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Redaktion | 19. April 2013

Todesopfer als Normalfall

Zur gesellschaftlichen Bedeutung des Journalismus in Kriegszeiten

Von Florian Zollmann

Die klassische Maxime von John Stuart Mill, dass die „Freiheit der Presse“ eine Sicherung gegen „korrupte oder tyrannische“ Regierungen ist, hat auch heute nicht an Relevanz eingebüßt. So besteht die wohl wichtigste Funktion des Journalismus darin, politische Entscheidungen zu überprüfen. In gegenwärtigen demokratischen Gesellschaften ist der Handlungsspielraum der Bürger im Wesentlichen auf Wahlen beschränkt. Indem der Journalismus kritische Informationen bereitstellt, ermöglicht er den Bürgern die für politisches Handeln notwendige Meinungsbildung. Außerdem kann Journalismus zeitnah auf Missstände aufmerksam machen und dadurch juristische oder parlamentarische Untersuchungen anregen. Dieses demokratische Kontrollrecht der Öffentlichkeit übt der Journalismus im Namen der Bürger aus (vgl. Meyn 2001: 37ff.).

Die gesellschaftliche Bedeutung der journalistischen Kritik und Kontrolle erhöht sich in der Kriegsberichterstattung. Krieg beinhaltet die Ausübung von staatlich organisierter und sanktionierter Gewalt und hat gesellschaftsübergreifende Auswirkungen. Entscheidungen über Krieg und Frieden unterliegen daher einer besonderen Beweislast, die der Journalismus untersuchen muss. Außerdem gilt es, den Einsatz von Militär kritisch zu hinterfragen und die sozialen Auswirkungen von Krieg zu beleuchten (vgl. Nichols/McChesney 2005: 37).

Eine zentrale Aufgabe der Journalistik besteht darin, die Leis­tung der Presse in Kriegszeiten zu überprüfen. Studien belegen, dass der Journalismus den geforderten normativen Standards nicht immer genügt hat. Als eine Ursache dafür kann eine journalistische Handlungsweise angesehen werden, die der US-amerikanische Medienforscher W. Lance Bennett als „indexing“-Norm bezeichnet (vgl. Bennett/Lawrence/Livingston 2007). Demnach tendieren Journalisten dazu, offizielle Quellen aufzusuchen, weil diese als glaubwürdig eingestuft werden und kostengünstig zu erreichen sind. Im Wettbewerb mit anderen Medien sind Journalisten auf den Zugang zu hochrangigen Quellen angewiesen, um exklusiv zu berichten. Politische Offizielle wiederum antizipieren den Bedarf nach Informationen und versuchen, mit Newsmanagement-Strategien auf die Nachrichtenagenda einzuwirken.

Die Kriegsberichterstattung gerät so in Gefahr, die Eliten-Meinungen von Parlament, Regierung und Militär widerzuspiegeln. Kritische Stimmen werden nur dann von Journalisten berücksich­tigt, wenn sie zuvor in offiziellen Kreisen geäußert wurden. Insbesondere im Fall eines Elitenkonsensus ist „indexing“ als problematisch einzustufen. Denn dann werden kritische Stimmen, auch wenn sie innerhalb der Bevölkerung und unter Experten weit verbreitet sind, in der Berichterstattung marginalisiert (vgl. ebd.).

Ein Vergleich der deutschen Berichterstattung der Kriege im Kosovo (1999) und Irak (2003) deutet darauf hin, dass die „indexing“-Norm von Journalisten angewandt wurde. Während die deutschen Medien den Kosovo-Krieg durchweg und prinzipiell befürworteten, standen sie dem Irak-Krieg kritisch gegenüber. Gleichzeitig unterstützte der deutsche Bundestag den Militäreinsatz im Kosovo einstimmig, während die Intervention im Irak auf Widerstand unter vielen Parlamentariern stieß. Kritische Medienberichterstattung, wie während des Irak-Krieges, beruhte daher nicht auf der Durchsetzung normativer journalistischer Standards, wie Kritik- und Kontrollfunktion, sondern auf Veränderungen des Elitenkonsensus (vgl. Eilders 2005: 641-642).

Es ist allerdings nicht angemessen, Journalisten in Kriegszeiten einfach als „Stenographen“ anzusehen, die den Verlautbarungen von Offiziellen folgen. „Indexing“ steht im Zusammenhang mit routinisierter Nachrichtenselektion und der Fähigkeit von Offiziellen, die Medien mit vorverpackten Informationen zu füttern.

Es kann jedoch auch passieren, wie Studien ebenfalls belegen, dass journalistische Berichterstattung unvorhergesehener und dramatischer Ereignisse von der „indexing“-Norm abweicht, weil offizielle Institutionen unter Zeitdruck nicht in der Lage sind, auf die Nachrichten­selektion einzuwirken (vgl. Bennett/Lawrence/Livingston 2007). Im Krieg sind unerwartete Geschehnisse wie militärische Auseinandersetzungen, humanitäre Krisen, Gräueltaten oder Todesopfer an der Tagesordnung. In diesen Bereichen wäre demnach eine unabhängigere Berichterstattung zu erwarten.

Als frühes Beispiel dieser so genannten „event-driven news“ kann die Vietnamkriegsberichterstattung nach der Tet-Offensive (1968) angesehen werden, als die Medien die blutige Realität des Krieges zeigten und die US-Politik kritisch betrachteten. Ähnliche Berichterstattungsmuster fanden sich auch während der Besatzungen von Afghanistan (2001-heute) und Irak (2003-2011), wo die von den USA angeführten Koalitionen nicht kontinuierlich in der Lage waren, die Berichterstattung über zivile und militärische Opfer sowie Terroranschläge zu kontrollieren (für Irak vgl. Robinson et al. 2010).

Das Auftreten solcher „event-driven news“ könnte sich in Zukunft noch erhöhen, denn technologische Neuerungen wie Online- und Mobilkommunikation erleichtern die zeitnahe Übermittlung von Bild- und Quellenmaterial. Die Vielzahl vorhandener digitaler Kanäle ermöglicht es, die Nachrichten einer internationalen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Um jedoch eine „unkontrollierte“ Kriegsberichterstattung zu verhindern, versuchen kriegsführende Parteien mit spezifischen Propaganda-Maßnahmen die Medienberichterstattung einzuschränken. Als Reaktion auf die kritische Berichterstattung des Vietnam-Krieges, wo sich Journalisten relativ frei bewegen konnten, verschärften viele Regierungen ihre Newsmanagement-Strategien.

Zu den Maßnahmen gehörten Militäreskorten und Presserichtlinien für Journalisten (1982: Falklandkrieg), Pressepools, für deren Zugang Akkreditierungen benötigt wurden (1982: Falklandkrieg, 1983: Invasion von Grenada, 1989: Invasion von Panama, 1991: Golf-Krieg), das Einbetten von Journalisten (2003: Irak-Krieg) und Zensurmaßnahmen wie Nachrichtensperren (1983: Invasion von Grenada, 1991: Golf-Krieg, 2004: Militäroperation in Falludscha, 2008/2009: Gaza-Krieg). Darüberhinaus wurden Konflikte von PR-Operationen und Presse-Briefings begleitet. So waren die meisten Journalisten während des Golf-Krieges (1991), der NATO-Kampagne im Kosovo (1999) und der US-Kampagne in Afghanistan (2001) für ihre Berichterstattung von Presse-Briefings abhängig (vgl. Lewis et al. 2006). Gleiches galt für die Besatzung des Iraks, wo die Berichterstattung als „Hoteljournalismus“ bezeichnet wurde, weil Journalisten durch die schlechte Sicherheitslage gezwungen waren, telefonisch vom Hotel aus zu recherchieren und dabei auf die Aussagen von Presseoffizieren zurückzugreifen (vgl. Fisk 2005).

Als Reaktion auf die durch technologische Veränderungen ermöglichte Beschleunigung der Informationsvermittlung haben die USA begonnen, klassische Maßnahmen wie Newsmanagement mit anderen Aspekten der sogenannten Informationskriegsführung zu verschmelzen. Unter dem Begriff Informationsoperationen (IO) wird eine Reihe von Instrumenten vereint. Das Ziel von IO ist es, das Denken oder Handeln eines Zielpublikums zu steuern (vgl. Szukala 2005). Newsmanagement und IO können als Vorgehensweisen angesehen werden, die darauf abzielen „event-driven news“ einzudämmen.

Aus berufsethischer Sicht sollten sich Journalisten daher nicht ohne Weiteres auf die von Regierungen und Militärs bereitgestellten Kontrollsysteme einlassen. Auch muss die gängige Praxis der Verwendung von Quellen hinterfragt werden. Insbesondere bei Themen wie Krieg und Frieden sollten die Ansichten der Bevölkerung, und nicht nur die von Eliten, in der Berichterstattung gespiegelt werden. Denn schon John Stuart Mill warnte davor, dass die Regierung und das Parlament nicht bestimmen dürfen, welche Meinungen die Menschen zu hören bekommen.

Literatur:

Foto: eyelab/photocase.com


One Response to “Todesopfer als Normalfall”

  1. Journalismus als Krisenbewältigung at coolepark.de Says:
    April 19th, 2013 at 8:19 pm

    […] P. Balzert entwickelt einen Redaktionsleitfaden zum Umgang mit Gewaltfotos in der Tagespresse. Florian Zollmann erinnert an die besondere demokratische Funktion des Journalismus in Kriegszeiten. Und Annelen […]

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