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Redaktion | 19. April 2013

Wenn das Leben aus den Fugen gerät

Einführung in die Psychotraumatologie für Journalisten

Von Thomas Weber & Monika Dreiner

Gewaltverbrechen, Unfälle oder Naturkatastrophen hinterlassen oftmals nicht nur die direkt Betroffenen in einer Schocksituation, sondern führen in weiten Teilen der Öffentlichkeit zu massiven Gefühlen der Verunsicherung. Bei Betroffenen führt das Ereignis häufig zu einer Zerrüttung des Selbst- und Weltverständnisses (Fischer/Riedesser 2003). Das Leben kann aus den Fugen geraten. Das Sicherheitsgefühl der Betroffenen und der Umgebung wird nachhaltig zerstört. Insbesondere die von Menschen verursachten Desaster („Man-made-disas­ter“) führen auf etlichen gesellschaftlichen Ebenen zu verbreiteten Gefühlen der absoluten Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Die Öffentlichkeit hat ein großes Informationsbedürfnis, das die Medien zu befriedigen versuchen. Viele Fragen nach den Ursachen werden gestellt, dringlich werden Antworten und Lösungen auf eine unerträgliche und schlecht auszuhaltende Situation gesucht. Journalisten verstehen in der Regel ihr Handwerk. Sie wissen, wie dieses Informationsbedürfnis befriedigt werden kann. Worüber sie oft jedoch zu wenig wissen, ist der angemessene Umgang mit traumatisierten Personen und mit ihrer eigenen Betroffenheit. Auch der Journalist ist in der Gefahr, während seiner Arbeit traumatisiert zu werden. Er wird mit Ereignissen konfrontiert, die ein hohes traumatogenes Potenzial aufweisen können.

Der Kontrollverlust bestimmt die traumatische Situation

Grundsätzlich kann jeder Mensch traumatisiert werden. Ein wesentliches Merkmal traumatisierender Situationen ist, dass sie sich plötzlich und unerwartet ereignen. Der Mensch kann sich darauf nicht vorbereiten. Alles, was bisher geholfen hat, schwierige Situationen zu bewältigen, funktioniert nicht mehr. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. Es überwiegen Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Der eigene psychische Bewältigungsapparat wird durch das Ereignis überfordert. Die Erfahrung wirkt wie eingefroren. Man kann sich ihr nicht entziehen, weder Kampf noch Flucht sind möglich. Es kommt zum Kontrollverlust, der Mensch hat das Geschehen nicht mehr im Griff, die Situation entgleitet. Er ist den Umweltfaktoren schutzlos ausgesetzt. Auf der subjektiven Ebene erleben Opfer intensive Angst, Todesangst und dissoziative Erlebnisweisen. Das gesamte Geschehen wird wie in einem Film erlebt, unwirklich oder als sei die eigene Person gar nicht betroffen. Die Wahrnehmung ist verändert und verzerrt. Aufgrund der veränderten Physiologie sind akut traumatisierte Menschen keine zuverlässigen Informationsquellen für Journalisten, da die Wahrnehmung eingeengt ist.

In der ersten Zeit befinden sich die Betroffenen in einer Art Schockzustand, der helfen soll, die unerträgliche Situation physisch und psychisch überhaupt überleben zu können. Oftmals realisieren traumatisierte Personen erst nach der Schocksituation das ganze Ausmaß des Ereignisses. Die Wiederherstellung von Sicherheit hat dabei absolute Priorität. Traumatische Erfahrungen beeinflussen die Funktionen des Gehirns weitreichend. Die hierdurch entstehenden Veränderungen können kurzfristig auftreten oder bei schweren Ereignissen auch länger anhalten. Das Gehirn schaltet auf ein Überlebensprogramm. Die Aufmerksamkeit ist auf das Notwendigste beschränkt.

Nach dem ersten Schock stehen die betreffenden Personen vor der schwierigen Aufgabe, das Erlebte verarbeiten zu müssen, obwohl die hierfür vorhandene Verarbeitungskapazität überschritten ist. In dieser ersten Reaktion versucht der Betroffene dennoch, das Unfassbare und Undenkbare zu überwinden. In den ersten Wochen wechseln sich teilweise heftiges intrusives Erleben (zum Beispiel sich aufdrängende Bilder, Albträume, Gerüche, Geräusche und Gedanken), körperliche Beschwerden (Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsprobleme, Nervosität) und Vermeidungsverhalten bis hin zu Verleugnung und dissoziativer Abwehr teilweise abrupt ab.

Traumatisierte Menschen reagieren in dieser Zeit unterschiedlich. Die Beschwerden wechseln zum Teil innerhalb kürzester Zeit heftig. Mal fühlt der Mensch sich sehr schlecht, dann geht es ihm phasenweise verhältnismäßig gut. Etliche Betroffene wollen immer wieder über das Ereignis sprechen, andere vermeiden jedwede Konfrontation und schweigen. Die Bandbreite menschlicher Reaktionen entspricht der Vielfältigkeit des Menschen.

Diese erste Zeit wird von den Betroffenen oft als sehr aufwühlend und belastend erlebt. Sie macht Angst. Viele Betroffene haben die Befürchtung, das Erlebte nie bewältigen zu können. Tatsächlich sind die beschriebenen Folgen in den ersten Wochen keine Erkrankung, sondern eine normale Reaktion auf ein nicht normales Ereignis. Das Erlebte hat eine psychische Verletzung hinterlassen. Der betroffene Mensch versucht nun mit den ihm zur Verfügung stehenden Bewältigungsmechanismen diese Verletzung selbst zu verarzten, zu heilen. Er versucht, die verlorene Kontrolle zurückzugewinnen, die ihm während der traumatischen Situation abhanden gekommen ist. Hierbei nutzt er Mittel und Wege, die für den Beobachter unverständlich wirken können. Egal, wie skurril aber der Betroffene in den ersten Wochen reagiert, er ist nicht verrückt. Verrückt ist das, was er erlebt hat. Es ist eine normale Reaktion des Betroffenen auf den erlebten Ausnahmezustand. Egal, wie heftig oder ungewöhnlich die Gefühlszustände erscheinen mögen, es gibt kein falsches Erleben.

Im Sinne eines Selbstheilungsversuchs versucht der Betroffene im Verlauf, das Erlebte und die damit gemachten Erfahrungen in seinen Lebensentwurf zu integrieren. Um diese Erfahrung zu verarbeiten, benötigt der Mensch Zeit, um sich in der vertrauten Alltagswelt wieder zurecht finden zu können. Die notwendige Zeit für den Bewältigungsprozess ist sehr individuell und kann nicht von anderen bestimmt werden. Eine allgemeingültige Regel für die Verarbeitung gibt es nicht. Der Betroffene versucht – im Sinne der Selbstbestimmung – seinen eigenen Weg zu finden.

Gelingt dieser Bewältigungsprozess nicht, geht die anfängliche traumatische Reaktion in einen traumatischen Prozess über. Die Integration der Erfahrung ist nicht möglich, eine nachhaltige Erholung bleibt aus. Die bestehenden Beschwerden verfestigen sich oder neue gesundheitliche Probleme kommen hinzu. Es kann zur Ausprägung von psychischen Erkrankungen in Form von Traumafolgestörungen kommen. Neben einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden langfristig viele Betroffene unter anderem auch an depressiven Störungen, Suchterkrankungen (insbesondere Alkohol und Medikamente), psychosomatischen Problemen, Angststörungen und anderen körperlichen und psychischen Erkrankungen. Der gesamte Körper wird durch die dauerhafte Anspannung mit der Zeit in Mitleidenschaft gezogen und oftmals werden die Beschwerden mit dem ursprünglichen Ereignis gar nicht in Verbindung gebracht. Alkohol und Medikamente werden vom Betroffenen als Selbstheilungsversuch eingesetzt, um die Bilder und Gefühle zu betäuben. Dies gelingt zu Beginn vielleicht, wobei oftmals ein eigenständiges Problem durch die Suchtmittel entsteht. Im Extremfall führen schwere traumatische Erfahrungen zu einem sozialen Abstieg, vermehrten beruflichen Ausfallzeiten, Frühberentungen, Scheidungen und dissozialen Entwicklungen, in manchen Fällen zu einer erhöhten Selbsttötungsgefahr. Die Folgen können gravierend sein.

Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen erschweren und blockieren. Hierzu zählen unter anderem der Verlust eines geliebten Menschen, zum Beispiel der Verlust eines Kindes, eigene gravierende körperliche Verletzungen, vorherige Traumatisierungen, beispielsweise schwere Traumatisierungen in der frühen Kindheit, fortbestehender Kontakt zum Täter oder noch andauernde Traumatisierungen, wie Krieg, Verfolgung, Gefangenschaft und Folter.

Auch Journalisten in Krisen- und Kriegsgebieten sind einem hohen Risiko ausgesetzt, an einer Traumafolgestörung zu erkranken. Dabei werden Journalisten nicht nur direkt durch eine konkrete Bedrohung gefährdet, sondern auch durch den unmittelbaren Kontakt zu traumatisierten Personen, da sich die Ohnmacht und Hilflosigkeit des Interviewpartners auf den Journalisten überträgt (stellvertretende Traumatisierung). Dieser meist schleichende Prozess wird von vielen betroffenen Journalisten unterschätzt. Oftmals werden Bilder und Beschwerden zunächst nur betäubt, Belastungen auch einfach verharmlost und verniedlicht, bis sie zum eigenständigen Krankheitsbild geworden sind.

Wie eine traumatische Erfahrung von der traumatisierten Person letztendlich verarbeitet wird, hängt zusätzlich von weiteren nachfolgenden Risikofaktoren (zum Beispiel instabile familiäre und soziale Verhältnisse, belastende Medienberichte, Unverständnis der Umwelt) und bestehenden Schutzfaktoren (zum Beispiel stabile familiäre und soziale Verhältnisse, verständnisvolles Umfeld) ab.

Ein wichtiger Schutzfaktor: Traumatisierte Menschen brauchen verständnisvolle Mitmenschen

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf traumatische Erfahrungen und Hilfsangebote. Was für den einen hilfreich und entlastend ist, kann einen anderen Menschen eher belasten und ihn in seiner Verarbeitung stören. Jeder hat eigene Strategien und Methoden entwickelt, auf belastende Situationen zu reagieren. Viele versuchen es ohne Hilfe, andere ersuchen nach professioneller Hilfe. Ihr Verhalten erscheint manchmal fremd und unverständlich.

Diese unterschiedlichen Reaktionen und Grenzen müssen von der Umgebung akzeptiert werden. Akut traumatisierte Menschen brauchen viel Geduld und Verständnis für ihre Situation und ihr verändertes Verhalten. Sie sind sehr verletzbar. Ihr Sicherheitsgefühl ist abhanden gekommen. Verständnis brauchen sie nicht nur von der Familie, sondern auch von Arbeitskollegen, Vorgesetzten, Freunden und Bekannten. Aber auch von den Behörden und auch von den Journalisten. Nicht die Umgebung sollte den Umgang bestimmen, sondern der Betroffene selbst. Hilfe und Unterstützung sollten sich immer an den konkreten Bedürfnissen des Einzelnen orientieren. Das, was der Traumatisierte erlebt hat, war nicht selbstbestimmt. Deswegen ist es wichtig, dass alles, was danach passiert, vom Betroffenen bestimmt werden kann. Das Gegenüber ist verpflichtet, mit den unterschiedlichen Reaktionen einfühlsam und verständnisvoll umzugehen.

Aufdringliches Verhalten durch andere kann den natürlichen Verarbeitungsprozess nachhaltig stören und blockieren. Der traumatisierte Mensch kann dies nicht abwehren. Noch unter Schock ist die Person in der Folge verwirrt, oftmals gar nicht in der Lage zu entscheiden, ob sie tatsächlich ein Interview geben will oder nicht. Journalisten haben deshalb die Verantwortung, mit akut betroffenen Menschen sehr feinfühlig umzugehen, da sie sonst zu einer Verfestigung der Beschwerden beitragen können. Aufdringliches Verhalten kann zu Retraumatisierungen führen, die der Betroffene nicht mehr verarbeiten kann. Die traumatische Situation stellt eine Grenzverletzung dar, die durch unbedachte Reaktionen auf keinen Fall wiederholt werden sollte.

Die Wahrung der Grenzen im Umgang mit potenziell traumatisierten Menschen ist jedoch nicht einfach. Die unmittelbare Ohnmacht und Hilflosigkeit der traumatisierten Person überträgt sich schnell auf das Gegenüber. Dieser Gefahr ist jeder ausgesetzt, der einem Opfer im Akutfall begegnet. Dies kann Journalisten treffen, aber auch Ersthelfer, Rettungskräfte, Notfallseelsorger, Bekannte, Freunde und Kollegen. Wir wissen oftmals nicht, wie wir uns verhalten sollen, was wir tun dürfen und was nicht. Diese übertragenen Gefühle lösen genau die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit aus, die uns handlungsunfähig machen können.

Wird ein Journalist in einer solchen Situation handlungsunfähig, hat das für ihn vielfältige Konsequenzen. Es besteht nicht nur die Gefahr, dass er dann in seinem Job versagt, sondern zusätzlich – im Sinne einer sekundären Traumatisierung –, dass die Ohnmacht und Hilflosigkeit des Opfers zu seinem eigenen Problem wird. Er übernimmt die Bilder, er übernimmt die Gefühle und erkrankt im schlimmsten Fall langfristig auch an einer Traumafolgestörung mit allen bekannten Folgen. Um dieser Gefahr zu entgehen, geraten wir in der Akutsituation oft in einen Handlungssturm. Wir agieren, wir handeln. In heftigen Fällen ziellos und hektisch. Die Not, eventuell mit unserer eigenen Verletzbarkeit konfrontiert zu werden, veranlasst uns, das Geschehen in die Hand zu nehmen und zu bestimmen. Um die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit abzuwehren, wird die Handlungskontrolle an sich gerissen. Nicht mehr das Opfer hat die Kontrolle über das Geschehen, sondern sein Gegenüber. Mit durchaus fatalen Folgen für den Betroffenen. Opfer werden bedrängt oder gar genötigt, Informationen zu geben, die sie eigentlich nicht geben wollten. Im erregten Zustand werden Interviews gegeben, die der Betroffene nachträglich bereut und für die er sich vielleicht sogar schämt. In extremen Situationen merkt der Journalist erst zu spät, dass er Grenzen verletzt hat, dass er das Opfer weiter schädigt. Einzelne Journalisten berichteten beispielsweise nach dem Schoolshooting in Winnenden, dass sie selbst über ihr Agieren in der ersten Zeit erschrocken waren. Sie konnten sich ihre Grenzverletzungen nicht erklären.

Die Gratwanderung zwischen dem Informationsbedürfnis der Medien und dem Schutzbedürfnis traumatisierter Personen ist schwierig. Traumatisierte Menschen dürfen nicht bedrängt werden, da sie dadurch häufig wieder in die Ausweglosigkeit der traumatischen Situation hineingedrückt werden. Gerade das Bedrängen treibt den Betroffenen oftmals in eine sehr beklemmende Situation. Es entsteht ein Gefühl von Ausweglosigkeit, das für den Traumatisierten als unerträglich erlebt wird und aus dem er nur mit Not wieder entkommen kann. Fatal ist, dass akut traumatisierte Personen häufig psychisch nicht in der Lage sind, sich gegen das Bedrängen zur Wehr zu setzen.

Der Traumatisierte braucht seinen Schutzraum, damit er seinen Genesungsprozess beginnen oder fortsetzen kann. Wird dieser verletzt, gerät das Opfer wieder in Not. Der betroffene Mensch braucht Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten. Insofern ist ein einfaches „Nein“ ohne Nachhaken zu akzeptieren. Da der Betroffene selbst die Informationshoheit verloren hat, ist es wichtig, ihm jeden Schritt, jede Handlung zu erläutern, zu erklären. Er muss die Chance haben, aufgrund dieser Information eine Entscheidung treffen zu können (Wiederherstellung der Handlungskontrolle).

Direkte Fragen zum subjektiven Erleben sind eher zu vermeiden, da sich viele Betroffene nicht adäquat davor schützen können. Sie werden dann von ihren Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit überflutet und können die Folgen unter Umständen nicht mehr kontrollieren. Die traumatisierten Menschen haben das Gefühl, das Trauma wieder erleben zu müssen. Diese Retraumatisierungen können der betreffenden Person durchaus langfristig schaden.

Traumatisierte Opfer befinden sich in einen Ausnahmezustand, ihre eigenen Schutzmechanismen sind herabgesetzt oder gar vollständig aufgehoben. Wir treffen auf seelisch sehr verletzte Menschen, die teilweise nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu schützen. Sie sind ihrer Umgebung teils schutzlos ausgesetzt. Im übertragenen Sinne steht die Person „nackt“ vor uns. Es liegt in unserer Verantwortung, mit dieser Intimität verantwortungsbewusst umzugehen.

Der Journalist sollte seine Gefühle im Umgang mit traumatisierten Personen und traumatischen Ereignissen regelmäßig reflektieren. Er schützt dadurch sowohl den traumatisierten Interviewpartner als auch sich selbst.

Literatur:

Foto: Miss X/photocase.com


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