Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 29. März 2012

Partizipativer Journalismus

Eine Einführung in Begriff und Gegenstand

Von Sven Engesser

Beim Partizipativen Journalismus (oder Bürgerjournalismus) be­teiligen sich Menschen an der Herstellung von Medienöffentlichkeit, ohne damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dieses Phänomen ist im Prinzip nichts Neues. So offenbart ein Blick in die Mediengeschichte mehrere Hochphasen des Partizipativen Journalismus, z. B. zur Zeit der Französischen Revolution, der Weimarer Republik und der Neuen Sozialen Bewegungen in den 1960er und 1970er Jahren. Damals spielte sich der Partizipative Journalismus auf analogen Medienplattformen wie Leserbrief, Hörertelefon und Offenen Kanälen ab. In diesen Blütezeiten waren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen besonders günstig für die Entwicklung des Partizipativen Journalismus. Auch heutzutage finden sich in vielen demokratischen Industriestaaten wieder derartige Konstellationen.

Die Unsicherheit nach dem Ende des Kalten Krieges, den Anschlägen vom 11. September 2001 und der Zunahme des globalen Terrorismus führte zu einem gesteigerten Mitteilungsbedürfnis der Bevölkerung. Das Scheitern der großen Ideologien und eine Entfremdung von der Parteipolitik trugen zu einer Besinnung der Menschen auf ihr direktes soziales Umfeld sowie ein Erstarken des bürgerschaftlichen Engagements und der Amateurbewegung bei. Mit der Verbreitung des Internets gewann auch die Netzbewegung an Bedeutung, was sich in der Prominenz von Anonymous, Chaos-Computer-Club, Piratenpartei und WikiLeaks niederschlägt. Gleichzeitig spannte sich die finanzielle Situation vieler Medien angesichts der Dot-com- und der Subprime-Krise sowie der Abwanderung ihrer Werbekunden ins Internet so stark an, dass von einer Krise des professionellen Journalismus oder zumindest der Qualitätspresse gesprochen werden kann. Als Bewältigungsstrategie bemühten sie sich um eine stärkere Einbindung der Nutzer.

Trotz der langen Tradition des Partizipativen Journalismus zeichnet sich die gegenwärtige Hochphase durch einige Besonderheiten aus. Erstens erstreckt sie sich trotz der in dieser Hinsicht dominanten Stellung Nordamerikas, Europas und Ostasiens auf alle fünf Kontinente. Zweitens sind durch die technischen Möglichkeiten des Internets die Partizipationsbarrieren so niedrig wie nie zuvor. Drittens bildete sie eine fast unüberschaubare Vielfalt an digitalen Plattformen heraus, die von Weblogs über Wikis bis zu Sozialen Netzwerken reicht. Viertens wurde bisher keine Hochphase des Partizipativen Journalismus mit so hohen gesellschaftlichen Erwartungen verbunden, derart gründlich theoretisch reflektiert und kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert.

Die mit dem Partizipativen Journalismus seit jeher verbundenen Forschungsfragen stellen sich daher derzeit mit besonderer Schärfe: Werden durch den Partizipativen Journalismus Personen zur medialen Beteiligung angeregt, die sich gegenüber den traditionelleren Partizipationsformen eher verschließen, z. B. Jugendliche? Unterlaufen sie dadurch eine Form des demokratischen Trainings, das als Vorstufe oder Teilaspekt der sozialen oder politischen Partizipation verstanden werden kann? Welche Motive verfolgen Anbieter und Nutzer des Partizipativen Journalismus und welche Spannungsverhältnisse entstehen daraus? Bilden sich durch Partizipativen Journalismus Alternative Öffentlichkeiten heraus, in der marginalisierte Themen und Akteure zur Sprache und zu Wort kommen? Welche Qualität(en) hat der Partizipative Journalismus? Stellt er eine Konkurrenz oder Ergänzung zum professionellen Journalismus dar? Erreicht der Partizipative Journalismus ein nennenswertes Publikum oder bietet er den Kommunikatoren lediglich „Ausdrucksmöglichkeiten in einer risikoarmen Umgebung“, wie es der renommierte Stanford-Professor Theodore L. Glasser ausdrückte?

Die Forschung zum Partizipativen Journalismus hat uns in manchen dieser Fragen weitreichende Erkenntnisse beschert. In anderer Hinsicht steht die wissenschaftliche Gemeinde noch immer fast am Anfang.

So zeichnet sich erstens ab, dass für eine zeitgemäße und zukunftsfähige Journalismusforschung ein neuer Journalismusbegriff erforderlich ist. Die Vorstellung, dass Journalismus nur von professionellen Akteuren oder Organisationen hervorgebracht werden kann, greift heute mehr denn je zu kurz. Sie wird weder dem Chefredakteur gerecht, der auf Twitter persönliche Erlebnisse postet (eher kein Journalismus), noch dem Amateur, der auf seinem Expertenblog politische Kommentare oder wissenschaftsjournalistische Berichte ver-fasst (eher Journalismus). Als Orientierungshilfe bei der Definition können normativ begründete und theoretisch abgeleitete Qualitätskriterien dienen, die neben den klassischen Kriterien Aktualität, Objektivität und Relevanz auch Dimensionen wie Argumentativität und Authentizität umfassen. Auf einem abstrakten Fadenkreuz aus diesen Qualitätskriterien können konkrete Gegenstände eingeordnet und dadurch eher dem Zentrum oder der Peripherie des Jour-nalismus zugerechnet werden.

Zweitens sollte der Gegenstand des Partizipativen Journalismus kontinuierlich beschrieben und systematisiert werden. Er ist zu dynamisch, heterogen und weitläufig, um undifferenziert betrachtet und pauschal beurteilt zu werten. Es gibt Anzeichen dafür, dass die bestehenden theoretischen Kategorien wie ‚Weblogs‘ oder ‚Wikis‘ nicht mehr geeignet sind, um die real existierenden Plattformen präzise zu beschreiben. Stattdessen sollten die Plattformen anhand ihrer Merkmale wie z. B. der kommerziellen, geografischen und thematischen Ausrichtung unterschieden werden. Diese leisteten teilweise auch bereits bei der Systematisierung von analogen Medien, z. B. der Zeitungen, gute Dienste. Ein Ableger eines kommerziellen Webangebots, an dem sich die Nutzer zahlreich und rege, aber relativ oberflächlich beteiligen („Kommerzielle Spielwiese“), unterscheidet sich grundlegend vom virtuellen Schwarzen Brett einer Kommune („Lokaler Medienspiegel“) oder vom spezialisierten Webangebot eines enthusiastischen Politikbeobachters oder Vogelkundlers, das die Nutzer weitgehend von der Partizipation ausschließt („Exklusive Themenseiten“). Auch die partizipativen Journalisten lassen sich in verschiedene Gruppen unterteilen, z. B. nach ihren Motiven. Bei manchen steht eher das Sammeln journalistischer Erfahrung, bei einigen die Information des Publikums und bei anderen die Selbstdarstellung im Vordergrund.

Drittens sollte der Partizipative Journalismus im Zeitverlauf und im internationalen Vergleich analysiert werden. Dies ermöglicht eine Einordnung der Phänomene in ihren Gesamtzusammenhang. Die Erkenntnis, dass es sich beim Partizipativen Journalismus nicht um eine historische oder geografische Singularität handelt, beugt übermäßiger Euphorie und Pessimismus vor. Außerdem hilft der Vergleich bei der Generalisierung von wissenschaftlichen Theorien. Als besonders lohnenswert könnte sich ein Blick ins Musterland des Partizipativen Journalismus, nach Südkorea, in die Transformationsstaaten der Arabischen Welt und die autoritären Systeme Afrikas und Asiens erweisen.

Viertens sollten die empirischen Forschungsmethoden weiterentwickelt werden. Besonders bei der Auswahl der Stichproben, der Recherche und Archivierung des flüchtigen Analysematerials und der Kontaktierung der häufig anonymen Kommunikatoren im Web können noch große Fortschritte gemacht werden.

Insgesamt sollte die Forschung zum Partizipativen Journalismus den Blick über den Tellerrand wagen. Die theoretische Anbindung an die politikwissenschaftliche Partizipationsforschung, Theorien des Sozialen Kapitals, betriebswissenschaftliche Ansätze und die Berufsnormen der journalistischen Praxis erweisen sich als fruchtbar. Auch sollten die empirischen Befunde stets als Bausteine zur Beantwortung gesamtgesellschaftlicher Fragestellungen angesehen werden. So nähert sich das Zahlenverhältnis zwischen nicht-partizipierenden und partizipierenden Kommunikatoren und Nutzern im Journalismus teilweise der sehr unausgeglichenen Quote von 100 zu 1 an. Doch eine derart schiefe Verteilung findet sich auch bei anderen Partizipationsformen (z. B. Foren der Bürgerbeteiligung) und schlägt sich sogar in der gesamten Angebots- und Anbieterstruktur des Internets nieder („Long Tail“). Erst durch die gemeinsame Betrachtung derartiger Phänomene lassen sich universelle Gesetzmäßigkeiten ableiten. Dazu kann und soll die Forschung zum Partizipativen Journalismus ihren Beitrag leisten.

Literatur:

Foto: Rainer Sturm/pixelio.de


Comments