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Redaktion | 19. April 2013

Zahnlos und lahm?

Die traditionelle Medienselbstregulierung steht in der Kritik – zu Recht? Ein internationales Forschungskonsortium gibt Antworten

Von Susanne Fengler & Tobias Eberwein

Als auf der jüngsten Jahrestagung des Netzwerks Medienethik Journalisten und Medienforscher zusammenkamen, um über die Perspektiven der Medienselbstregulierung zu diskutieren, da schien es, als hätte für den Deutschen Presserat das letzte Stündchen geschlagen. Zwar ist es keine neue Kritik, dass die Wirksamkeit von Presse- und Medienräten als Instrumente der journalistischen Qualitätssicherung mitunter zu wünschen übrig lässt. Immer wieder werden derartige Institutionen als „zahnlose Tiger“ verlacht, die mit ihren Hinweisen auf journalistische Fehltritte zwar ein wichtiges Ziel verfolgen, in der Praxis jedoch oft ohne spürbare Resonanz bleiben. Dieses Problem habe sich durch den digitalen Umbruch jedoch noch einmal verschärft, mahnte der Medienjournalist Thomas Mrazek im Rahmen einer Podiumsdiskussion. „Der Deutsche Presserat kommt angesichts der Dynamik der Netz-Kommunikation nicht mehr mit. Im digitalen Spielfeld ist er außen vor. Seine Arbeitsweise ist viel zu langsam und behäbig.“ Meist reagiere er auf Beschwerden erst nach Monaten. Ist der Presserat also nicht nur ein zahnloser, sondern auch ein „lahmer Tiger“?

Eine berechtigte Kritik, wie auch der Journalist und Blogger Stefan Aigner betonte, der mit seinem Web-Angebot „Regensburg digital“ auch überregionale Bekanntheit erlangt hat. Er gab zu bedenken: „Der Sinn einer institutionellen Medienselbstregulierung erschließt sich mir nicht.“ Zwar fühle er sich als professioneller Netz-Kommunikator durchaus dem Pressekodex verpflichtet, würde aber nie auf die Idee kommen, sich freiwillig der Spruchpraxis des Deutschen Presserates zu unterwerfen. „Das bringt nichts!“, sagte Aigner. Eine viel bessere Kontrolle könnten medienkritische Blogs wie das „Bildblog“ bieten, die zudem auch die Publikumsperspektive in die aktuelle Medienbeobachtung einbeziehen würden.

Medienselbstregulierung im digitalen Zeitalter

Taugt das traditionelle Modell der Medienselbstregulierung via Pressekodizes und Presseräte noch für das von zunehmender Medienkonkurrenz gekennzeichnete digitale Zeitalter? Oder braucht es neue Formen einer partizipativen Media Accountability, die neben den Medienmachern auch die Mediennutzer an der Qualitätssicherung im Journalismus teilhaben lässt? Welche Rolle spielen traditionelle und neue, meist webbasierte Instrumente der Medienselbstregulierung und Media Accountability in den ganz unterschiedlichen Mediensystemen und Journalismuskulturen Europas? Diesen Fragen ist die internationale Studie „Media Accountability and Transparency in Europe“ (MediaAcT) am Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus der TU Dortmund nachgegangen. Insgesamt wurden in den Jahren 2011 und 2012 1.762 Journalisten in zwölf europäischen Ländern und zwei arabischen Vergleichsstaaten (Tunesien und Jordanien) nach ihren Ansichten gefragt.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen: Journalisten kalkulieren sehr genau, welche Instrumente ihnen persönlich gefährlich werden können. In fast allen 14 Untersuchungsländern sehen Journalisten Ethikkodizes auf Redaktionsebene sowie Mediengesetze als einflussreichste Instrumente an. Im Vergleich dazu schreiben Journalisten den traditionellen Instrumenten der Medienselbstkontrolle, also Pressekodizes und Presseräten, deutlich geringeren Einfluss zu.

Aus empirischer Sicht ist es also durchaus berechtigt, wenn Kritiker die Frage aufwerfen, ob das bestehende Sanktionspotenzial europäischer Presseräte ausreicht. Ad acta zu legen ist allerdings die alte Leier vom Presserat als „zahnlosem Tiger“, denn die Alternativen stoßen nochmals auf deutlich weniger Akzeptanz unter den Medienmachern. So schreiben Journalisten zum Beispiel Ombudsleuten und Medienkritik in Fachzeitschriften wie auch in Massenmedien nur einen marginalen Einfluss zu – ganz zu schweigen von externen Kritikern wie NGOs oder der Wissenschaft. Auch die neuen Formate der Medienbeobachtung, die sich in den vergangenen Jahren im Internet entwickelt haben, etwa Journalisten- und Bürger-Blogs, reichen in ihrer Bedeutung längst noch nicht an die Relevanz der traditionellen Instrumente heran.

Jüngere Journalisten sind diesen innovativen Instrumenten gegenüber immerhin deutlich aufgeschlossener als ältere. Unter den neuen digitalen Möglichkeiten der Media Accountability ragt der Kanal der sozialen Netzwerkplattformen heraus: Journalisten schätzen sie als wichtigste neue Instrumente ein und werden nach eigenen Angaben inzwischen vergleichsweise häufig von ihrem Publikum via Facebook und Twitter kritisiert. Besonders in den arabischen Ländern messen die Journalisten – geprägt von den Erfahrungen mit staatlicher Zensur – dem Dialog mit dem Publikum via Social Media hohe Bedeutung bei.

Unterschiedliche Kulturen

Schaut man danach, wie sich die Einstellungen der Journalisten zu Medienselbstkontrolle und Media Accountability in den verschiedenen Ländern unterscheiden, so zeigt sich eine deutlich höhere Wertschätzung von Presseräten und Pressekodizes unter den Journalisten aus den nordeuropäischen Ländern unserer Studie. Dort entwickelten sich professionelle Strukturen und eine seit langem gewachsene Kultur der Medienselbstkontrolle. In den ost- und süd­europäischen Ländern hingegen, in denen das Standesbewusstsein schwächer ausgeprägt und die professionelle journalistische Kultur weniger stark entwickelt ist, haben Pressekodizes einen viel geringeren Stellenwert. Die Journalisten beziehen sich hier nochmals verstärkt auf die Richtlinien der eigenen Redaktion. Damit zeigt die Umfrage deutlich, dass den Medienunternehmen, wohl noch stärker als den Berufsverbänden, heute eine Schlüsselrolle bei der Wahrung professioneller und ethischer Standards im Journalismus zukommt.

Journalisten, deren Redaktionen eine Debatte über publizistische Qualität fördern, messen den verschiedenen Instrumenten der Medienselbstkontrolle mehr Bedeutung bei, legen also größere Sensibilität für das Thema Media Accountability an den Tag. Auch wenn manche Medienmacher das Wort nicht gern hören: Es scheint an der Zeit zu sein für eine Debatte über Corporate Social Responsibility im Medienbereich.

Denn unsere Studie zeigt auch, dass freiberufliche Journalisten dem Thema Medienselbstkontrolle und Media Accountability mit auffallendem Desinteresse begegnen. Wer beruflich nicht fest in einer Redaktion verankert ist, mag sich mehr Sorgen um die Marktgängigkeit der nächsten Geschichte machen als um das Thema Medienverantwortung. Zudem dürften Freie seltener ins Visier von Ombudsleuten, Medienbloggern und Co. geraten.

Medienunternehmen müssen sich bewusst sein, dass sie auch ihren eigenen Erfolg gefährden, wenn durch fortdauerndes Outsourcen redaktioneller Leistungen ein journalistisches „Prekariat“ entsteht. Professionelle Standards sind dann nur noch von untergeordneter Bedeutung – das bereits bestehende Glaubwürdigkeitsproblem des Journalismus wird sich so mittelfristig massiv verschärfen.

In Ost- und Südeuropa stehen die Journalisten zudem dem Konzept der Medientransparenz sehr viel skeptischer gegenüber: So glauben viele spanische und italienische wie auch rumänische und polnische Journalisten, dass es dem Vertrauensverhältnis zwischen Journalismus und Publikum schade, wenn eine Redaktion Korrekturen veröffentlicht oder im Internet redaktionelle Prozesse offenlegt. Journalisten aus diesen Ländern – ebenso wie aus den arabischen Vergleichsstaaten – berichten auch überdurchschnittlich oft davon, politisch an der Frontlinie zu stehen, also für politisch klar positionierte Medien zu arbeiten, sich einer politischen Idee verpflichtet zu fühlen bzw. unter Druck seitens der Regierung zu stehen. Sowohl die Journalisten als auch die Mediennutzer dürften in diesen Ländern andere Erwartungen an die Glaubwürdigkeit des Journalismus und folglich auch an eine funktionierende Medienselbstkontrolle haben.

Das Publikum wird ignoriert

Aber sind die nordeuropäischen „Musterländer der Medienselbstkontrolle“ langfristig vor diesen Einflüssen aus Süd- und Osteuropa gefeit? Zumal sich auch hier nicht mehr als die Hälfte der Befragten dazu bekennt, Publikumskritik ernst zu nehmen. Was „guten“ Journalismus ausmacht, klären die Journalisten lieber mit sich bzw. untereinander: Gefragt, wem gegenüber sich Journalisten verantwortlich fühlen, sehen sich 95 Prozent in erster Linie ihrem eigenen Gewissen verpflichtet, erst dann folgen „professionelle journalistische Standards“ sowie „Quellen“. Nochmals dahinter rangieren im Mittel aller Länder mit 82 Prozent „das Zielpublikum“ sowie mit 74 Prozent „die Öffentlichkeit“. Daraus lassen sich zwei Dinge schlussfolgern: Zum einen ist der Journalismus noch immer ein stark individualethisch und erst in zweiter Linie von gemeinsamen professionellen Standards geprägter Beruf. Und zum anderen verhalten sich viele Journalisten selbst in einer Zeit des massiven Medienumbruchs ihrer wichtigsten Anspruchsgruppe, dem Publikum, gegenüber reichlich ignorant.

In eine ähnliche Richtung deutet, dass Journalisten zwar grundsätzlich mehr Medientransparenz fordern – so unterstützen sie zum Beispiel Forderungen nach der Offenlegung von Besitzverhältnissen im Medienbereich und wollen für ihr Publikum online direkt erreichbar sein. Denjenigen Instrumenten, die ihre klassische Schleusenwärter-Rolle in Frage stellen, stehen sie jedoch vergleichsweise sehr viel ablehnender gegenüber.

In vielen Ländern ist zudem die Kritikkultur im Journalismus wenig entwickelt: Nur ein gutes Drittel der befragten Journalisten insgesamt – zu den europäischen Schlusslichtern zählt übrigens Deutschland – gab an, häufig oder sehr häufig Kollegenkritik zu üben: Wenn es um den eigenen Berufsstand geht, halten sich Journalisten meist mit Kritik zurück; eine Ausnahme ist Finnland, wo in den hierarchisch weniger starren Redaktionen auch öffentlich häufiger Kollegenkritik geübt wird.

Nochmals deutlich geringer sind die Werte, wenn es um die Frage geht, wie oft Journalisten selbst kritisiert werden. Externe Kritik – von Politikern, aber auch von Wissenschaftlern oder Mediennutzern – wird von Journalisten oft als unfair empfunden.

Passt das noch in eine Zeit, in der von den einflussreichen Institutionen der Gesellschaft mehr Transparenz eingefordert wird? Hinzu kommt: Ein Journalismus, der es versäumt, offen eine kritische Debatte über seine Schwächen zu führen, verpasst womöglich auch die Chance, im Zeitalter von Google & Co. auf seine Stärken, und seine unverzichtbare Rolle für eine funktionierende Demokratie, aufmerksam zu machen.

Mehr Anreize schaffen

Die Studie sollte ein Weckruf sein. Zwar stimmten bis zu 95 Prozent der Befragten der Aussage „Medienverantwortung ist unabdingbare Voraussetzung für Pressefreiheit“ zu. Doch unterm Strich, das zeigen unsere Daten, kalkulieren die Journalisten sehr genau, was es sie „kostet“, sich an die Spielregeln zu halten – oder eben nicht.

Wollen die Medien mittelfristig erfolgreich unterbinden, von der Politik an die Kandare gelegt zu werden, darf dieses Statement nicht länger ein halbherziges Lippenbekenntnis sein. Modelle der regulierten Selbstregulierung – der Staat setzt im Idealfall Anreize für Medienselbstkontrolle, hält sich aber aus der Umsetzung komplett heraus – könnten eine Lösung sein und werden im übrigen auch von der einen Hälfte der von uns befragten Journalisten stark befürwortet, während die andere Hälfte Sanktionen vehement ablehnt: An der Frage, wie Medienselbstkontrolle effektiver gemacht werden kann, scheiden sich die Geister.

Interessante Vorbilder finden sich bereits in Europa: So haben irische Redaktionen rechtliche, dänische Medien steuerliche Vorteile, wenn sie sich aktiv in der Medienselbstkontrolle engagieren. Das könnte richtungsweisend sein in einer Zeit, in der Journalisten von Finnland bis Rumänien unisono den ökonomischen Druck als größte Gefahr für Qualität im Journalismus sehen.

Eine Reihe ganz ähnlicher Vorschläge hat Anfang des Jahres eine von EU-Kommissarin Neelie Kroes eingesetzte „Hochrangige Gruppe zur Freiheit und Vielfalt der Medien“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Diese Gruppe empfiehlt nicht nur allen europäischen Mitgliedsstaaten, einen unabhängigen Presse- oder Medienrat einzurichten. Darüber hinaus regt sie auch unterschiedliche Anreizsys­teme für mehr Medienselbstregulierung an. So sollten etwa nur solche Medienunternehmen mit staatlichen Mitteln gefördert werden, die einen Verhaltenskodex auf ihrer Webseite veröffentlichen.

Entgegen aller Unkenrufe ist das Prinzip der Medienselbstregulierung also auch an der Schwelle des gegenwärtigen Medienstrukturwandels noch längst nicht passé. Für seine Weiterentwicklung stehen viele Ideen im Raum. Um zu nachhaltiger Wirkung zu gelangen, müssen nur die Anreize stimmen.

Hintergrund:

Das internationale Forschungsprojekt „Media Accountability and Transparency in Europe“ (MediaAcT) ist eine gemeinsame Initiative von 14 Partnerinstitutionen in Ost- und Westeuropa sowie in der arabischen Welt. Die Koordination liegt in den Händen des Dortmunder Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus. Kernziel der Studie ist eine kulturvergleichende Analyse traditioneller und innovativer Instrumente der Medienselbstregulierung – online wie offline. Das empirische Herzstück ist eine standardisierte Online-Befragung von 1.762 Journalisten in allen mitwirkenden Partnerländern, mit der im Zeitraum 2011/2012 die Einstellungen journalistischer Akteure zu unterschiedlichen Media-Accountability-Prozessen erhoben wurden. Weitere Informationen sind auf der Projekt-Homepage unter http://www.mediaact.eu erhältlich.

Foto: Lutz Kampert/MediaAcT


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