Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 7. Oktober 2012

Justizberichterstattung in Forschung und Lehre

Ein Überblick

Von Udo Branahl

Justiz ist ein Teil der Staatsgewalt. Deshalb liegt es nahe, die Funktionen, die den Medien zugeschrieben werden, auch auf die Berichterstattung über die Judikative anzuwenden. Dementsprechend sollte die Justizberichterstattung das Publikum idealiter

Zu klären, inwieweit die vorfindliche Justizberichterstattung diese Aufgaben erfüllt, und Vorschläge dafür zu entwickeln, wie sie sie unter den Bedingungen der journalistischen Praxis möglichst gut erfüllen kann, ist meines Erachtens die zentrale Aufgabe der Journalistik auf diesem Feld. Umfassende Studien zu Inhalt und Qualität der Justizberichterstattung fehlen noch.

Relativ gut belegt ist, dass quantitativ Berichte über Strafprozesse den Schwerpunkt der Justizberichterstattung bilden. Eine Erhebung des Autors hat ergeben, dass Gerichtsberichte in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung in den Jahren 2004 bis 2006 etwa zur Hälfte Strafverfahren und zu einem Viertel Zivilprozesse betrafen. Das restliche Viertel verteilte sich auf die Arbeitsgerichte, die Verwaltungs-, Sozial- und Finanzgerichte, die Verfassungsgerichte und den Europäischen Gerichtshof.

Meines Erachtens entspricht die Gewichtung der Strafprozessberichte nicht ihrer Bedeutung für die Erfüllung der öffentlichen Aufgabe. Sie ist zum einen durch das (vermutete) Unterhaltungsinteresse des Publikums an der Bestrafung von „Kriminellen“ begründet. So werden Verfahren, in denen sich Prominenz, Kriminalität und Sex verbinden, zu „Sensationsprozessen“ aufgebläht, in denen – wie im Kachelmann-Prozess – munter über Schuld und Unschuld der Prozessbeteiligten schwadroniert wird. Zum anderen ist die Bevorzugung von Strafverfahren durch die Tatsache begründet, dass die Berichterstattung über Strafprozesse weniger anspruchsvoll ist als die über Verfahren der anderen Gerichtsbarkeiten. Viele Gerichtsreporter wären mit der Aufgabe überfordert, über Verfahren vor den Zivil- oder Verwaltungsgerichten zu berichten. Dies zu ändern, sollte zu den Zielen einer hochschulgebundenen Journalistenausbildung gehören.

Zu den berechtigten Anforderungen an einen Gerichtsbericht gehört, dass er zutreffend und verständlich über das Geschehen berichtet. Seine Qualität lässt sich daran messen, ob der Rezipient nach seiner Lektüre in der Lage ist, den Inhalt des Prozesses korrekt wiederzugeben, den Ablauf und das Ergebnis des Verfahrens angemessen zu beurteilen und aus ihm Erkenntnisse für das eigene Verhalten zu gewinnen (vgl. Branahl 2005: 80ff.).

Dass Gerichtsberichte die Prozesswirklichkeit zutreffend wiedergeben können, hat Sabine Gerasch in ihrer Untersuchung „Prozeßwirklichkeit und Gerichtsberichterstattung“ gezeigt, in der sie die Berichte einer Gerichtsreporterin einer Dortmunder Lokalzeitung analysiert hat. Das Ergebnis wird durch die Studie von Castendyk bestätigt, der die Berichterstattung über 15 Prozesse aus verschiedenen Rechtsgebieten untersucht hat, die 1988/89 ein erhebliches Medienecho auslösten (vgl. Castendyk 1994: 283ff.). In solchen „Causes célèbres“ ist auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Entscheidungen zu finden, die einen Beitrag zu einer „offenen Rechtskommunikation“ innerhalb der Gesellschaft leisten können (ebd.: 297ff.); ansonsten ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Verfahren und den ihnen zugrunde liegenden Normen extrem selten (vgl. Gerasch 1995).

Justizjuristen berichten nicht selten über die unzulängliche Qualität von Gerichtsberichten über „ihre“ Verfahren. Sie klagen darüber, dass manche Lokalredaktionen ständig wechselnde Mitarbeiter, häufig Volontäre, zu den Gerichten schicken, die auf diese Aufgabe nicht hinreichend vorbereitet sind.

Zu konstatieren ist also, dass die Qualität der Justizberichterstattung ein breites Spektrum aufweist, das von „unzulänglich“ bis „hervorragend“ reicht.

Dem entspricht ein ebenso breites Qualifikationsspektrum bei den Justizberichterstattern. So sind bei den Bundesgerichten in der Regel Spezialisten zu finden, an deren Professionalität es nichts auszusetzen gibt. Das gilt für die Instanzgerichte nicht in gleichem Maße. Dennoch kann eine angemessene Berichterstattung über deren Verfahren gewährleistet sein, wenn ein Medium über Gerichtsreporter verfügt, die aus den verschiedenen Gerichtsbarkeiten über relevante Verfahren und Entscheidungen berichten. Schwieriger wird es, wenn „Allrounder“ ohne spezielle Vorbildung über Gerichtsverfahren berichten sollen. So ist ein Sportreporter mit der Berichterstattung über ein arbeitsgerichtliches Verfahren über die Wirksamkeit der Kündigung eines Fußballtorwarts in der Regel überfordert. Dasselbe gilt vielfach, wenn im Rahmen der allgemeinen Berichterstattung über einen Rechtsstreit zu berichten ist.

Um mit solchen Problemen besser fertig zu werden, sollten alle Journalisten über Basiskenntnisse des Rechtssystems verfügen. Zwar besteht das Ausbildungsziel nicht darin, Journalisten in die Lage zu versetzen, alle Fragen, die sich im Laufe eines Gerichtsverfahrens auftun, selbst beantworten zu können. Sie benötigen aber das Strukturwissen, das erforderlich ist, um die richtigen Fragen stellen zu können. Zu diesem Strukturwissen gehören Kenntnisse über die Gliederung der Justiz in verschiedene Gerichtsbarkeiten, deren Aufgaben, den Aufbau der Gerichte, den Verfahrensablauf und die Verfahrensgrundsätze, Rechtsmittel und Rechtsmittelzüge.

Hilfreich für die Einordnung und Beurteilung gerichtlicher Entscheidungen ist die Fähigkeit, sich einen Überblick über die Rechtsquellen zu verschaffen, die der jeweiligen Entscheidung zugrunde liegen. Dazu sollte der Berichterstatter das System der Rechtsnormen, ihre Hierarchie und die präjudizierende Wirkung höchstrichterlicher Entscheidungen kennen. Diese sind als Primärquellen heranzuziehen, wenn es um die Klärung der Rechtslage geht. Sie sind zum größten Teil im Internet frei zugänglich. Sie können zugleich dazu dienen, den Informationswert von Expertenaussagen zu überprüfen. Dazu ist zu klären, auf welche Quellen der Experte seine Auskunft stützt, ob es zu der Frage eine „herrschende Lehre“ gibt, inwieweit er eine eigene Bewertung des Streitfalles abgibt und wie er diese begründet. Als auskunftsbereiter Ansprechpartner steht bei den Gerichten und Staatsanwaltschaften in der Regel ein Pressesprecher zur Verfügung. Auch der Umgang mit ihm will gelernt sein.

Um (künftige) Journalisten in die Lage zu versetzen, über die Tätigkeit der Gerichte angemessen berichten zu können, emp­fiehlt es sich, die Vermittlung der notwendigen Basiskenntnisse durch Übungen zu ergänzen, in denen sie lernen, Gerichtsberichte insbesondere aus den Gerichtszweigen anzufertigen, die üblicherweise vernachlässigt werden.

Literatur:

Foto: imago/CTKFoto


One Response to “Justizberichterstattung in Forschung und Lehre”

  1. Alles, was Recht ist at coolepark.de Says:
    Oktober 7th, 2012 at 4:26 pm

    […] Udo Branahl diskutiert in seinem Überblicksbeitrag die wesentlichen Funktionen einer gelingenden Justizberichterstattung – und formuliert auf dieser Grundlage einige Aufgaben für die Journalismusforschung und die hochschulgebundene Journalistenausbildung. Hans Mathias Kepplinger untersucht den Einfluss von Medien auf Strafverfahren. Seine Befragung von über 700 Richtern und Staatsanwälten weist vielfältige Wechselwirkungen zwischen Gerichtsberichterstattern und Prozessbeteiligten nach – und räumt gleichzeitig mit einem fundamentalen Irrtum der traditionellen Medienwirkungsforschung auf. […]

Comments