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Redaktion | 29. März 2012

Die regionale Lücke

Europäische Öffentlichkeit ist zu einem Trendthema in der Medienforschung geworden. Das eigentliche Massenmedium wurde dabei aber kaum betrachtet: die Regionalzeitung.

Von Torsten Schäfer

Das Forschungsfeld der europäischen Öffentlichkeit hat sich rasant entwickelt. Doch Regionalzeitungen wurde dabei kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei ist ihr Potenzial zur Europäisierung der Öffentlichkeit, und damit zur Reduktion des Öffentlichkeits- und Demokratiedefi­zits der Europäischen Union, besonders groß: Die Regionalpresse ist das eigentliche Massenmedium; zwei Drittel der Deutschen nutzen sie als tägliche Informationsquelle. Und diese Mediengattung berichtet dort, wo die EU-Politik oft direkt Wirkung zeigt: in der Region, in Kreisen und Kommunen. Vor diesen Hintergründen schien es geboten, die Entstehungsbedingungen der regionalen EU-Berichterstattung zu erkunden und offen zu legen.

Dies geschah auf Grundlage einer Aufarbeitung des bisherigen Kenntnisstandes zum EU-Journalismus, verbunden mit einer Analyse des EU-Demokratiedefizits. Bestandteile der empirischen Studie waren eine teilnehmende Redaktionsbeobachtung, auf die 24 Leitfadeninterviews mit Ressortleitern von Politikredaktionen folgten. Inhaltsanalysen, telefonische Experteninterviews und Fragebögen waren weitere Methoden, die zum Einsatz kamen. So gelang es erstmals, ein vielschichtiges Bild der regionalen EU-Berichterstattung in den Heimatredaktionen zu zeichnen, nachdem Deike Schmidt 2008 mit ihrer Analyse „Ein bisschen wie Volkshochschule“ bereits die Arbeit der EU-Korrespondenten deutscher Regionalzeitungen untersucht hatte.

Wenige Arbeiten zeigten, dass die regionale EU-Berichterstattung ähnliche Schwächen hat wie die überregionale Berichterstattung. Dazu kommen andere Defizite, die verhindern, dass ein breiter europäischer Mediendiskurs entsteht – wenn nicht ein Megathema wie die Schuldenkrise Europa zum Dauerbrenner macht. In normalen Zeiten wird, gemessen an ihrer innenpolitischen Bedeutung, zu wenig über die EU berichtet. Rund 80 Prozent aller Vorschriften, die in Deutschland rechtliche Wirkung entfalten, gehen auf Vorgaben aus Brüssel zurück. Dieser Einfluss wird jedoch nicht angemessen wiedergegeben. Großereignisse wie Ratsgipfel und Referenden überwinden durchaus die hohen Hürden und gelangen ins Blatt. Weniger spektakuläre Themen des politischen Alltags werden dagegen häufig ausgeblendet.

Welche Strukturen stehen hinter dieser ausbleibenden Berichterstattung? Und wie berichten die Regionalblätter, wenn sie es tun? Was denken die Redakteure über die EU? Wie stehen sie zu ihr? All diese Fragen sollten geklärt werden. Methodisch hieß das, nach den Faktoren zu suchen, die auf die Redaktionen einwirken.

Zuerst sind grundlegende Punkte zu nennen: Die Medienkrisen der Jahre 2002 und 2008/9 bestimmen als konjunkturelle Größen das Arbeitsumfeld massiv. Auflagen- und Anzeigenverluste sowie das Abwandern jüngerer Leserschichten beeinflussen als strukturelle, dauerhafte Komponenten die Rahmenbedingungen der regionalen EU-Berichterstattung ebenfalls stark. Infolge dieser Probleme ist der Platz für politische Nachrichten in den Regionalzeitungen über die Jahre vielerorts geschwunden. Aufgrund des Platzmangels wird oft erst gar nicht über die EU und/oder ihre regionalen Auswirkungen berichtet, oder der hochkomplexe EU-Stoff wird bis zur Unverständlichkeit verkürzt. Beim Kürzen geht oft der Hinweis verloren, dass die EU eine Rolle spielt – und es kommt zur so genannten verdeckten EU-Berichterstattung: Gesetze und Verordnungen werden mit rein deutschem Hintergrund berichtet, obwohl sie ihren Vorlauf in Brüssel genommen haben. Dass das Anti-Diskriminierungsgesetz Ergebnis von europäischen Richtlinien ist, muss gesagt werden. Andernfalls erscheint die Politik immer nur national, obwohl sie europäisch ist.

Ähnlich tiefgreifend wie der Platzmangel wirkt sich der Personalmangel aus: Er verhindert Spezialisierungen, größere Recherchen sowie grundsätzlich Eigeninitiative.

Die strukturellen Zwänge verhindern also das regionale Engagement. Ideelles und kreatives Potenzial ist in den Redaktionen, so einer der Hauptbefunde der Studie, aber durchaus vorhanden. Es kann nur nicht genügend abgerufen werden. Die befragten Leitungsredakteure sind fast durchweg integrationsfreundlich eingestellt; EU-Skepsis war nur in Einzelfällen zu beobachten. Die Einstellungen von Verlagen und Chefredaktionen erscheinen ebenfalls meist positiv. Neben den Wunsch der Blattmacher nach einer weiteren politischen Vertiefung tritt allerdings eine differenzierte EU-Kritik, die v. a. das EU-Demokratiedefizit in den Blick nimmt. Ein europapolitisches Demokratieverständnis, das u. a. nach mehr Subsidiarität und regionaler Beachtung verlangt, prägt zumeist das Denken der Redakteure, die sich auch häufig gut mit grundlegenden EU-Fragen wie etwa dem Lissabonner Vertrag auskennen. Sachwissen ist also durchaus vorhanden. Im redaktionellen Kollegium fehlt es häufiger, auch wenn hier ebenfalls meist eine große Aufgeschlossenheit gegenüber der EU zu finden ist. Wissen und Haltung klaffen weit auseinander.

Stärker vorhanden als bisher vermutet sind nach Ansicht der Redaktionen die Interessen der Leser für die EU bzw. für bestimme Aspekte ihrer Politik. Denn für die Redakteure bestehen zwei Gemeinschaften: Es gibt die „Verbraucher-Union“, die mit der Umsetzung ihrer Gesetze tief in den regionalen Alltag eingreift, was sich in einer mal stärkeren, mal schwächeren EU-Dimension einer regionalen, deutschen Thematik ausdrückt. Und es gibt die rein politisch-institutionelle „Brüssel-Union“, die kaum das Leserinteresse bedient. Innerhalb dieses Deutungsmusters wird die EU als außenpolitisches Thema gesehen, aus der Perspektive der Verbraucher-Union ist sie ein innenpolitisches Thema. Insofern müssen die bisherigen Forschungsergebnisse, wonach die EU in Redaktionen fast immer als außenpolitische Thematik wahrgenommen wird, revidiert werden.

Neben Verbraucherfragen ist die EU-Regionalpolitik mit ihren Fördertöpfen das wichtigste Thema für Regionalmedien. Danach folgen – außerhalb von Eurokrise und Schuldenstreit – die Agrar-, Umwelt- und Wettbewerbspolitik der Europäischen Union. An der Küste ist zudem die Fischereipolitik ein großes Thema, die 2012 umfassend reformiert wird.

Themenkomplexität, Konfliktmangel in der konsensorientierten EU-Politik und das Fehlen von politischem Personal sind in der Forschung oft beschriebene allgemeine Determinanten, die Journalisten in Brüssel wie in Deutschland die Arbeit erschweren. In diesen Bereich fällt auch die EU-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die unterschiedlich stark wirkt: Einer Scheu gegenüber der Kommission in Brüssel steht die regelmäßige Nutzung der – öfter gelobten – Pressearbeit deutscher Kommissionsvertretungen gegenüber. Die europapolitische Pressearbeit von Land, Kommunen und Kreisen wird von den Redaktionen kaum genutzt – obwohl deren wichtigste allgemeine Strategie die Regionalisierung von Ereignissen ist, die auf den vorderen Seiten zugenommen hat. Europa ist jedoch nicht Teil der Strategie. Bei der Recherche fallen zwei andere Dinge auf: die Vermeidung von Kontakten mit der Brüsseler Ebene und die Präferenz für Europaabgeordnete als Recherchequelle. Die Abgeordneten sind mit das entscheidende Scharnier für die Regionalblätter. Von der Quantität und Qualität der Pressearbeit und dem persönlichen Engagement des lokalen Europaabgeordneten, das mal existiert, teils aber auch ausfällt, hängt stark ab, wie oft sie berichten. Die große Unkenntnis europapolitischer Onlinequellen ist ein weiterer Befund. Selbst die wichtigsten EU-Fachdienste wie Euractiv.com, EUobserver.com oder politikportal.eu sind den wenigsten Ressortleitern und Leitungsredakteuren ein Begriff. Geschweige denn der wertvolle Themen-Newsletter „Europa vor Ort“ eines Korrespondentenbüros in Brüssel.

Der Kontakt zu einem Korrespondenten ist keineswegs Standard. Viele kleinere Lokal- und Regionalblätter haben keinen Mitarbeiter in Brüssel, was folgenschwer ist: Hat eine Zeitung einen Korrespondenten, bekommt sie eigene EU-Geschichten, lernt das sperrige ‚Brüssel‘ über den persönlichen Kontakt besser kennen. Wenn nicht, bleibt all dies aus und fällt ein wichtiger Einflussfaktor weg. Die Regionalkorrespondenten in Brüssel arbeiten meist für mehrere Blätter, mehr als zehn Zeitungen können es sein. Bei dieser breiten Streuung ist ein Korrespondent oft nur zum bundesweiten Rundumschlag fähig. Eine stete Berichterstattung über die speziellen Themen einer Region – wie etwa die Hafenrichtlinie für Norddeutschland oder die Weinmarktreform für Rheinland-Pfalz – kann er aus zeitlichen Gründen nicht immer leisten. Beeinflusst wird die Zusammenarbeit mit den Redaktionen auch durch deren Organisa-tion der Nachrichtenauswahl: Systeme mit vollständiger Personalrotation wie das Newsdesk-System sind ungünstig, reine Ressortstrukturen oder Mischformen mit höchstens zwei zuständigen Kontaktpersonen günstig für die Zusammenarbeit mit dem Kollegen in Brüssel.

Defizite ergeben sich auch bei der redaktionellen Organisation: EU-Fachredakteure, also Kollegen, die nach formeller Festlegung ein Auge auf ‚Europa‘ haben, fehlen öfter in den Redaktionen als sie vorhanden sind. Unterentwickelt sind redaktionelle Kommunikation und Kooperation: Strategien wie Teambildungen und Planungskonferenzen spielen kaum eine Rolle in der regionalen EU-Berichterstattung. Umso wichtiger sind dafür die – oft gelobten – Nachrichtenagenturen, da sie die Inhalte der Berichterstattung zu großen Teilen bestimmen. Und sie wirken durch ihr Agenda-Setting auf die Nachrichtenauswahl der Redakteure und deren Verhalten gegenüber den Korrespondenten ein.

Das Offenlegen ihrer Gründe ändert zunächst nichts an der Hauptproblematik: Dort, wo die EU in vielen Teilen das Leben beeinflusst und die Bürger Politik hautnah erleben, ist die Medienberichterstattung wenig europäisch: in der Region. Um die regionale EU-Berichterstattung zu fördern, müssten Regionalzeitungen zum einen ihre Korrespondentenstellen in Brüssel ausbauen. Das wird aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht geschehen. Wichtiger und deutlich günstiger ist die zweite Veränderungsstrategie: Aus- und Weiterbildung im EU-Bereich. Die Zahl der Angebote an Hochschulen und Akademien hat zugenommen. Jedoch gibt es keine verpflichtenden Strukturen. Es bleibt nach wie vor dem Zufall überlassen, ob sich ein Journalist in seiner Ausbildung – angefangen in der Schule bis hin zu Studium und Journalistenschule – mit der EU beschäftigt. Deutsche Staatskunde ist dagegen Pflicht, auf mindestens einer Bildungsebene. Die EU ist aber zu wichtig, um sie dem Zufall zu überlassen. Deshalb wäre eine flächendeckende Strukturierung der europajournalistischen Aus- und Weiterbildung wünschenswert; Berufsverbände, Verbünde von Hochschulen oder die Bundesverbände von Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern könnten hierfür Modelle entwickeln.

In jüngster Zeit ist ein Trend in Redaktionen zu erkennen, Weiterbildungsetats zu kürzen und Redakteure nicht mehr so oft freizustellen. Dem muss zuallererst Vorschub geleistet werden. Denn wenn sie nicht genutzt werden, streichen Weiterbildungsstellen ihre aufgebauten EU-Kurse wieder. Erste Beispiele dafür gibt es schon jetzt.

Literatur:

Foto: krockenmitte/photocase.com


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