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Redaktion | 7. Oktober 2012

„Mitmach-Medium Internet“: Die Macher im Dialog mit den Usern?

Eine Untersuchung professioneller News-Angebote

Von Birgit Stark

Das „Mitmach-Medium Internet“ ist nach wie vor in aller Munde. Als Schlüsselwort und Kennzeichen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien prägt es den Diskurs seit Jahrzehnten: Konsumenten werden zu Prosumenten oder – mit den Worten von Axel Bruns – Prosumer werden zu Produsern. Diese konsumieren nicht nur Informationen im Netz, sondern produzieren und verteilen sie auch selbst. Dabei tauchen immer wieder neue Varianten nutzergesteuerter Inhalte auf digitalen Medienplattformen auf.

Mittlerweile werden die verschiedenen Möglichkeiten der Partizipation sehr weit und kontrovers diskutiert (siehe beispielhaft den Themenschwerpunkt in der Frühjahrsausgabe 2012 des Journalistik Journals). Auch die Begriffszuweisungen variieren stark, Schlagwörter wie „User Generated Content“, „Citizen Journalism“ oder „Partizipativer Journalismus“ finden sich in der Fachliteratur. Hohe gesellschaftliche Erwartungen hat vor allem der so genannte „Bürgerjournalismus“ geweckt. Das explizite Demokratisierungspotenzial des Internets wird dabei meist im Sinne des von Habermas geprägten normativen Modells einer diskursiven Öffentlichkeit interpretiert. Dazu gehört beispielsweise die Teilhabe möglichst vieler und unterschiedlicher (vor allem ressourcenschwacher) Akteure, so dass alternative Themendiskussionen im Netz entstehen können. Diese Teilhabe sieht in der Realität allerdings häufig ganz anders aus: Oft dominieren einfache, auch kostengünstige, von Nutzern gelieferte Inhalte, die sich beispielsweise auf die Einsendung von Fotos beschränken. Als Beispiel hierfür ist sicherlich das Modell des Bild-Leserreporters am bekanntesten geworden.

Die Forschung zu diesem Themenfeld steht in mancherlei Hinsicht noch am Anfang. So gibt es z. B. in Deutschland erstaunlich wenige Studien, die sich explizit und systematisch mit den Möglichkeiten der Publikumsbeteiligung beschäftigen und die neuesten Entwicklungen im Social-Media-Bereich betrachten. Auch in methodischer Hinsicht hat sich kein Standardtool ausgebildet, das interaktive und multimediale Features in ein adäquates Analyseraster bringt und klärt, auf welchen Ebenen Interaktion und damit ein partizipativer Diskurs entstehen kann. Meist wird nur unterschieden, auf welchen Stufen des journalistischen Arbeitsprozesses Nutzer aktiv werden können.

An diesem Punkt setzt eine aktuelle Untersuchung am Institut für Publizistik an der Universität Mainz an. Das Projekt durchleuchtet die Einbindung der User auf professionellen News-Angeboten und hinterfragt die Online-Strategien der Unternehmen. Analysiert wurden sowohl Print- als auch TV-Webauftritte, denn bislang ist kaum erforscht, inwieweit unterschiedliche Mediengattungen verschiedene Möglichkeiten der Publikumseinbindung bieten. Auch im Kontext der langjährigen Diskussion um den interaktiven Fernsehzuschauer bleibt diese Frage spannend.

Zu den untersuchten Medien gehörten u. a. die Bild-Zeitung, die taz, die Stuttgarter Nachrichten und ausgewählte Websites privater und öffentlich-rechtlicher Fernsehsender (Pro7, Sat.1, ARD und ZDF). In einem ersten Schritt wurden die formalen und inhaltlichen Charakteristika der Websites inhaltsanalytisch untersucht, in einem zweiten Schritt Experteninterviews mit den Hauptverantwortlichen für die Online-Angebote geführt. Das gewählte Analyseraster von McMillan et al. (2008) unterscheidet zwischen drei Typen der Interaktivität: Human-to-Computer (standardisierte und personalisierte interaktive Features der Seitennavigation und Transaktion), Human-to-Human (Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Usern und der Redaktion bzw. der Organisation der Webpage – synchron oder asynchron) und Human-to-Content (Interaktion auf inhaltlicher Ebene, z. B. Input in Form von Kommentaren, Texten oder Fotos).

Die Befunde zeigen, dass sich im Sektor der überregionalen Tageszeitungen eine Vielzahl interaktiver Features als Standard­anwendungen herausgebildet hat. Dazu gehören insbesondere die Kommentarfunktion, Social Bookmark Links, RSS-Feeds, die Möglichkeit, Artikel zu versenden, diverse Spieleoptionen, Umfragen sowie Kontaktmöglichkeiten zur Redaktion. Dagegen sind redaktionsinterne Blogs, Chats oder Foren nicht die Regel. Sie werden nur in Einzelfällen (dann aber häufig sehr erfolgreich) eingesetzt. Insbesondere im regionalen Tageszeitungsmarkt finden sich Anbieter (vor allem Zeitungen mit kleineren Auflagen), die diese Standards nicht erfüllen und gängige interaktive Features, z. B. das Leserreporter-Modell, nicht auf ihrer Webpage integrieren. Wenig überraschend erfolgt die Verlinkung auf Social-Media-Plattformen wie Facebook weitaus prominenter als noch vor einigen Jahren. Direktes Leser-Feedback wird auf sehr unterschiedliche Art und Weise auf den einzelnen Webpages ermöglicht, am prominentesten ist nach wie vor die Kommentarfunktion, die bewusst mit oder ohne Registrierung umgesetzt wird. Die Möglichkeit zur Einbindung von Nutzern als echten Produzenten von Inhalten sucht man allerdings vergeblich, lediglich die Zulieferung in Form von Fotos ist weit verbreitet.

Entsprechend dem publizistischen Profil der Printprodukte haben einige Anbieter inzwischen durch inhaltliche Schwerpunktsetzung und die konsequente Implementierung spezifischer Features erfolgreich Alleinstellungsmerkmale aufbauen können. Best-Practice-Beispiele hierfür sind die Bild-Zeitung mit dem Leserreporter oder die taz mit der „Entscheidung des Tages“ und dem „Streit der Woche“. Die Weiterführung des Markenkerns steht dabei im Mittelpunkt der Online-Strategie und wird von den Machern explizit so definiert.

Darüber hinaus gehören das Community Building mit dem erklärten Ziel, eine größere Leserschaft aufzubauen, und das Branding über alle Medienkanäle zu den zentralen Kernelementen der Online-Strategien vieler Anbieter. Social-Media-Plattformen spielen in diesem Prozess mittlerweile die zentrale Rolle. Lesermeinungen in Form von Kommentaren und „Likes“ dienen den Unternehmen sowohl als Indikator für Leserinteressen als auch als Recherchetool für neue Themen. Alles in allem sind die am häufigsten vertretenen Features fast ausschließlich der Interaktivitätsform Human-to-Computer zuzuordnen, während höhere Beteiligungsgrade auf den beiden anderen Ebenen weniger stark vertreten sind.

Die analysierten Webpages der Fernsehsender sind hingegen stark geprägt durch die multimediale Ausrichtung mit Video- und Audiobeiträgen, die auf allen Plattformen angeboten werden. Videostärke wird als Alleinstellungsmerkmal der Sender definiert. Öffentlich-rechtliche Anbieter setzen auf Seriosität sowie Nachrichten- und Erklär-Kompetenz, im Vordergrund stehen das journalis­tische Angebot und das Programm. Crossmediale bzw. interaktive Angebote erfolgen punktuell und sendungsbezogen. Eine explizite Aufforderung zum Mitmachen findet demnach im Videoblog oder themen- und sendungsbezogen statt, während die Einstiegs- bzw. Dachseiten sehr wenig interaktive Optionen bieten. Die Dachportale sammeln jedoch Kritik und Anregungen in Form von Mails und leiten diese Anregungen an die entsprechenden Redaktionen weiter. Chats und Foren dienen als Diskussionsplattformen, ebenso wie speziell eingerichtete Kommentarseiten, beispielswiese auf bestimmten Unterseiten der „Tagesschau“ (meta.tagesschau.de und blog.tagesschau.de).

Auf den Nachrichtenportalseiten der Öffentlich-Rechtlichen gewinnen zudem unterschiedliche Formen des „interaktiven“ Datenbankjournalismus zunehmend an Bedeutung. Außerdem wird in jüngster Zeit die Kommunikation in Social Networks als attraktives Spielfeld der Interaktivität gesehen und massiv forciert – geprägt durch strategische Überlegungen zum Second Screen. Die direkte Einbindung von User Generated Content für die Nachrichtenproduktion bleibt aber auch hier die Ausnahme, in der Regel wird dieser lediglich für die Themenfindung genutzt.

Was lässt sich abschließend festhalten im Hinblick auf die Beteiligung der Nutzer an der Gestaltung multimedialer Programm- oder Medienmarken im Internetzeitalter? Nach wie vor stehen in vielen Redaktionen das Experimentieren mit den unterschiedlichen Partizipationsformen und damit ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess im Vordergrund. Festgeschriebene Online-Strategien gibt es in der Regel (noch) nicht, lediglich allgemeinere Strategiepapiere weisen den Weg im interaktiven Produktionsprozess. Von einem gleichberechtigten partizipativen Diskurs zu sprechen, wäre übertrieben, da die direkte Einbindung von Nutzern als Produzent journalistischer Inhalte auf professionellen Nachrichtenseiten so gut wie nie stattfindet. Die traditionelle Rolle des Journalisten wird bewusst aufrechterhalten, auch um die Marke zu schützen. Gleichwohl gehen alle Angebote sowohl im Print- als auch im TV-Bereich über das „reine Verbreiten“ von Nachrichten hinaus und eröffnen neue dialogische Formen der Nachrichtenkommunikation, die auf ein neues journalistisches Selbstverständnis verweisen.

Literatur:

Foto: himberry/photocase.com


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