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Redaktion | 19. April 2013

Momente, die man nie vergisst

Ein Blick zurück auf den 25. Juli 2010 – den Tag, als die Loveparade zum Desaster wurde

Von Andreas Sträter

Es gibt Tage, die man nicht vergisst. Es gibt Minuten, die man nicht vergisst. Und manchmal sogar Sekunden. Innerhalb von Sekunden kann sich die Welt verändern. Am 25. Juli 2010 gab es einen solchen Moment, der den Tag in eine Richtung gedreht hat, mit der nicht zu rechnen war.

Ich war auf der Loveparade. Ich habe als Reporter über diese knallbunte Party im Ruhrgebiet berichtet. Und bis etwa 17.45 Uhr ist sie für mich genau das: eine Techno-Fete mit lauten, pumpenden Beats, mit lustigen, herumwippenden Typen in neonpinken Latzhosen – und viel nackter Haut. Um 17.46 Uhr wird die Party zum Desaster. Menschen werden zu Tode getrampelt, weil sie feiern wollten.

Die hier angegebene Uhrzeit entspricht nicht der Uhrzeit des wirklichen Unglücks. Denn als Journalist saß ich mit meinem Laptop im Pressezelt der Loveparade, weit weg vom Unglückstunnel, auf der anderen Seite des Geländes. Wer sich nur auf seine Augen verlassen kann, sieht weniger als der Fernsehzuschauer. Keine Horizontale, keine Multiperspektive, nur die eigene Umgebung; sprich das Pressezelt – mit Catering einer großen Fastfood-Kette. Deshalb habe ich auch erst so spät vom Unglück etwas mitbekommen. Um 17.30 Uhr wurde ich als Journalist einer Nachrichtenagentur zur Pressekonferenz in die erste Reihe geschubst, um dann ganz nah dabei zu sein, wenn der Veranstalter Rainer Schaller, der ehemalige Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und Komiker Oliver Pocher die Zahlen bekannt geben – live, vor den Zuschauern von bild.de. Die Veranstaltung war eine Farce und sie begann etwas später als angekündigt – weil die Verantwortlichen schon zu diesem Moment etwas verdutzt auf ihre Handys schauen mussten. Über den Inhalt jener SMS lässt sich im Nachhinein füglich räsonieren.

Ich sollte also tickern: 1,4 Millionen Menschen bei der Loveparade. Das angepeilte Ziel von einer Million Besuchern sei weit übertroffen worden – die Party-Sause ist ein Riesen-Erfolg. So hätten es die Verantwortlichen gerne gehabt. Doch es kam alles anders. Schätzungen zufolge waren keine 250.000 Menschen da. Und 21 junge Leben, die nichts wollten außer Spaß zu haben, sind nie wieder nach Hause gekommen.

So wie man vor Ort funktioniert, war ich dabei, die Meldung emsig in meinen Laptop zu hauen, als mir mein Kollege von einem angeblichen Toten auf dem Gelände erzählte. „Hier gibt es keine Toten, alles Paletti“, hab ich da noch gesagt. Es war für über drei Stunden der letzte Anruf von der Redaktion. Denn ab diesem Zeitpunkt brach das Handy-Netz komplett in sich zusammen. Auch der Rest ging ziemlich schnell. Ich sollte Stimmungen und Stimmen einfangen, hatte allerdings das Problem, dass die meisten Partymäuse noch gar nichts von der sich anbahnenden Katastrophe mitbekommen hatten. In solchen Momenten funktioniert man. Und stellt mit seinen Beschreibungen und Eindrücken Öffentlichkeit her; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ich konnte mich nur auf mich selbst verlassen, denn die Sprecher waren – mit dicken Tränen in den Augen – ebenso überfordert wie die Polizei.

Ich war schon früh an diesem Samstag auf dem Loveparade-Gelände in Duisburg. Ich hatte viel vorrecherchiert und geplant. Der Termin war vergleichsweise üppig dispositioniert. Dazu trugen viele Faktoren bei: die hippe Veranstaltung, das neue, zunächst mal seltsame Gelände – ein still gelegter Güterbahnhof – und dann das Sommerloch.

In Absprache mit den Kollegen im Redaktionsbüro habe ich relativ früh erste Meldungen getickert und Absätze verfasst, die die Atmosphäre widerspiegeln sollten. Der erste Bericht erzählt von Mädchen, die sich auf dem spitzen Schotter des Geländes in ihren Flip-Flops blutige Füße schrubben. Oder von den noch gut gelaunten Maltesern, die mit Pflastern gerne behilflich sind. Oder von den Menschen aus Duisburg, die es toll finden, das in ihrer Stadt Deutschlands Party Nummer eins steigt.

Es hätte ein schöner Tag werden können. Doch es war der traurigste Tag des Sommers 2010. Es war der traurigste Tag des Jahres 2010. Im Rückblick wird es einer der traurigsten Tage des Jahrzehnts werden. Als Mensch vor Ort versteht man die Dimensionen, die sich da gerade abspielen, nicht – vielleicht auch aus Selbstschutz. Das wird im Krieg nicht anders sein. Als Journalist wächst man an solchen Katastrophen, als Mensch kann man leicht verzweifeln.

Der Loveparade-Tag war ein langer Tag. Ich war erst gegen 3 Uhr morgens wieder zu Hause, weil ich auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen war, der an diesem Tag ebenso einen Infarkt erlebt hat wie die gesamte Stadt Duisburg, die ohnehin schon an genügend Krankheiten leidet.

Für mich war es selbstverständlich, auch am nächsten Tag vom Unglücksort zu berichten. Ich habe mitbekommen, wie sich eine leere Straße in ein Meer von Kerzen und Traurigkeit verwandelt hat. Ich bin mit Polizisten, Journalisten und Fotografen durch den Todestunnel gestiefelt. Zwischen die Leichenumrisse mischten sich leere Bierdosen, Silberfolie, Spritzen, Blut, Plastiksonnenblumen und Haarspangen. Es war ein Anblick, der sich in mein Gedächtnis gebrannt hat. Und dann kamen die Katastrophen-Touristen.

Irgendwie hat mich diese Loveparade noch das folgende Jahr beschäftigt. Bei der Gedenkfeier zum Einjährigen habe ich schließlich einen Punkt hinter dieses Thema setzen können. Es hat geregnet, es war für einen Julitag bitterkalt und auch die Redner im Stadion hatten Tränen in der Stimme. Gesungen wurde der Bette-Midler-Titel „From a Distance“.

Aus der Ferne blicke nun auch ich zurück. Was habe ich gelernt, könnte eine Frage sein. Ich habe gelernt, wie wichtig der Journalismus für eine Gesellschaft sein kann, wenn offizielle Quellen wegbrechen oder unglaubwürdig werden. Ich habe gelernt, dass man Journalismus nie zu einhundert Prozent planen kann – und ich habe gelernt, dass man als Journalist am Ende auch nur ein Mensch ist.

Foto: Claus Moser/flickr.com


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