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Redaktion | 29. März 2012

Mitmachen!

Editorial

Von Tobias Eberwein

Der Begriff Partizipation ist in den vergangenen Jahren zu einem vermeintlichen Zauberwort geworden – nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch im Journalismus. Vor dem Panorama der Werbe- und Medienkrise werteten viele Beobachter die stärkere Einbindung der Nutzer als Wundermittel im Kampf gegen die Erosion redaktioneller Ressourcen. Was genau jedoch unter sinnvoller Nutzerpartizipation zu verstehen ist, blieb vielen der beteiligten Akteure dabei unklar. Viele Verlagshäuser verordneten sich ein „Mitmachen beim Mitmachen“, häufig jedoch ohne zielgerichtete Strategie. „Irgendwas 2.0“ nennt Thorsten Quandt derartige Vorstöße. Liest man seinen Beitrag in dieser Ausgabe des Journalistik Journals, eine pointierte Zusammenfassung einer internationalen Vergleichsstudie zum Status quo des Mitmach-Journalismus, wirkt Partizipation eher wie ein „Plastikwort“, eine jener „sprachlichen Attrappen“ also, die sich  mit Uwe Pörksen auf alles anwenden lassen, im Inneren jedoch leer bleiben. Von Zauber keine Spur!

Das vorliegende Themenheft möchte dazu beitragen, die Diskussion über Partizipation im Journalismus zu systematisieren – und ihr dadurch zu ein wenig mehr Sub­stanz verhelfen. Dazu gehört nicht nur eine grundsätzliche Beschäftigung mit Begriff und Gegenstand des partizipativen Journalismus, wie Sven Engesser sie anbietet. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit der historischen Dimension des Themenfeldes. Denn Mitmach-Journalismus ist keineswegs ausschließlich an netzbasierte  Anwendungen wie Weblogs, Wikis, Video- oder Netzwerkplattformen gebunden. Wie vor allem Thomas Birkner und Wiebke Loosen zeigen, gab es User Generated Content schon lange vor dem Aufkommen des Web 2.0: „Jahrhunderte der Mediengeschichte wären ohne die aktive Partizipation von Bürgern in den Medien gar nicht möglich gewesen. Im Jahre 1899 bat beispielsweise die Berliner Illustrierte Zeitung ihre Leser darum, Fotos … einzusenden – bei Veröffentlichung gab es dafür 200 Mark.“ Und auch der klassische Leserbrief, das Hörer-/Zuschauertelefon und die Offenen Kanäle waren (und sind) etablierte Plattformen der Nutzerbeteiligung, die nicht erst auf die Verbreitung des Internets warten mussten, um ihre  unbestrittenen Potenziale unter Beweis zu stellen.

Unbestritten ist allerdings auch, dass die Partizipationsbarrieren durch die technischen Möglichkeiten des Internets heute so niedrig wie nie zuvor sind. Insofern ist es lohnenswert zu analysieren, wie sich die etablierten Instrumente der Publikumsinklusion unter den Bedingungen des Web 2.0 verändern und weiterentwickeln. Die neue JoJo-Ausgabe untersucht dies in verschiedenen Fallstudien: Annika Sehl, Hannah Lobert und Michael Steinbrecher stellen Ergebnisse ihrer Begleitforschung zum partizipativen TV-Lernsender nrwision vor und vergleichen dessen Merkmale mit denen des Social Web. Ilka Lolies erörtert das diskursive Potenzial von Online-Kommentaren im Vergleich zum herkömmlichen Leserbrief. Wiebke Möhring diskutiert die besonderen Möglichkeiten der Nutzerbeteiligung im Lokaljournalismus. Und Hanna Jo vom Hofe und Chris­tian Nuernbergk präsentieren Befunde einer Redaktionsbefragung zur Nutzung des Microblogging-Dienstes Twitter im professionellen Journalismus.

Zusammengenommen zeigen die Beiträge, dass trotz günstiger Rahmenbedingungen nach wie vor eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit im partizipativen Journalismus klafft. Ebenso geben sie aber zahlreiche Ratschläge, wie diesem Missverhältnis im Bedarfsfalle entgegenzuwirken ist.

Nicht verschwiegen sei an dieser Stelle, dass auch diese Frühjahrsausgabe des Journalistik Journals ohne die Mitwirkung geneigter Nutzer kaum denkbar gewesen wäre. Der im letzten Heft veröffentlichten Einladung zum Einsenden von Themenvorschlägen zum Schwerpunkt Partizipation sind diesmal derart viele Leser gefolgt, dass leider nicht alle Ideen berücksichtigt werden konnten – auch dies sicherlich ein Beleg für die Strahlkraft des Themas.

Ebenso hat eine weitere Veröffentlichung in der letzten JoJo-Ausgabe für beträchtliche Resonanz gesorgt: Frank Lobigs kritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Krise der hochschulgebundenen Journalistenausbildung war nicht nur Gesprächsthema am Rande mancher Tagungen der Journalistik-Community. Sie hat auch einige schriftliche Entgegnungen provoziert, die wir in diesem Heft dokumentieren.

Sollten Sie weitere Themen haben, über die Sie in dieser Zeitschrift lesen möchten: Einfach schreiben – und mitmachen!

 


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