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Redaktion | 7. Oktober 2012

Digitale Anker

Zur Bedeutung von Medienrechtsblogs

Von Lars Harden

Der englische Schriftsteller Michael Frayn hat kürzlich gesagt: „Die echte Welt ist eigentlich ein komplexes Gewirr von verschiedenen Strängen, und das ist schon schwer, sich dem direkt auszusetzen“. So mag es einem auch mit dem Internet gehen oder z. B. mit der Juristerei, oder genauer mit dem Medienrecht. Denn Rechtsexperten pflegen eine Fachsprache, die schwer zugänglich ist. Am besten verstehen sie sich – manchmal – untereinander. Viele von ihnen erkennen jedoch zunehmend Bedarf, sich der Öffentlichkeit zuzuwenden. Das können wir u. a. daran sehen, dass inzwischen nicht nur Anwälte medienwirksam die von ihnen betreuten Prozesse kommentieren, sondern auch Staatsanwälte.

Ein Teil dieser verstärkten Zuwendung zur Öffentlichkeit oder zumindest zur Teilöffentlichkeit der Internetnutzer zeigt sich in der so genannten „Blawgosphäre“. Eine ganze Reihe von „digitalen Tagebüchern“, die sich auf einzelne Rechtsgebiete spezialisiert haben, lassen sich im deutschsprachigen Raum ausmachen. Den „Rechts-Bloggern“ geht es vordergründig um die Verbreitung von Meinungen und Informationen; auf lange Sicht möchten sie ein Thema im (Experten-)Diskurs prägen und damit auch ein attraktiver Dienstleister für professionelle Anfragen sein, bleiben oder werden.

Die Nützlichkeit bzw. der Stellenwert von Blogs ist dann nicht zu unterschätzen, wenn es sich um spezialisierte, hochwertige und professionell aufbereitete Angebote handelt. Einige Medienrechtsblogs (z. B. kriegs-recht.de, spreerecht.de/blog, wbs-law.de, telemedicus.info) stechen im deutschsprachigen Raum hervor.

Sie unterscheiden sich in mehrerlei Hinsicht von anderen Blogs. Viele der Betreiber sind Rechtsanwälte, die über fachspezifisches Wissen verfügen, wodurch die Voraussetzung für qualitativ hochwertige Inhalte geschaffen wird. Daneben verfassen auch Wissenschaftler oder Studierende Blogs im medienrechtlichen Bereich. Ein wesentliches Merkmal der Medienrechtsblogs stellt die stark ausgeprägte Vernetzung durch Verlinkungen zu anderen relevanten Angeboten und Autoren sowie Verknüpfungen mit Social Media Sites dar. Typisch für die Blogs ist die vergleichsweise geringe Beitragsfrequenz bei hoher Qualität der einzelnen Posts; meist werden nur wenige Artikel pro Monat veröffentlicht.

Dies mindert allerdings nicht die Nutzung solcher Blogs, vielmehr zeigen die zum Teil beeindruckenden Zahlen an Facebook-Freunden und virtuellen Lesezeichen, dass Medienrechtsblogs Beachtung finden und auf Interesse stoßen. Deutlich wird dies auch in den mitunter regen Diskussionen zu den veröffentlichten Beiträgen.

Die herausgestellten Eigenschaften lassen Medienrechtsblogs in güns­tigem Licht erscheinen. Aber haben sie „Wirkung“? Und wenn ja, für wen? Besitzen sie überhaupt einen Einfluss bzw. ist dieser stärker als jener durch andere Kanäle? Verändert sich die Wahrnehmung von Rechtsproblematiken?

Einige Effekte sind wahrscheinlich. Relevante Inhalte erzeugen starke Wirkungen: Wenn etwa ein kostenloser Online-Kommentar zur EU-Datenschutz-Grundverordnung bereitgestellt wird, dürfte die Zahl der Zugriffe und Downloads steigen. Gleiches wird vermutlich für die Bereitstellung von Fachaufsätzen gelten, was wiederum zur Popularität des Blogs sowie der Verfasser der Aufsätze beitragen dürfte.

Bloggende Medienrechtler steigern ihre Reputation unter Kollegen: Wer inhaltlich bedeutsame Blogeinträge liefert, steigt im Ansehen seiner Kollegen und erzeugt damit größere Aufmerksamkeit. Daraus können Kooperationen, Veröffentlichungen und letztlich (bei Anwälten) auch Mandate entstehen.

Die Qualität des medienrechtlichen Diskurses wird steigen: Das Lesen von Blogs regt zu intensiverer Beschäftigung mit einzelnen Aspekten des Medienrechts an, Leser von Blogs werden zur weiteren Lektüre animiert. Steigendes Wissen führt zu steigendem Informationsinteresse.

Die Forschungsaktivitäten werden verstärkt: Da auch von einer intensiven Nutzung der relevanten Medienrechtsblogs durch Wissenschaftler und Hochschullehrer auszugehen ist, wird sich die Forschungsaktivität im Bereich Medienrecht erhöhen. Für wirtschaftswissenschaftliche Blogs ist diese Tendenz bereits sichtbar.

Früher oder später werden herausragende Medienrechtsblogs zu digitalen Ankern und Orientierungspunkten für Interessierte – damit man sich im Gewirr der verschiedenen Stränge der Rechtsgelehrtheit zu Recht finden kann.

Foto: Dot.ti/photocase.com


4 Responses to “Digitale Anker”

  1. Sascha Says:
    Oktober 8th, 2012 at 10:35 am

    spreerecht.de/blog wurde bereits im Juli eingestellt.

  2. Digitale Anker Says:
    Oktober 8th, 2012 at 10:47 am

    […] Journalistik Journal: “Der englische Schriftsteller Michael Frayn hat kürzlich gesagt: „Die echte Welt ist eigent… […]

  3. Jens Says:
    Oktober 8th, 2012 at 11:31 pm

    Kein einziger „bedeutender“ oder „renommierter“ Medienrechtler bloggt. Die relative Bekanntheit der bloggenden Medienrechtler beschränkt sich auf die Szene internet-affiner Nichtjuristen.

    Medienrechtliche Blogbeiträge werden unter Medienrechtlern so gut wie nicht zur Kenntnis genommen (sie sind auch in der Regel argumentative Schnellschüsse, die es nicht weiter verdienen, zur Kenntnis genommen zu werden).

    Wer im Medienrecht zur Kenntnis genommen werden, muss in juristischen Fachzeitschriften publizieren und tut das auch.

    Das ist alles vielleicht ausgesprochen schade, gerade im Medienrecht. Trotzdem hat das, was der Aktikel formuliert, mit der gegenwärtigen medienrechtlichen Wirklichkeit nichts zu tun.

  4. RA Thomas Schwenke Says:
    Oktober 30th, 2012 at 8:38 pm

    @Sascha Spreerecht.de ist weniger eingestellt, als umgezogen. Ich mache unter http://rechtsanwalt-schwenke.de weiter. Mein ehemaliger Partner unter http://lawbster.de.

    @Jens Ich kann nur für mich sprechen, habe aber festgestellt, dass ich unter „echten Medienrechtlern“ eher durch meine „populärwissenschaftliche“ Arbeit, als durch Fachbeiträge bekannt bin. Und das nicht mal negativ.

    Viele Juristen (und ich selbst) lesen Medienrechtsblogs, weil sie schneller, anregender und oft verständlicher sind. Natürlich, bevor ich eine Klage verfasse, greife ich zu einem Fachbeitrag. Doch breit über das Thema informiere ich mich in Blogs. Das ist ähnlich wie in der Wikipedia, die einen Einstieg und Überblick in Themengebiete bietet.

    Ferner denke ich auch, dass es ein Generationsding ist und auch das typisch deutsche Misstrauen gegenüber Blogs mitschwingt. Sie können immerhin von jedem gelesen werden. Da diskutieren Anwälte mit „normalen Menschen“ und benutzen oft „normale Sprache“, die jeder versteht. Dieser Hierarchieverlust ist zumindest im hiesigen Standesdenken ungewöhnlich. Bisher bewegten sich Anwälte auf diese Ebene nur in Ratgeberkolumenen von TV-Zeitschriften und in Gerichtsshows. Nicht unbedingt Horte des Rechtswissens.

    Ein weiterer Punkt ist die fehlende Fähigkeit zur Selektion. Was die moderne Zeit fordert, ist ein starkes Wissensmanagement. Dazu gehört es relevante Quellen zu erkennen und zu sortieren. Das Denken kann man sich natürlich sparen, wenn man sich nur an den Fachmagazinen labt.

    Und was die Schnellschüsse angeht, die Du ansprichst, so gehören die zu einem Denkprozess dazu. Auch hier kann ich mir das Mitdenken ersparen, wenn ich einen Fachbeitrag lese, der mir das Denken abnimmt.

    Zusammenfassend würde ich sagen, dass Medienrechtsblogs kein Ersatz für Fachliteratur sind. Sie sind auch nichts für diejenigen, die gerne alles vorgesetzt bekommen. Sie sind eher für Juristen die gerne diskutieren, aktuell bleiben möchten und mitdenken wollen. Also eine neue Art Medium, die wie jede Neuheit kritisch beäugt wird.

    Mein Wunsch wäre es, dass Fachverlage dies anerkennen und Schnittstellen bieten, um die beiden Welten zu vermengen und die Grenzen durchlässiger zu machen.

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