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Redaktion | 19. April 2013

Journalismus als Krisenbewältigung

Editorial

Von Tobias Eberwein

Tobias Eberwein Wer die Beiträge dieses „Journalistik Journals“ liest, der muss zwangsläufig zu der Einsicht gelangen, dass Journalismus ein grauenvoller Beruf ist: ein Beruf ohne langfristig gesicherte ökonomische Grundlage, der seinen Akteuren Äußerstes abverlangt und in letzter Konsequenz krank macht.

Dies legen zum einen all die Analysen und Kommentare im vorliegenden Heft nahe, die sich mit der anhaltenden Medienkrise und den von ihr ausgelösten Redaktionsschließungen der vergangenen Monate auseinandersetzen. Sie verleihen der Dramaturgie dieser JoJo-Ausgabe einen ungeplanten Rahmen: von der scharfen Kritik Ulrich Pätzolds zu den aktuellen Vorgängen rund um die „Westfälische Rundschau“ (WR), die das Heft eröffnet, bis hin zum abschließenden Porträt aus der Feder von Ulrich P. Schäfer, der – wie in jeder Nummer dieser Zeitschrift – in der Rubrik „EX-trablatt“ die Lebens- und Karrierewege der Absolventen des Dortmunder Instituts für Journalistik nachzeichnet. Natürlich geht die Krise auch an den Dortmunder Absolventen nicht spurlos vorbei. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für die unrühmliche Abwicklung der „Westfälischen Rundschau“. Nicht wenige der Anfang dieses Jahres geschassten WR-Redakteure – von den zahlreichen freien Mitarbeitern gar nicht zu sprechen – haben einst in Dortmund Journalistik studiert. Mit der Entlassung verlieren sie ihre Existenzgrundlage. Neben den berechtigten Klagen über die fortschreitende Erosion der regionalen Pressevielfalt sind auch die persönlichen Dramen, die die aktuelle Sparstrategie der Essener Funke-Gruppe auslöst, keinesfalls zu verschweigen.

Dass Journalismus und Grauen häufig Hand in Hand gehen, zeigen zum anderen auch die Diskussionsbeiträge zum eigentlichen Titelthema dieser Ausgabe: „Journalismus und Trauma“. In ganz unterschiedlichen Texten und Textformen erörtern unsere Autoren die besonderen Probleme und Potenziale der journalistischen Berichterstattung in Extremsituationen wie Kriegen, Krisen und Katastrophen. Besonders eindrücklich sind dabei die Erfahrungsberichte einzelner Akteure, die selbst in entsprechende Situationen geraten sind und als Journalisten gefragt waren, darüber zu berichten. So schildert etwa Karl N. Renner, heute Professor für Fernsehjournalismus an der Universität Mainz, wie er vor 25 Jahren als Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks völlig unvorbereitet einen aktuellen Bericht über einen Amoklauf in der süddeutschen Kleinstadt Dorfen abzuliefern hatte. Nicht ganz so weit zurückblicken muss Andreas Sträter: Er war 2010 als Reporter auf der Loveparade in Duisburg – und lässt heute noch einmal Revue passieren, wie er vom Party-Berichterstatter gänzlich unerwartet zum Beobachter einer dramatischen Massenpanik mit 21 Toten wurde. Kaum weniger bewegend sind Claus Eurichs Erinnerungen an einen lange zurückliegenden Einsatz als Unfallreporter für eine Regionalzeitung. Erst im Rückblick auf ihre Erlebnisse als Journalisten in belastenden Ausnahmesituationen gelingt es diesen Autoren, von ihren individuellen Erfahrungen zu abstrahieren – und konkrete Lehren daraus zu ziehen, die auch für andere Medienprofis hilfreich sein können.

Konkrete Tipps und Handlungsempfehlungen bieten auch weitere Texte des JoJo-Schwerpunkts: Thomas Weber und Monika Dreiner formulieren eine Reihe praxisnaher Einsichten zum Thema aus der Perspektive der Psychotraumatologie. Simon P. Balzert entwickelt einen Redaktionsleitfaden zum Umgang mit Gewaltfotos in der Tagespresse. Florian Zollmann erinnert an die besondere demokratische Funktion des Journalismus in Kriegszeiten. Und Annelen Geuking arbeitet einige Faktoren heraus, die auch im ganz normalen Redaktionsalltag zur psychischen Belas­tung journalistischer Akteure führen können.

Wie man Journalisten schon frühzeitig auf traumatische Erlebnisse vorbereiten kann, diskutieren schließlich Max Ruppert und Tobias Schweigmann. Sie haben gemeinsam mit Claus Eurich an der TU Dortmund ein Seminarkonzept entwickelt, das (angehenden) Journalisten dabei helfen soll, in unvorhergesehenen Schocksituationen zu bestehen. Ihr Ausbildungsansatz ist nicht nur das Thema eines Textbeitrags in diesem Heft. Letztlich geht der gesamte Themenschwerpunkt „Journalismus und Trauma“ auf die für besagtes Seminar gesammelten Ideen zurück. Dafür gilt allen Beteiligten mein herzlicher Dank!

In der Summe liefern die hier gebündelten Texte ein facettenreiches Instrumentarium, das dazu beitragen kann, dem Grauen im Journalismus etwas entgegenzusetzen. Ganz beiläufig veranschaulichen sie im Zuge dessen auch die besondere gesellschaftliche Relevanz einer funktionierenden Berichterstattung – und zeigen damit, dass Journalismus nicht nur Opfer der Krise ist, sondern gleichzeitig auch ein Mittel, um die Krise zu bewältigen.

 


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