erahnen konnte. Mittels dieser geringen, aber dennoch sichtbaren Modifikationen der Sportbekleidung ließen sich die erotische Komponenten des Sportlerinnenimages gut an potenzielle Werbepartner vermitteln.

Anzumerken ist jedoch, dass die Sexualisierung nicht nur mehr die Sportlerinnen betrifft, sondern zunehmend auch ihre männlichen Kollegen. Beispielhaft seien hier die erotischen Werbekampagnen mit David Beckham und seinen Nachfolgern Cristiano Ronaldo und Rafael Nadal für „Giorgio Armani“ genannt. Auftritte, die nicht nur den weiblichen Fans gefallen, sondern sich gezielt an männliche Betrachter, insbesondere an die mit hoher Kaufkraft ausgestatteten homosexuellen Konsumenten, richten. Somit wird von männlichen Sportakteuren im globalen Konkurrenzkampf um hoch dotierte Sponsoringverträge zwar ebenfalls ein ansprechendes Äußeres erwartet, wobei sie auch geschlechtsspezifischen Erwartungen in Bezug auf den Körper und die Schönheit ausgesetzt sind. Allerdings stellt die physische Attraktivität für Sportler kein „Muss“, sondern ein „Plus“ dar, denn sie lassen sich auch dann gut vermarkten, wenn sie nicht dem geforderten Schönheitsideal entsprechen, während Athletinnen ohne entsprechende Attribute kaum eine kommerzielle Verwertbarkeit aufweisen.

Neben den Sportakteuren hat die Sexualisierung auch Vereine, selbst ganze Sportarten ergriffen. Insbesondere Randsportarten sehen sich gezwungen, ihre Regeln den redaktionellen Präferenzen anzugleichen, um überhaupt Beachtung in Form von Sendezeit und Berichterstattung zu erhalten. Als präg­nantestes Beispiel der Erotisierung einer gesamten Sportart gilt sicher Beachvolleyball. So änderte der internationale Verband 1999 deutlich die Bekleidungsvorschriften für weibliche Spielerinnen, die fortan nur noch im knappen Zweiteiler, dessen Hose an der breitesten Stelle maximal sieben Zentimeter misst, zum Match antreten dürfen. Die Medienattraktivität der Sportart wurde hierdurch deutlich gesteigert, da sie nun auf den voyeuristischen Blick eines männlichen Pub­likums abzielt. Allerdings blieb die erhoffte hohe Quote aus, sodass RTL sich nach einer Saison wieder vom Beachvolleyball verabschiedete – eines der wenigen Beispiele, bei dem die Sexualisierung des Sports in den Medien nicht funktionierte.

Die beschriebene Entwicklung polarisiert und birgt Gefahren: Wenn Sportlerinnen, die eine hohe physische Attraktivität aufweisen, in der Berichterstattung bevorzugt werden, führt dies zum Ausschluss von Protagonistinnen, die sich einer Feminisierung ihres Körpers konsequent verweigern. Sportlich mäßig erfolgreiche, aber sexy Athletinnen können somit wesentlich leichter Aufmerksamkeit generieren als die vermeintlich weniger attraktiven Leistungsträgerinnen. Diese Situation ließ sich diesen Sommer zur Frauenfußball-WM beobachten. Während Fatmire Bajramaj trotz Formtiefs die Schlagzeilen beherrschte, wurden die Torschützinnen Inka Grings und Kerstin Garefrekes kaum redaktionell gewürdigt.

Sportressorts, Sportverbände und Vermarkter scheinen sich der nachhaltigen Konsequenzen der Sexualisierungsstrategie nicht bewußt zu sein. Solche Inszenierungen verstärken die Reduzierung von Frauen als Objekte der männlichen Begierde und verbreiten ein einseitiges, herabgesetztes Bild von Athletinnen – ihre Erfolge und Titel werden marginalisiert. Es entsteht der Eindruck, dass die Leistungen von Frauen eine wesentlich geringere Bedeutung im Profi-Sport einnehmen, sodass die Sexualisierung des Körpers nicht nur zu einer Entsportlichung von Frauen, sondern auch zu einer Entwertung des Frauensports beiträgt. Auch der Vorbildcharakter für Nachwuchsathletinnen bekommt Brüche und das Ideal des aktiven und selbstbestimmten Sporttreibens kann in Mitleidenschaft gezogen werden. Hier gilt es auch aus Sicht des Sportjournalismus stärker Position zu beziehen.

Literatur:

Die im Text angeführten Beispiele und Diskussionsbeiträge sind im Band „Die Sexualisierung des Sports in den Medien“ nachzulesen, der im Herbst 2011 im Herbert von Halem Verlag erscheint.

Foto: Hubert Burda Media