Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 19. April 2013

Journalisten als Sekundäropfer

Letztorientierungen für die Berichterstattung in Extremsituationen

Von Claus Eurich

Als blutjunger Student und Aushilfsreporter bei einer Regionalzeitung bat mich der Lokalchef an einem Nachmittag, mit dem Redaktionswagen an den Ort eines schweren Verkehrsunfalls zu fahren, die Fakten zu checken, vor allem aber Fotos zu machen. Ich möge mich etwas beeilen und den Redaktionsschluss im Hinterkopf behalten. Es war Winter, der Ort des Geschehens ca. 20 km entfernt, an einer abgelegenen Stelle eines hessischen Mittelgebirges. Auf verschneiten und glatten Straßen war ich viel zu schnell unterwegs, nur den Auftrag im Kopf. Dann der Unfallort; zwei Tote auf der Straße, der Leichenwagen traf gerade ein, die Polizisten, die nicht selber fotografierten, sondern dies meistens der Presse überließen, baten mich, möglichst viele Fotos zu schießen zur Dokumentation und Auswertung. Es waren die ersten toten Menschen, die ich in meinem Leben sah, völlig unvorbereitet, mit der Kamera in der Hand, ganz nah dran, eigentlich wie ein Roboter knipsend.

Auf der Rückfahrt in die Redaktion bestürmten mich die gesehenen Bilder zerstörter Autos und zweier toter Menschen. „Cool“ habe ich die Filme in das Labor gegeben, eine etwas längere Meldung geschrieben, getan, was sonst noch zu tun war am Schreibtisch, dann nach Hause. Kein Wort über das Erlebte zu den Kollegen, keine Mitteilung des Schreckens, der mich erfasst hatte, auch keine Frage der anderen an ihren Schreibtischen an mich. ‚Der Tod gehört dazu, wenn das für dich etwas zu Besonderes ist, such dir besser einen anderen Job.‘ Die Bilder habe ich bis heute im Kopf, und sie steigen immer auf, wenn ich in meiner Heimat in der betreffenden Gegend unterwegs bin.

Diese Geschichte ist Alltag, gewiss nicht spektakulär und gewiss nicht zu vergleichen mit Katastrophen wie in Eschede, bei der Loveparade oder auf einem der Schlachtfelder dieser Erde, wo Journalisten dem an sich nicht fassbaren Grauen in die Augen sehen, um ihren Dienst an der Öffentlichkeit zu verrichten. Doch gerade weil diese Geschichte so alltäglich ist, sich jederzeit an jedem Ort ereignen kann, ist sie aussagekräftig. Was wäre gewesen, wenn nicht alle Unfallbetroffenen gestorben wären, sondern die Frau des einen toten Mannes aufgelöst am Straßenrand gestanden hätte? Das tränenüberlaufene, verzweifelte Gesicht fotografieren? Eine Frage stellen? „Können Sie mir kurz sagen, wie es zu diesem schrecklichen Unfall gekommen ist?“ Vermutlich hätte sich alles in mir gesträubt, eines von beiden zu tun, aber wäre das dann noch professionell gewesen? Eine verschenkte Chance gar?

Zweierlei lässt sich aus diesem persönlichen Erlebnis lernen: Sobald Journalismus mit ins Spiel kommt, gibt es potenziell über das Geschehene hinaus zwei Opferseiten – die mit dem Schrecken konfrontierten Journalisten selbst, die das alles verarbeiten müssen, und die unmittelbaren Opfer, die, schon gezeichnet genug, nun auch noch mit Fragen konfrontiert werden, die nicht aus menschlicher Zuwendung resultieren, sondern aus Verwertungsinteressen, deren Leid abgelichtet wird, um das Intimste einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie sind einer Situation ausgesetzt, in der die journalistische Intervention, ja bereits die Präsenz von Journalisten eine Verstärkung des gerade erfahrenen Leids hervorrufen kann, die im schlimmsten Fall bis zu einer Folgetraumatisierung dadurch reicht, dass meine Gefühle als Berichterstattungsgegenstand missbraucht werden und anschließend normalerweise keine Bearbeitung stattfindet.

Wir befinden uns an dieser Stelle im Kernbereich journalistischer Ethik. An welchen Standards können wir uns dabei – neben all dem, was journalistische Kodizes wie die Regeln des Deutschen Presse­rates oder vom Netzwerk Recherche vorgeben – orientieren, was sind unhintergehbare Letztorientierungen für solche speziellen journalis­tischen Situationen? Ich möchte die nach meiner Erfahrung und Überzeugung drei wichtigsten Maßstäbe nennen:

Agieren im Geist des Nichtverletzens: Das Verhalten am Geschehensort erfordert eine innere Haltung, die sich aus dem Willen nährt, dem Gegenüber nicht weitere Verletzungen durch mein Dasein und meine Handlungen und Worte zuzufügen.

Empathisch verhalten und berichten: Empathie als journalis­tische Tugend meint, vom Gegenüber her zu denken und zu empfinden, mich in den Zustand des Anderen einzuleben, ohne mich davon beherrschen zu lassen. Es ist also die immer wieder neu auszutarierende Gratwanderung zwischen erforderlicher Nähe und notwendiger Distanz. Voraussetzung dafür ist:

Wahrhaft Hören: Hören meint, mit allen Sinnen wahrzunehmen, in die Tiefe zu lauschen und zu schauen, ohne dass immer sofort meine eigenen Gedanken, Erwartungen, Schubladen und Orientierungen das Wahrgenommene kategorisieren. Diese Haltung hat sehr viel mit Verstehenwollen und auch mit Demut zu tun. Sie ermahnt uns auch, die Stimme des Herzens bei aller geforderten Nüchternheit nicht zu übergehen.

Professionell unterstützt werden können diese Kriterien durch folgende Leitfragen:

Bei all dem bleibt das eigene Gewissen die letzte Instanz. Und es ist erforderlich, nicht nur die Grenzen der Berichterstattung zu respektieren, sondern auch die eigenen Grenzen! Journalisten müssen lernen, da Nein zu sagen, wo die eigenen Grenzwerte und die eigenen ethischen Standards sich bedroht sehen. Wird dies unter den Gesichtspunkten von „professionellem“ Druck, äußeren Erwartungen an mich oder gar Karrieregründen nicht genügend angenommen, droht letztlich die Infragestellung unseres vielleicht höchsten inneren Gutes, der Selbstachtung. Vielleicht lässt sich dies in der Maxime zusammenfassen: Gib bei aller professionellen Zeugenschaft nie dein Mensch-Sein auf!

Bleiben wir bei den Journalisten als den sekundären Opfern schrecklicher Ereignisse. Gewiss, ohne Distanz kann der Beruf nicht ausgeübt werden. Sie ist ein professionelles Kernmerkmal, die Voraussetzung, um die Haltung der Zeugenschaft zu erlangen und in ihr zu verbleiben. Wer wollte das bestreiten? Wer aber wollte auch bestreiten, dass ich mich noch so professionell und distanziert bewegen und verhalten kann, dies aber nichts daran ändert, dass die Erinnerung und die inneren Bilder bleiben und sie nicht selten tief ins Seelische und Unbewusste hineingleiten, wenn auch bei jedem Menschen in unterschiedlicher Intensität. Für emotionale Belastbarkeit existiert kein Standardmaß. Sie ist abhängig von meinen Erfahrungen, meiner Gewordenheit als Person und Mensch, meiner Ausbildung, meiner aktuellen psychischen Verfassung und den Techniken, die mich gelehrt haben, mit Emotionen angemessen umzugehen, damit sie mich nicht in der einen oder anderen Weise beherrschen. Katastrophenhelfer, Unfallärzte, Polizisten und auch Soldaten werden entsprechend geschult und im Fall der Fälle heute normalerweise auch psychologisch betreut. Im Journalismus beginnt erst langsam die Einsicht in entsprechende Erfordernisse. Und nicht selten tritt noch immer an die Stelle von Verarbeitung, Aufarbeitung und Integration Zynismus, Verhärtung, Verrohung, der Gebrauch von Alltagsdrogen, sich verstärkende Beziehungsstörungen. Kein Erlebnis verschwindet vollständig aus unserem Bewusstsein, auch wenn es gelegentlich stark in den Hintergrund tritt oder gar systematisch verdrängt wird. Irgendwann meldet sich alles Unverarbeitete wieder zu Wort, werden die Bilder des Grauens und der Zerstörung zum Grauen und zur Zerstörung im eigenen Kopf. Posttraumatische Belastungsstörung sagen wir dann. Wer aufgebrochen war, um über den Schrecken zu berichten, wird spätestens jetzt auch zum Opfer genau dieses Schreckens. Das kann trotz aller innerlich erlebten und äußerlich vorgespielten Gelassenheit sehr viel später als das Ereignis selbst und auch völlig überraschend erfolgen.

Wir müssen daraus lernen, dass in dem Moment, wo wir in den existentiellsten Tiefen unseres Seins berührt werden, keine Neutralität, keine Sachlichkeit und keine Objektivität mehr existieren. Denn bei dem, was mir jetzt begegnet, geht es nicht mehr um Objekte, sondern um Menschen, geht es nicht um Sachen, sondern um Leben. Dieser Einsicht nicht immer wieder durch die journalistische Jagd nach Ereignissen, Sensationen und spektakulären Bildern zu entfliehen bzw. sie durch eine Haltung zu verleugnen, die sogenannte Berufsroutinen und „naturgegebene“ Berufsrollen bzw. Erwartungen an den Beruf in den Vordergrund spielen, erfordert allerdings eine Menge:

Hilfreich dabei sind vertraute Gesprächspartner und, wenn ich als Kriegs-, Krisen- und Katastrophenreporter gefordert bin, eine regelmäßige professionelle Begleitung bis hin zur redaktionellen Supervision. Dann mag es schrittweise gelingen, auch bereits in jungen Berufsjahren, in Extremsituationen bzw. Situationen, die sich für mich persönlich als extrem herausstellen, in das angemessene Verhalten zu kommen. Ich muss vorbereitet sein auf das Unvorbereitete, gerade etwa in speziellen journalistischen Herausforderungen wie dem Live. Trotz allem, was auf mich einstürmt und in Echtzeit bearbeitet und kommentiert sein will, die rechten Worte finden und eine Dezenz der Bilder, die nichts Wesentliches verschweigt, aber auch nichts Intimes oder durch die Rezeption potenziell Verwundendes herausstellt.

Es waren solche Überlegungen, die uns am Institut für Journalis­tik der TU Dortmund dazu bewogen haben, das Thema „Trauma und Journalismus“ in den Lehrplan aufzunehmen. Denn die ersten Grundlagen werden bereits in der Ausbildung gelegt, nicht erst, wenn ich dem Extrem ins Gesicht sehe und zugleich gefordert bin, es journalistisch zu verarbeiten und zu verpacken.

Foto: Himberry/photocase.com


One Response to “Journalisten als Sekundäropfer”

  1. Journalismus und Trauma oder: “Neinsagen” lernen! | Mutterschiff Says:
    August 25th, 2013 at 10:38 pm

    […] als journalistische Grundtugend entwickeln. Mit Claus Eurich ist damit gemeint, “vom Gegenüber her zu denken und zu empfinden, mich in den Zustand des […]

Comments